Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/webcam-logitech-brio-im-test-zum-skypen-fast-zu-schade-1703-126719.html    Veröffentlicht: 15.03.2017 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/126719

Webcam Logitech Brio im Test

Zum Skypen fast zu schade

4K, HDR, Windows Hello - die Daten der Webcam Brio von Logitech klingen beeindruckend. Der Preis allerdings auch. Wir haben sie in einer Redaktionskonferenz ausprobiert - und noch einiges mehr damit gemacht.

Externe Webcams kosten selten mehr als 50 Euro. Logitechs Brio hingegen kommt im März für rund 240 Euro auf den deutschen Markt. Dafür soll sie exzellente hochauflösende Aufnahmen machen und mehr als nur Videotelefonie ermöglichen. Wir hatten sie in der Redaktion im Einsatz und möchten jetzt auch eine haben.

Die Brio ist die erste Kamera von Logitec mit 4K-Aufnahme-Modus. Sie lässt sich wie eine normale Webcam anschließen und wird unter Windows ab Version 8, MacOS und Linux sofort erkannt. Eine Treiberinstallation ist nicht nötig. Für hochauflösende Videos muss sie mit einem USB-3.0-Anschluss verbunden werden. Die Kabellänge ist mit zwei Metern großzügig bemessen. Ebenfalls praktisch: Das Kabel ist abnehmbar, an der Kamera selbst befindet sich ein USB-C-Anschluss. Die Brio lässt sich mit einem Faltmechanismus an einen Monitor klemmen, aber auch ein Stativgewinde ist integriert.

Die Verarbeitung macht einen sehr guten Eindruck. Das glatte Gehäuse ist aus grauem Metall und wirkt sehr stabil. Andererseits macht die Materialwahl das Gerät mit 117 Gramm schwerer als vergleichbare Kameras aus Plastik. An dünnen Ultrabook-Bildschirmen wirkt die Brio daher recht klobig.

Für unterwegs ist Logitecs Webcam-Topmodell wohl ohnehin nicht gedacht. Mit einer Integration von Sonderfunktionen für Skype Business und MS Lync sowie Windows Hello richtet sich die Kamera wohl eher an Geschäftskunden mit stationärem Rechner. Auch Jabber und WebEx werden unterstützt. Aber das Hauptargument für die Brio ist ohnehin ein anderes.

Bilder gut, Steuerung gewöhnungsbedürftig

Die Bildqualität ist für eine Webcam hervorragend. Die Brio fokussiert schnell und kommt dank HDR-Technologie auch mit schwierigen Gegenlichtsituationen klar. Die Farben wirken natürlich und nicht übersättigt. In dunklen Umgebungen fängt sie zwar an zu rauschen, senkt aber nicht die Bildrate und kann selbst dann genutzt werden, wenn die einzige Lichtquelle der Monitor ist, auf dem sie sitzt.

Mit einem kostenlos auf der Firmenwebseite für Windows 7 bis 10 und MacOS erhältlichen Programm können einige Parameter verändert werden. So lässt sich der Blickwinkel von 90° auf 78° oder 65° verringern und der Bildausschnitt beeinflussen.

Andere Einstellungen betreffen Farbe, Kontrast und Weißabgleich. Das Programm ist auf dem PC aber nicht ganz sauber programmiert. So ist etwa die Steuerung für den Bildausschnitt invertiert - aber nur auf der horizontalen Achse. Um den aufzunehmenden Bereich nach links zu verschieben, muss man also auf den rechten Steuerungspfeil drücken. Unter MacOS hingegen funktioniert die Steuerung wie erwartet. Die Bewegung erfolgt nicht stufenlos, sondern in Schritten. Wer seinen Kameraausschnitt ganz exakt positionieren möchte, wird nicht umhinkommen, die Brio selbst zu bewegen.

Auch unter Linux kein Problem

Unter Linux muss zum Verändern des Bildes der Logitech Brio auf Boardmittel zurückgegriffen werden. Das ist allerdings kein besonders großes Problem, da die Webcam ein UVC-Gerät ist (USB Video Class) und der entsprechende Linux-Treiber (uvcvideo) genutzt wird. Dessen Einstellungen lassen sich über die Kommandozeile mit dem Werkzeug uvcdynctrl oder der grafischen Anwendung Guvcview anpassen, dazu gehören Farbe, Kontrast, Sättigung oder sogar der Fokus der Optik. Die Einstellungen können gespeichert werden und werden dann von anderen Anwendungen übernommen. Das ist mehr, als das hauseigene Programm von Logitech unter Windows und MacOS bietet.

Viele Kameraparameter lassen sich auch in Streaming- und Videotelefonieprogrammen selbst ändern. Eine Funktion zum automatischen Schwenken oder Zoomen auf Personen während der Aufnahme hat aber selbst Skype nicht. Dieses Feature bleibt weiterhin der Xbox One mit Kinect vorbehalten.

