Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/guadec-ubuntus-wechsel-zu-gnome-wird-holprig-1707-129215.html    Veröffentlicht: 31.07.2017 14:54    Kurz-URL: https://glm.io/129215

Guadec

Ubuntus Wechsel zu Gnome wird holprig

Ab Oktober nutzt Ubuntu statt Unity den Gnome-Desktop. Das Gnome-Team freut sich zwar darüber, äußert aber auch Sorgen um die Nutzer. Darüber hinaus sind bei Ubuntu-Sponsor Canonical noch viele Fragen zu dem geplanten Übergang offen.

Im Frühjahr dieses Jahres stellte der Linux-Distributor Canonical offiziell sein Desktop-Konzept Unity ein, das bisher standardmäßig in Ubuntu genutzt wird. Stattdessen soll nach fast sieben Jahren Trennung wieder der Gnome-Desktop in Ubuntu eingesetzt werden. Auf der Gnome-Konferenz Guadec zeigt sich angesichts dieser Entwicklung allerdings eher verhaltene Begeisterung.

Zwar gibt es in den Vorträgen, in denen dieses Thema erwähnt oder besprochen wird, immer wieder Zwischenapplaus und Jubelrufe, da die Community sich über die neue Einigkeit freut. Bei den zahlreichen Wortmeldungen zum Thema überwiegen jedoch eher Befürchtungen darüber, was der Wechsel bringen wird. Auch gibt es noch viele Probleme, für die die Beteiligten bislang keine Lösungen haben.

Freude und Sorge nah beieinander

Exemplarisch für diese zwiespältige Haltung und Stimmung sind die Antworten von Gnome-Designer Allan Day in einer Fragerunde mit dem Vorstand der Gnome Foundation. Angesprochen auf den Wechsel und die dann vermutlich Millionen neuen Nutzer für Gnome sagt Day zunächst, dass dies eine "großartige Chance" sei. Er revidiert dies jedoch wenige Minuten später, indem er darauf hinweist, dass natürlich nicht alles "großartig" sei und noch einiges an Arbeit in den Wechsel investiert werden müsse.

Für Day ebenso wie für viele andere Entwickler auf der Guadec betreffen diese Überlegungen vor allem das Erlebnis der Nutzer, die im kommenden Oktober ihr Ubuntu-System aktualisieren und dann von dem bisher genutzten Unity auf die Gnome-Oberfläche migriert werden. Die Ubuntu-Version 18.04 mit Langzeitsupport, die für April 2018 geplant ist, wird ebenfalls viele weitere Nutzer auf den Gnome-Desktop bringen.

Ein in der Community offensichtliches Problem ist, dass derzeit keiner genau sagen kann, wie groß der Migrationsaufwand für die Nutzer selbst ist beziehungsweise wieviel die Anwender von der Migration mitbekommen. Der Grund dafür ist, dass auch Unity in großen Teilen auf Gnome-Grundlagentechniken wie GTK aufsetzt und einige Anwendungen benutzt, die aus dem Gnome-Projekt stammen.

Im besten Fall sind die Auswirkungen auf die Nutzer wegen der auch bisher schon engen Verbindung von Unity zu Gnome sehr gering. Doch damit scheint von den Beteiligten kaum einer zu rechnen. Stattdessen werden in verschiedenen Diskussionen wiederholt Fragen nach Migrationsideen für Funktionen gestellt, die es in Unity gibt, aber nicht Gnome. Auch ist bisher nicht klar, wie nah die Optik des Standard-Desktop von Ubuntu künftig an das alte Unity angelehnt ist.



Unity-Optik könnte teilweise überleben

Das Team von Canonical plant und untersucht derzeit einige Veränderungen am Desktop, die sich etwa über Erweiterungen für die Gnome-Shell umsetzen lassen könnten. Dazu gehören möglicherweise eigene Fensterdekorationen mit der bekannten Anordnung von drei Knöpfen am linken oberen Fensterrand. Der Gnome-Desktop nutzt dagegen standardmäßig nur den Schließen-Knopf am rechten oberen Fensterrand.

Sehr wahrscheinlich wird das orange-braune Farbthema auch künftig im Gnome-Desktop von Ubuntu eingesetzt. Offen ist, ob und inwiefern die sogenannte Dash-Leiste von Unity in Form und Funktion mit der Gnome-Shell nachgebildet wird.

