Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/automated-valet-parking-lass-das-parkhaus-das-auto-parken-1707-129167.html    Veröffentlicht: 28.07.2017 11:58    Kurz-URL: https://glm.io/129167

Automated Valet Parking

Lass das Parkhaus das Auto parken!

Enge Kurven, knappe Parkplätze und Dellen in der Tür: Parken im Parkhaus kann ein Ärgernis sein. Aber nicht mehr lange. Bosch und Mercedes haben ein System entwickelt, mit dem sich das Auto im Parkhaus selbst abstellt. Die beiden Unternehmen haben das Automated Valet Parking in Stuttgart vorgestellt. Wir sind mitgefahren.

Erst einmal passiert nichts. Gerade hat ein Bosch-Mitarbeiter auf seinem Tablet auf den blauen Button mit der Aufschrift Park gedrückt. Wir sitzen zu dritt in der schicken schwarzen E-Klasse von Mercedes: ein weiterer Mitarbeiter von Bosch auf dem Beifahrersitz und zwei Passagiere hinten. Der Fahrersitz ist leer. Trotzdem startet das Auto auf einmal, setzt sich in Bewegung, lenkt, fährt eine Rampe hinauf und setzt schließlich einen Stock höher rückwärts in eine Parklücke. Wie von Geisterhand gesteuert.

Geisterhaft ist hier jedoch nichts. Stattdessen spielen technische Systeme, mit denen Bosch das Parkhaus im Mercedesmuseum in Stuttgart ausgestattet hat, und solche im Auto zusammen: Die Infrastruktur steuert das Fahrzeug zu einem freien Parkplatz. Automated Valet Parking nennen der Zulieferer und der Automobilhersteller ihr Parksystem, das Autofahrern das lästige Kurven durch enge, volle Parkhäuser abnehmen soll - und das schon recht bald.

Das Parken wird mit dem Smartphone gestartet

Der Vorgang ist denkbar einfach: Der Fahrer stellt sein Fahrzeug in einer Drop-off-Zone vor dem Parkhaus ab und schließt es ab. Er öffnet auf seinem Smartphone die Park-App, startet den Parkvorgang und geht gemütlich zum Einkaufen, ins Kino oder ins Theater. Nach der Vorstellung geht er in die Pick-up-Zone des Parkhauses und ruft das Auto per App wieder herbei. Das fährt dann - möglicherweise sogar gewaschen und mit Einkäufen beladen - vor.

Bisher ist ein solcher Luxus eher den Reichen vorbehalten: In manchem Luxushotel übernimmt es ein Angestellter, das Fahrzeug des Gastes abzustellen. Das war wohl auch das Vorbild - Valet heißt Diener - für das System, das den Luxus, das Auto nicht mehr selbst abstellen zu müssen, in absehbarer Zeit vielen Autofahrern zugänglich machen soll.

Wer parkt schon gern

"Die Kundenvorteile liegen, denke ich, auf der Hand: Das Einparken ist für viele jetzt nicht die Lieblingsbeschäftigung. Das ist am Ende eher lästig, man weiß nicht, ob es von Erfolg gekrönt ist und kann oftmals auch Besseres mit seiner Zeit anfangen", sagt Michael Hafner, Leiter Entwicklung automatisiertes Fahren und aktive Sicherheit bei Mercedes Benz, im Gespräch mit Golem.de.

Weitere Vorteile: Nicht jeder Autofahrer beherrscht es, zwischen dicht stehenden Autos oder knapp an einem Betonpfeiler vorbei die Parklücke richtig zu treffen oder die Tür vorsichtig und nicht zu weit zu öffnen; davon zeugen Streifen an den Pfeilern und oft genug Dellen in der Tür. Zudem fühlen sich viele in Parkhäusern unwohl.

Umgesetzt wird das automatisierte Parken im Zusammenspiel von Auto und Infrastruktur, wobei letztere klar entscheidet.

Die Infrastruktur steuert das Auto

Für die Vorführung im Mercedes-Parkhaus hat Bosch den Fahrweg aus dem Erdgeschoss in den ersten Stock und wieder zurück mit WLAN-Access-Points und Lidar-Sensoren ausgestattet. Das System funktioniert ähnlich wie Radar: Ein Laserpuls wird ausgesendet und das System berechnet aus der Laufzeit zwischen dem Abschicken und dem Eintreffen des von einem Objekt reflektierten Lichts die Entfernung zu dem Objekt.

Mit diesen Sensoren überwacht der Steuerungsrechner das Parkhaus: So weiß er, wo ein freier Parkplatz ist. Soll ein Auto geparkt werden, nimmt der Rechner per WLAN Kontakt zum Auto auf und geleitet es zu dem freien Platz. Später sollen die Laser-Sensoren durch Stereokameras ausgetauscht werden, die robuster und günstiger sind als Lidar. Diese Technik wurde eingesetzt, um das System schneller testen zu können.

