Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-meisterdiebe-anti-und-arcadehelden-1707-128931.html    Veröffentlicht: 18.07.2017 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/128931

Indiegames-Rundschau

Meisterdiebe, Anti- und Arcadehelden

Digitale Brettspielstrategie, Arcade-Voxelgewitter und Feuergefechte im Dschungel von Vietnam: Die spannendsten Indiegames der letzten Wochen haben für jeden etwas zu bieten.

In einem technischen Medium wie den Computerspielen gibt es die Illusion ständigen Fortschritts - kein Wunder, wenn sich die rohe Rechenkraft so verlässlich steigert. So liegt auch das Hauptaugenmerk der Branche oft auf noch besserer Grafik, noch bombastischeren Effekten und noch größeren, spektakuläreren Welten. Bei der atemlosen Jagd nach dem ständigen "Höher, Schneller, Weiter" sitzen Spieler aber hin und wieder einem Missverständnis auf: Dass eine Gameplay-Idee oder -Mechanik einige Jahre (oder Jahrzehnte) auf dem Buckel hat, sagt wenig bis gar nichts über den Spaß aus, der noch in ihr steckt.

Damit ist nicht nur die blühende Retroszene gemeint, die Pixelwelten der Spielefrühzeit feiert. Besonders unabhängige Entwickler haben in den letzten Jahren im Fundus der Spielegeschichte so manche alte Idee durch beherzte Modernisierung wieder vor den Vorhang geholt und damit nicht nur Nostalgiker begeistert. Und in Zeiten, in denen Blockbusterserien Jahr für Jahr mit minimalen Upgrades wiederkehren, ist dieser Blick zurück manchmal sogar schon wieder ziemlich innovativ. Viel Spaß mit den interessantesten Indie-Spielen der letzten Wochen!

Nex Machina

Legendärer wird's nicht: Eugene Jarvis ist der Schöpfer der 80er-Jahre-Arcade-Kultspiele Defender und Robotron: 2084. Mit Smash TV hat Jarvis quasi das Genre der Twin-Stick-Shooter erfunden. Das finnische Studio Housemarque bringt nun gemeinsam mit Jarvis gewissermaßen die ultimative Wiedergeburt des unzerstörbaren Spielprinzips zurück auf die Bildschirme: In Nex Machina blitzt, kracht und rattert es in einer Wucht, dass man sich unweigerlich in die glorreiche Arcade-Vergangenheit zurückversetzt sieht. Der zeitgleich zum Spiel erschienene Film The Name of The Game dokumentiert die Kooperation der Designerlegende mit dem jungen Team aus Finnland.

Als Einzelkämpfer oder zu zweit im Koopmodus ziehen Spieler in einer Abfolge von Arenen in den hektischen Kampf gegen gewaltige Gegnermassen und entfachen dabei mit einer Vielzahl von Waffen ein Voxel-Feuerwerk, wie man es von den Resogun-Machern gewohnt ist. Höchste Konzentration und Geschicklichkeit sind aber nicht nur in den höheren Schwierigkeitsgraden gefragt. Die Jagd nach dem größten Highscore ist die ultimative Motivation, sich in dieses hypnotische Feuerwerk zu stürzen. Nicht nur für Arcade-Veteranen ist Nex Machina ein wilder Trip in eine Spielevergangenheit, die absolut frisch geblieben ist.

Playstation 4, Windows-PC, rund 20 Euro.

Cryptark und Rising Storm 2 Vietnam



Cryptark

Wie Nex Machina ist das stylische Cryptark ein Twin-Stick-Shooter - aber von der Schublade abgesehen gibt es wenig Gemeinsamkeiten. Das nach zwei Jahren aus dem Early Access entlassene Spiel des kanadischen Entwicklerstudios Alientrap setzt zwar auch auf ähnliche Mechaniken, erfordert aber neben Konzentration und Reflexen auch taktisches Vorgehen und Planung.

