Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0103/12686.html    Veröffentlicht: 01.03.2001 15:00    Kurz-URL: https://glm.io/12686

Spieletest: America - No peace beyond the line

Neuer Strategietitel von Data Becker

Bisher war Data Becker im Bereich der Vollpreisspiele sicherlich nicht unbedingt einer der Big Names. Mit America hat sich das nun aber schlagartig geändert, denn seit Erscheinen steht das Spiel auf den vorderen Plätzen der Verkaufscharts. Schließlich wartet der Titel auch mit einer netten Idee auf: Alles, was man schon seit Age of Empires kennt und gewohnt ist, wird in "America - No peace beyond the line" einfach in den wilden Westen verlegt.

Nun mag der Kritiker denken: Ist doch alles nur geklaut. Stimmt auch, aber besser gut geklaut als schlecht selber gemacht. Und "America - No peace beyond the line" ist tatsächlich nicht schlecht umgesetzt. Die Story ist schnell zusammengefasst: Cowboy jagt Indianer, Indianer skalpiert Desperado, Desperado erschießt Goucho und Goucho tritt in die Armee ein. Dieser Spannungsbogen wird in vier Einzelkampagnen durchgespielt, die von ihrem Habitus einem jeden anderen Echtzeit-Strategie-Spiel gleichen. Ressourcen erkunden, Infrastruktur aufbauen, Leute ausbilden und den Gegner schneller zur Strecke bringen, als der "Hände hoch" schreien kann.

Screenshot #1
Screenshot #1
Dabei ist das optische Erscheinungsbild durchaus ansprechend. Die Charaktere sind sehr liebevoll animiert und gut gerendert. Die 2D-Grafik liefert scharfe Bilder bis zu einer Auflösung von 1600 x 1200 Pixel. Dabei fällt einem natürlich das ein oder andere Detail ins Auge: Der Häuptling der Indianer ist tatsächlich so zivilisiert, dass er erst vom Pferd absteigen muss, bevor er in die gute Stube darf. Und die Mexikaner verfügen über Nonnen, die Hände-in-die-Hüften-stemmend einen reichlich strengen Eindruck machen. Peitschen-knallende Desperados sorgen obendrein für lustige Elemente.

Screenshot #2
Screenshot #2
Dabei unterscheiden sich die einzelnen Völker optisch vollständig voneinander, so dass ein mexikanischer Landarbeiter nicht mit einem indianischen Krieger verwechselt werden kann, obwohl sie beide die selben Dinge tun. Hier ist ein echter Fortschritt zu vergleichbaren Spielen feststellbar. Jedes Volk verfügt - in bewährter Manier - über Eigenheiten, die es von anderen Völkern unterscheidet und Vorteile liefert. Doch nur sinnvoll eingesetzt kann man diese Vorteile auch ausnutzen. So muss der Spieler seine Strategie von Anfang an seiner Kultur anpassen. Medizinmänner, die mit Regentänzen zum einen die Felder fruchtbarer machen und zum anderen aber auch den Gegnern Blitz und Donner um die Ohren hauen können, messen sich mit bekehrenden Priestern, die den heidnischen Gesellen schnell das Fürchten beibringen können.

Screenshot #3
Screenshot #3
Auch in den Kämpfen ist "America - No peace beyond the line" durchaus stimmig gelungen. In Formation angreifende Soldaten erhalten Bonuspunkte gegenüber unkoordiniert vorgehenden Einheiten. Hier machen sich auch wieder die Unterschiede in den Kulturen bemerkbar. Die technologisch unterlegenen Indianer müssen diesen Nachteil irgendwie kompensieren, und das tut man am besten durch eine blanke Überzahl. Die Handelsrouten der Amis und Mexikaner schreien geradezu danach, überfallen zu werden, um an die begehrten Pferde und Feuerstöcke zu gelangen.

Screenshot #4
Screenshot #4
Auf diese Idee kommen allerdings auch die Desperados, und so muss man aufpassen, dass man sich nicht in die Quere kommt. Abgesehen haben es alle auf Feuerwaffen und Pferde. Gerade diese machen einen vollständig neuen und reizvollen Aspekt in "America - No peace beyond the line" aus. Nahezu jede Kriegereinheit kann auch reiten, nur sind diese reitbaren Untersätze schwierig zu bekommen und bei der Produktion sehr teuer. Also ist Klauen das erste Mittel der Wahl, denn wenn eine Einheit aus dem Sattel geschossen wird, ist der Gaul nicht zwangsläufig mit erledigt. Einfangen, aufsatteln und los gehts. Der Einsatz zu Pferde bietet durch die Schnelligkeit enorme Vorteile gegenüber dem Fußvolk und kommt gerade bei einem "Rush" sehr wirkungsvoll zur Geltung.

Im Mehrspielermodus stehen insgesamt acht möglichen Spielern über Internet oder LAN drei Modi zur Verfügung: Ein Deathmatch, wobei jeder gegen jeden antritt. Der Königsmord, bei dem derjenige verloren hat, dessen Häuptling oder Kommandant getötet wird. Oder die Basisverteidigung, die eine klassische Attack-Defend-Situation beinhaltet. An Kartenmaterial stehen 20 verschiedene Landschaften zur Verfügung.

Fazit:
"America - No peace beyond the line" ist eine gekonnte Umsetzung eines bekannten Spielmusters mit neuen Aspekten. Jeder, der früher einmal Cowboy und Indianer gespielt hat, wird dieses Spiel sicher mögen, auch wenn es an Komplexität und Spieldichte nicht an die wirklich großen Vorreiter dieses Genres wie "Age of Empires", Die Siedler" oder "Starcraft" heranreicht. Dennoch ein abwechslungsreiches und sehr komplexes neues Terrain für Strategiefreunde. (Henning Tag)  (tw)


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