Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/snapdragon-835-angetestet-qualcomms-neue-high-end-plattform-1703-126852.html    Veröffentlicht: 22.03.2017 09:30    Kurz-URL: https://glm.io/126852

Snapdragon 835 angetestet

Qualcomms neue High-End-Plattform

Die Snapdragon 835 Mobile Platform ist Qualcomms neues High-End-SoC für Smartphones. Wir haben CPU und GPU angetestet und das System auch im Stresstest nicht an seine Grenzen gebracht - wozu allerdings das Demo-Smartphone beitrug.

Snapdragon 835 heißt Qualcomms neues High-End-System-on-a-Chip (SoC). Der Prozessorentwickler will es als Mobile Platform vermarkten, um Kunden darauf aufmerksam zu machen, dass es mehr als nur ein SoC sei. Wir hatten in Qualcomms Hauptquartier in San Diego die Gelegenheit, den wichtigsten Teil zu testen, nämlich die CPUs und GPUs anhand synthetischer Benchmarks.

Wir konnten allerdings lediglich ein Vorserienmodell in Form eines Qualcomm Reference Device nutzen. Dieses QRD ist zwar ein richtiges Smartphone, jedoch kein finales auf dem Markt verfügbares Modell. Es ist klobig und noch per Hand gefertigt. Design gibt es im Prinzip nicht, aber die wichtigsten Komponenten sind verbaut. Unser Modell hat einen Bildschirm mit 1.440 x 2.560 Pixeln, 6 GByte RAM, in unserem Fall LPDDR4, und besagten Snapdragon 835 alias SDM835 alias MSM8998.

Eines ließ sich gleich zu Beginn sagen: Der Chip ist für typische Android-Aufgaben schnell genug. Android 7.1.1 stellt kein Problem dar. Es galt also, Unterschiede durch Benchmarks zu erkennen. Dabei gab es einige Einschränkungen. Da Qualcomm verhindern wollte, dass die Programme ihre Werte ins Netz hochladen, wurden die Smartphones nur in einem Netz betrieben, in dem die Firewall eine Kommunikation verhinderte. Mitunter wurden angepasste Programme verwendet, etwa Varianten für Geschäftskunden, die auch ohne Upload Benchmark-Ergebnisse anzeigten. Auf Nachfrage wurden zusätzliche Programmteile nachinstalliert, sollte ein Benchmark diese benötigen.

Die vorgestellten Ergebnisse sind trotzdem nur als Tendenz zu verstehen, da es sich eben um eine Entwicklungsplattform handelt und nicht um ein reguläres Smartphone. Die Ergebnisse selbst waren in sich stimmig. Doch gab es auch einige Ausreißer: Aufgrund eines Scheduling-Bugs kam es manchmal vor, dass nicht alle Kerne genutzt wurden und daraufhin unrealistisch niedrige Werte auftraten.

Doch schauen wir uns zunächst an, was eine Plattform bedeutet und welche potenziellen Vorteile die Prozessorarchitektur hat.

Acht Kerne im 10-nm-Verfahren und keine erkennbare Drosselung

Die Kernkomponenten des Snapdragon 835 sind zum einen die acht CPU-Kerne vom Typ Kryo 280. Diese sind als Big-Little konfiguriert, also zwei sich abwechselnde 4-Kern-Sets, wobei das leistungsfähigere Vierer-Set nur bei hohen Lasten aktiv wird. Als GPU ist Adreno 540 verbaut.

Gefertigt wird das Ganze im 10-nm-LPE-Verfahren (Low Power Early, FinFET), was deutliche Vorteile bei der Leistungsaufnahme ermöglichen soll. In einem von Qualcomm gestellten Testaufbau wurde dies anhand einer Darstellung einer VR-Aufnahme demonstriert und deutete eine Ersparnis von etwa 30 Prozent im Vergleich zu den 82x-Snapdragons an. Das ist allerdings ein Extrembeispiel. In der Praxis ist die Standby-Zeit wichtig, und Messwerte gab es dafür nicht. Ein Smartphone im Ruhemodus mit aktiviertem Display zeigte Qualcomm beispielsweise nicht. Hier dürfte das Display hohe Leistung aufnehmen und die Unterschiede beim Prozessor dürften kaum noch auffallen.