Die Technik ist seriennah

Vorteil der eingesetzten Technik: Sie ist gängig - da sei, sagte Hafner, "nichts Revolutionäres dabei". Das gilt für die Infrastruktur - Sensoren und WLAN-Ausstattung - ebenso wie für das Auto. Voraussetzung hier sind ein Automatikgetriebe, Schnittstellen zum Antriebsstrang für Lenkung und Bremse und ein System zur Schlüsselverwaltung, das es ermöglicht, dass das Auto fährt, obwohl der Fahrer abgeschlossen hat. Die sind alle schon eingebaut.

Neu ist das WLAN-Kommunikationsmodul, das aber ein Standardbauteil ist, wie ein Bosch-Mitarbeiter Golem.de sagte. Es hätten noch einige zusätzliche Komponenten installiert werden müssen, erzählt Carsten Hämmerling, Entwicklungsingenieur bei Mercedes. Der Aufwand habe sich allerdings in Grenzen gehalten.

Bemannte und unbemannte Autos teilen sich das Parkhaus

Dabei ging es in erster Linie um die Bremsen: "Es ist ja kein Fahrer mehr im Auto. Das heißt, wenn das Auto fahrerlos fährt, möchten wir das Auto auch bei diesen hohen Geschwindigkeiten zum Stehen bringen. Normalerweise macht der Fahrer das über das Bremspedal. Jetzt ist da kein Fahrer, also mussten wir eine Alternative schaffen", erklärt Hämmerling. Das sei vor allem deshalb wichtig, weil die Parkhäuser ja nicht gleich komplett auf automatisiertes Parken umgestellt, sondern von bemannten und unbemannten Autos genutzt werden. Für das Leitsystem ist der Mischbetrieb kein Problem: Schnappt sich ein Fahrer die vom Rechner vorgesehene Parklücke, dann sucht der einfach eine andere.

Wobei die hohe Geschwindigkeit relativ ist: Das Auto kriecht mit 6 km/h durch das Parkhaus. Um Kurven und die Rampe hinauf oder hinunter fährt es noch langsamer - fast wie ein Fahranfänger, was das System in gewisser Weise ja auch ist. Das soll aber nicht so bleiben: Die Straßenverkehrsordnung erlaubt im Parkhaus 10 km/h und diese Geschwindigkeit wird auch angestrebt.

Das Auto bremst vor Hindernissen

Das Bremsen funktioniert auch hervorragend: Das Auto beherrscht zwei Formen der Notbremsung: eine weiche und eine harte. Erstere kommt zum Einsatz, wenn sich ein Objekt im Fahrweg befindet. Das kann ein Mensch sein, ein Tier, ein anderes Auto, ein Gegenstand. Das System bringt das Auto sanft zum Stehen und lässt es erst weiterfahren, wenn das Hindernis weg ist.

Wesentlich unbequemer ist die harte Notbremsung.

Infrastrukturbasiertes Konzept statt Autonomes Fahren

Die wird nötig, wenn urplötzlich ein Hindernis auftaucht: Eine Bosch-Mitarbeiterin springt plötzlich hinter einem Pfeiler hervor, genau in den Fahrweg, und das nicht weit vor dem Auto. Abrupt bleibt das Auto stehen. Auch bei 6 km/h Höchstgeschwindigkeit ist das ein ganz schöner Ruck, sogar wenn man darauf vorbereitet ist.

Auch hier hat das Fahrzeug nicht selbst gehandelt. Das Stoppsignal kam vom Leitrechner, also letztlich von den Sensoren, die das Parkhaus beobachten. Grund ist, dass die im Auto verbauten Sensoren - Kamera, Ultraschall, Radar -, derzeit noch nicht sicher genug sind, um das Fahrzeug schnell genug zum Stehen zu bringen.

Das System reagiert schnell

Bis die Sensorik funktional sicher ist, wird es noch eine Weile dauern. Außerdem dürfte eine solche Ausstattung zumindest am Anfang noch recht teuer sein. Wird die Sicherheit hingegen von der Infrastruktur gewährleistet, wird das automatisierte Parken für mehr Fahrzeuge verfügbar. Die Reaktionszeit des Systems ist kurz genug, um innerhalb des rechtlichen Rahmens zu bleiben. Wie lang - oder besser: wie kurz - die Latenzzeit des Systems ist, darüber macht Bosch keien Angaben.

