Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/bastelrechner-nano-pi-im-test-klein-aber-nicht-unbedingt-oho-1705-128060.html    Veröffentlicht: 31.05.2017 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/128060

Bastelrechner Nano Pi im Test

Klein, aber nicht unbedingt oho

Als kleine, günstige Alternative zum Raspberry Pi konzipiert, wecken die Nano Pis immer wieder die Aufmerksamkeit von Bastlern. Der Hersteller hat mittlerweile eine ganze Reihe der Rechner vorgestellt. Wir haben zwei Modelle getestet und sind zu zwei höchst unterschiedlichen Ergebnissen gekommen.

Vor rund zwei Jahren hat der chinesische Hersteller FriendlyARM den ersten Nano Pi vorgestellt, mittlerweile gibt es elf Modelle in der Preisspanne von 8 bis 40 US-Dollar. Wir haben uns zwei aktuelle Geräte näher angeschaut - und dabei nicht vergessen, dass der Softwaresupport chinesischer Bastelrechner traditionell eher fragwürdig ist. Wir wurden teilweise freudig überrascht, was allerdings nicht das Verdienst des Herstellers ist. Zuraten können wir nur zu einem der beiden Geräte.

Nano Pi M1+ - der Raspberry-Pi-3-Konkurrent

Der Nano Pi M1+ basiert auf dem Allwinner H3-SoC, hat also vier Cortex-A7-Kerne mit 1,2 GHz getaktet und eine Mali-400-GPU. Er hat 1 GByte RAM, funkt im WLAN auf 2,4 GHz, unterstützt Bluetooth 4.0 und kostet so viel wie der Raspberry Pi 3. Darüber hinaus hat der M1+ aber auch noch 8 GByte eMMC-Speicher, Gigabit-Ethernet und einen IPX-Anschluss für eine externe Antenne. Dazu ist die Platine mit 64 x 60 mm rund ein Drittel kleiner als ein Raspberry Pi. Allerdings hat der M1+ größenbedingt nur zwei USB-2-Ports. Das macht ihn auf dem Papier insgesamt zu einem attraktiven Konkurrenten für den Raspberry Pi 3.

Der günstige Nano Pi A64

Hinsichtlich der Größe, sonstiger technischer Daten und der wesentlichen Anschlüsse gibt es nur wenige Unterschiede zwischen dem Nano Pi A64 und dem M1+. Wie der Name bereits sagt, kommt auf dem A64 ein Allwinner-A64-SoC zum Einsatz, das heißt, vier Cortex-A53-Kerne mit 1,1 GHz getaktet und Mali-400-GPU. Auf Bluetooth und den eMMC-Speicher müssen Nutzer verzichten. Dafür ist der Rechner etwas günstiger als der M1+.

Eine Merkwürdigkeit betrifft nicht nur diese beiden Nano-Pi-Modelle: Es gibt zwar nur zwei grundlegende Größenformate, aber die Anschlüsse liegen praktisch bei jedem Nano-Pi-Modell an anderer Stelle. Obwohl der M1+ und der A64 gleich groß sind und die gleichen Anschlüsse haben, benötigen sie deshalb unterschiedliche Gehäuse.

Nano Pi M1+: anschalten und loslegen

Auf dem Nano Pi M1+ ist Debian 8 mit dem üblichen Uralt-Kernel 3.4 bereits auf dem eMMC-Speicher vorinstalliert. Das obligatorische Bespielen einer Micro-SD-Karte entfällt. Wir müssen den Rechner lediglich verkabeln.

Die Stromversorgung erfolgt per Micro-USB-Buchse, der Hersteller empfiehlt ein 5V/2A-Netzteil. Bei unseren Strommessungen kommen wir aber im laufenden Betrieb nicht über 0,65 Ampere hinaus.

Die Desktopoberfläche ist aufgeräumt, als Windowsmanager kommt Openbox zum Einsatz. Als Browser ist Iceweasel installiert, den Debian vor fast einem Jahr wieder durch Firefox ersetzt hat - ein Indiz, dass die Nano-Pi-Distribution nicht allzu aufmerksam gepflegt wird.

Unerwartete Entdeckung

Beim Herumspielen mit dem vorinstallierten SMPlayer stoßen wir auf ein bereits vorhandenes Video: den Trailer zu Transformers 2. Wir starten es und zu unserer Freude wird das h.264-1080p-codierte Material hardwareunterstützt abgespielt. Aber wir hören nichts. Dazu müssen wir erst, wie im Wiki beschrieben, eine Konfig-Datei ändern, damit das Tonsignal über HDMI ausgegeben wird.