Snapdragon ist eine Plattform

Abseits der Prozessorarchitektur gibt es noch einige Feinheiten, die vor allem die Plattform betreffen und nicht unbedingt 835-exklusiv sind. Genau deswegen will die Firma die SoCs nicht mehr als solche vermarktet sehen. Zum Snapdragon gehörten Software, Hardware und sogar Services, teilte das Unternehmen Golem.de mit. Zu Letzterem gehört etwa eine verbesserte elektronische Bildstabilisierung (EIS 3). Unterschiede zu Vorgängern zeigte Qualcomm nicht, aber nannte ein interessantes Detail: EIS 3 ist bei einigen wenigen Herstellern auch bei anderen Snapdragon-Prozessoren im Einsatz. Sie ist also gar nicht so neu, wird aber Teil des 835er-Snapdragons. Im Betrieb soll sie sehr stromsparend sein. Es ist allerdings Sache des Smartphone-Herstellers, ob EIS 3 stromsparend eingesetzt wird oder mit dem Fokus auf das perfekte Bild.

Software und Services waren in der kurzen Zeit nicht testbar, weswegen wir es bei einer groben Benennung belassen. Interessanter waren die Benchmark-Ergebnisse.

Sehr gut im Multicore, nicht so gut im Singlecore

Bei den Benchmarks zeigt sich ein insgesamt gutes Bild verglichen mit dem Vorgänger, aber auch mit der Apple-Konkurrenz. Wir haben den Snapdragon 835 mit dem Snapdragon 821 in einem Google Pixel XL und teilweise dem A10 des iPhone 7 Plus verglichen. Nicht alle Tests existieren unter iOS. Vor allem im Multicore-Betrieb überzeugt der Snapdragon 835, wie der folgenden Tabelle zu entnehmen ist:

Während des Benchmarkings gab es einen kleinen Ausreißer beim PC-Mark-Work-1.0-Test. Der Wert liegt bei etwa 5.200 Punkten statt der sonst gemessenen rund 7.900 Punkte. Laut Qualcomm schlägt dann ein Scheduling-Bug noch zu, so dass nicht alle Kerne vernünftig arbeiten und ein Neustart des Smartphones notwendig wird.

Insgesamt zeigt sich aber gut, welches Potenzial der Chip hat. Vor allen bei Spielen dürfte die Entwicklung erfreulich sein. Dort erreicht der Snapdragon 835 praktisch das Niveau des aktuellen iPhones.

Im Singlecore-Betrieb zeigt zumindest Geekbench, dass durchaus noch ein großer Abstand zu Apple bestehen kann. Auf einem iPhone 7 Plus erreichten wir gut 3.404 Punkte, also rund 1.400 Punkte mehr als das Qualcomm-Gerät, das zugegebenermaßen auf einem anderen Betriebssystem läuft, was durchaus mit Einfluss hat. Beim Vergleich zwischen Plattformen im Gesamten ist das iPhone allerdings in Singlecore-Anwendungen diesem Benchmark zufolge deutlich schneller als ein Qualcomm-basiertes Smartphone.

Natürlich sind das nur synthetische Benchmarks. Alltagsperformance - das Wichtigste bei einem Smartphone - lässt sich damit nicht messen. Das hat auch Qualcomm erkannt und sich ein wenig über synthetische Benchmarks beschwert, die die gesamte Plattform, darunter auch LTE und WLAN, ja nicht vermessen. Trotzdem wurde für Benchmarks eben nur auf die genutzten synthetischen Benchmarks seitens Qualcomm verwiesen. Auch Qualcomm hat anscheinend keine Idee, wie ein Smartphone mit besseren Benchmarks in so kurzer Zeit vermessen werden kann.

Die Benchmarks zeigen trotzdem eine deutliche Tendenz hin zu einem leistungsfähigen Chip für die nächste Generation der High-End-Smartphones. Sei es nun Numbercrunching oder auch Spielen: Die Geräte sind fix genug für anspruchsvolle Aufgaben.

