Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/sysadmin-day-2017-zum-admin-sein-fehlen-mir-die-superkraefte-1707-129126.html    Veröffentlicht: 28.07.2017 09:04    Kurz-URL: https://glm.io/129126

Sysadmin

Zum Admin-Sein fehlen mir die Superkräfte

"Na endlich!" heißt es, wenn etwas klappt und wenn nicht, dann geht es dem Systemadministrator an den Kragen. Ich habe den Job total unterschätzt - und musste aufgeben, wo andere zu IT-Superhelden werden.

Olli, welches Notebook ist für mich das Beste? Olli, mein Windows bootet nicht mehr! Olli, Internet geht nicht! Schon meine ersten Erfahrungen als Admin im Familienkreis hätten mir eine Warnung sein sollen. Admins müssen immer und überall verfügbar sein und am besten alles wissen. Doch ich war unbedarft, naiv und voller Freude auf einen richtigen Job. Und so bewarb ich mich für eine Ausbildung als IT-Systemelektroniker bei einem großen Berliner Transportunternehmen. Wie schlimm konnte es schon werden?

Schließlich ist die Arbeit als Systemadministrator vielfältig, herausfordernd und gut bezahlt. Ein Admin ist der Retter in der Not, wenn wieder das Netzwerk streikt - und bekommt dafür den Dank, den er verdient. Er hat immer mit Menschen zu tun, die technische Probleme haben oder einfach nur informiert werden wollen. Außerdem wird der Job nie langweilig, denn der Admin lernt in der sich ständig wandelnden IT-Branche schnell neue Technologien kennen. Dachte ich.

Große Chancen rechnete ich mir zunächst nicht aus - schließlich war ich doch nur ein Gamer, der ein paar Rechner zusammengeschraubt hatte. Doch ich wurde eingeladen, erst zu einem Bewerbungstest, dann zum Bewerbungsgespräch. In einem kleinen Konferenzraum, der mit grauem Filzteppich ausgelegt war, saßen mir acht Personen an einem U-förmigen Tisch gegenüber. Das machte Angst - ich allein vor so vielen Leuten, unter Leistungsdruck. Die Aufgabe war dann total banal, ein WLAN eines Notebooks einzurichten. IP-Adresse eintragen, Subnetzmaske, Gateway, Bewerbung bestanden. Aber naja, ich stand ja auch noch ganz am Anfang.

Ein IT-Superheld als Ausbilder ...

Zusammen mit meinen drei Mitazubis war ich für die komplette IT-Infrastruktur des Ausbildungszentrums verantwortlich. Erst dachte ich mir: "Was für eine Mammutaufgabe!". Doch wir hatten ja Hilfe von unserem Ausbilder - fast schon ein Admin-Superheld. Er war ein richtiger Nerd, selbst für mich, der von seinem Umfeld schon als Computerfreak bezeichnet wurde. Für jedes technische Problem schien er eine Lösung zu kennen. Er war groß, etwa 1,90 Meter, doch durch seinen gekrümmten Rücken sah er kleiner aus. Die Fehlstellung war ein Tribut seiner Leidenschaft und seines Lebens als Administrator, der zu fast jeder Zeit vor einem Bildschirm sitzt. Er war sehr nach innen gekehrt, redete selten über etwas anderes als die Arbeit oder The Elder Scrolls 5: Skyrim und dessen Mods. Dafür hatte er sich extra ein Gaming-System gebaut, das so laut war, dass er es in einem anderen Raum seiner Wohnung aufgestellt hatte.

Trotz der Schweigsamkeit hatte er etwas Warmherziges und Freundliches an sich - vielleicht war er zu freundlich. Von seinen Kollegen wurde er viel herumgeschubst, er musste oft Aufgaben in seiner Abteilung übernehmen, weil seine Mitausbilder darauf keine Lust hatten. Er sei komisch und unzugänglich, hieß es aus anderen Abteilungen. Auch die Azubis lachten hinter seinem Rücken - über seinen Gang oder sein ungebügeltes blaues Hemd, das in die Jeans gesteckt war. Den dicken Schlüsselbund konnte jeder schon auf 30 Meter klimpern hören. Dann wurde es immer still im Raum. Trotzdem blieb er meist gelassen, als hätte er von den Schikanen nichts mitbekommen.

... und ein Giftzwerg als Teamchef

Ganz anders war mein eigentlicher Teamchef - ein etwa 1,65 Meter großer Herr mit lauter Stimme und Halbglatze. Eine Situation geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Ich trage schwere Desktopcomputer und Röhrenmonitore im Laufschritt die Treppe hinunter. Mein Chef steht mit einem anderen Ausbilder am Geländer und unterhält sich über Familienprobleme. Als ich hechelnd an ihm vorbeieile, meckert er nur: "Mach mal ein bisschen schneller, du sollst arbeiten!"

