Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/windows-10-s-im-test-das-s-steht-fuer-schlechtes-marketing-1708-129318.html    Veröffentlicht: 07.08.2017 09:06    Kurz-URL: https://glm.io/129318

Windows 10 S im Test

Das S steht für schlechtes Marketing

Windows 10 S soll schneller und sicherer sein als ein vollwertiges Windows. Microsoft verdreht zur Vorstellung Tatsachen, wie wir im Test festgestellt haben. Das Betriebssystem mit Store-Beschränkung gehört nicht auf den Surface Laptop, sondern in die Schule.

Schneller, sicherer und einfacher soll Microsofts neues Betriebssystem Windows 10 S sein. Es wurde zusammen mit dem Surface Laptop auf der Microsoft Build 2017 vorgestellt und richtet sich an den Bildungsmarkt. Auf der Konferenz wurde das Betriebssystem als wesentlich schneller als Windows 10 Pro dargestellt.

Das sah bei der Präsentation schon vielversprechend aus. Doch in unserem Test sehen wir davon nicht viel. Wir hatten die Gelegenheit, das Schul-Windows in Verbindung mit dem Surface Laptop auszuprobieren. Es ist gar nicht so einfach, dieses Betriebssystem überhaupt mit einem normalen Windows 10 zu vergleichen. Fast alle unsere Benchmarkprogramme sind für Windows 10 S nicht verfügbar. Wir mussten also ein wenig improvisieren.

Statt eines synthetischen Akkutests nutzen wir eine herkömmliche Videowiedergabe. Außerdem haben wir den Bootvorgang des gleichen Systems jeweils mit Windows 10 S und Windows 10 Pro gestoppt. Mit Screenshots des Task Managers sind wir auf der Suche nach kleinen Unterschieden in der Performance beider Betriebssysteme. Dafür verwenden wir jeweils denselben Surface Laptop.

Das S steht für Store only

Der offenstichtliche Unterschied zwischen Windows 10 S und einem vollwertigen Windows 10 ist die Begrenzung auf Store Apps. Win32-Programme werden erst gar nicht ausgeführt. Das gilt auch für Setup-Dateien, die außerhalb des Stores heruntergeladen und installiert werden. Stattdessen schlägt das Betriebssystem einige Alternativen aus dem Store vor. Das funktioniert durch die noch immer nicht sehr vielfältige Auswahl an Programmen jedoch selten.



Wir werden uns schnell bewusst, wie sehr der Windows Store anderen App-Marktplätzen wie etwa Androids Google Play oder Apples App Store noch immer unterlegen ist. Viele der Store-Apps sind außerdem für die Fingereingabe konzipiert und daher mit Touchpad oder Maus teilweise schlecht nutzbar. Suchen wir nach einer vernünftigen Textverarbeitung, bleibt eigentlich nur der Griff zum Office-365-Abonnement, das von Microsoft für Windows 10 S in den Store portiert wurde.

Bei spezialisierten Anwendungen wird es schwierig, eine Alternative zu finden. Das beginnt bereits beim Browser. Microsoft Edge ist die einzig sinnvolle Wahl unter Windows 10 S. Einen anderen etablierten Browser wie Firefox oder Chrome gibt es im Store nicht. Es können stattdessen weniger bekannte Programme wie der UC Browser oder der Monument Browser installliert werden. Diese finanzieren sich über Werbebanner, die auf der Startseite angezeigt werden. Da bleiben wir doch lieber beim guten Edge-Browser von Microsoft.



Auf der Suche nach einem vernünftigen Bildbearbeitungsprogramm müssen wir schnell aufgeben - zumindest, wenn wir ein komplexes Programm wie Photoshop ersetzen wollen. Es gibt viele einfache Fotobearbeitungsprogramme: Adobe Photoshop Express und Irfanview haben es in den Store geschafft. Beide Programme sind aber eher für einfache Bildbearbeitung gedacht und daher für einige Nutzer im Arbeitsalltag nur bedingt tauglich.