So motiviert, probieren wir, Kodi zu installieren - doch das existiert in den chinesischen Package-Repositories nicht. Die Linux-Distribution Armbian läuft aber mittlerweile recht gut auf den Allwinner-H3-SoCs. Und im Gegensatz zu den Standarddistributionen ist es Armbian gelungen, Kodi zum Laufen zu bekommen. Der Nano Pi M1+ wird inzwischen auch direkt von Armbian unterstützt. Wir entscheiden uns, eine Micro-SD-Karte mit Armbian zu bespielen.

Die Community bietet eine Alternative

Das Ziel von Armbian ist es, eine Linux-Distribution speziell für ARM-Rechner zu schaffen. Insbesondere bemühen sich die Macher, die erforderlichen Kernel-Änderungen und -Ergänzung in den Mainline-Linux-Kernel zu integrieren. Damit wollen sie dem halbherzigen Gefrickel der chinesischen Bastelcomputer-Hersteller etwas entgegensetzen.

Nichtsdestotrotz basiert auch die Armbian-Distribution auf Basis von Ubuntu 16 für den M1+ auf dem 3.4-Linux-Kernel. Denn nur mit diesem funktionieren auch die Mali-Grafiktreiber. Das ist in unserem Fall praktisch, da Kodi unter Armbian problemlos läuft. HDMI-CEC - daher die Steuerung von Kodi per TV-Fernbedienung - funktioniert allerdings nicht. Diese Schwäche gilt allerdings für alle Allwinner-basierten Bastelrechner. Da der M1+ einen IR-Empfänger hat, gibt es dafür aber ansatzweise eine Lösung.

Für uns irritierend ist aber die fehlende WLAN-Unterstützung, insbesondere da Bluetooth funktioniert. Ein Blick in dmesg zeigt uns, dass anscheinend das Laden des notwendigen Treibers fehlschlägt.

Der M1+ funkt ordentlich

Sowohl unter Armbian als auch unter der Originaldistribution führen wir unsere Benchmarks durch. Bezüglich der Netzwerkperformance gibt es keine Unterschiede. IPerf vermeldet für das Gigabit-Ethernet 662 MBits/s - das ist weit vom theoretisch möglichen Wert entfernt. Bei der WLAN-Geschwindigkeit liegt der Nano Pi M1+ mit rund 45 MBits/s gleichauf mit dem Raspberry Pi 3. Das gilt allerdings nur beim Einsatz mit der externen Antenne. Ohne Antenne kommen wir über 37 MBits/s nicht hinaus.

Hinsichtlich der Rechengeschwindigkeit unterliegt der M1+. Das ist allerdings kein Wunder. Der H3-SoC wurde als preiswerter Prozessor konzipiert, nicht als Rennmaschine. Interessant ist, dass sich die Werte von Sysbench und Unixbench je nach Distribution unterscheiden. Hier zeigt sich noch einmal deutlich, wie wichtig die Anpassung des Betriebssystems an den Prozessor sein kann. In der Anwendungspraxis sind die Performance-Unterschiede aber nicht spürbar. Offensichtlicher wird der Vergleich mit dem Raspberry Pi 3, hier und da ruckelt es beim Nano Pi M1+.

Während der Benchmarks wird der Prozessor zwar heiß, steht die Benchmarks aber ohne Probleme durch. Wird der Rechner im laufenden Betrieb nicht zu sehr gefordert, ist ein Betrieb ohne passive oder aktive Kühlung machbar.

Wenig Distributionen für den Nano Pi A64

Der Nano Pi A64 gehört mit dem Pine 64, Banana Pi M64 und Orange Pi Win zu jenen 64-Bit-ARM-Rechnern, die in den vergangenen Monaten auf den Markt gekommen sind, sich vor allem durch ihren Preis unter 100 Euro auszeichnen und auch explizit als 64-Bit-Rechner vermarktet werden - im Gegensatz zum ebenfalls 64-Bit-fähigen Raspberry Pi 3. Der A64 gehört dabei noch zu den günstigeren Modellen.

Leider haben sich die 64-Bit-Rechner auf Basis des Allwinner A64 bislang keinen guten Ruf erworben, Linux läuft zwar, aber ohne Grafik-/Videobeschleunigung. Das klappt nur unter Android. Der Nano Pi A64 ist da keine Ausnahme.

