Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/oepnv-in-berlin-wie-die-bvg-virtuelle-busfahrten-erfindet-1706-128664.html    Veröffentlicht: 30.06.2017 12:10    Kurz-URL: https://glm.io/128664

ÖPNV in Berlin

Wie die BVG virtuelle Busfahrten erfindet

Wer in Berlin mit der BVG Bus fährt, versucht die mangelhafte ÖPNV-Pünktlichkeit oft mit Apps zu kompensieren und sich zu informieren. Das wird aber spätestens dann ein Problem, wenn die Fahrten nur virtuell stattfinden - sogar mit echt wirkenden Verspätungen.

Eine Busfahrt ist in Berlin manchmal alles andere als lustig. Verspätungen sind an der Tagesordnung in der mitunter überfüllten Stadt, insbesondere wenn die Wetterwarnungen fast im Stundentakt per E-Mail oder App-Notification mit dem Regen niederprasseln. So ist es dann auch am späten Nachmittag des 29. Juni 2017. Die Hauptstadt ist nass und manche Busse fahren unter Wasser. Gerade in solchen Situationen ist das Internet per Mobilfunk oft hilfreich: Per App ermitteln wir, wann der nächste Bus kommt, und sprinten erst kurz vorher zur Haltestelle. Soweit die Theorie.



Allerdings kommt der Bus eben nicht. Genauso wenig der nächste, der laut App nur wenige Minuten entfernt sein sollte. Was ist passiert? Die Antwort ist einfach: Es gibt diese Fahrten gar nicht. Die BVG erfindet Busfahrten in der digitalen Welt - und verweist in der App darauf, dass es keine Gewährleistung für die Echtzeitangaben gibt. Neugierde, Frust und ein wenig Bockigkeit führen dazu, dass wir nicht zum U-Bahnhof gehen, sondern an der Bushaltestelle stehenbleiben, warten und dabei die Lage ausführlich analysieren. Wir haben dabei die seltene Gelegenheit, solche erfundenen Fahrten in großer Menge zu erkennen und die Busse virtuell an uns vorbeifahren zu sehen, und zwar an der Elektrobuslinie 204. Dort sind E-Busse (akkubasiert) und D-Busse (dieselbasiert) im Einsatz.

V-Busse ergänzen die E-Busse der Linie 204

Die virtuellen Busfahrten als solche zu erkennen, ist nicht ganz einfach. Wird für einen Bus eine korrekte Abfahrtszeit über die gesamte Linie angegeben, können wir ihn virtuell im Zeitstrahl an uns vorbeifahren sehen - während auf der Straße kein Bus erscheint. In so einem Fall haben wir einen V-Bus erwischt, einen virtuellen Bus. Auch für V-Busse zeigt die App mitunter Verspätungen an, und dadurch wirken gerade solche Busse unheimlich real. Der hoffnungsvolle Fahrgast wartet weiter, da er weiß: Werden Busse mit einer Verspätung angezeigt, kommen sie meist auch zuverlässig verspätet und fallen nicht komplett aus. Wird dagegen überhaupt keine Verspätung für einen Bus angezeigt, ist die Ausfallwahrscheinlichkeit hoch, auch wenn etwa die Webseite der BVG zeigt, dass der Bus einen Transponder hat.

Wir beobachten auf der Linie 204 zahlreiche V-Busse mit erheblicher Verspätung parallel zu pünktlichen V-Bussen. Mitunter können wir sie im Rudel mit wenigen Minuten Abstand in unserer App an uns vorbeifahren sehen. Fahrplanmäßig fahren die E- und D-Busse nur alle 20 Minuten, Taktlücken von 40 Minuten sind auf der Linie seit Jahren nicht ungewöhnlich. Die Buslinie gehört damit aber nicht zu den besonders unzuverlässigen, wie Kenner der Linien M46 oder M29 wissen. Da ist es schlimmer.

Unsere V-Busse werden interessanterweise nicht auf der Livekarte des Verkehrsverbunds Brandenburg (VBB) angezeigt. Allenfalls in der Nähe von Endstellen werden sie in der Livekarte manchmal gelistet und bewegen sich dann nicht oder fahren rückwärts. So können wir einen V-Bus in der VBB-Livekarte am Zoologischen Garten beobachten, der sich nie in unsere Richtung in Bewegung setzt und auch gar nicht existiert.

Die Busse könnten aussortiert werden

Während unserer 45 Warteminuten fährt kein einziger realer Bus an uns vorbei, weder auf unserer Straßenseite noch in der Gegenrichtung. Dass die Ausfälle der App nicht bekannt sind, verwundert. Denn laut VBB-Livekarte sind die nötigen Daten vorhanden, und auch aus den regulären Echtzeitangaben lässt sich ein problematischer Umlauf schnell als solcher identifizieren und über eine gute Programmierung aus der Anzeige nehmen. Was nicht da ist, sich nicht per Transponder meldet, kann auch keine Folgefahrten aufnehmen.

Auf der VBB-Livekarte können wir gut eine halbe Stunde später zu Hause - für ein weiteres Warten wird es zu nass - in der Nähe der Haltestelle einen Bus mit Transponder Richtung Zoo ausmachen. Er ist vermutlich echt, da die Bewegungen stimmig waren.

