Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/amazon-der-herr-der-handyhuellen-hoelle-1707-128999.html    Veröffentlicht: 26.07.2017 09:12    Kurz-URL: https://glm.io/128999

Amazon

Der Herr der Handyhüllen-Hölle

Hinter den hässlichsten Handyhüllen, die es auf Amazon zu kaufen gibt, steckt eine deutsche Firma. Elf Fragen an deren Geschäftsführer Tobias Hartmann

Zeit Online: Herr Hartmann, was für ein Motiv ziert Ihre Smartphonehülle?

Tobias Hartmann: Das ist so ein orangenes Muster, ganz schlicht.

Zeit Online: Haben Sie kein Interesse an einem Foto von einem eingewachsenen Fußnagel auf dem Gerät?

Hartmann: Nein, ich brauche das nicht unbedingt. Aber als Partygag, für eine Medizinerparty zum Beispiel, kann ich mir das gut vorstellen.

Zeit Online: Ihre Firma ToasterNET hat das Konzept hinter Mein-handy-design.de entwickelt, einem Onlineshop, in dem es Hüllen für verschiedene Smartphones mit sehr ungewöhnlichen Motiven zu kaufen gibt, von Sexspielzeug bis zu Abbildungen von medizinischen Behandlungen. Auf der US-Seite von Amazon findet man sie ebenfalls, unter "my-handy-design". Ist das alles ein Scherz oder ein wildgewordener Bot, wie The Verge schreibt? Oder hat das alles seine Berechtigung?

Hartmann: Mein-handy-design ist eine Marke, die wir betreiben, um Handycover und Ledertaschen mit eigenen Motiven oder eben solchen Stockfotos zu bedrucken. Das war für uns ein kleines Nebenprojekt. Aber es ist schon interessant, was daraus geworden ist.

Zeit Online: Was machen Sie denn sonst so?

Hartmann: Unser Kerngeschäft ist Softwareentwicklung, Onlinemarketing und Suchmaschinenoptimierung. Wir betreuen außerdem Onlinemarktplätze für Kunden.

Zeit Online: Wie ist die Idee zu Mein-handy-design entstanden?

Hartmann: Wir wollten unseren Kunden einfach die Möglichkeit geben, Bilder von der Plattform Fotolia als Handycover zu benutzen. Deshalb haben wir ein Programm geschrieben, das die Daten von Fotolia entsprechend aufbereitet und als Hüllenmotiv anzeigt.

Zeit Online: Wieso ausgerechnet Fotolia?

Hartmann: Weil die ein Partnerprogramm haben. Die Vereinbarung sieht so aus: Wir bekommen die Vorschaubilder von Fotolia zur Verfügung gestellt und kaufen ein Foto, sobald ein Kunde es als Motiv für seine Handyhülle bestellt. Dann bedrucken wir die entsprechend on demand.

Zeit Online: War Ihnen klar, welche Motive am Ende auf den Hüllen landen könnten?

Hartmann: Ja, das war uns klar.

Zeit Online: Wie kam es dazu, dass ausgerechnet so viele medizinische Darstellungen sowie Fotos von Sexspielzeug zu Motiven und dann letztlich bei Amazon sichtbar wurden?

Hartmann: Wir hatten zunächst das Problem, dass wir unser Modell bei Amazon nicht schön darstellen konnten. 40 Millionen Cover, ungefähr hundert verschiedene Hüllen und noch mal so viele Ledertaschen - das war zu viel. Aber irgendwann kam Amazon USA auf uns zu und wollte die Produkte selbst verkaufen, weil es relativ gut lief. Da haben wir eine Vereinbarung getroffen: Amazon bestellt bei uns und verkauft die Hüllen direkt an die Endkunden, wir sind nur noch ein Produzent und Lieferant. Amazon hat sich dazu knapp 30.000 Motive ausgesucht, gefiltert nach seinen Algorithmen. Darunter waren unter anderem auch die Sexspielzeuge.

Zeit Online: Weil also viele Amazon-Kunden nach Umschnalldildos oder medizinischen Ratgebern suchen, haben Amazons Algorithmen erkannt, dass es sich um populäre Themen handeln muss und sie in die Liste der 30.000 Motive aufgenommen?

Hartmann: Genau. Ich schätze jedenfalls, dass Amazon auswertet, welche Artikel aus seinem riesigen Sortiment besonders oft angesehen werden und danach die Relevanz bewertet.

Zeit Online: Wann haben Sie von den schrägen Fällen erfahren, von den Handyhüllen mit Abbildungen von Erwachsenenwindeln und Haarentfernungen?

Hartmann: Vor einer Woche. Generell war uns natürlich schon länger bewusst, dass sich auch so etwas in unserer Datenbank befindet. Wir machen das ja schon seit etwa zwei Jahren und hatten schon die verrücktesten Bestellungen. Aber wir wollten uns nicht darin einmischen, was für Motive unsere Kunden sich für ihre Handyhüllen aussuchen. Insofern haben wir das jetzt nicht irgendwie getriggert. Dass es gerade so einen Wirbel darum gibt, liegt einfach daran, dass ein paar Journalisten gedacht haben, sie könnten eine Story daraus machen. Interessant an der Geschichte ist halt, wie Algorithmen und Onlinemarketing funktionieren.

Zeit Online: Wie viele Bestellungen gibt es jetzt durch die weltweite mediale Aufmerksamkeit?

Hartmann: Wir haben bisher keinen riesigen Anstieg bemerkt.  (zeit-pb)


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