Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/bonaverde-von-einem-den-das-kaffeeroesten-das-fuerchten-lehrte-1704-127380.html    Veröffentlicht: 26.04.2017 12:07    Kurz-URL: https://glm.io/127380

Bonaverde

Von einem, den das Kaffeerösten das Fürchten lehrte

Die Hightech-Kaffeemaschine eines deutschen Startups steht immer wieder im Fokus des Interesses - aber nicht immer aus den erhofften Gründen. Gründer Hans Stier hat Golem.de erzählt, was trotz einer guten Idee und vielen Crowdfunding-Unterstützern so alles schiefgehen kann.

Dies ist die Geschichte von einem, der auszog, das Rösten zu lernen, und sich dabei mehr als einmal heftig die Finger verbrannte. Seit Jahren arbeitet Hans Christian Stier an einem Konzept, das die Welt des Kaffees revolutionieren soll. In dieser Zeit hat er mit seinem ersten Unternehmen Kaffee Toro und seinem aktuellen Startup Bonaverde mindestens so viele Rückschläge erlebt wie Erfolge. "Wir waren einfach unglaublich naiv", sagt Stier. Aber jetzt gibt es Hoffnung.

Die Idee ist an sich so einfach wie genial: Bonaverde will eine Kaffeemaschine auf den Markt bringen, die grünen Kaffee röstet, mahlt und frisch aufbrüht. Dazugehören soll ein komplettes Kaffee-Ökosystem mit Direktvertrieb der angeschlossenen Kaffee-Farmer. Bonaverde ist eine Weiterentwicklung von Stiers erstem Projekt Kaffee Toro. Er wollte eine Kaffeemaschine verkaufen, die grüne Bohnen röstet und daraus frischen Kaffee macht - noch ohne Kaffee-Ökosystem, aber bereits mit der Idee eines Direktvertriebs von grünen Kaffeebohnen. Die Maschine selbst kam von einem Zulieferer aus Korea. Stier und sein Team, das sich zum großen Teil aus Studenten der TU Berlin rekrutierte, versuchten sie für den deutschen Markt fit zu machen.

Topflappen sind keine Lösung

Dieses Vorhaben scheiterte jedoch: Die Qualität der Kaffeemaschinen war einfach zu schlecht. Von rauchenden Maschinen, die Feueralarm auslösten, über fliegende Sicherungen bis hin zu Verbrennungen an der heißen Außenseite der Geräte war alles dabei - das Fingerverbrennen ist also durchaus wörtlich zu nehmen. Die Lösung des Hitzeproblems durch den Zulieferer bestand zunächst aus beigelegten Topflappen bei der nächsten Lieferung. Mitte 2013 kam dann das Aus für Kaffee Toro.

Noch im selben Jahr startet Stier mit seinen Mitstreitern von Bonaverde einen neuen Anlauf. Mehrere Crowdfundings über Kickstarter, Indiegogo und die deutsche Seedmatch-Plattform sollen das Projekt finanzieren, die Resonanz ist groß. Diesmal setzt das Team eigene Hardware ein und arbeitet mit dem Hersteller Homezest zusammen, der viele Jahre Erfahrung im Bau von Kaffeemaschinen hat. Trotzdem holt die Komplexität des Projektes die kleine Firma ein.

Die Timeline für die Produktion liefert der Hersteller: Oktober 2014 ist das anvisierte Ziel - zu optimistisch, wie sich herausstellen wird. Das Design der Maschine muss angepasst werden, es ist nicht auf die Massenproduktion und die technischen Anforderungen übertragbar. Die ersten kritischen Stimmen der Supporter melden sich, es ist Juni 2014.

Das Internet verzeiht nicht

"Wir haben ganz klar einige Sachen vergeigt", sagt Stier. Damit meint er die großen Änderungen gegenüber den ursprünglichen Plänen, die viele Unterstützer massiv verärgert haben. Das war einerseits eine Änderung des Designs, vor allem aber die Einführung eines RFID-Readers in der Maschine. Dieser löste zwar das Problem der unterschiedlichen Röstprofile für unterschiedliche Kaffeebohnen, eröffnete aber auch die Möglichkeit, Kunden sehr einfach an den eigenen Kaffee zu binden. Das entsprechende Update im Juli 2014 auf Kickstarter löste einen Sturm der Entrüstung aus.

"Ich hoffe wirklich, dass dieses Feature optional ist und uns nicht zwingt, nur euren Kaffee zu verwenden", schrieb einer der Unterstützer. "Wenn es nur mit dem Chip funktioniert, hätte ich diese Maschine nie gekauft!" Und ein anderer: "Das ganze Projekt wird immer schlimmer. Ich kann mit dem neuen Design leben. Ich kann mit Kaffeepreisen um 8 Euro pro Pfund leben. Aber dieser ganze RFID-Unsinn ist einfach unglaublich."

Die Ankündigung, dass alle Early Supporter der Kickstarter- und Indiegogo-Kampagnen unbegrenzt gültige RFID-Chips mit verschiedenen Röstprofilen bekommen werden, ändert an dem Aufruhr nichts mehr. "Wir bekommen die Nachricht nicht überbracht", sagt Stier über die Entscheidung, allen Backern die Maschine "unlocked" zur Verfügung zu stellen. "Das Internet verzeiht nicht."

