Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/polar-vs-fitbit-duell-der-schlafexperten-1708-129570.html    Veröffentlicht: 22.08.2017 12:11    Kurz-URL: https://glm.io/129570

Polar vs. Fitbit

Duell der Schlafexperten

Unkonzentriert, abgeschlagen und müde? Wer sich so fühlt, bekommt möglicherweise zu wenig Schlaf. Zwei Fitnesstracker von Polar und Fitbit wollen besonders genau messen können, wie tief die REM-Phase war - oder wie lange sich der Nutzer herumgewälzt hat. Golem.de hat die Geräte ausprobiert.

"Na, gut geschlafen?" Diese Frage muss ich nicht länger nur mit einem müden Grunzen beantworten. Stattdessen kann ich schläfrig "nö, nur 2,1" erwidern oder sogar eine detaillierte Auswertung meiner Schlafphasen auf den Frühstücktisch legen. Dann bekäme ich aus dem Familienkreis zwar irgendwann entnervt die nächstbeste Kaffeetasse an den Kopf geworfen - aber immerhin wäre ich dann wach.

Die neuen Analysen machen zwei kürzlich erschienene Fitnesstracker möglich. Der A370 von Polar verfügt über ein neuartiges System namens Sleep Plus (das per Update auch auf der Sportuhr M430 zur Verfügung steht). Konkurrent Fitbit nennt seine Antwort Sleep Better - sie war zuerst auf der von uns nun ausprobierten Alta HR verfügbar. Inzwischen gibt es sie per Aktualisierung auch auf weiteren Trackern des Herstellers.

Beide Systeme sollen laut den Herstellern mehr können als ihre jeweiligen Vorgänger. Und natürlich mehr als das, was die Geräte anderer Firmen bieten. Darum habe ich die beiden Tracker jeweils parallel mit einer Sportuhr von Garmin getragen, die eine vergleichsweise einfache, aber mehr oder weniger solide Schlafauswertung mit ein paar bekannten Macken bietet.

Ganz generell: Natürlich bringt die Analyse meines Schlafs keinen direkten, unmittelbaren Nutzen. Wir Menschen können uns beim Schlummern schließlich nicht wie beim Sport anstrengen, um eine bessere Leistung abzuliefern. Trotzdem finde ich die Daten interessant. So kann ich den langfristigen Trend verfolgen und etwa im Voraus abschätzen, wie nötig ich das Ausschlafen am Wochenende haben werde - und den Wecker für Samstagvormittag dann entsprechend stellen.

Oder ich habe nachts - gerade jetzt in den schwülen Sommernächten kommt das vor - gefühlt kein Auge zugetan und sehe dann in der App, dass ich eigentlich doch ganz gut geschlafen habe. Klingt naiv, ist aber so: Mir geht es dann besser. Ich glaube von mir sagen zu können, dass ich aufgrund der Auswertungen generell etwas mehr Wert auf Schlaf lege und tendenziell früher zu Bett gehe, was nach aktuellem Stand der Wissenschaft ja gesund sein soll. Wer ernsthaft unter Schlafproblemen leidet, sollte sich übrigens an einen Arzt wenden - die beiden Tracker sind nicht für den medizinischen Gebrauch zertifiziert.

Sowohl das Wearable von Garmin als auch der A370 von Polar und der Fitbit Alta HR können Alltagsbewegungen und den Puls rund um die Uhr messen sowie Trainingseinheiten wie Laufen oder Radfahren aufzeichnen - dazu aber später mehr. In erster Linie geht es hier um den Schlaf. Um den zu erfassen, muss ich die Tracker nachts am Handgelenk tragen.

Ohne Cloud keine Auswertung

Die dabei erfassten Daten werden per Bluetooth LE auf ein Smartphone oder Tablet und von dort auf die cloudbasierten Plattformen der Hersteller übertragen. Dazu muss der Nutzer über ein Konto verfügen. Wer das - etwa aufgrund nachvollziehbarer Datenschutzbedenken - nicht möchte, kann die Geräte schlicht nicht benutzen.

