Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elektromobilitaet-staatliche-finanzhilfen-elektrisieren-norwegen-1707-129054.html    Veröffentlicht: 21.07.2017 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/129054

Elektromobilität

Staatliche Finanzhilfen elektrisieren Norwegen

Norwegen gilt als das Land mit dem höchsten Anteil an Elektroautos: Während bei uns ein Elektroauto ein Hingucker ist, sind sie dort häufig zu sehen. Grund dafür sind eine fehlende Autoindustrie und eine massive staatliche Förderung. Doch auch bei uns werden sich die Elektroautos durchsetzen, sagt ein Experte.

Hier fährt ein BMW i3, dort parkt ein E-Golf und um die Ecke biegt gerade ein Tesla Model S. Auf Plakaten und digitalen Schildern wird für den Nissan Leaf geworben. Beim Edelautohändler im schicken Stadtteil Aker Brygge stehen ein Porsche Panamera und ein Mitsubishi Outlander, beide mit Hybridantrieb. Wer sich in der norwegischen Hauptstadt Oslo nach Elektroautos umschauen will, sollte seinen Kopf ständig in Bewegung halten. Anders als bei uns sind sie in dem skandinavischen Land fester Bestandteil des Straßenbildes.

Insgesamt sind derzeit rund 120.000 Elektroautos und 50.000 Plugin-Hybride auf Norwegens Straßens unterwegs. Grund für die große Zahl an Elektroautos sei in erster Linie eine starke staatliche Förderung, sagt Erik Lorentzen von der Norsk Elbilforening im Gespräch mit Golem.de. Die Norsk Elbilforening ist die Vereinigung der norwegischen Elektroautobesitzer und mit 45.000 Mitgliedern laut Lorentzen die größte Organisation dieser Art.

Autos sind in Norwegen teuer

Ein Auto in Norwegen zu kaufen ist eine teure Angelegenheit: Beim Kauf verlangt der Staat eine Steuer, die von den Emissionen und dem Gewicht des Autos abhängig ist. Im Schnitt liege die bei umgerechnet etwa 10.000 Euro, sagt Lorentzen. Hinzu kommen 25 Prozent Mehrwertsteuer. Wer hingegen ein Elektroauto kauft, dem erlässt der Staat beide Steuern. "Wir besteuern herkömmlichen Autos sehr stark, und erheben keine Steuer auf saubere Autos, so, dass diese vom Preis her wettbewerbsfähig sind", sagt Lorentzen. So sei etwa der E-Golf mit das günstigste Golf-Modell in Norwegen.

Das ist aber noch nicht alles: Auch im Unterhalt ist das Elektroauto günstiger. So ist die jährliche Kraftfahrzeugsteuer sehr viel geringer als für Autos mit Verbrennungsantrieb. Für letztere zahlt der Norweger im Jahr etwa 300 bis 350 Euro, für das Elektroauto hingegen nur 45 Euro. Die staatlichen Fähren transportieren die Elektroautos kostenlos, die Maut, die auf vielen Straßen erhoben wird, entfällt. Der Staat fördert zudem den Ausbau der Ladeinfrastruktur: Ziel ist es, dass - außer im dünn besiedelten Norden - bis Ende des Jahre entlang der Hauptstraßen alle 50 Kilometer eine Schnellladestation steht.

Oslo bietet kostenloses Laden

Wie anderswo auch, ist in norwegischen Großstädten die Luft mit Schadstoffen belastet, vor allem im Winter. Einzelne Städte gewähren deshalb weitere Vorteile, etwa indem sie Elektroautos kostenlos parken lassen oder die Busspuren für die Autos freigeben. Oslo hat sogar Ladesäulen aufgestellt, an denen die Autos kostenlos geladen werden können.

Das macht sich bemerkbar.

Die staatliche Hilfe macht's

Von den 2,6 Millionen in Norwegen angemeldeten Pkw sind etwa 6,5 Prozent Elektroautos und Plugin-Hybride. Und ihr Anteil steigt deutlich: Rund 19 Prozent der in diesem Jahr verkauften Autos sind Elektroautos und 16 Prozent Plugin-Hybride. Insgesamt habe also mehr als ein Drittel der Neuwagen einen Stecker, sagt Lorentzen, "das ist viel mehr als in jedem anderen Markt."