Diese Unterschiede mögen einigen Betrachtern marginal erscheinen. Für viele Nutzer, die sich jahrelang an die Verwendung und Design-Prinzipien des Unity-Desktops gewöhnt haben, könnten diese Veränderungen aber große Probleme bedeuten. Und genau davor fürchten sich die Beteiligten wie Designer Day.

Allen Entwicklern ist jetzt schon klar, dass sie ohnehin nicht jeden Nutzer zufriedenstellen werden - egal wie sie sich entscheiden. Viele stellen sich deshalb innerlich derzeit schon auf lange Diskussionen und harsche Online-Rezensionen ein, die einige noch von der Einführung von Gnome 3 kennen.

Optimistische Techniker

Deutlich entspanntere Situationen zu dem Wechsel ergeben sich auf der Guadec-Konferenz allerdings, sobald die Beteiligten die technische Umsetzung ihrer Pläne diskutieren. Immerhin hat das Team von Ubuntu selbst schon seit Jahren viel dafür getan, dass eine unveränderte Variante des Gnome-Desktops auf der Linux-Distribution laufen kann.

So berichtet Tim Lunn, einer der Entwickler von Ubuntu Gnome, dass die Zusammenarbeit mit Canonical in den vergangenen Jahren sehr gut gewesen sei. Aufgrund der vielen Patches an Gnome-Techniken für Unity sei die Pflege des Gnome-Desktops für Lunn und seine wenigen Mitstreiter zwar nicht leicht gewesen, das Desktop-Team von Ubuntu habe aber geholfen, wann immer dies möglich gewesen sei.

Diese Arbeiten sorgen einerseits dafür, dass die Ubuntu-Community bereits viel Erfahrung mit der Umsetzung von Gnome gesammelt hat. Andererseits führt das Ende von Unity auch dazu, dass die zahlreichen zusätzlichen Patches und Veränderungen an Gnome-Techniken künftig nicht mehr in Ubuntu gepflegt werden müssen.

Außerdem ist dem Ubuntu-Team offenbar sehr viel daran gelegen, so viele eigene Lösungen wie möglich zu entfernen und durch ihre Pendants aus Gnome zu ersetzen. Ein Beispiel hierfür ist der Wechsel von Lightdm hin zu GDM, der in den Vorabversionen von dem kommenden Ubuntu 17.10 bereits umgesetzt ist. Ob das Ubuntu-Team künftig zur Darstellung statt X11 auf Wayland setzt, wie das etwa bereits in Fedora umgesetzt wurde, will das Team erst nach einer langen Testphase entscheiden. Langfristig sei der Wechsel auf Wayland aber auch in Ubuntu geplant.

Für Lunn und seine kleine Community aus Freiwilligen für Ubuntu-Gnome schafft die offizielle Unterstützung des Ubuntu-Desktop-Teams viele freie Ressourcen. Diese Zeit soll künftig in Upstream-Arbeit investiert werden. Lunn plant auch, ein Meta-Paket für Ubuntu zu erstellen, das Gnome ohne jede Veränderung bereitstellen soll.

Künftig werden also wahrscheinlich zwei Varianten von Gnome in Ubuntu angeboten. Nutzer des bisherigen Ubuntu Gnome sollen auf die von Lunn gepflegte unveränderte Version migrieren. Unity-Nutzer werden stattdessen auf den neuen Ubuntu-Desktop migriert, der Gnome mit einigen Anpassungen ausliefert.  (sg)


Verwandte Artikel:
Security: Linux-Desktops brauchen bessere Verteidigung   
(01.08.2017, https://glm.io/129244 )
Rust: "C ist eine feindselige Sprache"   
(30.07.2017, https://glm.io/129196 )
Dienste, Programme und Unternehmen: Was 2017 eingestellt und geschlossen wurde   
(22.12.2017, https://glm.io/131781 )
Gnome 3.16 angesehen: "Tod der Nachrichtenleiste"   
(25.03.2015, https://glm.io/113142 )
UBports: Ubuntu-Phone-Fork bekommt erstes Update   
(15.06.2017, https://glm.io/128397 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/