Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/p10-und-iphone-im-portraettest-huawei-machts-besser-als-apple-1703-126745.html    Veröffentlicht: 16.03.2017 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/126745

P10 und iPhone im Porträttest

Huawei machts besser als Apple

Bei seinem neuen P10 hat Huawei die Porträtfunktion offensiv beworben: Hintergrundunschärfe und eine als künstliche Studiobeleuchtung bezeichnete Bearbeitung sollen die Bilder verbessern. Golem.de hat die neue Funktion mit dem Porträtmodus des iPhone 7 Plus verglichen - und einen Favoriten gefunden.

Bei der Vorstellung seines neuen P10 hat der chinesische Hersteller Huawei die Verbesserungen bei der Kamerasoftware betont: Ein neuer Porträtmodus soll zu besseren Personenaufnahmen als bisher führen. Anders als etwa beim P9 und beim Mate 9 gibt es nicht mehr nur die Möglichkeit, den Hintergrund mit Hilfe der Funktion "Große Blende" unscharf zu maskieren.

Hierbei kann der Nutzer mit einem Schieberegler einstellen, wie sehr der Hintergrund verschwommen sein soll - dies simuliert die Hintergrundunschärfe einer Spiegelreflexkamera. Beim P10 gibt es diesen Modus auch, zusätzlich verfügt das Gerät aber über einen dedizierten Porträtmodus, der über eine eigene Schaltfläche aufgerufen werden kann.


Einen Porträtmodus mit Hintergrundunschärfe bietet auch das iPhone 7 Plus: Im September 2016 hatte Apple den Modus in einer ersten Beta-Version nachgeliefert. Wie beim P10 basiert die Funktion auf einer Tiefenmessung der Dual-Kamera, die verschiedenen Unschärfestufen werden anhand dieser Daten berechnet. Im Test von Golem.de machte der Porträtmodus des iPhone 7 Plus einen guten Eindruck - Zeit, ihn mit dem des P10 zu vergleichen.

P10 bearbeitet im Porträtmodus das Bild

Der Porträtmodus des P10 ermöglicht neben einer Unschärfemaskierung des Hintergrundes eine Bearbeitung der Ausleuchtung sowie die bereits von früheren Huawei-Smartphones bekannten Makeup-Effekte, die beim P10 allerdings weniger aufdringlich wirken. Die Ausleuchtungsbearbeitung bezeichnete Huawei in Vorabgesprächen als "Studiolichtsituation": Je nachdem, wie der Algorithmus die jeweilige Aufnahmesituation sieht, werden Schatten aufgehellt oder auch verdunkelt, um einen dramatischeren Effekt zu erzielen.

Beeinflussen kann der Nutzer diese "künstlerische Effekte" genannte Bearbeitung nicht - sie lässt sich lediglich ein- und ausschalten. Bei ausgeschalteter Bearbeitung lässt sich der Porträtmodus immer noch mit der Makeup-Automatik nutzen, es findet aber keine Ausleuchtungskorrektur statt und der Hintergrund wird nicht mehr unscharf gerechnet. Das virtuelle Makeup ist im Übrigen äußerst effektiv in der Beseitigung von Augenringen...

Beide Modi erlauben keine Einstellungen

Auch beim iPhone 7 Plus können wir nichts einstellen: Die Funktion lässt sich wie beim P10 nur ein- oder ausschalten. Das ist für den Nutzer zwar weniger verwirrend, limitiert aber auch hier die Möglichkeiten. Der Porträtmodus des iPhones macht nur den Hintergrund unscharf, eine Bearbeitung der Belichtung ist nicht möglich. Von der Funktion und der Benutzung sind die beiden Modi ansonsten aber identisch: Mit der zweiten Kamera wird die Tiefe ermittelt, anhand der gewonnenen Daten berechnet das Smartphone die unterschiedlichen Schärfeebenen.


