Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/google-wifi-im-test-google-mischt-mit-im-mesh-1706-128577.html    Veröffentlicht: 26.06.2017 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/128577

Google Wifi im Test

Google mischt mit im Mesh

Kinderleicht soll die Einrichtung sein und dank des Mesh-Systems soll das WLAN zu Hause nahezu verlustfrei erweiterbar sein. Google Wifi setzt auf gängige Standards und hält weitgehend, was es verspricht. Für Nerds, die viel konfigurieren wollen, ist der WLAN-Booster aber eher nicht geeignet.

Mesh-Systeme gewinnen an Popularität und werden immer günstiger. Google reiht sich mit einem besonders preisgünstigen Angebot ein, das jetzt auch in Deutschland verfügbar ist: Google Wifi. Angepriesen wird die WLAN-Erweiterung als besonders einsteigerfreundlich. Die Einrichtung ist weitgehend automatisiert, Google Wifi soll ohne Eingreifen stets die optimale Verbindung ermitteln und außerdem sollen die Stationen schick aussehen und möglichst unauffällig herumstehen.

Prinzipbedingt sind die Konfigurationsmöglichkeiten auf ein Minimum reduziert und deswegen für Fortgeschrittene eher uninteressant. Aber die weitgehende Wartungsfreiheit hat durchaus ihren Reiz und in unserem Test verrichtete Google Wifi zuverlässig seine Aufgabe, das WLAN zu erweitern und beschleunigen. Die dazugehörige App ermöglicht weniger Eingriffe in die Hardware oder für Netzwerkeinstellungen als andere Profilösungen, bietet dafür aber übersichtliche Konfigurationsmöglichkeiten zur Nutzung im heimischen WLAN. Ein paar Ungereimtheiten und Fallstricke gibt es aber doch - nicht alle sind Google Wifi anzukreiden.

Rund statt eckig

Die Stationen - oder Nodes - heben sich durch das zylindrische Design deutlich von anderen, meist quadratischen Geräten ab. Es gibt keine sichtbaren Antennen, die Verkabelung verschwindet durch eine Ausbuchtung in die Unterseite des Geräts. Auf halber Höhe des weißen Kunststoffgehäuses ist ein schmaler Streifen, durch den eine LED leuchtet, im konfigurierten Betriebsmodus ebenfalls in weißer Farbe. Es kann so auch als Nachtlicht verwendet werden. Über die App lässt sich die Helligkeit nachträglich einstellen. Mit 340 Gramm ist Google Wifi schwerer als vergleichbare Geräte und mit einem Durchmesser von 106 mm und einer Höhe von 69 mm recht groß.

Google Wifi ist zwar mit kräftiger Hardware ausgestattet, aber kein High-End-Gerät: Die Antennenkonfiguration gibt Google mit 2x2 MIMO bei Nutzung von 802.11a/b/g/n/ac an. Die Antenne ist als fast durchgängiger Ring im Inneren des Gehäuses platziert. Als Dual-Band-Gerät wird maximal 1.200 MBit/s unterstützt, davon werden 867 MBit/s für ac-WLAN benötigt. Mit seinem AC1200-Standard ist Google Wifi durchaus kompatibel zu den meisten gängigen Geräten, inzwischen sind Geräte mit AC2300 oder mehr erhältlich. Außerdem gibt es eine Zigbee-Schnittstelle.

Gute Reichweite im vermaschten Netz

Google Wifi ist mit nur zwei Funkmodulen ausgestattet, die auch für das Backbone im Mesh-Netzwerk verwendet werden. Das reduziert den Datendurchsatz geringfügig für angebundene Clients. Teurere Lösungen haben ein weiteres Modul, das ausschließlich für das Backbone reserviert ist. In der App lassen sich einzelne Geräte jedoch priorisieren, wenn eine datenintensive Verbindung einmal nötig ist. Selbst bei einer Verbindung vom vierten Stock auf den Gehweg lag der Datendurchsatz bei etwa 50 MBit/s. In der Wohnung waren es meist Werte von 120 MBit/s beim Audiostreaming, auch wenn noch eine Wand zwischen Client und Node dazwischen lag. Auch im Stockwerk unter der Wohnung erreichten wir mit 90 bis 100 MBit/s recht gute Werte.

Das von Google Wifi bereitgestellte vermaschte Netzwerk soll auch Aussetzer verhindern, wenn der Client von einem Node zum anderen wechselt. Bei der Videotelefonie klappte das gut, beim Audiostreaming gab es jedoch kleine, kaum hörbare Aussetzer beim Wechsel zwischen den Stationen.