Normalerweise ist es bei Trackern so, dass die Auswertung der nächtlichen Bewegungs- und Pulsdaten von den Servern der Hersteller übernommen wird. Das Ergebnis ist dann nicht auf dem Display des Trackers, sondern nur in der App zu sehen. Eine von sehr wenigen Ausnahmen ist das Gerät von Polar: Rund eine Stunde nach dem Aufwachen zeigt mir die Uhr eine stark vereinfachte Analyse an, nämlich eine Angabe der Schlafdauer. Dazu kommt eine Art Benotung auf einer Fünferskala: Wenn ich nachts kaum zur Ruhe komme, liegt dieser Wert bei 1 bis 3, während am Wochenende auch mal eine 4,9 oder sogar 5,0 drin ist.

Ein Problem bei der Offlineauswertung hat der Polar aber, wenn der Nutzer nach dem eigentlichen Auswerten noch länger im Bett bleibt, oder wenn er seinen Tracker etwa zum Duschen ablegt. Die Geräte können dann unter Umständen nicht erkennen, ob man noch einmal eingeschlummert ist, und rechnen diese Zeiten dem Schlaf zu.

Immerhin: Die neuen Analysen von Polar und Fitbit kommen mit derlei Sachen viel besser zurecht als das ältere System von Garmin. Bei allen drei Geräten lässt sich die Angabe über die Schlafzeit aber auch in der App nachträglich korrigieren. Bei Polar ist das besonders komfortabel mit einem Schieberegler gelöst - nur an der Uhr selbst gibt es dafür eben keine Option.

In den Wochen, in denen ich meine Nächte mit Sleep Plus von Polar ausgewertet habe, war die nachträgliche Korrektur nur zweimal nötig. Im Allgemeinen erfasst der A370 die Einschlaf- und Aufwachzeit auf die Minute genau, so mein subjektives Empfinden und mein Vergleich mit dem Garmin am anderen Handgelenk.

Am nächsten Tag sagt mir der A370 dann, wie lange ich gepennt habe und wie oft ich zwischendurch kurz oder länger aufgewacht bin. Dazu kommt eine Angabe der Schlafkontinuität in Prozent und vor allem die schon kurz vorgestellte Benotung des Schlafes.

Daten wie im Schlaflabor

Im Allgemeinen deckt sich dieser Wert mit meinem Gefühl - an Tagen mit einem Wert über 4,0 fühle ich mich meist tatsächlich frischer und leistungsfähiger. Ältere Systeme verfügen nicht über diese zusammengefasste Angabe zur Schlafqualität, sondern zeigen in erster Linie die Dauer und die Unterbrechungen an; speziell bei Garmin kommt noch eine Anzeige zu den allgemeinen nächtlichen Bewegungen hinzu.

Noch einen Schritt weiter geht der Alta HR mit seiner Auswertung. Der Tracker orientiert sich an den Schlafphasen, wie sie auch zu wissenschaftlich-medizinischen Zwecken bei einer Polysomnographie gemessen werden. Der Schlaf wird von den Servern von Fitbit in vier Phasen unterteilt: Wachphase, REM-Phase sowie Leichtschlaf- und Tiefschlafphase. Der Verlauf jeder dieser Phasen lässt sich in der App einzeln betrachten. Dazu gibt es kurze, aber gute Erläuterungen.

Auch hier habe ich den subjektiven Eindruck, dass die Daten erstaunlich genau sind. Eine Auswertung mit einem einzelnen Wert wie Polar liefert Fitbit nicht, stattdessen muss man sich etwas intensiver mit den Kurven beschäftigen.

Abgesehen von den Schlaffunktionen kann ich mit den Trackern die Zahl meiner Schritte erfassen, woraus beide die täglich verbrauchten Kalorien ableiten - große Unterschiede zwischen Polar und Fitbit haben sich dabei nicht offenbart. Beide messen außerdem rund um die Uhr den Puls am Handgelenk.

Puls rund um die Uhr

Fitbit macht das wirklich ständig, bei Polar erfolgt die Messung je nach Bewegungsintensität. Wenn ich ruhig auf dem Sofa sitze und fernsehe, misst der A370 die Herzfrequenz nur alle paar Minuten - das finde ich völlig ausreichend. Die Angaben zum täglichen Höchst- und Tiefstpuls bei Polar erscheinen mir etwas sinnvoller als der nicht immer nachvollziehbare Ruhepuls beim Alta HR.