Beim iPhone 7 Plus wird als Kamera für den Porträtmodus die mit der längeren Brennweite genutzt - was bei Porträts generell eine gute Entscheidung ist. Das P10 hat keine unterschiedlich großen Brennweiten, hier wird die Aufnahme mit einer normalen, weitaus weitwinkligeren Ansicht gemacht. Allerdings können wir das Aufnahmeobjekt mit dem zweifachen, qualitativ hochwertigen Digitalzoom etwas näher heranholen. Von der Qualität besser aber wird die Aufnahme natürlich, wenn man einfach zwei Schritte auf die zu fotografierende Person zugeht, will man einen ähnlich engen Bildausschnitt haben wie beim iPhone.

Live-Vorschauen entsprechen nicht dem fertigen Bild

Im Display wird uns bei beiden Smartphones eine Live-Vorschau des Bildes mit Hintergrundunschärfe angezeigt, die allerdings nicht dem finalen Bild entspricht. In der Vorschau sind die Ränder des fotografierten Objektes sowohl beim P10 als auch beim iPhone 7 Plus weitaus weniger gut vom Hintergrund getrennt - diese Berechnung erfolgt erst nach der Aufnahme.

Vergleichen wir die Porträtaufnahmen der beiden Smartphones, fallen uns zunächst Unterschiede auf, die nicht die Hintergrundunschärfe betreffen. Die Bilder des iPhones machen im direkten Vergleich zu denen des Huawei-Gerätes einen wesentlich flaueren und matschigeren Eindruck. Die Bilder des P10 sind kontrastreicher und kräftiger; uns gefällt das sehr viel besser. Auch die Ausleuchtung ist beim Huawei-Gerät besser. Dass Huawei dies etwas hochtrabend als künstliche Studiobeleuchtung bezeichnet, ist egal; in unseren Tests bringt die Optimierung tatsächlich etwas.

iPhone-Bilder wirken im Vergleich zu stark weichgezeichnet

Mit der Hintergrundschärfenberechnung indirekt hängt die allgemeine Schärfe der Bilder zusammen: Der Algorithmus des iPhone 7 Plus macht Kanten generell sehr weich, wodurch die Bilder stellenweise so wirken, als wären sie durch einen Soft-Filter aufgenommen worden. Beim P10 hingegen ist der allgemeine Bildeindruck schärfer und weniger soft. Bereits beim Hands On der Porträtfunktion des iPhone 7 Plus hatten wir diese Kantenunschärfe beobachten können.

Beide Smartphones schaffen es in unseren Tests, den Hintergrund unscharf zu maskieren, das fotografierte Objekt dabei aber im Fokus zu behalten. Besonders gut klappt das in Situationen, in denen sich der Hintergrund in ausreichender Entfernung zum fotografierenden Objekt befindet. Dann kommt es an den Übergängen zur errechneten Unschärfe zu den geringsten Störungen.

Zu naher Hintergrund führt zu Fehlberechnungen

Bei geringen Abständen können diese bei beiden Geräten auftreten. Das iPhone hat dabei die Tendenz, direkt hinter dem Aufnahmeobjekt befindliche Dinge mit weichzuzeichnen, obwohl aufgrund der räumlichen Anordnung eigentlich keine Unschärfe angebracht ist. Dies führt mitunter zu räumlich verwirrenden Perspektiven.

Das P10 hingegen verwendet in kritischen Situationen an den Kanten eher zu wenig Weichzeichner für den Hintergrund, was ebenfalls zu Bildfehlern führt. Generell ist die Faustregel, genügend Platz zwischen Vordergrund und Hintergrund zu lassen - sowohl beim iPhone als auch beim P10 ein guter Ratschlag.

Ebenen werden gut getrennt

Beide Smartphones können dank der Dual-Kameras zwischen verschiedenen Ebenen im Hintergrund unterscheiden, sofern genügend Platz zwischen diesen ist und sie von der Struktur und vom Kontrast gut unterscheidbar vom Gesamthintergrund sind. Diese Ebenen werden dann im fertigen Bild recht zuverlässig etwas weniger stark unscharf maskiert, was den Gesamteindruck realistischer erscheinen lässt. Insgesamt sind wir aber sowohl beim iPhone als auch beim P10 auf den Algorithmus angewiesen, wenn es um den Grad der Gesamtunschärfe geht - einstellen können wir diesbezüglich nichts.


