Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/open-networking-die-zukunft-des-netzwerk-admins-ist-der-linux-sysadmin-1705-127696.html    Veröffentlicht: 09.05.2017 11:59    Kurz-URL: https://glm.io/127696

Open Networking

Die Zukunft des Netzwerk-Admins ist der Linux-Sysadmin

Beim Open Networking können Nutzer quasi beliebig Software auf ihrer Netzwerk-Hardware betreiben. Das verändert die Betriebsorganisation enorm und die Netzwerk-Admins müssen wohl einige Neuerungen schnell lernen.

Das Netzwerk ist als kritische Infrastruktur das Rückgrat der Wertschöpfung für viele Unternehmen. Mit dem Open-Networking-Ansatz, der eine Entkopplung von Hard- und Software vorsieht, wird die bisher eher starre Verwaltung des Netzwerks einer grundlegenden Veränderung unterworfen. Diese Innovation, die eine vereinfachte, stabilere oder günstigere Verwaltung des Netzwerks verspricht, fordert wohl allerdings die Administratoren eben dieser Netzwerke einen völlig anderen Umgang mit ihrer altbekannten Materie ab. Das bedeutet für die Unternehmen, ihre Teamorganisation neu zu denken.

Open Networking im Markt und bei den ganz Großen

Anders als bei klassischer Netzwerkhardware, die in der Regel nur mit einem herstellerspezifischen Betriebssystem eingesetzt werden kann, steht es dem Anwender beim Open Networking frei, mit welchem Betriebssystem oder welcher Software er seine Netzwerkgeräte wie Switches betreibt. Die Vorteile dieses Konzeptes sind schnell ersichtlich, etwa eine bessere Anpassbarkeit an die Bedürfnisse des Unternehmens oder eine Kostenreduktion durch die Verwendung von günstiger Standardhardware, man spricht auch von "Commodity Hardware" oder "White-Box-Switches".

Einige Unternehmen haben bereits entsprechende Angebote für dieses neuartige Modell. Dazu gehören unter anderem Cumulus Networks und Big Switch Networks auf Softwareseite sowie Initiativen wie das von Google, Facebook und Microsoft getriebene Open Compute Project auf Hardwareseite. Auch Hersteller von traditioneller Netzwerkhardware wie Dell EMC bieten seit einiger Zeit Geräte an, auf denen verschiedene Betriebssysteme laufen können. Angesichts dieser Entwicklung ist es schwer vorstellbar, dass Admins langfristig bei ihren bekannten Netzwerksystemen bleiben und somit das Thema Open Networking an sich vorbeiziehen lassen können.

Open Networking ist ein Paradigmenwechsel

Ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung pro oder kontra neuartiger Infrastrukturtechnologien wie Open Networking ist sicherlich der Aufwand, das nötige Know-how zur Betreuung zu beschaffen. Doch wie viel ändert sich wirklich für die Administratoren des Netzwerks? Technisch basieren traditionelle Netzwerkbetriebssysteme und neuartige Open-Networking-Betriebssysteme häufig gleichermaßen auf Unix-artigen Systemen wie eben Linux. Sollen einzelne Komponenten dezentral verwaltet werden, kommt in beiden Welten in der Regel eine Kommandozeile (CLI) zum Einsatz. Trotz dieser offensichtlichen Gemeinsamkeiten unterscheidet sich die Bedienung allerdings teilweise sehr stark.

Klassische Netzwerkbetriebssysteme arbeiten häufig mit geschachtelten Menü- und Befehlsstrukturen. Je nach Hersteller variieren dabei zwar die genutzten Befehle, doch ist die generelle Bedienung in der Regel sehr ähnlich. Beispielhaft zeigen nachfolgende Befehle, wie unter Cisco IOS ein Netzwerkinterface hochgefahren wird. Man erkennt deutlich die geschachtelte Menüführung.