Das Tooling, also die Herstellung der Produktionswerkzeuge, startet im September 2014 und damit selbst für den verschobenen Zeitplan viel zu spät. Die Tests mit den neuen Prototypen zeigen neue Probleme auf. Der Luftfilter, der die beim Rösten entstehenden Gerüche mindern soll, ist nicht so gut wie erhofft. Noch ahnt niemand, wie viel Zeit und Energie es kosten wird, dieses Problem zu lösen.

Auch die Qualität der Werkzeuge, mit denen die Maschinen produziert werden sollen, ist nicht gut genug. Die Timeline verschiebt sich erneut, die kritischen Stimmen werden wieder lauter. Mittlerweile ist es Mitte 2015 und die Updates über den Fortschritt des Projektes werden spärlicher. Das RFID-Thema sorgt immer noch für Unmut bei den Backern.

Äußerungen werden bedächtiger

Anfang 2016 kommt wieder Bewegung in das Projekt. Ein Stand auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas im Januar 2016 präsentiert die aktuelle Generation der Maschine. Mittlerweile werden die ersten Beta-Maschinen produziert - aber wieder sorgen technische Probleme für Verzögerungen. Diesmal betreffen sie den Motor des Mahlwerks. Bei zu großem Widerstand zieht der Motor mehr Strom als geplant und die in der Steuerung verbauten Dioden und ein TRIAC, ein elektronisches Bauteil zum Schalten von Wechselstrom, zeigen sehr deutlich, dass Elektronik mit blauem Rauch funktioniert.

Das Team ist mit seinen Ankündigungen vorsichtiger geworden, treibt die Idee eines Kaffee-Ökosystems aber weiter voran. Neuer Plan ist, die Plattform in eine Coffee-Cloud zu verwandeln; die Maschinen sollen smart werden. Auf viel Gegenliebe stößt das in der Community aber erst einmal nicht: Die Backer wollen endlich ihre Kaffeemaschine, keine neuen Features. Die Skepsis der Community bei neuen Ankündigungen wächst weiter und somit kommt auch im März 2016 mit der Ankündigung der Massenproduktion keine große Freude auf. "WO IST MEINE MASCHINE, die ich im Q4 2013 hätte bekommen sollen?", schreibt einer der Backer wütend. "Bevor ihr 100.000 Exemplare an die Händler ausliefert, solltet ihr diejenigen respektieren, die euer Projekt 2013 unterstützt haben. So machen es seriöse Unternehmen."

Es dauert ein weiteres halbes Jahr, bis es wieder Neuigkeiten zur Kaffeemaschine gibt. Anfang Dezember gehen tatsächlich die ersten Exemplare auf Reise, noch im gleichen Monat sollen die Betatester ihre Maschinen haben. Drei Monate soll der Betatest laufen. Seit Oktober residiert das Team von Bonaverde in der Schröderstraße in Berlin. Dort kann man immerhin schon mal den Kaffee probieren, den zwei der Maschinen, die dort im Dauertest laufen, produzieren.

Endlich scheint etwas zu funktionieren. Die erste Charge der Maschinen kommt gerade rechtzeitig für das am 19. Dezember 2016 angesetzte Pressefrühstück an. Das Team hofft auf ein Umschwenken der eher skeptischen Meinungen aus der Community, wenn die Maschinen erst einmal bei den Backern sind. Der Kaffee ist gut, davon ist man überzeugt, nun hofft man auf positives Feedback der Betatester.

Licht am Ende des Tunnels?

Auch wenn es mit der Maschine selbst, also mit dem Produkt, das die Crowdfunder haben wollen, wieder ein ganzes Stück vorangegangen ist, liegt der größte Teil der Arbeit immer noch vor dem Startup. 5.000 Maschinen sind über die ersten Finanzierungsrunden vorbestellt. Diese müssen produziert und ausgeliefert werden. Parallel muss die Plattform für den Vertrieb von Kaffee und Verbrauchsmaterialien wie dem Luftfilter aufgebaut werden. Erst dann wird sich zeigen, ob mit der Idee auch nachhaltig Geld verdient werden kann.

Die vergangenen Jahre waren für Bonaverde eine Achterbahnfahrt, das sagt nicht nur Stier, sondern auch sein Mitstreiter Ricardo Mählmann, der ebenfalls seit der Gründung von Bonaverde dabei ist. Immer wenn es so aussah, als wären alle Probleme beseitigt, und sie die guten Nachrichten verbreitet hatten, ging es wieder bergab. Arbeitstage von neun bis neun Uhr sind für beide weiterhin keine Seltenheit - Zeitverschiebungen in der Kommunikation mit Zulieferern und dem Hersteller wollen auch beachtet werden.

"Doch vielleicht haben die ganzen Verzögerungen auch ihr Gutes" , sagt Stier. Drei Jahre hintereinander war er nun auf der internationalen Kaffee-Messe in Seoul und hat festgestellt: Der Trend geht weg von Kapselmaschinen, und die Kaffeeröster für den Heimbedarf werden mehr. Vielleicht wird das Projekt ja doch noch eine Punktlandung, wenn auch mit mehr als drei Jahren Anlaufzeit.

Golem.de testet derzeit die Kaffeemaschinen von Bonaverde. Sobald unser Urteil feststeht, werden wir über unsere Erlebnisse berichten. Der Autor gehört zu den Backern von Bonaverde.  (mke)


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