Ordentlich ausgeleuchtet

Auf Anfrage von Golem.de sagte der zuständige Produktmanager bei Google, Ben Brown, Google Wifi lasse sich beliebig um weitere Nodes erweitern. Allerdings sinke dann der Datendurchsatz stetig, was wohl auch dem Mangel eines dezidierten Moduls für das Backbone geschuldet ist. Uns standen vier Stationen zur Verfügung, die aber reichen, um mindestens 200 Quadratmeter gut zu versorgen.

Jede Station hat an der Unterseite zwei RJ54-Buchsen mit Gigabit-Ethernet. Eine verbindet die Basisstation mit dem WAN, etwa über einen Router. Mit beiden lässt sich die Station auch als Switch verwenden, auch per Powerline. Die Stromversorgung erfolgt über einen USB-3.0-Steckplatz und das beigelegte Netzteil. Offenbar dient der Steckplatz ausschließlich zur Stromversorgung, schließt man eine Station per USB an einen Linux-Rechner, gibt der Kernel keinerlei Meldungen aus. Der Anschluss externer Datenträger oder anderer Geräte ist also nicht vorgesehen.

Bluetooth zur Konfiguration

Ebenfalls integriert ist Bluetooth Smart alias Bluetooth Low Energy, das allerdings lediglich zur Einrichtung dient. Zur Ausstattung gehören ferner 512 MByte RAM, was recht großzügig ist. Per eMMC sind 4 GByte Flashspeicher angebunden, intern arbeitet ein ARM-Vierkernprozessor, der mit bis zu 710 MHz getaktet werden kann. Die Leistungsaufnahme lag zwischen 3 und 7 Watt. Infineons SLB 9615 dient als (TPM) Trusted Platform Module, verschlüsselt wird per WPA2-PSK. Google verspricht automatische Updates für die Geräte.

Ansonsten ergab der Scan mit Nmap auf die Basisstation von außen keinerlei Unregelmäßigkeiten. Außer der MAC-Adresse gab das Gerät keine Informationen preis und es gab keine offenen Ports. Im internen Netz waren die Geräte nur geringfügig geschwätziger. Die drei eben genannten Webseiten werden über den Webserver jeweils auf den Ports 80, 8080 und 8081 ausgeliefert. Es gibt den Mini-UPnP-Server 1.9, der UPnP in Version 1.1 kennt. Außerdem läuft darauf der Linux-Kernel 3.13, der auch in Googles Betriebssystem Brillo verwendet wird, das wiederum auf Googles Router Onhub läuft. In den Header-Dateien entdeckten wir mehrfach die Zeichenkette "Onhub".

Dynamische Kanalwahl

Nicht die Clients wie Smartphones oder Notebooks kümmern sich um die Auswahl des Frequenzbands und des korrekten WLAN-Access-Points, sondern das WLAN-System übernimmt dies selbst. Prinzipbedingt ist das der bessere Weg, da dem WLAN-System mehr Informationen zur Infrastruktur bereitstehen als den jeweiligen Clients. Allerdings ist der Frequenzbereich im 5-GHz-Band auf die Kanäle 36 bis 48 begrenzt, weil Google derzeit noch auf die Radarschutztechnik DFS verzichtet, die bei den höheren Kanälen 52 bis 64 oder 100 bis 140 notwendig wären. In unseren Testumgebungen in zwei Berliner Wohnhäusern sind die Kanäle 36 bis 48 aber noch längst nicht ausgereizt. Außerdem scannt Google Wifi die Umgebung in regelmäßigen Abständen und wechselt automatisch den Kanal, wenn ihn sich zu viele fremde WLANs in teilen. Das funktionierte bemerkenswert gut.

Die Einrichtung und der Betrieb werden ausschließlich per App gesteuert und für Android ab Version 4.0 und iOS ab Version 8.0 zur Verfügung stehen. Ein Webinterface gibt es nicht, was wir als Manko empfinden. Zwar entdeckten wir bei einem Portscan einen Webserver auf den Geräten. Darüber wird aber nur der Hinweis ausgegeben, dass eine App für den Betrieb notwendig, eine angesurfte Webseite gesperrt oder das WLAN für das Gerät vorübergehend deaktiviert ist. Doch dazu später mehr.