Die BVG weiß von dem V-Bus-Phänomen

Den Fehler mit den V-Bussen haben wir bereits gemeldet, er wurde am 23. April 2015 von der BVG zur Kenntnis genommen. Damals ging es auch um das Anzeigesystem Daisy, das dieselben Daten wie die Apps nutzt. Sowohl in der App als auch mit Daisy konnten wir das Problem seinerzeit bereits nachvollziehen. Laut BVG-Aussage von damals kommt es im Falle von "kurzfristigen Umleitungen zu ungesicherten Angaben" der Prognose. Tatsächlich passiert das aber auch ohne Umleitungen.

Wir haben uns seitdem nicht im Detail damit befasst, da uns versichert wurde, dass die Problematik an die zuständige Fachabteilung gemeldet worden sei. Allerdings hatten wir den Verdacht, dass das Problem noch besteht. Das zu beweisen, ist aber aufwendig. Verspätungen von Bussen sind im Allgemeinen und aufgrund der schwierigen Verkehrssituation im Besonderen kaum zu verhindern, das gilt insbesondere für die Hauptstadt, die kaum noch Reserven im ÖPNV hat. So ist es in der Praxis schwierig und zeitintensiv, das Phänomen V-Busse und vor allem die Gründe dafür zu beobachten.

Ohne genaue und aufwendige Beobachtung einzelner Umläufe ist es kaum möglich. Hilfreich sind dabei größere Verspätungen bei Linien, die sehr selten fahren. Treten sie auf, fahren die Busse nämlich häufig im Rudel, da die verspäteten Busse auf die folgenden, planmäßig fahrenden treffen. Einzelne Busse auf der Strecke umkehren zu lassen, um die Taktlücken zu verringern, ist der BVG nach eigener Aussage zu aufwendig. In solchen Fällen ist also relativ einfach zu erkennen, wenn in der App ein Bus auftaucht, der sich unmöglich an der angegebenen Stelle befinden kann, weil das Rudel noch in der entgegengesetzten Richtung unterwegs ist.

Ausgerechnet Berlins interessanteste Buslinie ist betroffen

Eine erneute Anfrage zum Thema vom gestrigen Abend hat die Pressestelle der BVG bisher nicht beantwortet.

Dass ausgerechnet die Buslinie 204 von dem Problem mit den V-Bussen betroffen ist, verwundert ein wenig. Wie die Linie 109 in Hamburg ist sie mit sehr viel neuer Technik ausgestattet. Die gesamte Linie ist offiziell eine Elektrobuslinie, deren Busse mit dem hocheffizienten Primove-Induktionssystem ausgestattet sind und sogar für WLAN-Tests verwendet werden. Wir haben den Start der Buslinie mit unserem Artikel Eine E-Bus-Fahrt ist lustig ausführlich begleitet.

Die 204 ist allerdings nicht die einzige betroffene Buslinie. Wir haben das Phänomen in Einzelfällen auch auf vielen anderen Buslinien ausmachen können, allerdings nicht mit einer derart genauen Beobachtung der Umläufe. Ein wetterbedingter Ausnahmezustand im Berliner Busverkehr hat doch auch sein Gutes.

Nachtrag vom 10. Juli 2017, 11:30 Uhr

Die BVG hat sich mittlerweile zu den von uns gemachten Beobachtungen geäußert. Die Existenz von V-Bussen weist sie dabei ebenso zurück wie ein bewusstes Generieren nicht vorhandener Fahrten. Laut der BVG ist das Phänomen im Durchschnitt nur bei 10 bis 20 von rund 25.000 täglichen Fahrten zu beobachten. Zu beachten ist allerdings, dass die BVG-Angaben sich auch auf die weniger kritischen Fahrten am Wochenende, zu Tagesrandlagen oder in der Nacht beziehen, die dort eingerechnet sind.

Die Falschprognosen entstehen laut der BVG durch einen Vorschauhorizont des rechnergestützten Betriebsleitsystems (RBL) von 60 Minuten. Steht ein Bus also im Stau, hat er einen Unfall oder einen anderen Zwischenfall, wie etwa das jüngste Unwetter, werden vom RBL weiterhin Prognosen erstellt, selbst für Folgefahrten des Umlaufs. Die Busse müssen in so einem Fall zudem beim RBL angemeldet bleiben, um im Funkkontakt mit dem Disponenten der Leitstelle zu bleiben. Erst wenn der Bus abgemeldet ist, wird eine Fahrt auch gelöscht.

Unserer Einschätzung nach erklärt dies nur einen Teil des Verhaltens, wie etwa konstant anwachsende Verspätungen von Bussen an einer Starthaltestelle. Wo die erfolgreichen Abfahrtmeldungen herkommen, die etwa in der Galerie in der Hertzallee dokumentiert wurden und am Vortag ebenso beobachtet wurden, bleibt unklar. Wie die virtuell an dem Fahrgast vorbeifahrenden Busse entstehen, erschließt sich uns auch nach den Ausführungen der BVG nicht, insbesondere da die Busse anscheinend weiterhin am RBL angemeldet bleiben und damit Daten liefern müssten.

Die Daten sind offenbar da, doch ihre Bewertung erscheint nach den uns bisher vorliegenden Informationen nicht korrekt zu sein. Eine Prognose mit einem derartig langen Vorschauhorizont, der offenbar sowohl tageszeitunabhängig ist und auch in kritischen Situationen wie stadtweitem Unwetter nicht reduziert wird, sorgt offenbar nicht für präzise Angaben.  (ase)


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