Größere Unterschiede zwischen beiden Geräten gibt es beim Erfassen von Trainingseinheiten. Bei Polar kann ich eine Runde joggen, eine Radtour oder ein Krafttraining per Tastendruck manuell starten. Beim Alta HR von Fitbit geht das nicht. Stattdessen muss ich mich darauf verlassen, dass die Algorithmen des Geräts den Sport inklusive der Start- und Endzeit automatisch erkennen. Das funktioniert prima beim Laufen, aber so gut wie gar nicht beim Krafttraining. Es gibt bei Fitbit ein paar Workarounds per App, die sind aber unnötig kompliziert und fehlerbehaftet.

Keiner der beiden Tracker verfügt über ein eingebautes GPS-Modul, sie können für Ortsdaten aber die Satellitendaten eines per Bluetooth gekoppelten Smartphones verwenden - etwa, um den genauen Streckenverlauf einer Wanderung zu erfassen. Das klappt bei den Geräten beider Hersteller gut, aber die Umsetzung bei Polar finde ich wesentlich besser. Unter anderem, weil ich das Aufzeichnen des Trainings oder eben der Wanderung direkt am Tracker starten kann und nicht das Handy aus der Tasche kramen muss.

Verfügbarkeit und Fazit

Der Polar A370 kostet rund 200 Euro. Das Gerät verfügt über ein farbiges TFT-Touchdisplay, das normalerweise ausgeschaltet ist und zum Aktivieren gekippt oder mit einer seitlichen Taste angeschaltet werden muss. Der Tracker ist laut Hersteller bis 30 Meter wasserdicht und somit auch zum Schwimmen geeignet. Der Akku soll bis zu vier Tage bei durchgehender Puls- und Bewegungsmessung sowie einer Stunde Training pro Tag halten.

Der Fitbit Alta HR ist ab rund 150 Euro erhältlich. Das Gerät hat einen sehr kleinen, monochromen OLED-Bildschirm, der durch Kippen oder über den Bewegungssensor (sehr festes Tippen) aktiviert wird. Das Gerät ist laut Hersteller spritzwasserfest, sollte aber weder beim Duschen noch beim Schwimmen getragen werden. Der Akku soll bis zu sieben Tage bei durchgehender Puls- und Bewegungsmessung schaffen. Für beide Tracker sind unterschiedlich lange, bunte Bänder erhältlich.

Fazit

Es ist ziemlich einfach, die Auswertung des Schlafes über Fitnesstracker oder Sportuhren überflüssig zu finden. Konkret messbaren medizinischen Nutzen haben die Auswertungen in den allermeisten Fällen wohl nicht. Ich möchte trotzdem nicht mehr darauf verzichten, weil diese einfach zu bedienenden Geräte mein Lebensgefühl ganz subjektiv verbessert haben. Sowohl Polar mit dem A370 als auch Fitbit mit dem Alta HR erledigen ihre Aufgaben ohne Ausrutscher.

Die Schlaferkennung funktioniert bei beiden Geräten generell verblüffend gut, die Daten wirken stimmig. Ich kann damit nicht täglich, aber hin und wieder praktisch etwas anfangen - und sei es nur, den Wecker am Wochenende ganz auszuschalten.

Unterm Strich gefällt mir die Analyse von Fitbit etwas besser. Die Kurven mit den Schlummerphasen muss man sich zwar genau anschauen, aber im Laufe der Zeit habe ich ein Gefühl für die Auswertungen entwickelt.

Die tägliche Notenvergabe von Polar ist schneller und einfacher zu erfassen, aber setzt zumindest mich unter so etwas wie Leistungsdruck, doch noch einen besseren Wert zu erreichen - mag naiv sein, ist aber so. Fitbit fühlt sich da etwas gnädiger an und vermittelt mir ein besseres Lebensgefühl.

Von der Schlafanalyse abgesehen kann ich mit dem Tracker von Polar sehr viel mehr anfangen als mit dem von Fitbit. Das manuelle Starten von Trainingseinheiten und das sehr gute Onlineportal des Herstellers kommen meinen Ansprüchen näher. Bei dem eigentlich sogar einfacheren Alta HR ist derlei unnötig kompliziert - die Autoerkennung von Sport funktioniert gut, aber nicht gut genug.

Für die alltägliche Aufzeichnung von Schritten und dem Kalorienverbrauch reicht der Alta HR von Fitbit aus, aber für mehr eben nicht. Wer zumindest ab und zu ins Sportstudio geht oder mal eine Runde läuft, ist mit dem A370 von Polar sehr viel besser bedient.  (ps)


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