Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/here-one-ich-hoer-die-welt-wie-sie-mir-gefaellt-1707-128661.html    Veröffentlicht: 05.07.2017 09:24    Kurz-URL: https://glm.io/128661

Kopfhörer Here One

Ich hör die Welt, wie sie mir gefällt

Laute Kollegen und lästige Flugzeugturbinen einfach per App ausblenden - das versprechen die smarten Bluetooth-Ohrhörer von Here One. So könnte sich die Zukunft anhören.

Berlin ist, wie jede Großstadt, ziemlich laut. Das merke ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit. An meiner Tram-Haltestelle quietschen die Straßenbahnen um den Kreisel. Am S-Bahnhof dröhnen die vorbeibrausenden Autos und Lkw. Irgendwo bellt kein Hund, aber der Bass aus dem Club auf der anderen Seite der Gleise wummert noch lange über das Wochenende hinaus. Die Bahn, vollgepackt mit Menschen, eine Melange aus Sprachen, Stimmen, blechernen Ansagen aus der Konserve. Und im Großraumbüro folgt Gemurmel, Telefonklingeln und das Verzweifeln der tischtennisspielenden Kollegen.

Nun könnte ich das natürlich alles ausblenden. Das mache ich auch, zumeist mit Musik in meinen klassischen In-Ear-Kopfhörern. Andere Kollegen schwören auf abschottende Kopfhörer, manche sitzen gar mit einem ursprünglich für Bauarbeiter gedachten Gehörschutz im Büro. Inzwischen gibt es aber noch eine dritte Lösung zwischen Ausblenden und Übertönen: Ohrhörer, mit denen sich der Klang der Umwelt nach Belieben filtern und verändern lässt.

"Computational hearing" nennt Noah Kraft das, computerunterstütztes Hören. Kraft ist der CEO des Startups Doppler Labs aus San Francisco, das in diesem Jahr die Here One Ohrhörer auf den Markt gebracht hat. Seit Kurzem sind die kabellosen Bluetooth-Hörer auch in Europa verfügbar, unter anderem bei Amazon. Sie stehen einerseits in Konkurrenz zu Bluetooth-Hörern von anderen Start-ups wie Bragi, Earin oder Myanmu haben aber andererseits auch einige Alleinstellungsmerkmale. "Wir glauben, dass sich die Computer künftig im Ohr befinden", sagt Kraft im Gespräch mit ZEIT ONLINE, "und dass diese Geräte eines Tages besser sein werden als unsere echten Ohren."

Große, aber komfortable Kopfhörer

Auf den ersten Blick wirken die Here One riesig, jedenfalls verglichen mit meinen schmalen, kabelgebundenen In-Ear-Hörern. Gummiaufsätze in verschiedenen Größen sollen garantieren, dass sie möglichst in alle Lauscher passen, doch der größere - und nicht anpassbare - Teil der Hörer sitzt in der Ohrmuschel. Anders als bei Apples Airpods ragt bei den Here One kein weißes Stäbchen aus dem Ohr, unauffällig sind die Hörer deshalb aber nicht. Dafür habe ich aber auch nicht ständig die Sorge, sie könnten rausfallen. Einmal richtig eingesetzt, bleiben sie auch im Ohr und schmerzen auch nach zwei Stunden am Stück nicht. Viel länger kann man sie ohnehin nicht tragen, aber dazu gleich mehr.

Bevor ich die Hörer nutzen kann, muss ich zunächst sie auf meinem Smartphone als auch mich als Nutzer bei Here One registrieren. Das funktioniert ausschließlich über eine App, die es für iOS und Android gibt. Das ist gleich der erste Nachteil im Vergleich zu vielen gängigen Bluetooth-Hörern: Sie einfach mit einem Laptop zu verknüpfen, auch auf Kosten einiger Funktionen, wie es bei den Airpods der Fall ist, geht nicht. Die Option werde aber gerade mit einigen ausgewählten Nutzern getestet, sagt Kraft. Doppler Labs sucht dennoch in erster Linie Kunden, die vor allem mobil unterwegs sind und ihr Smartphone stets griffbereit haben.

Für die Registrierung muss ich eine E-Mail-Adresse und ein Passwort angeben. Das Profil ist notwendig, um später die Ohrhörer auf meine Bedürfnisse einstellen zu können. Das Pairing über Bluetooth geht schnell, allerdings konnte sich mein Android-Smartphone nach einigen Tagen plötzlich nicht mehr verbinden und ich musste die Hörer komplett neu aufsetzen. Vielleicht lag es einfach an meiner Hardware.

