Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/e-sport-psychologie-und-physiotherapie-gehoeren-zum-training-1707-128761.html    Veröffentlicht: 06.07.2017 10:00    Kurz-URL: https://glm.io/128761

E-Sport

"Psychologie und Physiotherapie gehören zum Training"

Egal ob in der nächsten Saison bei Dota 2 oder bei League of Legends: Die Preisgelder im E-Sport wachsen - der Konkurrenzdruck aber auch. Golem.de hat mit dem Kommentator und ehemaligen Profispieler Jona Schmitt darüber gesprochen, wie sich die Athleten auf die Turniere vorbereiten.

"Die rote Linie zeigt den Abstand zwischen den beiden Champions - das ist der Idealzustand. Entlang der gelben Linien müssen wir uns bewegen, um den Abstand aufrecht zu erhalten, also entweder nach schräg oben oder unten", erklärt uns Jona 'just Johnny' Schmitt. Der ehemalige League-of-Legends-Profi und jetzige Kommentator (u.a. Sport 1) erklärt anhand eines einfachen Beispiels, auf welche Art E-Sportler mit Werkzeugen wie Rift Analyst fortgeschrittene Taktiken lernen und sich im Training auf die Herausforderungen bei Turnieren vorbereiten.

Ohne professionelle Trainingsmethoden geht schon länger nichts mehr im E-Sport. Die Spieler müssen sich akribisch vorbereiten, um im Kampf um Preisgelder und die Gunst des Publikums vorne mit dabei zu sein. Gerade erst hat Valve seine Pläne für die nächste Saison von Dota 2 bekanntgegeben. Die Mischung aus Major- und Minor-Turnieren dürfte eher noch anspruchsvoller werden. In anderen Disziplinen wie Counter-Strike oder League of Legends geht es genauso hart zu.

Videoanalysen seien dabei längst ein wichtiges Element geworden, sagt Schmitt. League of Legends hat seit ein paar Monaten ein eingebautes Werkzeug für Mitschnitte, Software wie Rift Analyst kann aber mehr. Nach dem Aufzeichnen lässt sich das Video über die offizielle API mit der Datenbank des Spiels verknüpfen. Dadurch hat man in der Timeline die Möglichkeit, direkt zu besonderen Vorgängen in der Partie zu springen - etwa an die Stelle, an der ein Champion getötet oder ein Drache angriffen wurde.

Diese Kämpfe kann man sich dann im Detail anschauen und zusammen mit anderen Spielern überlegen, welche alternative Taktik besser funktioniert hätte. Interessant ist das laut Jona "Johnny" Schmitt vor allem für ambitionierte Halbprofis, die etwa mit einer Karriere im E-Sport liebäugeln und die sich im Onlinecoaching das dazu nötige Knowhow aneignen wollen. "Sie können so lernen, welche individuellen Fehler sie gemacht haben", so Schmitt.

Wer bereits Profi ist, hat meist andere Möglichkeiten - und eine andere Problemstellung. "Ein Profi weiß sofort, welchen individuellen Fehler er gerade gemacht hat", sagt er uns. "Ihm geht es vor allem darum, seine Taktik zu verbessern." Die Spieler bereiten sich normalerweise in sogenannten Gaming-Häusern mit ihren Trainern auf die Turniere vor, erzählt Jona Schmitt.

Professionelles Datenmanagement ist Pflicht

Dort werde nicht nur gespielt - normalerweise mindestens zehn Stunden täglich. Die Partien werden ebenfalls aufgezeichnet und dann - meist per Beamer auf einer größeren Leinwand - zusammen mit Trainern und den anderen Spielern unter die Lupe genommen. Inzwischen gibt es sogar Dienstleister wie Dojo Madness aus Berlin, die sich darauf spezialisiert haben, die Matches zu untersuchen. Sie verkaufen ihre Daten dann an die Teams, aber auch an Wettbüros und andere Interessierte.

"In den letzten sechs bis zwölf Monaten gibt es die Entwicklung, dass auch Psycho- und Physiotherapeuten mit ins Training eingebunden werden", so Schmitt. "Meiner Meinung nach ist das eine absolute Notwendigkeit!". Er erinnert sich daran, dass er in seiner Zeit als junger Profi vor großen Turnieren vor Aufregung drei Tage am Stück nicht geschlafen habe - was natürlich Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit habe. Ein Psychologe könne helfen, mit dem riesigen Druck besser umzugehen.

Was die Physiotherapeuten angeht: "Viele Spieler, die schon länger mit dabei sind, bekommen irgendwann Handgelenksprobleme. Die Muskeln sind auf das ständige Mausklicken nicht durch die Evolution ausgelegt." Hier könnten entsprechend professionelle Maßnahmen möglichen Problemen vorbeugen. Generell gewinne Ausgleichssport in der Szene an Bedeutung. Fest durch die Trainer vorgegebene Pflicht sei zwar selten, aber viele Teams förderten Bewegung durch Prämien, oder es gebe Trainingsmöglichkeiten oder Saunen in den Gaming-Häusern.

Für die Zukunft hätte Schmitt gerne weitere Analysewerkzeuge. Was er sich wünschen würde, wären Tools, mit denen sich anzeigen ließe, wie viele Mausklicks ein Spieler bei einer bestimmten Aktion getätigt hat, wie sich seine Herzfrequenz verändert hat und wie er mit dem Stress umgegangen ist, auch wenn speziell der Puls bei einigen Turnieren dem Publikum angezeigt wird.

Ausgewertet werden können die Daten noch nicht, dabei dürften sie durchaus interessant sein. Immerhin schnellt die Herzfrequenz in den entscheidenden Momenten auf 160 Schläge pro Minute und mehr hoch - ähnlich wie in klassischen Sportarten.  (ps)


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