Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/internet-sofort-das-warten-auf-den-festnetzanschluss-kann-teuer-werden-1706-128623.html    Veröffentlicht: 28.06.2017 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/128623

Internet sofort

Das Warten auf den Festnetzanschluss kann teuer werden

Neukunden droht im Festnetz eine Kostenfalle: Bis der bestellte Anschluss erst einmal bereitgestellt ist, kann die provisorische Internetversorgung teuer werden. Wie schwer die großen Anbieter sich tun, auf Kundenbedürfnisse einzugehen, hat der Autor selbst erfahren.

Wer einen Festnetzvertrag unterschreibt und sofort auf eine Internetversorgung angewiesen ist, muss während der Wartezeit mit hohen Kosten rechnen. Denn die Datenpreise, die die Telekommunikationsanbieter von ihren Kunden für die provisorische Internetversorgung via Mobilfunk verlangen, grenzen teilweise an Wucher, sobald das Startvolumen verbraucht ist.

Ob Deutsche Telekom, Vodafone, O2 oder 1&1: Kein großer Telekommunikationsanbieter in Deutschland sichert verbindlich zu, seine Festnetzneukunden zu einem festen Preis über Mobilfunk zuverlässig mit Internet zu versorgen, bis der Festnetzanschluss funktioniert.

Dabei war der Marktführer Deutsche Telekom im vergangenen Jahr schon auf einem guten Weg, als er erstmals darauf reagierte, dass viele Neukunden nicht mehr gewillt sind, wochenlang offline zu sein, während sie auf ihren Anschluss warten.

Internet sofort - mit Nachteil

Im September 2016 stellte die Telekom das Produkt "Magenta Zuhause Schnellstart" vor, das für 49,99 Euro aus einer SIM-Karte und dem LTE-fähigen WLAN-Router Huawei E5577C besteht. Neukunden eines Telekom-Magenta-Zuhause-Tarifs erhalten mit dem Schnellstart-Set einen Gutschein für ein LTE-Datenvolumen von 30 GByte, das nach der Aktivierung 90 Tage lang zur Verfügung steht.

Was zunächst nach einem fairen Angebot klingt, erweist sich als Köder mit einem Haken, der sich offenbart, wenn das Datenvolumen erschöpft ist, wie ich feststellen musste. Wann dieser Zeitpunkt gekommen ist, hängt nicht nur von der Intensität der Internetnutzung ab, sondern auch von der Wartezeit bis zur Aktivierung des Festnetzanschlusses.

Die Bereitstellung ist Glückssache

Wie lange ein Neukunde auf den neuen Anschluss warten muss, erfährt er erst Tage, nachdem er den Auftrag unterschrieben hat. Wenn die Wartezeit bis zur Aktivierung des Festnetzanschlusses nur lang genug ist, kann es auch bei moderater Internetnutzung passieren, dass das Datenvolumen nicht reicht.

In meinem Fall teilte mir die Telekom mit, dass es sieben Wochen dauern würde, bis der bestellte Magenta-Zuhause-Hybrid-L-Anschluss in der Stadtmitte Berlins verfügbar sei. Ich bestellte daher das Magenta-Zuhause- Schnellstart-Set mit 30 GByte Datenvolumen.

Mit Beginn des Provisoriums setzte ich meine Geräte - PCs, Tablet und Smartphones - auf Datendiät: Ich schaltete alle automatischen Updates ab, verzichtete auf große Downloads und streamte Videos nur im unbedingt erforderlichen Umfang. Die 30 GByte waren nach vier Wochen verbraucht, was mich nicht besonders überraschte - schließlich sind in VDSL-Haushalten monatliche Datenvolumen von 100 GByte pro Kopf nichts Ungewöhnliches.

Telekom berechnet 448,50 Euro für 30 GByte Daten

Was zu tun ist, wenn das Schnellstart-Datenvolumen erschöpft ist, kann in der Anleitung des Sets nachgelesen werden: "Nach Verbrauch Ihres Datengutscheins können Sie unter http://pass.telekom.de weitere Datenpässe buchen." Die dort verlangten Preise haben es aber in sich: 14,95 Euro stellt die Telekom hier pro verbrauchtem GByte in Rechnung.