Die finanziellen Vorteile sind ganz klar der Grund für die Beliebtheit der Elektroautos: "Wenn wir die Elektroautobesitzer fragen, was der wichtigste Kaufgrund war, sagt die große Mehrheit, es seien die ökonomischen Anreize. Sie können sich ein Autos leisten und es ist viel günstiger im Unterhalt", erzählt Lorentzen. "Wir brauchen diesen starken Anreiz immer noch, weil die Leute bei der Technik und den Elektroautos immer noch unsicher sind. Aber wir sehen auch, dass sie, wenn sie sich ein Elektroauto gekauft haben, nicht mehr zurückwechseln wollen. Nur vier Prozent der Elektroautobesitzer würde wieder zurück zum Benzin- oder Dieselauto wechseln."

Zwei Unternehmen bauten Elektroautos

Dabei hatte die Förderung der Elektroautos anfangs nur bedingt mit Umweltschutz zu tun. Die Kaufsteuer für Elektroautos schaffte die Regierung schon in den 1990er-Jahren ab. Damit wollte sie unter anderem die eigene Elektroautoindustrie fördern. Groß war diese nicht: die Unternehmen Think Global und Buddy Electric, die beide im Laufe ihrer Existenz mehrfach den Namen wechselten. Beide bauten Kleinstwagen: den Think und den Buddy. Think Global ist inzwischen vom Markt verschwunden.

Inzwischen seien aber Klima- und Umweltschutz die Gründe, aus denen die Regierung die Elektromobilität fördere, sagt Lorentzen. Dabei ist Elektroautofahren in Norwegen tatsächlich sauber: 98 Prozent der Elektrizität wird mit Wasserkraft erzeugt. Es gibt kein Atomkraftwerk und nur ein Kohlekraftwerk, das aber steht auf Spitzbergen. Zudem ist Strom in Norwegen deutlich günstiger als hierzulande, fossile Treibstoffe hingegen sind im europaweiten Vergleich dort am teuersten.

Allerdings ließen sich Norwegen und Deutschland nicht vergleichen, sagt Jörg Welke von der Berliner Agentur für Elektromobilität eMO, im Gespräch mit Golem.de.

Deutschland steigt nur langsam um

In Norwegen werden keine Autos gebaut, alle Fahrzeuge werden importiert. In Deutschland hingegen gibt es eine starke Automobilindustrie mit über 800.000 Beschäftigten, die auch von der Politik unterstützt wird - im Programm für die kommende Bundestagswahl erklären CDU und CSU, "dass die deutsche Automobilindustrie auch künftig ihre Weltmarktstellung" behalten solle.

In dieser Konstellation lasse sich der Paradigmenwechsel zur Elektromobilität "nicht von heute auf morgen durchziehen", sagt Welke. Er ist skeptisch hinsichtlich des Willens zum Umstieg bei den Herstellern: "Schauen Sie sich die Werbung oder die Automessen an, was da so passiert. Ich persönlich finde, dass das stiefmütterlich behandelt wird.", aber auch bei den Käufern: "Wenn man seinen Benziner seit 50 Jahren fährt und vom Hersteller oder vom Verkäufer im Autohaus gesagt bekommt, dass man doch bitte die Finger davon lassen soll, ein Elektroauto zu kaufen, dann macht es das auch nicht einfacher."

Wenige Elektroautos in Deutschland

So sind die Deutschen denn auch weit weniger elektrisiert als die Norweger: 45,8 Millionen Pkw waren laut Kraftfahrtbundesamt Ende 2016 in Deutschland angemeldet. Davon waren nur 34.022 Elektro- und 165.405 Hybridautos.

Auch wenn die finanziellen Anreize nicht so groß sind wie in Norwegen, so gibt es sie durchaus: Wer ein Elektroauto kauft, erhält einen Zuschuss von 4.000 Euro, zu einem Pluginhybrid gibt es 3.000 Euro dazu. Die nach langem Hin und Her 2016 beschlossene Prämie kommt jeweils zur Hälfte vom Staat und von den Automobilherstellern.

Elektroautos sind auf zehn Jahre von der Steuer befreit

Zudem zahlt der Elektroautobesitzer zehn Jahre lang keine Kraftfahrzeugsteuer. Die Bundesregierung hat die Dauer der Steuerbefreiung 2017 von fünf auf zehn Jahre angehoben. Das Laden des Akkus beim Arbeitgeber gilt als nicht als geldwerter Vorteil und muss deshalb nicht versteuert werden. In einigen Städten, darunter Hamburg, dürfen Fahrer ihr Elektroauto kostenlos auf gebührenpflichtigen Parkplätzen abstellen, in anderen, wie in Dortmund, dürfen sie die Busspur nutzen.

