Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ibms-tastaturklassiker-im-test-und-ewig-klappert-die-model-m-1705-127541.html    Veröffentlicht: 02.05.2017 08:39    Kurz-URL: https://glm.io/127541

IBMs Tastaturklassiker im Test

Und ewig klappert die Model M

Wenn über mechanische Tastaturen gesprochen wird, fällt unter Enthusiasten irgendwann der Name "Model M": IBMs Tastatur-Klassiker gilt als robustes Keyboard mit charakteristischem Klick. Golem.de hat an einem Modell aus dem Jahr 1992 überprüft, ob die Tastatur wirklich so gut ist, und gibt Tipps zum Kauf.

Für viele Computernutzer ist eine Tastatur ein Gerät, über das nicht viel nachgedacht wird. Man schließt sie an, tippt, fertig. Es gibt allerdings auch User, die sich stundenlang über Switches und deren verschiedenen Eigenschaften, über Klickgeräusche und die Qualität von Tastaturkappen unterhalten. Oft sind das nicht zwingenderweise Nerds, sondern Nutzer, die die Vorzüge einer mechanischen Tastatur schätzen gelernt haben: Eine bessere Taktilität, ein ausrechenbarer Hubweg und eine direkte Ansprache erhöhen die Tippgeschwindigkeit und können die Fehlerquote sinken lassen.

Bei Gesprächen unter Tastatur-Fans taucht früher oder später fast immer der Name IBM Model M auf, oft gefolgt von anschließenden Lobpreisungen, die nicht selten an eine kultische Verehrung dieser Tastatur grenzen. IBMs in den 1980er und 1990er Jahren als Nachfolger des weitaus teureren Model F produzierte mechanische Tastatur gilt vielen immer noch als das beste Keyboard, das je hergestellt wurde. Zudem führte IBM mit der Tastatur ein Layout ein, das immer noch als Standard gilt.

Golem.de hat sich ein Modell aus dem Jahr 1992 besorgt und untersucht, ob die Verehrung gerechtfertigt ist. Außerdem erklären wir, worauf beim Kauf des Oldtimers geachtet werden muss.

Hohe Fertigungsqualität und besonderer Switch

Der Mythos der Model M beruht auf verschiedenen Faktoren: Zum einen stammt die Tastatur aus einer Zeit, in der ein derartiges Zubehörgerät kein 15-Euro-Artikel war, sondern so viel kostete wie heutzutage ein anständiges Notebook. Entsprechend hoch war der Fertigungsstandard, insbesondere bei den direkt von IBM gebauten Model Ms der 1980er und frühen 1990er Jahre. Die Qualität und die Preise sanken, als die Fertigung später an Lexmark und an Unicomp ausgelagert wurde - dazu später mehr.

Zum anderen unterscheidet sich die Model M durch ihren Schaltermechanismus von anderen Tastaturen mit mechanischen Switches: Sie verwendet die sogenannten Buckling-Spring-Switches, zu Deutsch: Knickfederschalter. Hierbei sitzt eine kleine Feder auf einem Hammer, der sich am unteren Ende des Schaltergehäuses befindet. Drücken wir eine Taste nach unten, drückt diese die Feder durch, bis die Spannung so groß wird, dass sie einknickt. Dabei wird der Hammer am unteren Ende ausgelöst, der den Kontakt auf der Membranschicht schließt: der Buchstabe erscheint auf dem Display.

Ratterratterratter...

Dieser Mechanismus führt zum prägnanten Klicken der Model M, das Keyboard-Afficionados heute noch schätzen und das bei ausreichender Tippgeschwindigkeit schon ein Rattern ist. Anders als etwa bei Cherrys MX-Blue-Switches ist das Klicken bei einer Model M aufgrund der Konstruktion der Schalter und des Keyboards selbst dumpfer, hat dafür aber einen wiedererkennbaren metallischen Nachklang. Dieses Klacken ist charakteristisch für die meisten Tastaturen mit Buckling-Spring-Schaltern.

Aber Model M ist nicht gleich Model M: Es gibt zahlreiche Modelle der Tastatur, die nicht alle Buckling-Spring-Schalter haben. Es gibt auch Varianten mit Rubber-Dome-Tasten, die beispielsweise für Bibliotheken oder andere Orte, an denen es leise zugehen musste, produziert wurden - die Model M war schließlich die Standardtastatur für IBMs PCs. Eine leise Model M ist das, was für die meisten Clicky-Keyboard-Fans so ziemlich das genaue Gegenteil dessen ist, was sie wollen. Unser Model M ist ein sogenanntes IBM Enhanced Keyboard, das erstmals 1985 von IBM hergestellt wurde.