Regulär wird nur Ubuntu Core unterstützt

Der Hersteller FriendlyArm macht daraus auch kein Geheimnis: Als Distribution wird regulär nur Ubuntu Core unterstützt. Eine Ubuntu-Mate-Distribution wird zwar angeboten, allerdings bietet der Hersteller dafür keinen Support. Merkwürdig ist, dass kein Android angeboten wird. Auch Armbian bietet keine Variante für den Nano Pi A64.

Wir installieren Ubuntu Core auf einer Micro-SD-Karte. Die Distribution wurde vor allem für Embedded-Geräte konzipiert und verzichtet auf eine klassische GUI beziehungsweise einen Desktop. Dafür befindet sich eine Demo des QT-Toolkits in der Distribution. Viel können wir damit nicht machen, es handelt sich tatsächlich nur um Grafikbeispiele.

Das Netzwerk wackelt

Die Kommandozeile können wir allerdings ganz regulär über SSH nutzen. Wir konfigurieren per Hand den WLAN-Zugang und testen wieder per IPerf die Netzwerkgeschwindigkeit. Die Geschwindigkeitsmessung liefert sowohl für das WLAN als auch für das Gigabit-Ethernet schlechte Werte, die auch noch stark schwanken - trotz externer Antenne und variierenden Versuchsaufbaus. Das WLAN kommt auf 1,73 bis 20 MBits/s, das Ethernet schafft zwischen 362 und 526 MBits/s.

Sysbench liefert bei der Geschwindigkeitsmessung ein ähnliches Bild wie die 64-Bit-Bastelrechner, die wir bereits früher getestet haben. Es ist für diese Systeme kaum noch als sinnvoller Vergleich brauchbar. Beim Bechmark erwärmt sich der Prozessor zwar stark, blieb aber stabil - bei Dauerlast ist auch hier eine Kühlungslösung sinnvoll. Der Strombedarf steigt auf bis zu 0,71 A bei 5 Volt, wir hätten mit mehr gerechnet.



Kompilierung scheitert

Einen Benchmark für Unixbench können wir nicht ausweisen, denn der GCC verweigert die Kompilierung mit einem Fehler bezüglich der Architektur-Konfiguration. Das betrifft auch andere Pakete. Anscheinend ist der GCC nicht für das 64-Bit-System konfiguriert. Da Ubuntu Core als Embedded System konzipiert wurde, wäre das an sich nicht verwerflich - schließlich ist die Idee dahinter, ein fertiges System per Crosscompiling auf einem Hostrechner zu erstellen und dann erst auf dem Zielsystem zu installieren. Aber dann stellt sich die Frage, warum FriendlyArm überhaupt einen Compiler ins Image packt.

Wir lesen auch noch das Ubuntu-Mate-Image aus. Aber dort stoßen wir auf die gleichen Probleme wie unter der Core-Variante. Armbian ist leider auch keine Alternative, ein Image für den Nano Pi A64 wird nicht angeboten.

Verfügbarkeit und Fazit

Die Bastelrechner Nano Pi A64 und Nano Pi M1+ kosten in Deutschland zwischen 30 und 40 Euro und sind zum Beispiel bei Innet24 erhältlich.

Fazit

Beim Test der zwei Bastelrechnermodelle des chinesischen Herstellers FriendlyARM sind wir zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Der Nano Pi M1+ ist durchaus eine Überlegung wert: Es gibt nicht allzu viele Rechner zu diesem Preis, in dieser Größe und mit dieser Ausstattung - insbesondere dem eMMC-Speicher, der die SD-Karte überflüssig macht. Vorausgesetzt wird nur, mit den bei chinesischen Bastelrechnern üblichen Einschränkungen beim Support zu leben und etwas Zeit fürs Konfigurieren und Experimentieren zu investieren. Und natürlich ist ein Test von Armbian empfehlenswert.

Vom Nano Pi A64 raten wir ab. Allerdings ist die 64-Bit-Konkurrenz bei der Softwareunterstützung in diesem Segment keinen Deut besser. Wer - warum auch immer - einen 64-Bit-Bastelrechner will, kann den A64 in seine Überlegung einbeziehen, speziell wenn die Größe, der Preis, der Strombedarf und ein deutscher Distributor eine Rolle spielen.  (am)


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