Welkes Ansicht nach könnte der Umstieg "viel schneller gehen". Die wichtigsten Gründe, die gegen die Elektroautos angeführt werden - die fehlende Ladeinfrastruktur, die Kosten sowie die zu geringe Reichweite - hält er für Vorurteile, die sich entkräften ließen.

Reichweitenangst ist unnötig

Gerade die Reichweitenfrage sei eher in den in den Köpfen als real. Es sei kein Problem, das Ziel zu erreichen, ohne mit leerem Akku am Straßenrand liegenzubleiben. Ohnehin gehe es im ersten Schritt ja nicht unbedingt darum, komplett umzusteigen: "Wie viele Zweitwagen gibt es in Deutschland, und welches Fahrprofil haben sie", sagt Welke. "Der Zweitwagen wird ja genau für die Zwecke angeschafft, für die ein Elektroauto perfekt geeignet ist, also tägliche Besorgungen oder auch mal eine etwas längere Fahrt. Aber damit fährt man vermutlich nie die 800 Kilometer über die Alpen in den Italienurlaub."

Falls doch, muss der Akku unterwegs geladen werden. Das allerdings könnte schwierig werden: Derzeit gibt es in Deutschland laut Statista rund 7.000 Ladestationen. Das sind gut 1.500 weniger als in Norwegen. Allerdings fördert die Bundesregierung den Ausbau der Ladeinfrastruktur: Bis 2020 sollen 15.000 weitere Ladesäulen, aufgestellt werden , davon 5.000 zum Schnellladen. Dafür stellt die Regierung Fördermittel in Höhe von 300 Millionen Euro bereit.

Geladen wird daheim

Für den täglichen Einsatz reicht aber die bestehende Infrastruktur: Im Normalfall laden die Fahrer ihr Auto zuhause oder am Arbeitsplatz auf. Geladen werde auch anders als getankt, erzählt Welke: Die Zapfsäule wird angesteuert, wenn der Tank weitgehend leer ist. Das Elektroauto hingegen werde routinemäßig abends an die Steckdose gehängt, dann sei das Akku am nächsten Morgen voll.

Bleiben die Kosten. Elektroautos sind heute noch teurer als vergleichbare Verbrennungsautos - daran ändert auch die Kaufprämie nichts. Hinzu komme, dass die Hersteller oft Rabatte oder Sonderaktionen für ihre Verbrenner anböten, während die Elektroautos zum Listenpreis verkauft würden. "Das ärgert mich schon", sagt Welke. Andererseits seien die Kosten auch nur bedingt ein Argument gegen ein Elektroauto, denn die Bereitschaft, viel Geld auch für ein konventionlles Auto auszugeben, sei durchaus vorhanden.

Die Akkus werden günstiger

Die Hersteller selbst rechnen damit, dass der Preis für Elektroautos in den kommenden Jahren sinken wird, weil die Akkus nicht nur leistungsfähiger, sondern auch günstiger werden: VW-Konzernstratege Thomas Sedran sagte kürzlich, das Unternehmen gehe davon aus, dass der Preis auf unter 100 Euro pro Kilowattstunde sinken werden. Derzeit liegt er bei 150 bis 200 Euro.

Bessere Akkus, höhere Reichweiten und vor allem eine größere Auswahl werden den Paradigmenwechsel beschleunigen - da sind sich der norwegische und der deutsche Elektroautoexperte einig. "Jedes Mal wenn die Hersteller ein neues Modell mit mehr Reichweite auf den Markt bringen, gehen die Verkäufe nach oben", sagt Lorentzen.

Norwegen will Verbrennungsmotoren abschaffen

Die norwegische Regierung strebe an, dass ab 2025 nur noch abgasfreie Pkw und kleinere Nutzfahrzeuge verkauft werden. "Wir sind auf dem richtigen Weg dahin", sagt der Norweger. Dann, sagt er, werden die Elektroautos auch ohne staatliche Finanzhilfe konkurrenzfähig sein.

Auch Welke glaubt an den Erfolg der Elektroautos: Im ersten Halbjahr 2017 haben die Zulassungen für rein batteriebetriebene Fahrzeuge um 134 Prozent zugenommen. "Ich könnte mir vorstellen, dass wir in den nächsten Jahren eine Dynamik sehen, die niemand für möglich gehalten hätte."  (wp)


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