Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/mi-6-im-test-xiaomis-500-euro-angriff-auf-die-teure-smartphone-oberklasse-1706-128137.html    Veröffentlicht: 01.06.2017 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/128137

Mi 6 im Test

Xiaomis 500-Euro-Angriff auf die teure Smartphone-Oberklasse

Xiaomis neues Mi 6 vereint wieder äußerst starke Hardware mit einem dafür sehr niedrigen Preis. Die Dual-Kamera ermöglicht wie beim iPhone näher herangezoomte Aufnahmen mit Hintergrundunschärfe. Zu beachten bleiben bei importierten Xiaomis weiterhin die Software und die LTE-Frequenzen.

Xiaomis hat sein neues Top-Smartphone Mi 6 im April 2017 vorgestellt, mittlerweile ist das eigentlich nur in Asien erhältliche Smartphone über Importhändler auch in Deutschland zu haben. Bei einem Preis von um die 450 Euro ist das 5,15-Zoll-Gerät mit Snapdragon-835-Prozessor, 6 GByte Arbeitsspeicher und Dual-Kamera deutlich günstiger als vergleichbare Konkurrenzprodukte.

Golem.de hat sich das Mi 6 genau angeschaut und dabei geprüft, ob und für wen sich der Import lohnt. Unser Testgerät wurde uns vom Onlinehändler Gearbest zur Verfügung gestellt, bei dem das Smartphone auch in verschiedenen Versionen erhältlich ist.

Äußerlich sieht das Mi 6 unauffällig und - verglichen mit vielen Konkurrenzgeräten - geradezu klein aus. Das Display ist mit 5,15 Zoll mittlerweile eher klein, was dazu führt, dass das Smartphone sehr gut in der Hand und in der Hosentasche liegt. Die Ränder der Rückseite sind angenehm abgerundet, das Glas der Rückseite ist allerdings sehr rutschig.

Keine Spielereien beim Display

Auf der Vorderseite hat Xiaomi glücklicherweise auf in unseren Augen sinnlose Edge-Rand-Spielereien beim Display verzichtet und ein ganz normales Panel verbaut. Es ist anders als beim Mi Note 2, von weitaus besserer Qualität und kommt ohne den störenden granularen Hintergrund eines POLED-Panels. Die Auflösung liegt bei 1.920 x 1.080 Pixeln, was bei der Größe zu einer Pixeldichte von 428 ppi führt. Inhalte werden entsprechend scharf dargestellt, die Farben sind in der Grundeinstellung neutral und die Blickwinkelstabilität ist gut.

Unterhalb des Displays ist ein Homebutton eingebaut. Er hat keinen Druckpunkt, sondern dient als reiner Sensor-Button. Integriert ist ein Fingerabdrucksensor, der zuverlässig funktioniert.

Auf der Rückseite hat das Mi 6 neben einem LED-Blitz gleich zwei Kameras: Wie Apple beim iPhone 7 Plus setzt Xiaomi auf zwei Sensoren mit Objektiven unterschiedlicher Brennweite, die sich ergänzen. Damit unterscheidet sich der Hersteller vom chinesischen Konkurrenten Huawei, der zwei Objektive mit gleicher Brennweite verwendet. Xiaomi hatte beim Mi 5s Huaweis Konfiguration mit einer RGB- und einer Monochrom-Kamera eingesetzt, hat jetzt aber das Konzept gewechselt.

Zwei Kameras für gute Porträts

Die Hauptkamera hat 12 Megapixel, eine auf das Kleinbildformat umgerechnete Brennweite von 27 mm, ein sechslinsiges Objektiv mit einer Anfangsblende von f/1.8 sowie einen optischen Bildstabilisator. Die zweite Kamera kommt ebenfalls mit einem 12-Megapixel-Sensor, der allerdings etwas kleinere Pixel hat - 1 µm anstelle von 1,25 µm. Das Objektiv hat umgerechnet eine Brennweite von 52 mm, allerdings nur fünf Elemente und eine schlechtere Anfangsblende von f/2.6. Einen Bildstabilisator hat die zweite Kamera nicht.

Die Bildqualität des Mi 6 gefällt uns gut: Tageslichtaufnahmen haben eine gute Schärfe und gut erkennbare Details, der Weißabgleich stimmt. Die Fotos sind qualitativ auf einer Höhe mit denen anderer Top-Smartphones; ein Unterschied etwa zu den aktuellen Galaxy-S8-Modellen ist die etwas weniger starke Kantenglättung beim Mi 6.