Bei unseren Testaufnahmen fällt auf, dass die Bilder des iPhones merklich mehr Rauschen haben als die des P10, insbesondere bei Fotos in Innenräumen. Hier dürfte auch die Makeup-Bearbeitung des Huawei-Smartphones helfen, die das Bild sicherlich etwas "glattbügelt". Bei standardmäßig eingestellter mittlerer Stärke empfinden wir dies aber nicht als unangenehm oder zu aufdringlich.

P10 kann nur Menschen porträtieren

Wer nicht nur Menschen im Porträtmodus fotografieren, sondern auch andere Objekte mit künstlicher Hintergrundunschärfe aufnehmen will, kann dies nur mit dem iPhone zuverlässig machen. Das P10 muss ein menschliches Gesicht erkennen, damit es im Porträtmodus Bilder mit Hintergrundunschärfe erzeugen kann. Ist kein menschliches Gesicht vorhanden - oder hält die zu fotografierende Person ihr Gesicht nicht ausreichend in Richtung der Kamera - gibt es schlicht keine Hintergrundunschärfenmaskierung.

Beim iPhone hingegen können wir durchaus auch nichtmenschliche Objekte fotografieren, wenngleich mit etwas weniger zuverlässig guten Ergebnissen. Zudem haben diese Aufnahmen die gleichen Probleme, die uns im Vergleich der Porträtaufnahmen mit dem P10 aufgefallen sind: Die Farben sind flau, der Kontrast ist gering, die Ausleuchtung ist nicht gut.

Verwenden wir die Kameras des P10 und des iPhone 7 Plus ohne die Porträtoption, ähnelt sich der Bildeindruck. Das P10 ist in den Details allerdings etwas schärfer; beim iPhone-Test ist uns bereits aufgefallen, dass das jüngste Apple-Smartphone nicht so scharfe Bilder macht wie etwa das iPhone 6S. Bei Innenraumaufnahmen unterscheidet sich die Ausleuchtung bei den beiden Geräten nicht nennenswert, auch hier ist das P10 leicht schärfer und zeigt etwas weniger Artefakte. Diese Unterschiede sind aber erst in der Vergrößerung zu sehen.

Fazit

Insgesamt betrachtet gefällt uns der Porträtmodus des Huawei P10 besser als der des iPhone 7 Plus. Das liegt vor allem am Gesamteindruck der Bilder: Die Fotos des P10 sind von den Farben her lebendiger und haben einen besseren Kontrast. Außerdem ist die Schärfe besser; das liegt daran, dass das iPhone die Kanten um das zu fotografierende Objekt stellenweise zu stark weichzeichnet, was zu einem insgesamt sehr soften Bildeindruck führen kann.

Beim P10 passiert dies nicht: Hier sind die Kanten gut vom Hintergrund getrennt, ohne dass sie zu weich sind. Das sieht natürlicher aus und führt zu einem insgesamt knackigeren Bild.

Beide Smartphones schaffen es, den Hintergrund gut unscharf zu maskieren und dabei auch unterschiedliche Entfernungen zu berücksichtigen. Beim P10 ist der Hintergrund etwas weniger unscharf, was uns besser gefällt.

Probleme haben sowohl das iPhone 7 Plus als auch das P10 bei Objekten im Hintergrund, die sehr nah am zu fotografierenden Subjekt sind. Auch bei geringen Kontrastunterschieden kann es zu Fehlerkennungen kommen. Diese Probleme sind technisch bedingt und lassen sich bei derartigen softwarebasierten Lösungen nur verringern, nicht aber vermeiden. In unseren Tests liegt mal das P10 daneben, mal das iPhone.

Als ebenbürtiger Ersatz für eine offene Blende einer Spiegelreflexkamera eignen sich sowohl der Porträtmodus des iPhone 7 Plus als auch der des P10 nicht. Für ein hübsches Porträt zwischendurch taugen die Geräte aber schon - das Huawei-Smartphone etwas besser als das iPhone.  (tk)


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