IPv4 und IPv6

Wird die Basisstation per beigelegtem Ethernetkabel an einem Router angeschlossen, holt sie sich dort - sofern vorhanden - per DHCP eine IP-Adresse ab. Alternativ kann in der App der Basisstation eine feste IP-Adresse zugewiesen werden. Sein eigenes Netzwerk verwendet stets das Subnetz 192.168.86.0/24, was sich nicht verändern lässt. Google Wifi beherrscht inzwischen auch IPv6, das allerdings explizit aktiviert werden muss. Darüber sind die Nodes aber dann auch von außerhalb des Netzwerks per Ping zu erreichen.

Im Mesh-Modus führt das zu einer doppelten Adressübersetzung (Double-NAT), was unter Umständen zu Problemen bei einigen Onlinespielen oder bei VoIP führen kann. Verwendet man nur einen einzigen Google-Wifi-Node, lässt sich dieser auch als Netzwerkbrücke oder im Access-Point-Modus verwenden. Der Access-Point-Modus in Kombination mit mehreren Nodes soll später per Software-Update nachgereicht werden.

QR-Codes statt WPS

In der App werden alphanumerische Codes aller entdeckten Nodes aufgelistet. Die Codes befinden sich auf der Unterseite der Stationen. Daneben gibt es einen QR-Code. Beim Einrichten des ersten Nodes muss dieser mit dem Smartphone eingescannt werden. Wenige Sekunden später wechselt die Farbe der LED von Blau zu Weiß, die App meldet Vollzug und beginnt mit einem Software-Update, was wiederum einige Minuten dauert.

Weitere Nodes können anschließend per Abgleich der alphanumerischen Codes über Bluetooth Low Energy (BLE) konfiguriert werden, wenn das Smartphone sich in der Nähe befindet. Scheitert ein Datenaustausch per BLE, lässt sich stattdessen wieder der QR-Code auf der Rückseite einer Station einlesen. Erstaunlicherweise gelang die erneute Konfiguration einer bereits verwendeten Station auch ohne Bluetooth oder QR-Code, auch nachdem wir einen Factory Reset vorgenommen haben. Das liegt vermutlich an den in der App zuvor gespeicherten Informationen. So gelang uns die Einrichtung aller vier Stationen problemlos in wenigen Minuten. Dankenswerterweise verzichtet Google auf WPS, das wegen Sicherheitsbedenken immer mehr in die Kritik gerät.

Wer will, kann Google Wifi auch als Ersatz für einen Router verwenden, wenn die Basisstation an ein Modem angeschlossen wird. Dann lassen sich in den Einstellungen der App unter PPPoE die Zugangsdaten zur Einwahl beim Internet Service Provider (ISP) eintragen.

Google sammelt keine Daten

Bedenken wegen an Google übertragener Daten zerstreute der leitende Produktmanager bei der Vorstellung des Geräts. Der Suchmaschinenanbieter sammele keinerlei persönliche Daten über Google Wifi, etwa zum Surfverhalten der Nutzer. Finanziert werde das Gerät ausschließlich über den Verkauf der Hardware und nicht über Verwertung privater Daten. In der App werde in den Nutzungsbedingungen der Schutz der Privatsphäre ausgiebig behandelt.

Ganz ohne Datenerhebung kommt Google Wifi standardmäßig aber dann doch nicht aus. In den Privacy Settings lassen sich folgende Einstellungen ausschalten: Anonymisierte Statistiken zur Nutzung der WLAN-Stationen und Meldungen, wenn die Geräte Probleme haben, ebenfalls anonymisierte Statistiken zur Nutzung der App sowie Fehlerprotokolle. Beide sollen zur Verbesserung von Google Wifi beitragen. Damit Nutzer auch von außerhalb auf ihre WLAN-Einstellungen bis auf das Kennwort zugreifen können, werden sie in Googles Cloud verschlüsselt gespeichert. Wer diese Cloud-Dienste von Google Wifi ausschaltet, muss auf solche Funktionen verzichten.

Kinderleichte Einrichtung

Für die weitere Einrichtung holten wir uns die Hilfe eines Teenagers, der zunächst etwas von Kinderarbeit murmelte, als wir ihm die Geräte und das Smartphone in die Hand drückten. Die zweite Testumgebung ist eine mehr als 100 qm große Berliner Altbauwohnung, die normalerweise nur mit dem WLAN eines einzigen Routers ausgeleuchtet ist. Der ist zwar zentral platziert, steht allerdings am Boden in einer Ecke im Wohnzimmer. In den am weitesten entfernten Zimmern ist das WLAN so gut wie gar nicht nutzbar. Zudem sind haufenweise andere WLAN-Netzwerke in der Nähe. In der Vergangenheit mussten wir mehrfach manuell Kanäle festlegen, damit das WLAN wieder halbwegs funktionierte.