Switch > enable
Switch# configure terminal
Switch(config)# interface gigabitethernet0/1
Switch(config-if)# no shutdown


Neuartige Open-Networking-Betriebssysteme verstecken ihre Linux-Herkunft dagegen meist nicht. Wie bei einem Linux-Server erfolgt die Bedienung mittels Aufruf von Skripten oder passender Werkzeuge. Nachfolgender Befehl zeigt am Beispiel von Cumulus Linux, wie ein Netzwerkinterface hochgefahren wird. Dies geschieht mittels Aufruf des Skripts ifup. Als Parameter wird das entsprechende Netzwerkinterface mitgegeben.

cumulus@switch$ sudo ip link set dev swp1 up

Viele Einstellungen werden außerdem, wie man es von Linux kennt, in entsprechenden Konfigurationsdateien angepasst.

Unternehmen sollten sich dieses starken Paradigmenwechsels bewusst sein. Zwar benötigt auch ein Wechsel innerhalb traditioneller Netzwerkbetriebssysteme eine gewisse Umgewöhnungszeit, ein Linux-unerfahrener Netzwerkadministrator wird sich mit einem Wechsel zu einem Open-Networking-Betriebssystem jedoch schwertun. Dementsprechend sollte auch der erforderliche Schulungsmehrbedarf bei der Einführung von Open Networking berücksichtigt werden.

Eine Config, sie alle zu steuern

Doch Open Networking wirkt sich darüber hinaus auch auf das Release- und Deployment-Management von Netzwerkgeräten aus und damit auf die eigentliche Betriebsorganisation. Durch die Linux-Basis der meisten Open-Networking-Betriebssysteme können dementsprechend auch viele der üblichen Linux-Tools genutzt werden. Dies gilt etwa für Paketmanager, die den Update- und Patchprozess stark vereinfachen und beschleunigen können. Wo früher aufwendig ein Patch heruntergeladen und auf die Geräte aufgespielt werden musste, reicht dann beispielsweise die Eingabe von apt update und apt upgrade oder einem Distributionsäquivalent, und das Gerätesysteme wird aktualisiert.

Auch im Bereich des Configuration Managements ermöglicht Open Networking einen Umbruch. Viele Unternehmen setzen heutzutage im Netzwerkbereich noch immer auf ein dezentrales Management der Komponenten per CLI. Bei Open Networking ist das verbesserte Configuration Management einer der Kernaspekte. Durch die Linux-Basis bieten Open-Networking-Betriebssysteme die Möglichkeit der zentralen Verwaltung mittels Tools wie Puppet, Chef oder Ansible. Es reicht also, die Konfiguration nur einmal zu erstellen und dann, falls überhaupt notwendig, auf einzelne Geräte anzupassen.

Dabei scheint das zentralisierte Management ein starkes Argument für einen Umstieg auf Open Networking zu sein. Bei einer im Rahmen dieses Artikels durchgeführten Ad-hoc-Befragung erwarteten von 85 Befragten über 50 Prozent durch Open Networking eine Verbesserung im Hinblick auf die Aspekte IT-Automatisierung und -Orchestrierung.

Nicht unerwähnt bleiben sollte hier, dass auch in der klassischen Netzwerkwelt langsam ein Wandel eintritt. Spezielle Programme zum Netzwerkmanagement wie Cisco Prime oder HPE Intelligent Management Center setzen sich vermehrt durch und ermöglichen ein zentrales Management der Netzwerkkomponenten und ihrer Konfiguration. Statt spezialisierter Tools zum Netzwerkmanagement handelt es sich bei Puppet, Chef und Ansible jedoch um dieselben generischen Werkzeuge, die sich im Serverbereich bereits durchgesetzt und bewährt haben. Durch die gemeinsame Linux-Basis lassen sich so neben Servern auch Open-Networking-Geräte verwalten und konfigurieren. Ein vereinheitlichtes Management der Komponenten wirft natürlich die Frage nach einer Umstrukturierung der IT-Organisation auf.

Todesstoß für den klassischen Netzwerk-Admin?

Wenn Netzwerkgeräte genauso wie Server konfiguriert und bedient werden, wird die Stelle des klassischen Netzwerkadministrators womöglich gar nicht mehr benötigt. Wer soll das Know-how in Zukunft tragen und wie soll die IT in Zukunft organisiert werden? In Ermangelung an Erfahrungswerten wurden die Teilnehmer der zuvor genannten Umfrage dazu ebenfalls befragt.