Als Plünderer schalten Spieler in immer wieder neu zufallsgenerierten, riesigen Alien-Raumschiffwracks Stück für Stück miteinander verbundene Sicherheitssysteme aus, um die Kolosse dann zu Geld zu machen. Vorsichtiges Vorantasten und die kluge Wahl der Route sind essenziell, denn wenn erst einmal zu viele Abwehrsysteme zugleich auf einen aufmerksam geworden sind, wird der taktische Raubzug schnell zur tödlichen "Bullet Hell".

Auch Cryptark setzt auf das aktuell beliebte Rogue-like-Gerüst, um fast endlose Wiederspielbarkeit zu garantieren. Wie in FTL oder Dead Cells warten jedes Mal neue Herausforderungen. Eine Vielzahl von Waffen und Upgrades erlauben unterschiedliche Herangehensweisen. Sowohl in Sachen Präsentation als auch spielerisch ist Cryptark gelungen; bis der erste erfolgreiche Durchgang absolviert und das titelgebende Riesenraumschiff erreicht ist, vergehen einige spannende Stunden. Danach lockt der Rogue-Modus mit noch größeren Herausforderungen.

Playstation 4, Windows-PC, MacOS, Linux, rund 15 Euro.

Rising Storm 2: Vietnam

Auch auf dem Sektor militärischer Multiplayershooter existiert neben den millionenschweren Branchengrößen Battlefield & Co eine umtriebige Indie-Szene, die Fans mit kleinen, aber feinen Spielen versorgt - Squad, Insurgency, Day of Infamy genießen einen ausgezeichneten Ruf. Ebenso die Red-Orchestra-Reihe, deren letzter Ableger Rising Storm 2: Vietnam ist, eine Koproduktion des polnischen Entwicklers Tripwire mit dem britischen Studio Antimatter Games. Der Name steht für asymmetrische, taktische Mehrspielerschlachten mit bis zu 64 Teilnehmern. In der aktuellen Auflage wagt er sich an den Kriegsschauplatz in Südostasien.

<#youtube id="YqyeNcNKxXs"> Auf zehn Maps bekämpfen sich unterschiedlich bewaffnete US-Truppen und Vietcong in Konfrontationen, die an historische Kampfhandlungen angelehnt sind - in weitläufigen Dschungelgebieten, aber auch in verlassenen Dörfern und im Straßenkampf. Die US-Truppen können im Unterschied zu den Vietnamesen mit ihrer Guerillataktik auch mit drei unterschiedlichen Helikoptern und Luftschlägen angreifen, dank ausgefeiltem Balancing lässt sich aber (historisch akkurat) auch diese militärische Überlegenheit nur bedingt umsetzen.

Taktisches, koordiniertes Vorgehen und ein kluger Einsatz der Soldatenklassen schlägt übrigens das aus anderen, weniger realistischen Multiplayershootern bekannte Run and Gun jedes einzige Mal. Ein spannendes und ziemlich anspruchsvolles Schlachtfeld für Profis mit Willen zur Einarbeitung.

Windows-PC, rund 23 Euro.

Antihero und The Lion's Song



Antihero

Dass auch in Brettspielen viel Spaß steckt, bedarf in deutschen Landen keiner weiteren Erklärung. Einige Computergames schaffen es aber, den Reiz analoger Spielmechaniken mit klugen Erweiterungen digital noch zu erhöhen. In Antihero lenken Spieler die Geschicke eines Unterweltimperiums in einer vorindustriellen Stadt, wie sie auch Charles Dickens gefallen hätte. Auch das entsprechend kriminelle Personal kommt im schicken Cartoonstil schön zur Geltung.

<#youtube id="n6ZYAlfOIRQ"> Rundenweise erforscht man eine dunkle Stadt, raubt Anwesen und Geschäfte aus, rekrutiert Straßenkinder, Schlägertypen und Gangs und versucht, schneller als die ebenfalls nach dem Sieg strebende gegnerische Diebesgilde eine festgesetzte Anzahl an Siegespunkten zu erreichen.

