Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-familienflueche-albtraeume-und-nostalgie-1705-127657.html    Veröffentlicht: 10.05.2017 09:04    Kurz-URL: https://glm.io/127657

Indiegames-Rundschau

Familienflüche, Albträume und Nostalgie

Originelle Erzählexperimente, knallbunte Puzzles, Philosophie im Himalaya und eine Hommage an einen Konsolenklassiker: Die Indiegames der letzten Wochen waren bunt, schrill, melancholisch und gruselig. Golem gibt einen Überblick über die aktuell bemerkenswertesten Spiele unabhängiger Entwickler.

Die Videospielbranche hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert: Waren früher große Publisher verlässliche Arbeitgeber für unzählige Menschen, wurden inzwischen viele Mitarbeiter vor allem mittelgroßer Studios entlassen. Auf das Blockbuster-Modell zu setzen, sprich: einzelne, riesige Titel in der Hoffnung auf den Riesenerfolg zu entwickeln, scheint den Analysten der großen Industrie lukrativer, als einen Mittelbau mitzutragen. Viele ehemalige AAA-Entwickler wurden so halb unfreiwillig unabhängig. Nicht selten nehmen die Publisher allerdings später die oft mühsam auf eigenes Risiko der Entwickler oder per Kickstarter finanzierten Spieleprojekte wieder unter Vertrag.

Ist das noch Indie? Eine komplizierte Frage. Für Spielerinnen und Spieler zählt aber vor allem eines: dass eine vielfältige, bunte Auswahl an Spielen bereitsteht, die auch Nischen bedienen und wegen geringerer Kosten auch kreativ etwas wagen dürfen. Die spannendsten Indiespiele der letzten Wochen haben wir wieder in der monatlichen Rundschau versammelt.

What Remains of Edith Finch

In leerstehenden Häusern spukt es in vielen Spielen, und auch in diesem sind die Geister der Vergangenheit zu spüren - allerdings anders, als man es erwarten würde. Als letzte Tochter eines von einem mysteriösen Familienfluch heimgesuchten Clans erforschen Spielerinnen und Spieler in What Remains of Edith Finch nicht nur das chaotische, von allerlei Geheimgängen und architektonischen Verrücktheiten gezeichnete Familienanwesen, sondern auch die eigene Familiengeschichte, in der sich tragische und tragikomische Schicksale in zwölf spielbaren Experimenten entdecken lassen.

Die spielbare Ahnenforschung ist zwar letztlich linear und bietet kaum spielmechanische Herausforderungen, dafür überrascht das Spiel aber sowohl First-Person-Kenner wie auch -Einsteiger mit überaus originellen und überraschenden Ideen, die man so noch kaum gesehen hat. Wie in den spielbaren Vignetten vom Leben und Sterben der jeweiligen Finch-Familienmitglieder erzählt wird, ist überaus abwechslungsreich und unterhaltsam und erinnert vom Tonfall her an die Filme des US-Kultregisseurs Wes Anderson: melancholisch, etwas makaber, aber auch sympathisch humorvoll. Freunde von erzählenden Spielen wie Firewatch oder Gone Home sollten unbedingt einen Blick riskieren.

Playstation 4, PC, 20 Euro

Yooka-Laylee

Nostalgie ist inzwischen ein großes Geschäft im Medium Videospiele, und Indie-Studios haben viel dazu beigetragen: Schon zahlreiche unsterbliche Spieleklassiker wurden durch Crowdfunding-Unterstützung und alte Helden wieder in die Gegenwart geholt. Yooka-Laylee bittet nun eine ganz bestimmte Spieleära vor den Vorhang: die Zeit der großen 3D-Action-Platformer Ende der 1990er-Jahre. Wer jetzt an Banjo-Kazooie denkt, liegt goldrichtig: Yooka-Laylee ist tatsächlich nicht nur ein spiritueller Nachfolger des Klassikers, sondern wurde sogar von einigen Mitgliedern des damaligen Entwicklerstudios Rare gestaltet.

Genau wie im großen Vorbild warten knallbunte 3D-Welten und überdrehte Figuren im Cartoon-Look auf die Spielerschaft, die sich mit oder ohne Kenntnis der großen Vorbilder in den riesigen Spielumgebungen vergnügen kann. Freunde klassischer 3D-Platformer kommen so völlig auf ihre Kosten, müssen sich allerdings, so mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, auch der Tatsache stellen, dass manche Unarten dieser Epoche - vor allem eine oft störrische Kamera und schwierige Orientierung - 2017 etwas störender auffallen als damals.

Linux, Mac OS, Windows, Playstation 4, Xbox One, Nintendo Switch, 40 Euro

GNOG

Manche Spiele sind Spielzeug im besten Sinne, und GNOG gehört dazu: Im umwerfend bunten, an Kinderbuchillustrationen erinnernden Stil gehalten und mit liebevoll arrangiertem Sound und Musik unterlegt, lädt das Puzzle-Spiel zum kreativen, originellen Knöpfchendrücken und Tüfteln an neun riesigen "Monsterköpfen", die ihre Geheimnisse nur nach und nach freigeben. Neben kindlicher Freude am Entdecken ist hin und wieder auch etwas Logik gefragt, doch allzu harte Kopfnüsse stellt GNOG nicht - das macht es übrigens sowohl für ganz junge wie auch durchaus ältere Spielerinnen und Spieler interessant.