Ab diesem Punkt hegte ich einen inneren Hass gegen ihn. Viele Admins haben leider dieses Problem: Ihnen wird vorgeworfen, nicht zu arbeiten und nur vorm Rechner zu sitzen. Dabei bleibt unbeachtet, dass der Admin vor Ort Systeme aufbauen und trotzdem immer erreichbar sein muss, wenn ein anderes System ausfällt. Oft gibt es sogar eine 24-Stunden-Rufbereitschaft, die für schlaflose Nächte sorgt. Trotzdem ist meist das Einzige, was ein Admin bekommt, ein müdes Händeschütteln vom Kunden.

Deutlich wurde das für mich, als ich im First Level Support arbeitete. In der IT-Hotline gingen täglich Hunderte Anrufe von mehr als Zehntausend Mitarbeitern ein, und ich saß am Headset. Oft waren Anrufer total genervt von ihren Problemen und dementsprechend geladen. Als Empfänger musste ich die Ruhe bewahren - und erst einmal verstehen, was überhaupt das Problem war, denn die Beschreibung fiel meist sehr kryptisch aus. Hatte ich ein Problem gelöst, kam der Dank: "Wurde aber auch Zeit!" Oder: "Endlich geht der Mist wieder!"

Auf der Suche nach dem Admin, der alles kann

Während meiner dreijährigen Ausbildung lernte ich also das Ohmsche Gesetz, das OSI-Schichtenmodell und undankbare Kollegen kennen. Wenn mich das nicht auf den Alltag als Vollzeit-Systemadministrator vorbereitet, was dann? Die Antwort: Leidenschaft für diesen Beruf. Viele Systemadministratoren können nicht nur acht Stunden arbeiten und dann in den Feierabend gehen. Sie müssen sich selbst in Themen einarbeiten. Ein Admin ist oft Experte für alle unternehmensrelevanten Themen in der IT und baut nicht nur schnöde Rechner zusammen.

Und das ist sinnstiftend und macht Freude: Wenn ich einen Fehler nach langem Suchen beheben und damit einem Mitarbeiter helfen konnte, erachtete ich meinen Beruf als wichtig und notwendig. Aber auch komplexe Aufgaben, etwa ganze Räume mit neuer Hardware und Netzwerk zu versorgen, waren ein Highlight. In meinem Abschlussprojekt musste ich beispielsweise eine Client-Server-Umgebung mit zwölf Rechnern, einem Server und strukturierter Netzwerkverkabelung von Grund auf einrichten. Das bedeutete: Teile kaufen, zusammenbauen, installieren, konfigurieren. Dieser Wechsel zwischen handwerklicher Arbeit und Planung ist etwas, was diesen Beruf abwechslungsreich und spannend macht.

Diverse Stellenausschreibungen, die ich nach meiner Ausbildung durchsuchte, forderten gerade diese fast schon fanatische Hingabe für IT. Ich hatte frisch angefangen, den Studiengang "Angewandte Informatik" zu belegen, und brauchte einen Nebenjob. Doch weiterhin als Systemadministrator zu arbeiten, war leichter gesagt als getan. Selbst Werkstudenten brauchen Kenntnisse in möglichst allen Belangen.

"Du hast sehr gute Kenntnisse in Linux, DNS, DHCP, Samba und Python und kannst am besten schon Projekte vorweisen. Du kennst dich auch in Windows Server, Active Directory, Hyper-V und SCCM aus. Du bist erfahren im Troubleshooting auf MacOS-Geräten. Du kennst dich in Datenbanksystemen wie MS Access, MySQL und Mongodb aus. Du kannst Erfahrung im Scripting mit Visual Basic und Bash vorweisen. Dann ist das der Job für dich. Wir bieten auch kostenlosen Kaffee."

Die Berufsschulen schlafen

Von Englischkenntnissen auf Muttersprachlerniveau in Wort und Schrift mal ganz abgesehen, stellen Arbeitgeber oft absurde Anforderungen an ihre Administratoren. Als Einsteiger habe ich es da nicht leicht. In meiner Ausbildung wurden all diese Dinge gar nicht oder nur teilweise behandelt. Gut, dass ich Breaking Bad, Game of Thrones und Mass Effect seit jeher im Originalton genieße und daher im Englischen halbwegs firm bin!