Die mit dem längeren Objektiv gemachten Bilder können qualitativ mit dem Hauptobjektiv mithalten, zumindest bei Tageslicht. Bei schummriger Beleuchtung hingegen rauscht die zweite Kamera merklich stärker - und auch bei der ersten sieht man recht schnell Artefakte und Bildrauschen. Bei heller Beleuchtung gefallen uns die Kameras des Mi 6 eindeutig besser.

Umschalten per Schaltfläche oder Digitalzoom

Zwischen den beiden Objektiven können wir wie beim iPhone entweder direkt über eine Schaltfläche oder mit Hilfe des Pinch-Zooms umherschalten. Die Schaltfläche springt sofort in die zweifache Vergrößerung, der Zoom überbrückt den Abstand digital. Insgesamt steht ein zehnfacher Digitalzoom zur Verfügung, der die üblichen Qualitätseinbußen hat.

Ebenfalls wie das iPhone 7 Plus hat das Mi 6 einen Porträtmodus, der nur mit dem zweiten, längeren Objektiv funktioniert. Hierbei wird der Hintergrund automatisch weichgezeichnet, um den Unschärfeeffekt einer Spiegelreflexkamera zu simulieren. Auf die Stärke der Weichzeichnung können wir keinen Einfluss nehmen, das macht das Mi 6 komplett automatisch: Je nachdem, wie der Hintergrund gestaffelt ist, sind die unterschiedlichen Bildteile verschieden unscharf. Je weiter ein Objekt von der Kamera entfernt ist, desto unschärfer ist es.

In der Praxis funktioniert der Porträtmodus beim Mi 6 ganz gut, er zeigt aber die gleichen Schwächen wie viele andere derartige Systeme. Solange das Objekt im Vordergrund klar abgegrenzte Kanten hat, erzielen wir tolle Resultate - auch bei etwas schwierigeren Motiven wie einer Hand mit ausgestreckten Fingern. Sobald die Umrisse aber etwas komplizierter sind, stimmt die Randberechnung nicht immer. Dann werden auch mal Teile des Hauptmotivs zum Hintergrund gezählt und umgekehrt. Entsprechend kommt es zu Fehlberechnungen. Gesichter erkennt der Porträtmodus automatisch, wir können die Funktion aber auch für andere Dinge verwenden.

Übersichtliche Kamera-App

Die Kamera-App des Mi 6 ist übersichtlich und bietet neben dem Porträtmodus noch weitere Aufnahmemodi, um beispielsweise Panoramen aufzunehmen. Die Modi sind über eine Schaltfläche am unteren Rand des Sucherbildes zu erreichen und nicht - wie der Porträtmodus - direkt mit einer Schaltfläche aufrufbar. Ebenfalls in die App integriert sind verschiedene Aufnahmefilter.

Sehr gut gefallen hat uns der Phasenvergleichs-Autofokus, der in Sekundenbruchteilen fokussiert. Diesbezüglich unterscheidet sich das Mi 6 nicht nennenswert von den aktuellen Galaxy-S8-Modellen von Samsung, die ebenfalls sehr schnell scharfstellen. Im Videomodus kann das Mi 6 4K-Aufnahmen bei 30 fps machen. Zeitlupenaufnahmen beherrscht die Kamera in 720p bei 120 fps. Bei Videoaufnahmen setzt das Smartphone ebenfalls einen Bildstabilisator ein. Die Frontkamera hat 8 Megapixel und einen Aufhübschungsmodus.

Schnelles System mit Qualcomms Top-Pozessor

Im Inneren des Mi 6 arbeitet Qualcomms aktueller Top-Prozessor Snapdragon 835 mit einer Taktfrequenz von 2,45 GHz. Unser Modell hat 6 GByte Arbeitsspeicher und 64 GByte Flash-Speicher. Einen Steckplatz für Micro-SD-Karten gibt es wie bei Xiaomi üblich nicht, dafür können Nutzer zwei Nano-SIM-Karten gleichzeitig verwenden. Das Mi 6 gibt es auch noch mit 128 GByte internem Speicher, wahlweise als Glas-Variante oder aus Keramik.

Die Prozessor- und Speicherausstattung des Mi 6 sorgen für eine absolut flüssige Benutzung. Auch leistungsintensive Anwendungen wie grafisch aufwendige Spiele sind für das Smartphone kein Problem. Dies spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Benchmark-Tests wieder: Im Gerätetest Geekbench 4.1 erreicht Xiaomis neues Smartphone einen Single-Score von 1.920 Punkten - das ist das gleiche Niveau, wie es die Galaxy-S8-Modelle haben.