Der Snapdragon drosselt anscheinend nicht

Nachdem die Hitzeprobleme des Snapdragon 810 bekanntgeworden waren, haben wir natürlich auch versucht, mit viel Last zu schauen, ob das System irgendwann an seine Grenzen stößt, dies jedoch nur in einem begrenzten Zeitraum. Wir haben den Test Manhatten OpenGL ES 3.0 vom GFXBench insgesamt 13-mal kurz hintereinander ausgeführt und zumindest unter Berücksichtigung der Messungenauigkeit keinen Einbruch erkennen können. Es gab jedoch eine statistische Auffälligkeit: Während die ersten acht Durchläufe 62 fps ergaben, erreichten die Durchläufe 9, 11 und 13 jeweils nur 61 fps.

Das wollen wir nicht überbewerten, denn bei einem normalen Test wäre ein gemitteltes Ergebnis genutzt worden, und der Einbruch ist nur minimal. Das ist in einer Testreihe zu erwarten. Nur dass die Werte am Ende schwächer sind, würde einen Verdacht auslösen.

Wir hatten zudem auch bei GFXBench einmalig ein Scheduling-Problem und mussten nach einem Wert von 54 fps das System neu starten.

Bei unserem Stresstest wurde das Gerät spürbar wärmer an einer Seite. Das geschah jedoch in einem akzeptablen, noch angenehmen Umfang. Zugegebenermaßen hatte Qualcomms Prototyp aber auch kein hitzetechnisch anspruchsvolles Design. Das Smartphone war groß und dick. Allerdings wurde die Rückseite auch nicht zur Kühlung verwendet. Das Innendesign war ziemlich luftig. Wir gehen von einem gewissen Optimierungspotenzial bei der Abwärme aus. Handyhersteller sollten also in der Lage sein, leistungsfähige Snapdragon-835-Smartphones zu konstruieren, die die Wärmeentwicklung gut handhaben können.

Abschließend lässt sich das natürlich nur mit einem finalen Smartphone beurteilen.

Fazit und Verfügbarkeit des Snapdragon 835

Der Prozessor ist offensichtlich fertig und wird an Smartphone-Entwickler längst in Mustern ausgeliefert. Erste Ankündigungen gibt es seitens der Hardwarepartner bereits. Sonys Xperia XZ Premium gehört zum Beispiel zu den Vorstellungen der Mobilfunkmesse MWC 2017 und soll im kommenden Juni auf den Markt kommen. Um den Juni herum dürften auch weitere Smartphones und Tablets mit dem Chip erscheinen.

Fazit

Es ist zwar nur eine Vorabversion, aber die ersten Ergebnisse sehen vielversprechend und stimmig aus. Soweit dies von einer Entwicklungsplattform beurteilt werden kann, wird Qualcomm mit dem Snapdragon 835 einen der schnellsten Chips für Smartphones in diesem Jahr bieten.

Die Scheduling-Probleme, deren Grund Qualcomm noch sucht, müssen bis zur Veröffentlichung der ersten Smartphones aber beseitigt werden, da die Leistungseinbrüche in einem spürbaren Bereich liegen. Immerhin geht Qualcomm damit offen um und diese Art von Bugs ist nicht ungewöhnlich.

Der Snapdragon 835 wird sich wohl nicht zuletzt wegen seiner Leistungsfähigkeit in vielen neuen Smartphone-Designs finden. Ob er tatsächlich für längere Akkulaufzeiten sorgt, hängt aber stark von den Entscheidungen der Hersteller ab. Selbiges gilt für viele bisher nicht testbare Plattformfunktionen.

Spannend wird vor allem der Vergleich mit Samsungs Exynos 8895, der höchstwahrscheinlich im Galaxy S8 zum Einsatz kommt und ähnliche Eckdaten bietet.

Nachtrag vom 22. März 2017, 14:48 Uhr

Es handelt sich bei dem Testgerät nicht um eine Mobile Development Plattform, sondern um das Qualcomm Reference Device. Auswirkungen für den Endkunden hat dies nicht. Der Text wurde entsprechend korrigiert.  (ase)


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