Doch sollte eine Ausbildung das Wichtigste für den Beruf vermitteln. Anscheinend haben Berufsschulen das noch nicht begriffen. Meine Schule hatte von dem Begriff "Cloud" offenbar noch nie etwas gehört. Stattdessen gab es ein wenig strukturierte Verkabelung gemischt mit viel OSI-Schichtenmodell und der elektronischen Funktionsweise eines Transistors. Immerhin: Mittlerweile wird diese mysteriöse Cloud in den Lehrplan für Azubis aufgenommen. Gehört habe ich das im Jahr 2016.

Wenns nicht klappt: Hängt den Admin!

Da war ich also, Student und ausgelernter IT-Systemelektroniker mit dem Wissen von vor zehn Jahren und bewarb mich auf Stellen, die absolut über meinem Niveau waren. Das Gefühl, ungenügend auf diesen Job vorbereitet zu sein, war immer präsent. Letztlich fand ich trotzdem einen Job als IT-Administrator bei einem großen Versandhändler für Hardware. Meine Aufgabe: die Betreuung von knapp 100 Angestellten und deren Hardware, Aufsetzen neuer Rechner, von Headless-Servern unter Linux und WLAN-Access-Points. 

Jeden Tag lief ich durch das Lagerhaus und richtete neue Access Points, Drucker oder Computer ein. Gleichzeitig musste ich mich aber um mehrere technische Probleme kümmern. Hier einen Drucker reparieren, da ein Netzwerkproblem lösen. Nach acht Stunden Hin- und Herrennens war mein Tag dann vorbei. Für Studium oder Fortbildung aus eigenem Antrieb blieb keine Zeit. Ich kann mich nicht während der Arbeit ohne Unterbrechung mit dem CMS der Firma und dem Aufsetzen von Virtualbox beschäftigen. Dafür gibt es einfach zu viel zu tun.

Unter Druck

Zu allem Überfluss lastete auf mir ein enorm hohes finanzielles Risiko. Funktioniert der Onlineshop nicht, weil ein Switch abgeraucht ist, dann ist erst einmal der Admin Schuld. Sind die bestellten 20 Computer defekt, dann geht es dem Admin an den Kragen. Ein Raid-System ist kaputt? Hängt den Admin! Auf diesen Druck wurde ich in meiner Ausbildung zu keiner Zeit vorbereitet. Mein Respekt gilt allen Leuten, die das können.

Das wäre alles ein kleineres Problem, wenn Unternehmen mehr als einen IT-Administrator einstellen würden. Das ist oft aber nicht der Fall. Stattdessen gibt es immer modernere iMacs und Ultrabooks - und damit noch mehr Arbeit für die Ein-Admin-Abteilung. Diesen Stress am Arbeitsplatz bestätigt auch die Gewerkschaft Verdi. Da bleibt kein Geld für die wirklich wichtigen Dinge - etwa einen weiteren Mitarbeiter zu bezahlen, der den Systemadministrator entlastet. Was tun viele Administratoren also? Sie nutzen ihre Freizeit, um sich mit wichtigen Themen für die Arbeit auseinanderzusetzen. Dumm nur, dass ich in meiner Freizeit in die Uni gehen musste.

Danke, Sysadmins!

War dann einmal wirklich Zeit zum Abschalten, dann kam die Verwandtschaft mit ihren kleinen Problemen. Smartphones einrichten, Laptops wieder flottmachen und Internetanschlüsse installieren gehören zu den Freizeitbeschäftigungen eines Admins. Und neben den vielen Stunden Arbeit, dem Druck, der Uni, den Ansprüchen von allen Seiten hielt sich hartnäckig das Gefühl, das ich schon am ersten Tag meiner Ausbildung gehabt hatte: einfach nicht genug zu wissen.

Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich habe die Karriere als Systemadministrator aufgegeben. Ständig unter Druck zu stehen, für alles verantwortlich gemacht zu werden, was nicht funktioniert, immer verfügbar zu sein und alles in Ordnung bringen zu müssen, und dafür auch noch ständig dem Ärger der Kollegen ausgesetzt zu sein, ist wirklich nicht einfach. Ich kann das auf Dauer nicht und da bin ich bestimmt nicht allein. Deswegen ziehe ich vor all denen den Hut, die das schaffen.

Danke, dass ihr unsere Infrastruktur, unsere Grundlage für Unterhaltung und unsere Wirtschaft am Laufen haltet! Ohne euch Systemadministratoren würde nichts so laufen, wie es in unserem Land eine Selbstverständlichkeit ist. Wir sind abhängig von Informationssystemen - und ihr stellt sicher, dass diese auch funktionieren. Danke, dass ihr euch auch um die kleinen Probleme in Familien und Freundeskreisen kümmert! Admin zu sein ist kein Beruf, es ist eine Berufung und eine Lebensweise - und dieser gebührt Respekt!  (on)


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