Wer also etwa das ursprüngliche Freivolumen von 30 GByte nachkaufen möchte, wird von der Telekom mit nicht weniger als 448,50 Euro zur Kasse gebeten. Andere Anbieter berechnen für die gleiche Leistung ein Zehntel des Preises. So berechnet Mobilcom Debitel etwa im Tarif "Internet-Flat 10000" für 10 GByte Daten im LTE-Netz der Telekom 14,99 Euro pro Monat - allerdings mit einer Vertragslaufzeit von 24 Monaten.

Alle großen Anbieter schröpfen ihre Kunden

Auf Anfrage von Golem.de bestätigt die Telekom, dass es für ihre wartenden Festnetzkunden, die ihr Schnellstart-Datenvolumen verbraucht haben, derzeit keine andere Tarifoption gebe. "Grundsätzlich sollen die Kunden in der Übergangszeit mit dem Datenvolumen ihre Online-Tagesgeschäfte wie Online-Banking, -Recherchen, -Shopping und Ähnliches tätigen können", erklärt Unternehmenssprecherin Nicole Schmidt: "Sollte das Volumen für Streaming-Dienste und Film-Downloads verbraucht werden, muss der Kunde dafür eigene Datenpässe kaufen und einlösen."

Auch O2-Kunden stehen schlecht da

Wer geneigt ist, bei so wenig Verständnis für Kundenbedürfnisse "Typisch Telekom!" auszurufen, sollte bedenken, dass es bei der Konkurrenz kaum besser aussieht: Telefónica O2 bietet Festnetzneukunden überhaupt keine dem Schnellstart-Set vergleichbare provisorische Internetversorgung an. "Sollten Kunden bis zur Freischaltung ihres Anschlusses einen Datentarif wünschen, so empfehlen wir hierfür den Tarif O2 Prepaid Smart 1 GByte", erklärte Konzernsprecherin Julia Hoffstädter auf Anfrage von Golem.de. Pro GByte werden hier 9,99 Euro fällig. Im Vergleich zur Telekom würden für ein Datenvolumen von 30 GByte demnach Kosten von 299,70 Euro entstehen.

Bei 1&1 ist nach 10 GByte Schluss

1&1 bietet seinen Festnetzkunden an, die Wartezeit bis zur Bereitstellung des Festnetzanschlusses ohne Zusatzkosten mit der "Sofort-Start-Option" zu überbrücken - allerdings nur im 3G-Netz. Beim Datenvolumen zeigt sich der Telekom-Reseller mit monatlich 10 GByte vergleichsweise knausrig. "Ein Nachkaufen des Kontingents ist aktuell nicht möglich", sagt 1&1-Sprecherin Salomé Weber Golem.de. Bei Störungen im Zuge der Anschaltung sei 1&1 jedoch bemüht, dem Kunden zusätzliches Datenvolumen bereitzustellen.

Vodafone: 18 GByte pro Monat sollen ausreichen

Festnetzneukunden von Vodafone können ein "SurfSofort 50"-LTE-Paket dazubuchen, das dem Schnellstart-Set der Telekom ähnelt. Für 49,90 Euro bekommen Vodafone-Kunden mit 50 GByte allerdings 65 Prozent mehr kostenloses Datenvolumen als Telekom-Kunden, die 30 GByte erhalten. Zudem zahlen Vodafone-Mobilfunkkunden, die auf einen Festnetzanschluss warten, im "GigaKombi"-Tarif für das provisorische Internet zunächst nichts: Ihnen werden für zwei Monate kostenfrei jeweils 20 GByte auf ihr Mobilfunk-Datenvolumen gutgeschrieben, mit denen sich die Wartezeit überbrücken lässt. "Nach unserer Erfahrung verbraucht ein Haushalt mit bis zu vier Personen im Durchschnitt etwa 18 GByte Daten pro Monat", sagt Vodafone-Pressesprecherin Caren Altpeter Golem.de.