Prägendes Tastenlayout

Das Enhanced Keyboard hat 102 Tasten, die so angeordnet sind, wie wir es von einer QWERTZ-Tastatur heutzutage gewohnt sind: Der Hauptblock besteht aus den Buchstabentasten mit einer Nummernreihe darüber und den üblichen Funktionstasten an den Rändern. Darüber befinden sich zwölf F-Tasten, rechts davon die Cursor-Tasten, der Sechserblock mit weiteren Funktionstasten, daneben der Nummernblock.

Die Tastatur hat ein großzügig bemessenes Gehäuse und ist für heutige Maßstäbe riesig. Das Gewicht unserer Tastatur liegt bei stattlichen zwei Kilogramm, was die Model M zu einem echten Klopper macht. Kaum vorstellbar, dass es auch noch 122-Tasten-Versionen gibt, die entsprechend noch größer sind.

Metallplatte sorgt für hohes Gewicht

Das hohe Gewicht liegt in der Konstruktion der Tastatur begründet: Für die Model Ms bis Mitte der 1990er hat IBM schweren und dicken Kunststoff für das Gehäuse verwendet, die Switches sind auf einem millimeterdicken Stahlblech angebracht. Unser Model M ist eine der stabilsten Tastaturen, die wir kennen.

Die Tasten sind in einer Art Hohlkehle angebracht. Die sehr fest zupackenden Standfüße heben die Model M um zusätzliche 15 mm an. Sie haben keinen Gummifuß, dank des hohen Gewichtes der Tastatur rutscht diese bei der Nutzung aber dennoch nicht über den Tisch.

Stabile Keycaps aus zwei Teilen

Die meisten Keycaps unserer Model M bestehen aus zwei Teilen: einer Basiskappe und einer beschrifteten Hülse, die darauf gesteckt wird. Diese Hülse ist die eigentliche Kappe. Zusammen mit der Basiskappe bildet die Taste eine äußerst robuste Einheit. Bei einem Defekt kann der obere Teil der Kappe leicht ausgetauscht werden. Ab Mitte der 1990er Jahre waren die Keycaps der Model M nur noch einteilig. Auch bei älteren Modellen wie unserem gibt es einteilige Caps: die der großen Tasten wie Enter oder Shift.

Ziehen wir beide Kappenteile ab, schauen wir in ein kleines schwarzes Loch mit einer Feder drin, die sich nicht herausziehen lässt. Am Ende der Feder sitzt der Hammer, der auf die Membran schlägt - in diesem Sinne ist die Model M eigentlich nur eine "halbe" mechanische Tastatur, da sie die gleiche Sensormembran verwendet wie auch Rubber-Dome-Keyboards.

Tastaturgeräusch mit Wiedererkennungswert

Der Klang der Model M ist neben der robusten Bauweise dasjenige Merkmal, das am häufigsten genannt wird, wenn es darum geht, die Tastatur zu beschreiben. Und das zu Recht: Das Klacken klingt verglichen mit Cherry-Switches satt und tief, dabei aber lauter als etwa klickende Futaba-Switches, wie sie unter anderem Chicony verbaute. Als der Autor dieses Textes seine Model M im Büro enthüllte, legten sich verständlicherweise auch zunächst die Stirne der Kollegen in Falten - hatten diese doch gerade erst mit dem hochfrequenten Klackern von Cherrys MX-Blue-Switches im offenen Gehäuse der Poker 3 zu kämpfen gehabt.

Die Model M kommt bei den Kollegen aber besser an als gedacht: Das Klicken ist insgesamt dumpfer, und trotz des metallischen Nachklangs finden die Tischnachbarn den Anschlag weitaus weniger störend als bei der Poker 3. Dennoch gilt auch bei IBMs Tastatur: Weniger ist mehr. Ein harter Anschlag ist nicht nötig; sobald eine Taste der Model M klickt, ist der Kontakt auf der Membran geschlossen und der Buchstabe geschrieben.

Taktile Switches mit 70 Gramm Anpressdruck

Der notwendige Druck zum Auslösen des Klicks - und damit des Buchstabens - ist mit 70 Gramm verhältnismäßig hoch. Trotz der Kraft, die wir verglichen mit einer Laptop-Tastatur beim Tippen aufwenden müssen, ermüden unsere Finger während des Tages nicht. Interessanterweise führt das sonore Klacken der Model M und das ungewohnte, aber sehr angenehme Tippgefühl bei den meisten Testpersonen zu einem positiven Eindruck des Schreibgefühls.

