Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/netzneutralitaet-ccc-lehnt-streamon-der-telekom-ab-1706-128559.html    Veröffentlicht: 23.06.2017 16:22    Kurz-URL: https://glm.io/128559

Netzneutralität

CCC lehnt Stream On der Telekom ab

Die Bundesnetzagentur prüft weiterhin den Zero-Rating-Tarif Stream On der Deutschen Telekom. Nach Ansicht des CCC ist dieser "kein Modell für die Zukunft des Internets".

Des Chaos Computer Club (CCC) hält den Stream-On-Tarif der Deutschen Telekom für unvereinbar mit dem Prinzip der Netzneutralität. "Mit diesem Schonprogramm für das Telekom-Netz wird nicht nur das Zweiklassen-Internet Realität, sondern auch der Wettbewerb um hohe Bandbreiten ausgebremst", sagte CCC-Sprecher Linus Neumann am Freitag. Daher sei Stream On "kein Modell für die Zukunft des Internets".

Die Bundesnetzagentur prüft seit Anfang April 2017, ob das Angebot mit den europäischen Vorgaben zur Netzneutralität vereinbar ist. Bei Kunden, die die Option Stream On gewählt haben, wird der Traffic von gestreamten Video- und Musikdaten der teilnehmenden Diensteanbieter nicht auf das vereinbarte Datenvolumen angerechnet. Zwar werden zentrale Forderungen durchaus erfüllt, doch ist fraglich, ob beispielsweise die technische Umsetzung erlaubt ist. So stören sich beispielsweise die Verbraucherschützer daran, dass die Auflösung von Videostreams sämtlicher Anbieter und nicht nur die der Partnerunternehmen reduziert wird, solange die Option aktiviert ist.

Ist eine DPI erlaubt?

Das gefällt auch dem CCC nicht, der mit media.ccc.de einen eigenen Streamingdienst anbietet. Zudem befürchtet der Verein, dass andere Anbieter der Deutschen Telekom folgen und ähnliche Zero-Rating-Dienste starten. Das würde zu einer "willkürlichen Segmentierung des Internets führen". Vor allem kleinere Streaming-Anbieter wären nicht in der Lage, mit jedem Provider die entsprechenden Verträge abzuschließen. Bei der Telekom muss unter anderem eine Sicherheitsleistung in Höhe von 50.000 Euro hinterlegt werden. Kleine Provider können es sich dem CCC zufolge zudem nicht leisten, die Anmeldung von Tausenden Streaming-Anbietern zu bearbeiten.

Problematisch findet der CCC ebenfalls die technischen Maßnahmen der Telekom, um den Traffic der Kooperationspartner zu erkennen. Dazu analysiere die Telekom beim Surfen URLs und andere Merkmale, die Rückschlüsse auf das Nutzerverhalten zuließen. "Dies ist technisch nur mittels Deep Packet Inspection (DPI) zu bewerkstelligen. Diese Gefahrentechnologie hat die EU mit ihren Netzneutralitätsregeln explizit verboten", heißt es weiter.

Bundesnetzagentur hat keine Eile

Der CCC bezieht sich dabei auf einen Passus in den Leitlinien der europäischen Regulierungsbehörden, in denen es in Punkt 69 heißt: "Verkehrsmanagementmaßnahmen, bei denen nicht der konkrete Inhalt, sondern andere Aspekte, z.B. der generische Inhalt, überwacht werden, sollten hingegen als zulässig gelten. Von den ISP eingesetzte Überwachungsverfahren, die sich auf die Informationen im IP-Header und im Header der Transportschichtprotokolle (z.B. TCP) stützen, können als generischer Inhalt gelten, im Gegensatz zum konkreten Inhalt, der von den Endnutzern selbst stammt (wie Text, Bilder und Videos)."

Allerdings erlauben die Leitlinien eindeutig ein Zero-Rating, das nach bestimmten Anwendungskategorien oder Anwendungen unterscheidet. Insofern würden sich die Leitlinien selbst widersprechen, wenn sie es den Providern nicht ermöglichten, solche Anwendungen zu erkennen. In diesem Fall ist eher dem europäischen Gesetzgeber der Vorwurf zu machen, der ein Zero-Rating in der EU-Verordnung nicht eindeutig untersagt hat.

Die Bundesnetzagentur scheint mit der Prüfung der Stream-On-Option derzeit keine Eile zu haben. "Im Rahmen der Prüfung hört die Bundesnetzagentur die Telekom, aber auch verschiedene Marktbeteiligte, Verbände und Behörden an. Mit einer Entscheidung der Bundesnetzagentur ist nach Auswertung aller Stellungnahmen zu rechnen. Dies kann einige Zeit in Anspruch nehmen", teilte ein Sprecher auf Anfrage mit.  (fg)


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