"Für einen kostenlosen Refill des Datenkontingentes gibt es bei Vodafone keinen Standardprozess", sagt Altpeter. Vodafone bemühe sich jedoch um Kulanz: "Ein Kunde, der nach wochenlangem Warten immer noch kein DSL hat, wird erfahrungsgemäß eine kostenfreie Ersatzlösung bekommen."

Einen eindeutig geregelten Anspruch darauf gibt es jedoch nicht. Vodafone-Kunden, die auf ihren Festnetzanschluss warten und kostenpflichtig Datenvolumen nachkaufen, zahlen ähnlich viel wie bei der Telekom: Ein GByte Daten kostet bei Vodafone 14,99 Euro. Wer das dem mit der Telekom vergleichbare 30-GByte-Kontingent kostenpflichtig nachkaufen möchte, zahlt im "WebSessions M"-Tarif von Vodafone 249,90 Euro.

Wer sich beschwert, hat eine Chance

Wie man es auch dreht: Das Kostenrisiko für provisorisches Internet, das besorgniserregende Summen erreichen kann, wenn Kunden wochen- oder monatelang auf einen Festnetzanschluss warten müssen, wird ihnen aufgebürdet. Dabei müssen sie für eine Verzögerung zahlen, die sie nicht zu verantworten haben.

Verbraucherschützer begrüßen grundsätzlich die Angebote zur provisorischen Internetversorgung: "Allerdings müssen die Kosten im Rahmen bleiben", sagt Christine Steffen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen Golem.de. "Es liegt auch im Interesse der Telekommunikationsanbieter, ihre gerade neu gewonnenen Kunden nicht durch saftige Kosten während der Wartephase zu verärgern."

Auch die Telekom ist sich ihres Service-Problems durchaus bewusst. Der doppelte Frust, wochenlang auf den Festnetzanschluss warten zu müssen und dafür auch noch Fantasiepreise für das provisorische Internet berechnet zu bekommen, macht viele Kunden wütend.

Schnelle Eingreiftruppe sorgt für Kulanz

Allerdings wird bei der Telekom wohl nur gehört, wer sich laut genug beschwert: Während der telefonische Kundenservice meine Bitte um ein kostenloses Refill des Datenvolumens wiederholt abbügelt, zeigt sich der Social-Media-Kundenservice des Konzerns problembewusster: @Telekom_hilft gilt als lösungs- und kundenorientiert, steht allerdings nur Kunden zur Verfügung, die diese schnelle Eingreiftruppe der Telekom überhaupt kennen und über funktionierendes Internet und einen Twitter-Account verfügen.

Aber auch mit Hilfe der Twitter-Truppe bin ich weitere neun Tage offline, bis dieses Notfallteam der Telekom die internen Prozesse und offenbar auch unterschiedlichen Informationsstände innerhalb des Unternehmens überwunden hat und mir einen neuen, kostenlosen 30-GByte-Voucher zusendet.

Dabei könnte alles so einfach sein: Wer einen Festnetzvertrag mit Internet abschließt, könnte auf Wunsch vom ersten Tag an einen mobilen Internetzugang zu den gleichen Konditionen bekommen, die auch für die Nutzung des Festnetz-Internets gelten. Der Zugang würde erst abgeschaltet, wenn der Festnetzanschluss funktioniert. Nur leider ist es nicht einfach, weil im deutschen Festnetzgeschäft nach wie vor vieles nicht so funktioniert, wie es längst funktionieren sollte.

Nachtrag vom 28. Juni, 13:30 Uhr:
Mein konkreter Fall endet vorerst im tragisch-komischen Desaster: Nach sieben Wochen Wartezeit sollte mein Festnetz-Hybrid-Anschluss am 27. Juni bereitgestellt werden. Passiert ist am Schalttag jedoch - gar nichts. Auf Rückfrage teilt die Telekom mit, der gesamte Auftrag sei leider fehlerhaft im System verarbeitet worden und müsse daher storniert werden. Sofern ich an einem Anschluss der Telekom weiterhin interessiert sei, müsse ich diesen neu beauftragen.

 (tah)


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