Auch Programmierer sehen sich in Windows 10 S schnell unnötigen Einschränkungen gegenüber. Eine integrierte Entwicklungsumgebung (IDE) gibt es praktisch nicht. Wir können selbst Microsofts Visual Studio nicht im Store finden. Das Programmieren wäre in vielen Fällen ohnehin nicht möglich, denn notwendige Pakete - etwa das Java Development Kit von Oracle - können gar nicht installiert werden. Dabei wird diese Sprache gerade in Schulen oft verwendet - und dafür soll Windows 10 S doch konzipiert sein.

Das ist schon kontrovers, genau wie der angepriesene Sicherheitsaspekt des Betriebssystems.

Das S steht für bessere Sicherheit

Eines ist klar: Sicherer als ein vollwertiges Pendant ist Windows 10 S durch die Storebeschränkung auf jeden Fall. Es kann nützlich sein, dass diverse Programme von unerfahrenen Nutzern wie Kindern nicht installiert werden dürfen. Im Internet finden sich bekanntlich viele vireninfizierte Apps, die einen Computer schnell unbrauchbar machen können. Das System bietet an anderen Stellen aber trotzdem Raum für Fehler.

Das Problem ist, dass der Windows Store selbst eine Art Risiko darstellt. Viele der kostenlosen Apps im Store finanzieren sich durch teilweise extrem agressive Bannerwerbung. Das Programm Movie Maker & Video Editor etwa blendet alle paar Klicks einen ganzen Bildschirm mit Werbung ein. Wenn wir nicht vorsichtig sind, dann klicken wir aus Versehen auf eines der Banner, die zu dubiosen Seiten verlinken. Natürlich gibt es diese Probleme auch unter Android und iOS. Wir haben aber das Gefühl, dass die Werbung im Windows Store noch penetranter ist - besonders, da Microsoft das Argument der Sicherheit und des Schutzes vor Falschbedienung größtenteils über diesen begründet.

Sollte sich Windows 10 S in Schulen oder an Unis durchsetzen, könnte es eventuell bald wesentlich mehr und bessere Apps für den Windows Store geben. Microsofts App-Plattform könnte ein Motivationsschub für Softwareentwickler sein, mehr Programme dafür zu veröffentlichen. Momentan gibt es leider größtenteils nur Spiele und Videos im Store - inklusive nerviger Werbung oder absurder Mikrotransaktionen.

Das S steht für schnell - jedoch kaum Unterschiede

Auf der Build 2017 stellte Microsoft Windows 10 S als schneller dar als das herkömmliche Windows. Der Bootvorgang bis zum Login-Bildschirm war in einer Gegenüberstellung wesentlich flotter. Das können wir jedoch nicht bestätigen. Dazu haben wir den Surface Laptop mit einer frischen Windows-10-Pro-Installation zeitgestoppt. 15 Sekunden hat der Bootvorgang gedauert. Anschließend haben wir auf einer anderen Partition Windows 10 S gebootet. Das Ergebnis: 15 Sekunden. Wir hätten zumindest einen kleinen Unterschied beim Hochfahren erwartet.

Um den Akkuverbrauch der beiden Betriebssysteme zu vergleichen, haben wir auf dem Computer bei voller Helligkeit einen Film abgespielt. Nach 2 Stunden und 20 Minuten hat unser Surface Laptop unter Windows 10 S 25 Prozent Akkuladung verloren. Unter Windows 10 Pro waren es in der gleichen Zeit und bei gleichem Szenario 19 Prozent.

Danach haben wir uns angesehen, wie viel Arbeitsspeicher und CPU-Zeit beide Betriebssysteme im Leerlauf nach dem Booten in Anspruch nehmen. Auch hier sind beide Systeme fast gleichauf. Interessanterweise liefen unter Windows 10 S mehr Hintergrundprozesse als unter Windows 10 Pro. Dadurch belegt es etwa sieben Prozent mehr Arbeitsspeicher im Leerlauf. Dieser Unterschied macht sich aber nicht bemerkbar. Es gibt also zumindest in unserem improvisierten Test kaum Unterschiede zwischen beiden Betriebssystemen.

Wir würden daher Windows 10 S mit anderen Windows-Versionen leistungstechnisch gleichsetzen. Die Unterschiede sind zu marginal, um einen klaren Sieger festzulegen. Trotzdem können wir in Windows 10 S auf dem Markt für preiswerte Hardware, etwa für Schulen, einige Vorteile sehen.