Etwas zu gute Werte beim 3DMark

Im Icestorm-Unlimited-Test des 3DMark kommt das Mi 6 bei uns auf durchschnittlich 41.132 Punkte - ein Wert, der um einiges besser ist als der vergleichbarer Konkurrenzgeräte. Zum Vergleich: Das Galaxy S8 kommt hier auf rund 28.500 Zähler, ebenso das LG G6. Wir haben den Test mehrfach durchlaufen lassen und kommen immer auf ein Ergebnis von über 41.000 Punkten - wir zweifeln zugegebenermaßen etwas daran, dass es hier mit rechten Dingen zugeht, da der Unterschied zu den anderen Geräten schlicht viel zu groß ist.

Das ist auch vor dem Hintergrund auffällig, da das Mi 6 im Grafiktest GFX Bench durchweg vergleichbare Ergebnisse produziert, wie es die eben noch überflügelte Konkurrenz tut. Im Car-Chase-Test erreicht das Smartphone einen Offscreen-Wert von 25 fps, was exakt dem Ergebnis der beiden neuen Galaxy-S8-Modelle und des LG G6 entspricht.

Hochwertige Hardwareausstattung

Auch der Rest der Hardwareausstattung des Mi 6 ist hochwertig: Das Smartphone unterstützt WLAN nach 802.11ac, Bluetooth läuft in der Version 5.0. Das Gerät beherrscht LTE, allerdings - wie viele für den asiatischen Markt gedachten Geräte - nicht auf dem für viele Gegenden Deutschlands wichtigen Band 20. Nutzer in Deutschland müssen sich also darauf gefasst machen, möglicherweise nicht immer LTE-Empfang zu haben.

Neben den beiden Einschüben für parallel nutzbare Nano-SIM-Karten hat auch das Mi 6 eine fest eingebaute eSIM - mittlerweile ein Standard bei vielen Xiaomi-Geräten. Damit können Nutzer Datentarife buchen, ohne langfristige Verträge abzuschließen. Wie bei früheren Xiaomi-Geräten stehen die Buchungsoptionen allerdings auch beim Mi 6 wieder nur auf Mandarin zur Verfügung, selbst wenn das Smartphone auf Englisch eingestellt wurde.

Android 7.1.1 mit guter Benutzeroberfläche

Unser Testgerät wurde mit der chinesischen ROM des auf Android 7.1.1 basierenden Miui 8.2 ausgeliefert. Diese kann unter anderem auf Englisch eingestellt werden, Deutsch ist als Sprache nicht verfügbar. Xiaomi stellt zu den meisten seiner Smartphones im Laufe der Zeit eine sogenannte Global ROM zur Verfügung, die auch Deutsch als Sprache unterstützt. Aktuell ist diese Version noch nicht verfügbar. Einige Importeure versehen die von ihnen verkauften Geräte mit einem eigenen deutschsprachigen ROM, auch Gearbest scheint dies nach Angaben einiger unserer Leser zu tun - nur wohl nicht bei unserem Testgerät.

Wer das Mi 6 ohne das internationale ROM bekommt, muss sich ein Global ROM selbst installieren. Anders als bei anderen Xiaomi-Geräten, die wir getestet haben, scheint die englische Übersetzung beim Mi 6 aber sowohl fehlerfrei als auch komplett zu sein - mal abgesehen von den eSIM-Einstellungen, die es weiterhin nur auf Mandarin gibt.

Play Store muss nachinstalliert werden

Unser Mi 6 kommt ohne vorinstallierten Play Store - auch hier gibt es aber Importeure, die diesen bereits vorinstallieren. Grundsätzlich ist es bei Xiaomi-Geräten recht einfach möglich, die Google Play Services selbst nachzuinstallieren, auch beim Mi 6. Bisher gängige Wege haben bei uns allerdings nicht funktioniert, allerdings gibt es eine einfache Anleitung, die auf Anhieb geklappt hat.

Grundsätzlich gefällt uns die Nutzeroberfläche von Miui 8.0 sehr gut. Wie bei Xiaomi-Smartphones üblich gibt es - wie bei iOS - keinen App-Drawer, alle Anwendungen werden direkt auf dem Startbildschirm abgelegt. Die Einstellungsmenüs sind übersichtlich, dezent und grafisch ansprechend. Miui bietet wieder einige Extras an Einstellungen, zudem hat Xiaomi manche Funktion verbessert.

So lässt sich jetzt beispielsweise der Nachtfilter auch zeitlich planen, so dass sich ab einer bestimmten Uhrzeit das blaue Licht aus dem Display herausfiltern lässt. Das soll für einen besseren Schlaf sorgen. In der vorigen Version von Miui konnte der Modus nur mit Apps gekoppelt werden, beispielsweise eBook-Readern. Wir empfanden diese Lösung als unpraktisch, die zeitliche Steuerung finden wir wesentlich besser.

