Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0103/12775.html    Veröffentlicht: 07.03.2001 09:20    Kurz-URL: https://glm.io/12775

Bitkom: Kein Ende des Mangels an IT-Spezialisten absehbar

Bedarf an Experten auf Hersteller- und Anwenderseite steigt weiter

In Europa fehlen zurzeit 1,9 Millionen Spezialisten für Informationstechnik, Telekommunikation und E-Business, und dieser Mangel soll bis 2003 voraussichtlich auf 3,8 Millionen anwachsen. Die europäische Wirtschaft laufe damit Gefahr, im Jahr 2003 ein zusätzliches Wirtschaftswachstum in Höhe von 2,5 bis 3 Prozent zu verschenken, weil die im Umgang mit neuen Medien geschulten Spezialisten fehlen, um die Wachstumspotenziale auszuschöpfen. Dies ist das zentrale Ergebnis einer Studie, die der Vizepräsident des Bitkom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V., Jörg Menno Harms, in Berlin vorstellte.

Von dem Mangel seien gleichermaßen Anbieter wie Anwender von Informations- und Kommunikationstechnik und E-Business-Lösungen betroffen. Dies gilt auch für Deutschland. Der Fachkräftemangel wird sich hier voraussichtlich von zurzeit 444.000 auf 723.000 Stellen im Jahr 2003 verschärfen, so der Branchenverband.

Die Studie wurde im Rahmen des von Bitkom betreuten European Information Technology Observatory (EITO) durchgeführt. "Die Ergebnisse der Untersuchung sind beunruhigend", sorgt sich Harms. Von Entwarnung oder einer Entspannung des Arbeitsmarktes könne keine Rede sein. Harms: "Seit 1995 mahnen wir eine tiefgreifende Reform des deutschen Bildungssystems an. Es hat sich auch tatsächlich einiges bewegt. Aber wir sind zu langsam. Diese Zögerlichkeit muss angesichts der verpassten Chancen ein Ende haben." Mit jedem Jahr des Wartens würden mehrere zehntausend zusätzliche Arbeitsplätze verloren gehen.

Der Großteil der ITK- und E-Business-Spezialisten arbeite nicht mehr innerhalb, sondern außerhalb der eigentlichen ITK-Branche. Insbesondere Banken, Versicherungen, öffentliche Verwaltung, produzierendes Gewerbe, Transportunternehmen und Wissenschaftsbetrieb brauchen IT-Know-how. Harms: "Auf einen Arbeits­platz in der ITK-Kern­branche kommen künftig zwei entsprechende Arbeitsplätze auf der Anwenderseite." Unter den Top-Ten der deutschen Software- und Systemhäuser befinden sich nur zwei IT-Unternehmen. "Den Rest stellen im Grunde die DV-Abteilungen großer Anwender", so Harms.

Die von Bitkom vorgestellte Studie basiert auf einer vergleichsweise breiten Definition fachlicher Qualifikationen. Den ITK-Spezialisten werden all jene Beschäftigten zugerechnet, die im Kern ihrer beruflichen Tätigkeit mit Entwicklung, Planung, Durchführung, Betrieb oder Pflege von ITK-Systemen befasst sind.

Hierzu gehören die klassischen ITK-Berufsbilder wie Nach­richtentechniker, Programmierer, Systemadministratoren, IT-Berater und Fachkräfte in der Hardware-Produktion. Zu den E-Business-Berufen zählt die Studie alle Beschäftigten, die das Internet als zentrales Element ihrer Arbeit einsetzen. Hierzu gehören Tätigkeiten in den Bereichen Web-Marketing, E-Government (öffentliche Bürgerdienste) und Electronic Commerce.

Im Jahr 2000 wurden in Westeuropa 14,5 Millionen Experten mit den genannten Qualifikationen nachgefragt. Hiervon gehören 10,4 Millionen oder 72 Prozent zu den "klassischen" ITK-Arbeitsplätzen. Ein besonders großer Bedarf besteht nach Angaben von Bitkom an erfahrenen Netzwerkspezialisten, Programmierern, Entwicklern sowie Beratern, die über gleichermaßen gute technische wie betriebswirtschaftliche Kenntnisse zur Analyse kundenorientierter Geschäftsprozesse verfügen.

Auf das Segment E-Business entfallen europaweit 2,8 Millionen und auf den stark wachsenden Bereich Call-Center und Online Support 1,3 Millionen Arbeitsplätze. Von der Gesamtnachfrage nach ITK-, E-Business- und Call-Center-Spezialisten konnten 13 Prozent nicht befriedigt werden. Der Nach­frageüberhang umfasst in der Summe 1,87 Millionen Fachkräfte.

Bis zum Jahr 2003 soll der Bedarf an entsprechenden Experten europaweit auf 22 Millionen anwachsen. Bitkom-Vize Harms fürchtet, dass dann 18 Prozent der Stellen nicht besetzt werden können. "Jede sechste Stelle bleibt frei", warnt Harms. Besonders betroffen sei der Bereich E-Business. Die Studie geht davon aus, dass die Nachfrage nach E-Business-Spezialisten allein im Jahr 2001 um 40 Prozent steigen wird. Zwischen 2000 und 2003 sollen in diesem Sektor 3,5 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Die europäischen Bildungssysteme können allerdings nur 2,1 Millionen zusätzliche Experten zur Verfügung stellen. Jede dritte E-Business-Stelle kann deshalb im Jahr 2003 nicht oder nicht ausreichend qualifiziert besetzt werden.

Innerhalb Westeuropas verzeichnet Deutschland vor Großbritannien den stärksten Fachkräftebedarf. Zurzeit bestünde in Deutschland eine Nachfrage nach 2,95 Millionen ITK-, E-Business- und Call-Center-Spezialisten. 444.000 oder 15 Prozent dieser Stellen können nicht adäquat besetzt werden. Bis zum Jahr 2003 soll die Nachfrage nach Experten auf 4,22 Millionen anwachsen. Diesem Zuwachs von 1,27 Millionen zusätzlichen Arbeitsplätzen stehen lediglich 991.000 zusätzlich verfügbare Experten gegenüber. Die Qualifikationslücke vergrößert sich in Deutschland um 279.000 Experten oder 63 Prozent. Im Jahr 2003 werden hier zu Lande voraussichtlich 723.000 Stellen nicht adäquat besetzt werden können.  (ad)


© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/