Zunächst besprachen wir die Platzierung der Stationen unter Rücksichtnahme des Hinweises in der App, sie nicht weiter als zwei Zimmer von der Basisstation aufzustellen - ein wichtiger Tipp, denn zunächst wollte unsere Testperson die zusätzlichen Stationen in den hintersten Winkel der schlecht ausgeleuchteten Zimmer platzieren. Dann ließen wir den Teenager einfach machen. In weniger als 15 Minuten meldete er Vollzug und verschwand mit seinem Smartphone in seinem Zimmer, um das neue WLAN-Netzwerk auszunutzen. In der Google-Wifi-App kann das neue WLAN auf Geschwindigkeit getestet werden. Steht ein Node ungünstig, weist die Software darauf hin.

Optimale Kanalauswahl

Mit der App Wifi Analyser stellen wir fest, dass Google Wifi tatsächlich den am wenigsten genutzten Frequenzbereich in der Umgebung nutzte und die Signalstärke in allen Räumen gleichbleibend hoch war - ein deutlicher Unterschied zum Urzustand. Auch im automatischen Modus müssen viele Router zunächst aus- und wieder eingeschaltet werden, damit sie wieder einen optimalen Kanal finden. Eine manuelle Einrichtung ist für Einsteiger kaum zu bewältigen. Dank des Mesh-Aufbaus funktionierte Google Wifi auch dann noch, als wir eine Station vorübergehend deaktivierten. Die App wies uns dann darauf hin. Als wir den Node wieder aktivierten, lief er ohne Zutun wieder tadellos.

In der App gibt es auch Einstellungen, die als Familien-Modus bezeichnet werden. Dort können im WLAN-Netz verbundene Geräte mit einer zeitlich begrenzten Nutzung konfiguriert oder sofort pausiert werden, was einen Zuruf aus dem Kinderzimmer auslöste. Offenbar arbeitet Google auch am Jugendschutz. Zumindest erscheint auf dem Port 8081 eine Webseite mit dem Text "Hmm ... this site may not be allowed" und ein Hinweis, man möge sich doch an seine Eltern wenden. Ein Gast-Netzwerk lässt sich selbstverständlich auch einrichten. Es gab trotzdem lange Gesichter, als wir die Geräte wieder zurücksetzten und einpackten.

Verfügbarkeit und Fazit

Google Wifi ist ab dem heutigen 26. Juni 2017 in Deutschland verfügbar. Ein einzelner Node kostet 139 Euro, ein Zweier-Pack 250 Euro.

Fazit

Google Wifi verrichtet seine Aufgaben zuverlässig und zufriedenstellend. Besonders die einfache Einrichtung hat uns überzeugt. Einsteiger müssen sich nicht mit Frequenzen und Kanälen herumschlagen, sondern können gleich loslegen. Das Design überzeugt ebenfalls, die Stationen, auch als Nachtlichter bezeichnet, dürfen im Freien aufgestellt werden - anders als der stets blinkende Router. Zu Hause in der etwa 70 qm großen Wohnung ist Google Wifi eine nützliche Ergänzung zu unserem veralteten Telekom-Router. Ein halbwegs guter Repeater kostet aber deutlich weniger.

In größeren Wohnungen oder mehrstöckigen Häusern kann Google Wifi aber preislich mithalten. Es ist eine kostengünstige Alternative zu High-End-Geräten. Wer jedoch über aktuelles Gerät verfügt, etwa eine Fritzbox und entsprechende Repeater, kommt unter Umständen günstiger weg.

Die App ist vorbildlich gestaltet, gibt nützliche Hinweise zur Aufstellung und meldet, wenn eine Station ungünstig steht. Nerds werden das Fehlen einiger Einstellungsmöglichkeiten kritisieren, Einsteiger werden sie nicht vermissen. Etwas ärgerlich ist die Bindung an die App, eine Weboberfläche gibt es nicht.

Für diejenigen, die ohne Kopfzerbrechen ein funktionierendes WLAN bis in den Partyraum im Keller oder dem Atelier unter dem Dach einrichten wollen, ist Google Wifi durchaus eine Überlegung wert.  (jt)


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