Mi 6 schneidet gut im Akkutest ab

Der Akku des Mi 6 hat eine Nennladung von 3.350 mAh. Ein 1080p-Video können wir bei voller Helligkeit neun Stunden lang abspielen - ein guter Wert. Wechselbar ist der Akku - wie bei anderen Xiaomi-Geräten auch - nicht ohne weiteres. Geladen wird das Smartphone über einen USB-Typ-C-Anschluss, es ist schnellladefähig.

Über die USB-Buchse müssen wir auch unseren Kopfhörer anschließen - eine klassische Klinkenbuchse hat das Mi 6 nicht mehr. Xiaomi liefert immerhin einen Adapter mit, ein Kopfhörer hingegen liegt zumindest unserem Testgerät nicht bei.

Verfügbarkeit und Fazit

Das Xiaomi Mi 6 ist offiziell nicht in Deutschland erhältlich und muss über Importhändler eingeführt werden. Bei Gearbest ist die 64-GByte-Version momentan im Angebot und für umgerechnet 420 Euro inklusive Versand erhältlich. Normalerweise kostet dieses Modell knapp 450 Euro. Die 128-GByte-Version mit Glasrückseite kostet momentan umgerechnet 480 Euro, die Keramikversion 535 Euro.

Die Preise unterliegen bei Gearbest mitunter Schwankungen. Bei anderen Händlern kostet die 64-GByte-Version des Mi 6 um die 450 Euro, stellenweise kommen dort noch Versandgebühren hinzu. Gearbest und andere Importeure verschicken ihre Geräte mittlerweile über Warenlager innerhalb der EU, weshalb es eigentlich keine Probleme mit dem Zoll geben sollte. Dennoch ist die Gefahr, dass das Gerät am Zoll festgehalten wird, nicht auszuschließen und sollte beim Kauf berücksichtigt werden.

Fazit

Xiaomis neues Mi 6 gefällt uns sehr gut. Die Verarbeitungsqualität, die technische Ausstattung, die Kamera, die Akkulaufzeit, die Benutzeroberfläche - an dem Smartphone gibt es im Grunde nichts, was enttäuscht.

Mit der Dual-Kamera erweitert Xiaomi das Nutzungsspektrum des Mi 6: Die etwas längere zweite Optik ermöglicht es uns nicht nur, Motive heranzuzoomen, sondern auch Porträts mit Hintergrundunschärfe aufzunehmen. In unseren Tests klappt das in den meisten Fällen sehr gut.

Mit seinem Snapdragon 835 und 6 GByte Arbeitsspeicher bietet das Mi 6 zudem eine technische Ausstattung, die langfristig stark genug für alle Arten von Anwendungsszenarien ist. Einziger Wermutstropfen bei der Hardware ist wieder das fehlende LTE-Band 20, das in manchen Gebieten Deutschlands erforderlich ist, um LTE zu empfangen. Käufer sollten auf jeden Fall wissen, dass es hier zu Einschränkungen kommen kann.

Ebenfalls müssen sich Käufer damit zufriedengeben, das Mi 6 mitunter erst einmal nur auf Englisch benutzen zu können. Erfahrungsgemäß erscheinen im Laufe der Zeit auch ROMs, die Deutsch unterstützen, aber diese müssen Nutzer auch erst einmal flashen. Hier lohnt es sich, beim Importeur nachzufragen, ob der möglicherweise bereits ein deutschsprachiges ROM aufspielt.

Zur weiteren Nutzung importierter Xiaomi-Geräte gehört auch, den Play Store nachzuinstallieren - falls dies der Importeur nicht bereits getan hat und der Nutzer die Google-Services überhaupt verwenden will. Die Installation ist jedoch nicht schwierig und auch für Nutzer ohne Vorkenntnisse machbar.

Wer bereit ist, diese Software-Hürden zu nehmen, wird beim Mi 6 mit einem technisch hervorragenden Smartphone belohnt, das weitaus günstiger ist als vergleichbare Konkurrenzgeräte. Anders als beim Mi Note 2 finden wir, dass sich der Import des Mi 6 lohnt.  (tk)


Verwandte Artikel:
Mi 6: Xiaomis neues Smartphone kommt mit doppelter Kamera   
(19.04.2017, https://glm.io/127376 )
Mi Mix 2 im Test: Xiaomi mixt beim zweiten Mal besser   
(26.10.2017, https://glm.io/130680 )
Xiaomi: Mi Note 3 hat eine Dual-Kamera und ein großes Display   
(11.09.2017, https://glm.io/129977 )
Honor 9 Lite im Test: Gutes Smartphone mit zwei Frontkameras für 230 Euro   
(06.02.2018, https://glm.io/132585 )
Xiaomi Mi Note 2 im Test: Ein Smartphone mit Ecken ohne Kanten   
(16.12.2016, https://glm.io/125089 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/