Die Soundqualität der Ohrhörer überzeugt



Sind die Here One eingerichtet, erfüllen sie derzeit drei zentrale Funktionen. Erstens kann ich mit ihnen telefonieren oder virtuelle Assistenten wie Siri oder Google Assistant nutzen, denn sie enthalten ein Mikrofon. Um einen Anruf anzunehmen, muss ich auch nicht das Smartphone aus der Tasche nehmen: Ein einfacher Druck auf die Touch-Schaltfläche in der Mitte der Ohrhörer genügt. Ein doppelter Klick beendet das Gespräch. Die Sprachqualität ist ordentlich, auch wenn sich Umgebungsgeräusche wie Wind oder das Einfahren der U-Bahn erwartungsgemäß negativ auswirken. Wenn kein Anruf eingeht, öffnet ein Doppelklick den Assistenten, über den ich Kontakte anrufen oder Informationen abfragen kann. So weit, so unspektakulär.



Zweitens kann ich - Überraschung! - damit Musik hören. Der Punkt ist schon interessanter, denn die Qualität der Here One ist für Bluetooth-Hörer erstaunlich gut. Ich persönlich finde den Klang sogar besser als den der Apple-Airpods, allerdings schirmen die Here One auch effektiver ab. Der Bass ist druckvoll, ohne zu sehr betont zu sein, die Höhen sind klar und das minimale Hintergrundrauschen höre ich wenn dann nur in der Pause zwischen zwei Titeln. Wer will, kann innerhalb der App den Ton auch noch nach Belieben ändern, also etwa den Bass verstärken oder mit Effekten spielen.

Leider kann die Bluetooth-Verbindung mit der guten Soundqualität nicht mithalten. Solange das Smartphone in der Hosentasche oder auf dem Schreibtisch liegt, ist sie stabil. Doch schon nach wenigen Metern reißt sie ab. Während ich mit den Airpods im Büro auch aufs Klo oder in die Küche gehen kann, muss ich bei den Here One auf den Soundtrack im stillen Örtchen verzichten. Die Ohrhörer verbinden sich zwar schnell wieder, wirklich frei fühlt sich das dann aber nicht mehr an. Aber wie gesagt: Die Here One sind ein Produkt für Menschen, die ihr Smartphone ohnehin nicht aus den Augen lassen.

Lauschen wie ein Superheld

Die dritte Funktion ist die entscheidende. Denn sie betrifft das erwähnte computational hearing und soll die Here One von anderen Hörern unterscheiden. Vereinfacht gesagt: Die Here One manipulieren die Geräusche der Umwelt und filtern sie je nach Ort und Vorlieben der Nutzer aus. Wer die Welt ein wenig ruhiger haben möchte, wischt einfach in der App den Regler herunter.

Der Effekt ist beeindruckend. Von +6 Dezibel auf -22 Dezibel lässt sich der Sound der Umwelt nahtlos verstellen. Maximal runtergeschraubt, verschwinden die Stimmen im Büro plötzlich, der Lärm auf der Straße ist wie ausgelöscht, und die U-Bahn quietscht nur noch leise im Hintergrund. Will ich zwischendurch trotzdem hören, was um mich herum geschieht, oder mit jemandem sprechen, muss ich die Here One nicht aus dem Ohr nehmen. Ich tippe sie einfach einmal im Ohr an und sie schalten in den Bypass-Modus: Die Mikrofone nehmen dann die Umwelt auf und geben sie in das Innere meines Ohrs weiter. Das Ganze funktioniert nahezu in Echtzeit - Doppler Labs spricht von einer Verzögerung von maximal 30 Mikrosekunden.

In geschlossenen Räumen funktioniert der Bypass-Modus ordentlich, auch wenn die eigene Stimme mit den Hörern im Ohr wie immer etwas komisch klingt und man eigentlich so keine längeren Gespräche führen möchte. Für die Straße ist der Bypass-Modus weniger geeignet, weil die Hörer unter Umständen auch den Wind aufnehmen, der dann akustisch ins Ohr bläst, was genauso unangenehm ist wie es, nun ja, klingt.

Trotzdem: Es fühlt sich schon ein wenig superheldenmäßig an - und ein wenig unheimlich. Drehe ich den Regler nämlich nach oben, verstärke ich damit die Umwelt, anstatt sie auszublenden. Ich kann somit deutlicher hören, was meine Kollegen drei Tische weiter besprechen. Innerhalb der App gibt es voreingestellte Filter, die etwa gezielt für Geräusche im Büro (Gemurmel, Gespräche), im Flugzeug (Turbinen, Klimaanlage) oder in der Stadt (Autos, Wind) konzipiert sind. Oder die gezielt verstärken, was vor oder hinter mir gesagt wird. Ich könnte also im Restaurant sitzen und fremden Menschen am Tisch hinter mir lauschen. Das Wort Lauschangriff bekommt damit noch einmal eine neue Bedeutung.