Das infrastrukturbasierte Konzept ermögliche es, das automatische Parken schneller zu realisieren, als wenn das Auto autonom durch das Parkhaus fahren und sich selbstständig einen Parkplatz suchen würde, sagt Boschmitarbeiter Gerhard Steiger, Leiter des Geschäftsbereichs Chassis Systems Control, bei der Vorstellung des Systems. So könnten auch Fahrzeuge die Parkfunktionen nutzen, die mit vergleichsweise wenig Sensorik ausgestattet und nicht für hochautomatisiertes Fahren bereit seien.

Parkhäuser können umgerüstet werden

Ein weiterer Vorteil sei, dass sich bestehende Parkhäuser für das automatisierte Parken nachrüsten ließen und auch im Mischbetrieb weiter genutzt werden könnten. Die Kosten ließen sich derzeit noch schwer abschätzen, sagt Steiger. Zunächst würden sie wohl im sechsstelligen Bereich liegen. Wenn die Systeme aber erst einmal Serienprodukte seien, würden sie günstiger.

Trotz der Kosten sei das Interesse der Parkhausbetreiber groß, sagt Steiger. Ein wichtiges Motiv sei eine bessere Auslastung der Parkhäuser: Wenn die Autos ohne Fahrer einparken, brauchen sei keinen Platz, um die Tür zu öffnen. So sollten sich auf dem vorhandenen Platz bis zu 20 Prozent mehr Autos abstellen lassen.

In Aarhus parken Roboter die Autos

Die Alternative dazu sind Roboterparkhäuser wie die Tiefgarage unter der Stadtbücherei von Aarhus in Dänemark. Dort spielt das Auto überhaupt keine aktive Rolle mehr. Der Fahrer stellt es in einem Garagen-großen Fahrstuhl ab, der es zum Parkdeck befördert. Dort übernehmen zwei robotische Systeme das Auto: Der Shifter hebt es an und bringt es auf ein Transportsystem, das es zu einem freien Parkplatz befördert. Der Shifter stellt es dann in die Parklücke.

Ein solches Parkhaus müsse jedoch komplett neu gebaut werden, sagt Hafner. Bei der infrastrukturbasierten Lösung, die sie gewählt hätten, sei der Schritt kleiner - und damit auch die Investitionen für einen Parkhausbetreiber. Die könnten zudem Zusatzdienste anbieten, etwa den Wagen zu waschen, während es im Parkhaus stehe, oder Einkäufe könnten von der Kasse automatisiert ins Auto geliefert werden.

Ist der Fahrweg auf dem Parkdeck wieder frei, geht es weiter. Das Auto fährt an, passiert die vom System ausgewählte Lücke - bei der Präsentation ist es immer die gleiche - und rangiert dann elegant rückwärts hinein. Das Schönste ist, dass das, was Bosch und Mercedes hier zeigen, keine Zukunftstechnik ist, die erst in x Jahren auf den Markt kommen wird.

Der Testbetrieb soll Anfang 2018 beginnen

Mercedes arbeitet bereits seit längerem daran, Autofahrern das Einparken zu erleichtern. Systeme wie Parktronic, der Aktive Park-Assistent oder der Remote-Park-Assistent leiten den Fahrer in die Parklücke oder parken gleich selbst ein.

Der Unterschied sei aber, dass bei diesen Systemen das Fahrzeug die Lücke selbst messe und dann erst einparken könne, sagt Hafner. Beim Automated Valet Parking hingegen sehe die Infrastruktur eine leere Parklücke, bevor das Fahrzeug überhaupt dort sei. "Das war für uns der nächste konsequente und logische Schritt, um dem Kunden diesen engen Parkhauseinpark- und Rangiervorgang abzunehmen".

Die Behörden müssen den Test noch genehmigen

Und der erfolgt schon bald: Vorausgesetzt, dass die zuständigen Behörden die Genehmigung erteilen, startet Anfang kommenden Jahres der Probebetrieb im Parkhaus des Mercedesmuseums, wie Hafner sagt, mit "einer Handvoll Fahrzeugen". Geplant ist, dass Museumsbesucher die Möglichkeit zur Mitfahrt bekommen sollen.

Ein bis zwei Jahre soll das Automated Valet Parking im Alltagsbetrieb getestet werden. Danach wollen Mercedes und Bosch das System bewerten und über eine Markteinführung entscheiden. Wann die ersten Parkhäuser damit ausgestattet werden, darüber wollten Hafner und Steiger keine Angaben machen.

Interesse sei da, sagten sie, seitens Bosch und Mercedes sowieso. Aber auch von den Parkhausbetreibern sowie den anderen Automobilherstellern, mit denen Bosch Gespräche führt. Und von den Autofahrern erst recht.

Offenlegung: Golem.de hat auf Einladung von Bosch und Mercedes an der Präsentation in Stuttgart teilgenommen. Die Reisekosten wurden von Bosch übernommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben Dritter; diese Offenlegung dient der Transparenz.  (wp)


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