Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ryzen-cpu-ach-amd-1703-126883.html    Veröffentlicht: 23.03.2017 09:04    Kurz-URL: https://glm.io/126883

Ryzen-CPU

Ach AMD!

Drei Wochen nach dem Start der Ryzen-CPUs von AMD gibt es weiter kaputte Benchmarks, Probleme in Spielen und seltsame Bugs. Das führt zu nervigen Spekulationen und falschen Annahmen. Die Geheimniskrämerei von AMD und Microsoft hilft da leider nicht weiter - und das mit Absicht.

Nach jahrelanger Entwicklung einer völlig neuen CPU-Architektur ist AMD mit dem Start der Ryzen-CPUs vor drei Wochen tatsächlich ein fulminanter Neustart gelungen, und der Ausspruch "AMD ist endlich zurück" von AMDs Technikchef Mark Papermaster hat absolute Berechtigung. Allerdings schneidet die CPU vor allem in Spielen unerwartet schlecht ab und auch andere Benchmarks liefern teils seltsame Ergebnisse. Natürlich hat jeder im Netz direkt eine Erklärung dafür und bietet gleich eine Handvoll Lösungen an.

Die CCX sind kein Problem

So zum Beispiel für die vermuteten Probleme bei der Kommunikation zwischen den Core Complex (CCX) der CPUs. Die hierzu vielfach wiederholte und wohl dümmste vorgeschlagene Lösung von allen sieht vor, dass AMD die zwei CCX der Ryzen-Chips einfach als zwei Numa-Nodes definieren könnte. Damit wären dann die Probleme behoben und die Anwendungen irgendwie magisch besser.

Das ist aber totaler Blödsinn, da vor allem unter Windows Anwendungen speziell für die Numa-Nutzung programmiert werden müssten. Geschieht das nicht, könnten die Anwendungen standardmäßig nur noch vier der verfügbaren acht Kerne nutzen. Das wiederum kann doch keiner ernsthaft für eine Desktop-CPU fordern wollen.

Auch die Idee, dass die Kommunikation zwischen den CCX selbst irgendwie für die messbaren Leistungseinbußen im Vergleich zu Intel-Plattformen verantwortlich ist, ist zumindest etwas gewagt. Obwohl auch wir davon ausgehen, dass die Kommunikation zwischen den L3-Caches der CCX, die vor allem vom Speichertakt limitiert ist, offensichtlich langsamer ist als bei Intel-Chips, die diesen Aufbau eben nicht haben, wodurch Anwendungen möglicherweise gebremst werden.

Doch bei einer Bandbreite von über 40 GByte/s selbst mit vergleichsweise langsamem DDR4-2667-Speicher sollte die Kommunikation nicht das Problem sein. Die Ursache liegt hier wohl eher in der zu hohen Latenz der Kommunikation. Was diese aber verursacht - RAM, Uncore, die CCX, Firmware der Mainboards oder vielleicht doch die ausgeführte Software - lässt sich derzeit nicht sicher sagen.

Doch all diese Unwägbarkeiten lassen leider viel Raum für stark divergierende Benchmark-Ergebnisse und für wilde Spekulationen, die AMD und auch Microsoft doch eigentlich ganz leicht einfangen könnten.

Der Scheduler ist schuld! Oder nicht?



Doch am Einfangen der Spekulationen haben die beiden Unternehmen wohl keinerlei Interesse, da sie sich nicht gegenseitig in Misskredit bringen oder gar öffentlich ein Entwicklerstudio kritisieren wollen. Das zeigt sich besonders an einem Blog-Eintrag von AMD, in dem das Unternehmen Updates in Aussicht stellt, die die Spieleleistung steigern sollen. Hier widerspricht AMD der Vermutung, dass die Leistungsprobleme bei Spielen in Verbindung mit dem Scheduler von Windows 10 stehen.

Laut AMD arbeitet der Scheduler auch für Ryzen-CPUs richtig und vor allem wie erwartet. Elegant verschwiegen wird hier, dass vor allem Spiele einen großen Teil ihres Schedulings selbst übernehmen und dass das Thread-Scheduling bei der Verwendung von Simultaneous Multithreading (SMT) für Probleme sorgen kann. So sind einige Spiele ohne SMT schneller als mit SMT - ein Problem, das auch Intel lange plagte.

Ob AMD das durch ein Microcode-Update ändern könnte oder eben doch nur durch einen Eingriff in die Hardware, also erst mit der zweiten Version der Zen-Chips, bleibt ungewiss. Immerhin sind die Entwickler von Dota 2 bei Valve so ehrlich, in einem Update anzugeben, dass sie ihre Threading-Konfiguration an Ryzen angepasst haben. Weiter ins Detail gehen sie dazu aber leider nicht.

Wirklich kurios ist in diesem Zusammenhang auch ein Bug, der ein Ryzen-System bei der Verwendung bestimmter FMA3-Instruktionen reproduzierbar zum Totalabsturz bringen kann. Unseren Tests zufolge geschieht das aber nur unter Windows mit SMT. Unter Linux können wir die Anwendungen immer fehlerfrei ausführen, sogar die Windows-Binärdateien mit Hilfe von Wine. Doch obwohl AMD den Fehler nachvollziehen kann und ihn bestätigt, kann dies kein direkter Hardware-Bug sein. Eine Erklärung, was denn aber den Fehler auslöst, enthält uns AMD vor.

Was AMD jedoch schon seit dem Start von Ryzen klar ansagt, ist, dass Anwendungen an die Core- und Cache-Struktur angepasst werden müssen. AMD habe hierfür zudem auch einige simple Änderungsmöglichkeiten ausfindig gemacht. Das bedeutet wohl, dass die 16 MByte an L3-Cache nicht einheitlich angesprochen werden sollten, sondern eben als zwei 8 MByte fassende Blöcke. In welchen Fällen dies aber nicht geschieht und vor allem warum nicht, obwohl das Betriebssystem es richtig mitteilt, erläutert AMD nicht.

Rätselraten mit Zahlen statt verlässlicher Werte

Einige gemäßigte Stimmen beschreiben die aufgeführten Probleme in den Debatten der vergangenen Wochen als typische Startschwierigkeiten einer vollkommen neuen Mikro-Architektur, was in weiten Teilen wohl eine sehr treffende Aussage ist. Von einer offeneren Kommunikation der Beteiligten könnten aber Anwender, Spieler, Entwickler und auch Tester wie Golem.de profitieren.

Denn bisher hat sich leider gezeigt, dass die Ergebnisse von Benchmarks und andere Messwerte mitunter schwer zu reproduzieren sind. Zudem haben Updates verschiedener Komponenten sowie der Anwendungen selbst teilweise für enorme Leistungsverbesserungen gesorgt. Wobei sich die neuen Werte jedoch kaum noch auf Startschwierigkeiten zurückführen lassen, sondern wohl eher auf fundamentale Missverständnisse und Fehler sowie Annahmen seitens der Entwickler, die auf Ryzen nicht zutreffen.

Statt Letzteres aber klar und vielleicht sogar konfrontativ mit einer konsequenten Öffentlichkeitsarbeit anzugehen, agieren AMD und andere viel zu zurückhaltend. Das heizt natürlich völlig unnötig Diskussionen an, hält die Plattform aber eben auch langfristig im Gespräch. Schlimmstenfalls ist das alles also nur ein sehr billiger Teil der Marketingkampagne zu Ryzen.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)  (sg)


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