Die Model M ist für Vielschreiber eine hervorragende Tastatur. Der Anschlag ist trotz Kraftaufwand sehr angenehm, die Präzision steigt bei uns zusehends. Natürlich eignet sich ein derartiges taktiles Klick-Keyboard nicht für alle Anwendungen: Gamer dürften mit der Model M nicht glücklich werden.

Tipps für den Kauf einer Model M

Trotz ihres Alters sind Model-M-Tastaturen nicht schwer zu bekommen. Beim Kauf gilt es aber, einige Dinge zu beachten: Zum einen ist, wie bereits erwähnt, nicht jede Model M eine Tastatur mit Buckling-Spring-Switches, zum anderen gibt es Terminal-Versionen, deren Protokoll nicht ohne erheblichen Aufwand für moderne Computer übersetzt werden kann.


Eine gute Übersicht über die einzelnen Versionen der Model M gibt es beim Tastatur-Wiki Deskthority.net. Hier sind alle Versionen aufgeführt. Bei einigen gibt es eigene Wikipedia-Einträge mit den für das jeweilige Modell verwendeten Seriennummern. Anhand dieser können Model-M-Interessierte beim Kauf leichter erkennen, um welches Modell es sich handelt.

Anschluss muss an moderne PCs angepasst werden

Die meisten Model-M-Versionen haben einen DIN- oder einen PS/2-Anschluss. Beide lassen sich mit im Onlinehandel erhältlichen, günstigen Adaptern und Konvertern leicht auf USB umwandeln. Vorsicht ist geboten bei Tastaturen, die einen RJ45-Anschluss haben: Hierbei handelt es sich um die Terminal-Varianten, deren Konvertierung auf normale PCs relativ aufwendig ist. Entsprechend sind derartige Modelle etwa bei Ebay auch günstiger.

Die IBM-Modelle der Model M haben je nach Produktionszeitraum unterschiedliche Logos: Die ältesten Modelle kommen mit einem rechteckigen Metallschild, spätere Varianten haben abgerundete Kunststoffschilder - entweder in Blau oder Grau. Unserer Erfahrung nach gibt es zwar leichte Unterschiede in der Fertigungsqualität, diese sehen wir aber nicht als so gravierend an, als dass wir von einer der Fertigungsreihen abraten würden.

Model Ms gibt es auch von Lexmark; IBM begann ab 1991, die Herstellung von Peripheriegeräten wie Druckern und Tastaturen auszulagern. Lexmark stellte ab diesem Zeitpunkt Model Ms her, die zwar auch Buckling-Spring-Switches hatten, aber ansonsten von der Qualität her etwas abgespeckt waren. So kam etwa beim Gehäuse dünnerer Kunststoff zur Verwendung.

Der Schwachpunkt sind die Kunststoffnieten

So stabil die alten Model-M-Tastaturen auch wirken, einen Schwachpunkt haben sie: die Kunststoffnieten, die die Stahlplatte mit dem Tastaturmechanismus verbinden. Diese können bei ruppigem Umgang mit der Tastatur im Laufe der Zeit brechen, was zu einer lockeren Verbindung und einem entsprechend schlechten Tippgefühl führt. Zwar lässt sich eine Model M mit kaputten Nieten selbst reparieren, allerdings ist diese Prozedur etwas aufwendig.

Gerade bei Privatverkäufen ist es nicht einfach, etwas über den Zustand der Nieten zu erfahren. Eine einfache Überprüfung besteht darin, die Tastatur zu schütteln: Klappert es im Gehäuse, fliegen wahrscheinlich lose Nietenköpfe drin herum. Bei Model-M-Käufen über Ebay etwa lohnt es sich durchaus, den Verkäufer um den Schütteltest zu bitten.

Ein vernünftiger Preisrahmen für Model Ms auf Ebay liegt zwischen 40 und 100 Euro, je nach Zustand, Modellreihe, Hersteller (IBM oder Lexmark) und Alter. Aufpassen sollten Interessenten bei den meisten Sofort-Kaufen-Angeboten: Diese liegen mitunter bei 150 Euro und sogar darüber, was wir für viel zu teuer halten. Es lohnt sich eher, verschiedene Tastaturen zu beobachten und bei einer normalen Auktion zuzuschlagen - auch, wenn das länger dauern kann.