Zur Hochform läuft das fantasievolle Spiel übrigens erstaunlicherweise in VR auf: Hier gewinnen die sich immer weiter öffnenden Rätselboxen die besondere Haptik von ebenso handfestem wie irrealem Riesenspielzeug. Doch auch ohne VR-Headset lohnt sich die Rätselreise - man darf auch auf die Veröffentlichung für mobile Plattformen gespannt sein. GNOG ist halb freundlich-schrilles interaktives Pop-Art-Kunstwerk und halb kreative Puzzlebox. Wie lautet doch das hier zutreffende Klischee: ein Spiel für Junggebliebene von drei bis 99 Jahren.

Playstation 4, Playstation VR, 15 Euro; iOS, Windows, Mac, Linux in Vorbereitung

Little Nightmares und The Wild Eternal

Das schwedische Indiestudio Tarsier, zuvor mit Little Big Planet und Tearaway Unfolded unter dem Dach von Sony, hat sein düsteres Action-Adventure Little Nightmares zwar unabhängig entwickelt, veröffentlicht aber nun doch gemeinsam mit Publisher Bandai Namco - ein Grenzfall zwischen traditionellem Business und unabhängiger Entwicklung. Spielerinnen und Spielern kann's egal sein, denn Little Nightmares ist ein rundum gelungenes Spiel geworden - den Indie-Award der letztjährigen Gamescom konnte man dafür schon einstecken. Als kleines Mädchen im gelben Mantel sind Spielerinnen und Spieler hier auf der Flucht vor allerhand albtraumhaften Gestalten.

Der einprägsame Stil des Spiels erinnert an die surreal-makabren frühen Filme des französischen Regieduos Jeunet & Caro ("Stadt der verlorenen Kinder", "Delikatessen"), das Gameplay wiederum an die Kultspiele des dänischen Studios Playdead, dessen Spiele Limbo und Inside sich in der wortlosen Handlung ebenso wie in der einfachen, situationsabhängigen Steuerung widerspiegeln. Auch wenn Little Nightmares wegen kleinerer Durchhänger nicht ganz an die zugegeben außergewöhnliche Qualität dieser Vorbilder heranreicht, ist es dennoch ein wunderbar atmosphärisches Gruselabenteuer mit Charme.

Playstation 4, Xbox One, Windows, 20 Euro

The Wild Eternal

Untypischere Videospielhelden gibt es selten: Statt als mächtiger Held ist man in The Wild Eternal zur Abwechslung einmal als Seniorin unterwegs. In der Rolle einer Greisin, die ihres langen Lebens müde ist, sind Spielerinnen und Spieler im 17. Jahrhundert irgendwo im Himalaya unterwegs, um unter Anleitung eines füchsischen Halbgottes dem ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zu entrinnen.

Im atmosphärischen First-Person-Explorer geht es also durchaus buddhistisch-philosophisch zur Sache, doch das soll nicht abschrecken: Die simple, aber hübsche Grafik, mysteriöse Rätsel, die Notwendigkeit, die zu Beginn schwindenden Fähigkeiten der Hauptfigur wiederherzustellen, und sanfte Herausforderungen machen das Spiel zur ebenso faszinierenden wie entspannenden Wanderung durch eine wunderschöne Spielewelt. Ein beinahe meditatives Abenteuer, das durch seine besondere Stimmung begeistert.

Windows, 20 Euro

Und sonst?

Freunde des Local-Multiplayer-Spiels, aufgepasst: Mit Crawl (Windows, Mac, Linux, 15 Euro) ist nach Jahren des Early Access ein moderner Klassiker der Couch-Spieleparty endlich final erschienen. Wer sich von der Pixelästhetik nicht abschrecken lässt, bekommt ein äußerst unterhaltsames gemeines Partyspiel, in dem sich die Rollenverteilung zwischen strahlendem Fantasyhelden und bösen Kerkermonstern laufend ändert.

Ein faszinierendes Konzept verfolgt The Sexy Brutale (PS4, Xbox One, Windows, 20 Euro): Im originellen Puzzle-Adventure wiederholt sich derselbe Tag eines jährlich stattfindenden Maskenballs in einer Zeitschleife, die Aufgabe ist es, die mörderischen Ereignisse in wiederholten Versuchen zu verhindern und das Rätsel zu entwirren. Klingt komplex, ist aber höchst originell und einzigartig präsentiert.

Mit dem seltsamen Point&Click-Adventure Paradigm (Windows, Mac, 15 Euro) kommen Fans des ganz bizarren Humors auf ihre Kosten: Als ebenso naiver wie deformierter Mutant zieht man hier in einer osteuropäischen Postapokalypse gegen ein größenwahnsinniges Faultier zu Felde - australischer Humor mit Schlechter-Geschmacks-Garantie.  (rs)


Verwandte Artikel:
Private Division: Rockstar-Games-Firma gründet Ableger für AAA-Indiegames   
(14.12.2017, https://glm.io/131678 )
Indiegames-Rundschau: Weltraumabenteuer und Strandurlaub   
(09.06.2017, https://glm.io/128267 )
Indiegames-Rundschau: Tiefseemonster, Cyberpunks und ein Kelte   
(21.02.2018, https://glm.io/132883 )
Marktforschung: Gaming-Markt wächst weiter, VR und AR haben Potenzial   
(14.07.2017, https://glm.io/128929 )
Security: Kopierschutz von Microsofts UWP ist nicht mehr unknackbar   
(16.02.2018, https://glm.io/132816 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/