Eine Kampagne, die zugleich als ausführliches Tutorial dient, erklärt in mehreren Missionen die ineinandergreifenden Spielsysteme. Danach wartet der Computergegner auf Einzelspieler. Mehr Spaß bietet allerdings - genau wie in fast allen digitalen Brettspielen - der Kampf gegen echte Menschen, der hier entweder Online in Echtzeit gegen einen gleichzeitig spielenden Gegner oder Zug für Zug asynchron geführt wird.

Antihero ist besonders mit menschlichen Gegnern ein äußerst unterhaltsames Strategiespiel mit toller Präsentation und originellen Ideen. Da ist es fast schade, dass es nicht zusätzlich als analoges Brettspiel für klassische Spieleabende existiert.

Windows-PC, MacOS, rund 15 Euro.

The Lion's Song

Auf fremden Planeten und in Fantasywelten war man als Spieler schon oft, im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts hingegen eher selten. Genau dorthin entführt das vierteilige Adventure The Lion's Song, das mit der soeben erschienenen letzten Episode nun endlich abgeschlossen ist. Als Mittelding aus Visual Novel und Adventure entführt das Spiel des Wiener Entwicklerstudios Mi'pu'mi Games in eine längst vergangene Welt der Künstler, Wissenschaftler und Intellektuellen.

Es stellt dabei auch intime Fragen nach Kreativität, Integrität und Schicksal - und überrascht durch Emotionen und eine Ernsthaftigkeit, die man seinem heiteren, allerdings in Sepiatönen gefärbten 16-bit-Grafikstil auf den ersten Blick nicht ansieht.

Vier ganz unterschiedliche Hauptfiguren begleitet The Lion's Song in abgeschlossenen, aber thematisch verbundenen Episoden. Wer anspruchsvoll erzählende Spiele wie To the Moon, aber auch erzählerische Experimente wie Kentucky Route Zero schätzt, sollte unbedingt einen Blick auf dieses Ausnahmespiel werfen, das überdies mit großartiger Musik begeistern kann.

Windows-PC, MacOS, Linux, iOS und Android, rund 10 Euro.

Weitere Indieperlen wie Black the Fall



Und sonst?

Auf den Spuren von Limbo und Inside wandert das düstere Black the Fall (Windows-PC, 15 Euro). Als namenlose Arbeiter durchqueren Spieler in diesem Sidescroller mit Stealth- und Puzzle-Elementen eine dystopische Industrielandschaft voller tödlicher Fallen und tyrannischer Wärter. Sie lösen physikbasierte Rätsel und müssen sich vor unzähligen Gefahren in Acht nehmen.

Dass totalitäre Systeme und dabei vor allem eine furchterregende industrialisierte Schreckensvision des Kommunismus das Thema in Black the Fall sind, fällt auch ohne den Background des rumänischen Entwicklerstudios schnell auf. Black The Fall bleibt zwar spielerisch hinter seinen großen Vorbildern zurück, beeindruckt aber durch starke Bilder und eine düstere Atmosphäre - die übrigens ganz ohne Worte auskommt.

Ein einzigartiges Rollenspiel bekommt Nachschub: Mit Darkest Dungeon: The Crimson Court (Basisspiel Windows-PC, MacOS, Linux, Playstation 4, Xbox One, 24 Euro; DLC aktuell nur Windows-PC, MacOS, 10 Euro) werden die stressigen Kerker um ekelhafte Insekten, böse Vampire, einen neuen Helden und viel Angstschweiß erweitert. Das DLC fügt sich nahtlos ins - nach wie vor empfehlenswerte - Hauptspiel ein und kann somit sowohl von Neueinsteigern als auch Veteranen sofort erforscht werden.

Das auf den ersten Blick unscheinbare Caveblazers (Windows-PC, 10 Euro) ist ein weiteres Spiel auf den Spuren des Erfolgs von Spelunky & Co. Als pixeliger Abenteurer erforschen Spieler immer neu generierte Höhlen auf der Suche nach Schätzen, Waffen und sich zu absurden Kombinationen zusammenstückelbaren Upgrades - bis zum nächsten Permadeath. Daily Runs und ein unaufdringlicher Charme machen das kleine Spiel zum unerwartet anziehenden Häppchen für zwischendurch - und immer wieder.  (rs)


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