Finger weg von Terminal-Model-Ms

Vorsicht gilt vor nicht umgebauten Terminal-Tastaturen, die sich nicht ohne Weiteres mit Adaptern nutzen lassen. Model Ms mit DIN- oder PS/2-Anschluss lassen sich am besten mit einem USB-Konverter an einen modernen PC anschließen. Ein Konverter ist hierbei besser als ein reiner Adapter, da unserer Erfahrung nach Konverter zuverlässiger sind.

Mitunter gibt es bei Ebay auch Model Ms, die direkt auf USB umgebaut wurden - unser Gerät ist dafür ein Beispiel. Angeschlossen wird sie mit einem Mini-USB-Kabel. In der Tastatur steckt ein Arduino Micro, das mit dem gewünschten Layout geflasht werden kann. Das ist praktisch, können wir dadurch nicht nur zwischen QWERTZ und QWERTY wechseln, sondern auch Layouts wie Colmak, Dvorak, Neo oder ganz eigene Konfigurationen verwenden. Wir hatten nicht nach einem umgebauten Keyboard gesucht, mit 95 Euro war der Preis aber zu gut, um nicht zuzuschlagen. Die Modifikation kann mit etwas Geschick auch selbst durchgeführt werden. Anleitungen zum Bau und der nötigen Software gibt es reichlich.

Neue Model M von Unicomp

Auch heute bekommt man ein Model M mit Buckling-Spring-Schaltern noch neu: Der Hersteller Unicomp vertreibt zahlreiche klassische Modelle der IBM-Tastatur, die aus aktueller Produktion stammen und sowohl eine Windows-Taste als auch einen USB-Anschluss haben. Die meisten Tests dieser Tastaturen bescheinigen ihnen allerdings eine niedrigere Fertigungsqualität, als die alten IBM- und auch Lexmark-Model-Ms haben. Die Preise beginnen bei 84 US-Dollar, dazu kommen noch Versandkosten, Steuern sowie mögliche Gebühren für ein deutsches Tastatur-Layout. Bei Amazon ist das Ultra-Classic-Modell mit Buckling-Spring-Switches mit QWERTZ-Layout für 145 Euro erhältlich.

Fazit

Das Enhanced Keyboard aus IBMs alter Model-M-Reihe ist eine fantastische Tastatur. Auch unser eher spät gebautes Modell ist von der Verarbeitung her hervorragend und gehört zu den stabilsten und hochwertigsten Tastaturen, die wir kennen. Dank guter Aufbereitung sieht man unserem Gerät zudem das Alter von 25 Jahren nicht an.

Der Buckling-Spring-Mechanismus der Tasten ist besonders für Vielschreiber ein Traum. Verglichen mit modernen Clicky-Switches wie Cherrys MX-Blue-Schaltern ist der Tippkomfort weitaus besser, ebenso die Geräuschkulisse. Bei uns führt das Klackern nicht nur zu zufriedenen Tippern, sondern auch zu entspannteren Kollegen - vorausgesetzt, der Schreiber hackt nicht wie ein Irrer auf die Tastatur ein.

Der in Internetforen angesprochene unvergleichliche Klang und das besondere Tippgefühl einer Model M können wir bestätigen. Für alle Einsätze eignet sich der Buckling-Spring-Mechanismus aber sicher nicht - zum Tippen halten wir ihn aber für ideal.

Spannend sind auch die Möglichkeiten, eine Model M auf USB umzubauen. Dank preiswerter Komponenten wie dem Arduino Micro bieten derartige Umbauten nicht nur einen USB-Anschluss, sondern auch die Möglichkeit, die Tastatur mit anderen Layouts zu verwenden oder einzelne Tasten zu programmieren - etwa mit Makros, die häufig genutzte Tastatureingaben enthalten.

IBM hat glücklicherweise eine große Zahl von Model-M-Tastaturen hergestellt - dadurch finden sich die Keyboards auch heute noch häufig in einschlägigen Internet-Auktionshäusern. Mit Geduld sowie etwas Recherche zum Modell und dessen Zustand können Interessenten für stellenweise weit unter 100 Euro eine gut erhaltene, funktionierende Tastatur bekommen. Ein derartiges Keyboard ist im Zweifel günstiger als ein neues von Unicomp, das zudem noch weniger gut verarbeitet ist.

Die Suche nach einer alten Model M lohnt sich auf jeden Fall - wir möchten auf unser Enhanced Keyboard nicht mehr verzichten.  (tk)


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