Das S steht für Schule



Windows 10 S hat sogar einen riesigen Vorteil: die Hardware, für die es gedacht ist. Es wird in Zukunft Notebooks mit Windows 10 S geben, die weniger als 200 Euro kosten. HP beispielsweise will mit dem Stream Pro 11 G3 ein Gerät mit Intel-Celeron-Prozessor, eMMC-Flash-Speicher und TN-Panel für 190 Euro auf den Markt bringen. Durch den geringen OEM-Lizenzpreis des beschnittenen Windows sind solche Geräte für Schüler attraktiv.



Das liegt auch daran, dass - im Gegensatz zum damals desaströs gescheiterten Windows RT - Windows 10 S auch auf x86-Hardware läuft und damit zumindest leistungstechnisch nicht eingeschränkt ist. Entwickler können ihre Programme, die in den meisten Fällen auf ein vollwertiges Windows 10 ausgerichtet sind, wesentlich einfacher auf Windows 10 S migrieren. Microsoft bietet sogar Werkzeuge in Visual Studio an, um leicht Store-Apps für die Universal Windows Platform zu entwickeln.

Durch die Beschränkung auf den Store und das Microsoft Ökosystem aus Office 365 und Onedrive ist zumindest eine gewisse Grundsicherheit gegeben. Obwohl Store-Apps meistens durch viel Werbung nicht unbedingt Spaß machen, müssen sich diese an von Microsoft definierte Richtlinien halten. Dazu zählt, dass Mikrotransaktionen in Apps nur mit der Microsoft-API umgesetzt werden dürfen. Einer der ersten Punkte ist, dass Entwickler den Zweck ihrer Programme offen und klar darlegen. Erst wenn eine App die Richtlinien erfüllt, kann sie auf dem Windows Store angeboten werden. Das ist bei vielen Online- oder anderen Drittquellen nicht der Fall.



Sollte einer Institution das beschränkte Windows nicht ausreichen, dann kann es fast schon kinderleicht auf eine der vielen vollwertigen Windows-Systeme erweitert werden. Das ist beim Surface Laptop momentan noch kostenlos möglich. Bei anderen Geräten gehen wir aber von sofortigen Lizenzkosten aus. Allein die Option eines Upgrades ist aber eine gute Idee - beispielsweise, wenn ein Schüler auf eine Universität wechselt und dann eben mehr als Windows 10 S benötigt.

Fazit

Windows 10 S hat definitiv einen falschen Marktstart hingelegt, obwohl die Idee an sich sehr gut ist: Preiswerte Hardware anbieten zu können, die sich auch Schüler leisten können. Ein neues Surface-Gerät für Schulen zum Preis von 200 Euro wäre dafür perfekt gewesen. Stattdessen vermarktet Microsoft das Betriebssystem zusammen mit einem mehr als 1.000 Euro teuren Surface Laptop - und alle Leute fragen sich, warum.

Microsoft hat zur Produktvorstellung wohl auch ein wenig geschummelt. Windows 10 S ist ein Windows 10 in vielen Belangen: Es bedient sich komplett gleich, ist anders als bei der Vorführung auf der Build 2017 gleich schnell und verbraucht gleich viele Ressourcen.

Die Beschränkung auf den Store macht das Betriebssystem aber für die wenigsten Nutzer sinnvoll. Dafür bietet der Store noch immer viel zu wenig essenzielle Produktivapps. Besitzer eines Surface Laptops sollten daher unbedingt auf Windows 10 Professional umstellen, solange das kostenlos ist.

Für Schulen hingegen ist Windows 10 S perfekt. Die Beschränkung auf den Store ist auf jeden Fall sicherer als ein komplett offenes System. Die vielen Installationstools machen eine schnelle Installation in großen Mengen denkbar einfach. Office 365 und Onedrive sind für den Schulalltag sehr gut geeignet.

Und dann ist da noch der Preis von Computern mit dem beschnittenen Windows: Unter 200 Euro für einen Laptop mit mehr als einem ARM- oder Atom-Prozessor sind für Eltern ein attraktives Angebot - vor allem, wenn dadurch der Preis von Schulbüchern und Schreibutensilien wegfällt.  (on)


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