Wenigstens in Skype Business und Microsoft Lync können die angerufenen Gesprächspartner per Far End Control auf die Kamera zugreifen und sie steuern. Aber nicht nur für Videochats ist die Brio sinnvoll.

Alternative für Streamer

Die Qualität der Kamera macht sich in Streaminganwendungen wie OBS ebenfalls bemerkbar. Dank des 4K-Eingangsmaterials sehen die auf Full-HD oder HD herunterskalierten Videos hervorragend aus. Das dürfte Youtubern oder Twitch-Streamern gefallen. Gerade im Spielebereich greifen viele Produzenten auf Einblendungen der Kommentatoren am unteren Bildschirmrand zurück - oft mit einer Farbmaske wie zum Beispiel einem Greenscreen. Für solche Anwendungsszenarien ist die Brio bestens geeignet.

In diesem Umfeld zählen auch die technischen Werte. Die Kamera nimmt 30 Bilder pro Sekunde mit 4K-Auflösung und bis zu 60 Bilder im Full-HD-Modus auf. Unter Linux gelang uns die Aufnahme oder Anzeige von UHD-Inhalten zunächst jedoch weder mit dem VLC-Player noch mit OBS. Eine Untersuchung der verfügbaren Ausgabeformate der Webcam mit Hilfe von FFmpeg zeigt, dass ein Raw-Videostream im YUV422-Format auf Full-HD beschränkt ist. Die UHD-Daten liefert die Brio im für Webcams üblichen MJPEG-Format, also 30 einzelne JPEG-Bilder pro Sekunde.

Eine wie keine

Eine vollwertige Kamera zur Aufnahme von 4K-Inhalten ist die Brio damit wie erwartet zwar nicht, dennoch ist die Brio im Endkundenbereich bislang einzigartig. Es gibt zwar theoretisch die Möglichkeit, eine Gopro oder andere 4k-fähige Actionkameras als Webcam zu nutzen, das ist aber recht aufwendig, da sie sich nicht direkt als Kamera an den Rechner anschließen lassen. Nur über den Umweg einer Videoaufnahmekarte ist das möglich - diese verarbeiten aber meist kein 4K.

Ein weiterer Vorteil der Brio ist die Kompatibilität zu Windows Hello. Die verbauten Infrarotsensoren nutzen nicht Intels Realsense-Technik, funktionieren aber bei der Windows-Anmeldung problemlos. Noch gibt es wenige Geräte, die für Windows Hello zertifiziert sind, daher finden wir die in der Brio integrierte Gesichtserkennung sehr praktisch.

Ton läuft

Für Anwender mit Sicherheitsbedenken liefert Logitech übrigens eine Privacy Shade genannte Lösung mit: eine Plastikklappe, die vor die Kamera gehängt werden kann.

Die verbauten Stereomikrofone lassen sich so natürlich nicht stummschalten. Dafür ist aber auch ihre Leistung auf hohem Niveau. Wir haben testweise eine Redaktionskonferenz mit der Brio abgehalten und bekamen von den auswärtigen Kollegen prompt Komplimente für die gute Audioqualität. Auch das Bild war natürlich besser als das unserer Microsoft Lifecam Studio.

Verfügbarkeit und Fazit

Die Logitech Brio ist voraussichtlich ab sofort in Deutschland verfügbar und kostet rund 240 Euro. Zum Lieferumfang gehören eine Befestigung für Monitore, ein USB-3.0-auf-USB-C-Kabel, eine Sichtblende und eine Stofftasche für den Transport.

Fazit

Auch wenn es auf Plattformen wie Youtube unterstützt wird: Videostreaming in 4K ist noch unüblich. Abgesehen von der benötigten Bandbreite gibt es erst wenige Inhalte, die von der erhöhten Auflösung profitieren - und eine Liveübertragung nötig machen. Daher ist die Brio in unseren Augen eine Webcam, die ein exzellentes Full-HD-Bild liefert und auf diese Weise vom verbauten 4K-Sensor profitiert. Auch die Tonqualität der Stereomikrofone ist sehr gut.

Wünschenswert wäre eine bessere Integration von Videoinhalten mit UHD-Auflösung in Videotelefonieanwendungen. Eine Funktion zum Zoomen oder Schwenken im Bild ohne Qualitätsverlust würde die 4K-Fähigkeiten von Webcams wie der Brio sinnvoll zum Einsatz bringen.

Wer nur ab und zu mit der Verwandtschaft videofoniert oder seine alte VGA-Webcam ersetzen möchte, braucht die Brio wohl kaum. Für diese Zwecke hat auch Logitech selbst preiswertere Geräte im Angebot.

Für Unternehmen ist die Brio hingegen zu empfehlen. Andere steuerbare Webcams sind größtenteils wesentlich teurer und benötigen einen höheren Aufwand bei Aufbau und Einrichtung. Auch für Videoblogger und Produzenten von Livestreams ist die Kamera sehr gut geeignet. Wir denken jetzt jedenfalls über die Anschaffung einer neuen Webcam für unsere Redaktionskonferenzen nach.  (mwo)


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