Eine gefilterte Zukunft



Spannend wird es, wenn man die Technik weiterdenkt. Bislang liefert Doppler Labs mit den Here One nur ein gutes Dutzend voreingestellte Filter mit. Neben den erwähnten allgemeinen Einstellungen gibt es auch einige sehr spezielle. So soll eine gezielt die Geräusche der U-Bahn in San Francisco unterdrücken, also etwa die speziellen Frequenzen der Gleise. Zudem können die Nutzer über das GPS auf dem Smartphone ihren Standort mit den Ohrhörern teilen und Vorschläge für Filter erhalten. Die Schaltfläche pulsiert dann, wenn es an einem Ort Vorschläge gibt.

In Zukunft soll das noch weiter automatisiert werden, sagt CEO Noah Kraft. "Wir wollen es ermöglichen, dass ein Geräusch erkannt wird, bevor es das Ohr erreicht und die Software automatisch Filter auf Basis der Nutzervorlieben hinzufügt." Die Here One könnten dann die Geräuschkulisse anpassen, je nachdem, wo ihre Träger sich befinden. Sie könnten erkennen, ob man im Büro oder auf der Arbeit sitzt. Entwicklungen im Bereich der Spracherkennung und künstlichen Intelligenz sollen die automatische Erkennung noch weiter vorantreiben und die Filter noch verfeinern: Es ist theoretisch denkbar, dass jede einzelne U-Bahn-Station einen eigenen Filter bekommt, der genau auf die Geräuschkulisse vor Ort abgestimmt ist. Und auch für den Konsum der Zukunft gibt es Potenzial: Wer etwa mit den Ohrhörern an einem Burgerladen vorbeikommt, könnte exklusive Angebote direkt ins Ohr erhalten. So weit ist Here One zwar noch nicht, Kraft hat aber anklingen lassen, dass Doppler Labs über Partnerschaften nachdenke.

Nach zwei Stunden ist Schluss

Solche Szenarien sind für eine Realität, in der Menschen nicht nur Computer in ihren Hosentaschen, sondern auch im Ohr tragen. Und zwar ständig. Diese Realität ist zumindest im Fall von Here One noch ein Stück weit entfernt, was vor allem an der enttäuschenden Akkuleistung liegt: Bloß etwa zwei Stunden halten die Here One mit einer Ladung durch. Bis zu vier Ladungen stecken zwar in dem kleinen Gehäuse, in dem sie ausgeliefert werden und dass sich per USB-Kabel laden lässt. Doch um die Ohrhörer zu laden, vergeht eine knappe Stunde. Zum Vergleich: Die Airpods halten gute fünf Stunden durch, haben aber auch nicht die Filtermöglichkeiten der Here One.

Die Verantwortlichen von Doppler Labs sagen, man wolle die Akkuleistung künftig weiter verbessern. Für die erste Generation habe man sich zunächst auf Akustik und Ästhetik konzentriert. Die Nutzer sollten die smarten Filter ausschalten, wenn sie diese nicht nutzen, denn sie verbrauchen mehr Energie, heißt es in den Tipps, die Doppler Labs ungefragt per Mail an die Nutzer verschickt. Damit wird dann aber auch eine der wichtigsten Funktionen ausgeschaltet. Ohnehin macht die geringe Laufzeit einige der Filter praktisch obsolet: Der Flugzeugfilter etwa ist dann nur noch für Kurzstrecken zu gebrauchen. Vorausgesetzt, man hört nicht schon auf dem Weg zum Flughafen Musik.

Die Here One seien derzeit aber ohnehin nicht dafür gedacht, um den ganzen Tag getragen zu werden, sagt Noah Kraft: "Wir müssen auch soziologische und kulturelle Aspekte beachten." Die Menschen müssten langsam an das Gefühl herangeführt werden, Ohrhörer auch in Situationen zu tragen, in denen es bislang nicht der Fall war. Zunächst sei es deshalb wichtig, die Kunden langsam an das Gefühl eines Computers im Ohr heranzuführen. Ähnlich, wie es mit Smartphones der Fall war.

Das bringt uns dann zum Fazit: Auch wenn die Here One in Sachen Klangqualität zu den derzeit besseren Bluetooth-Hörern auf dem Markt gehören, sind sie zum jetzigen Zeitpunkt vor allem ein Produkt für Menschen, die schon mal wissen wollen, wie sich die Zukunft anhört. Und die 330 Euro übrig haben, um sich diesen Vorgeschmack leisten zu können.  (zeit-ek)


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