Von 85 Befragten antworteten über 70 Prozent, dass die Betreuung von Open-Networking-Geräten, obgleich der Linux-artigen Bedienung, weiterhin durch die Netzwerkabteilung durchgeführt werden sollte. Diese Position lässt sich nachvollziehen, da zwar die Bedienung differiert, für die Festlegung der entsprechenden Parameter jedoch nach wie vor Netzwerk-Know-how benötigt wird. Der Aufbau beziehungsweise die Beibehaltung einer eigenen Organisationseinheit für den Netzwerkbereich kann sich also durchaus lohnen - selbst bei entsprechendem Schulungsbedarf in Sachen Bedienung und Administration ist das Kern-Know-how ja bereits vorhanden.

Des Weiteren bietet beispielsweise Cumulus Linux mittlerweile zusätzlich eine spezielle Kommandozeile an, die sich an der Bedienung traditioneller Netzwerkbetriebssysteme orientiert. Dies vereinfacht den Umstieg für Netzwerkadministratoren deutlich.

Eine Minderheit der Befragten (rund 14 Prozent) war jedoch der Überzeugung, durch die Angleichung bei Bedienung, Administration und Orchestration die Verwaltung von Open-Networking-Hardware nicht mehr durch eine separate Netzwerkabteilung durchführen zu lassen, sondern dies an eine Serverabteilung zu übergeben. Diese Abteilung aus wahrscheinlich schon guten Systemadminstratoren muss sich dann zwar noch im Netzwerkbereich auskennen. Doch diese hat sich vermutlich auch schon einmal mit BIND oder einer LDAP-Konfiguration herumärgern müssen und kennt das Metier entsprechend. Neu hinzu kommen vielleicht noch sehr spezialisierte Dienste wie Bird oder Quagga, die sich aus Sicht des Sysadmins vereinfacht formuliert aber wie ein paar weitere Anwendungen verwalten lassen, die einfach zusätzlich auf dem System installiert werden.

Von Dev-Ops lernen

Durch Open Networking verschwimmen also nicht nur die Grenzen zwischen klassischer Netzwerkhardware und traditionellen Servern, sondern eben auch diese zwischen Netzwerk- und Sysadmin. Für den Netzwerkadministrator bedeutet dies vor allem eine veränderte Bedienung und Administration und damit Mehraufwand. Andererseits sehen sich Serveradministratoren durch die fortschreitende Entwicklung im Bereich der Virtualisierung auch immer häufiger mit Fragestellungen der Netzwerktechnik konfrontiert.

Denkbar wäre daher auch ein interdisziplinäres Vorgehen, ähnlich dem Dev-Ops-Ansatz. So könnte sich ein gemeinsames Team, welches das Know-how beider Bereiche bündelt, um das Netzwerk und die Server gleichermaßen kümmern. Dies würde Redundanzen abbauen und die Organisation auf die fortschreitende Softwarezentrierung und Verschmelzung der verschiedenen IT-Disziplinen vorbereiten.

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts der Hochschule Weserbergland zum Thema Open Networking. Die Autoren dieses Artikels bedanken sich herzlich für die Unterstützung durch die Kommilitonen Florian Dorenkamp, Timo Herzig, Christian Rose und Jan Staratzke.  (mag)


Verwandte Artikel:
Linux auf dem Switch: Freiheit kann ganz schön kompliziert sein!   
(19.04.2017, https://glm.io/127274 )
SDN: Google beschleunigt sein Peering mit einem Schuss Espresso   
(05.04.2017, https://glm.io/127152 )
Cloud-Computing: Was ist eigentlich Software Defined Networking?   
(30.03.2016, https://glm.io/119551 )
Rechenzentren: HP will offene Netzwerk-Switches verkaufen   
(20.02.2015, https://glm.io/112506 )
Hybridkonsole: Nintendo verkauft im ersten Monat 2,74 Millionen Switch   
(27.04.2017, https://glm.io/127528 )

© 1997–2017 Golem.de, https://www.golem.de/