Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/vbb-fahrcard-berlin-zeigt-welche-nachteile-die-e-tickets-haben-koennen-1703-126632.html    Veröffentlicht: 09.03.2017 13:44    Kurz-URL: https://glm.io/126632

VBB Fahrcard

Berlin zeigt, welche Nachteile die E-Tickets haben können

Das E-Ticket-System (VBB Fahrcard) in und um Berlin ist noch lange nicht fertig und schon werden die ersten Karten ausgetauscht. Jetzt ist ein Fall bekanntgeworden, bei dem ein Abokunde deswegen als Schwarzfahrer eingestuft wurde.

Die BVG hat in Berlin damit begonnen, die ersten VBB Fahrcard genannten E-Tickets des Verkehrsverbundes Berlin Brandenburg auszutauschen, und das hat mitunter unangenehme Konsequenzen. Laut eines Berichts des Berliner Tagesspiegels über eine Abonutzerin kann es dabei passieren, dass ein zahlender Fahrgast als Schwarzfahrer eingestuft wird, da die Tickets mit dem Austausch vorzeitig gesperrt werden. Aufgrund eines Fehlers sind so vermutlich mehrere Tausend Abokunden als Schwarzfahrer unterwegs, denn Abokunden werden in dem Anschreiben zur neuen Fahrcard nicht darauf hingewiesen, dass die alte Karte vorzeitig gesperrt wird, wie aus einer Stellungnahme der BVG gegenüber dem Tagesspiegel hervorgeht. Die BVG bittet die betroffenen Stammkunden diesbezüglich um Verständnis.

Die laut Tagesspiegel betroffene Kundin der BVG hätte ihr übertragbares E-Ticket eigentlich noch bis zum 31. März 2017 nutzen können. Bei einer Kontrolle eines anderen Verkehrsunternehmens, der S-Bahn Berlin GmbH, wurde der Ehemann der Besitzerin allerdings als Schwarzfahrer ertappt. Bei einem E-Ticket besteht das Risiko prinzipbedingt, da die Fahrtberechtigung digital entzogen werden kann und der Kunde seine Unschuld dann beweisen muss.

Wer schwarz fährt, muss zahlen

Obwohl es sich um ein verbundweites Problem handelt und das neue E-Ticket samt des fehlenden Hinweises bereits am 16. Januar 2017 zugestellt wurde, bestand die S-Bahn auf die Erhebung eines erhöhten Beförderungsentgeldes. Technisch hat die S-Bahn recht, da sich der Ehemann eine Leistung mit einem ungültigen Fahrausweis erschlichen hat - sogenanntes Schwarzfahren. Die S-Bahn selbst weiß nicht, warum das Ticket ungültig ist. Es wird also ein erhöhtes Beförderungsentgelt von 60 Euro fällig. Es gibt in Berlin allerdings eine Kulanzregelung. Da der schwarzfahrende Ehemann ein Abo besitzt und damit nur sein gültiges Ticket vergessen hat, muss er nicht 60 Euro zahlen, sondern nur 7 Euro. Diese 7 Euro bezahlte er im Abobüro. Immerhin ersetzte die BVG diese 7 Euro und den unnötig bezahlten Fahrschein.

E-Ticket-Nutzer sind von Öffnungszeiten abhängig

Damit zeigt sich erneut, dass das E-Ticket Deutschland in der Art und Weise, wie es in den meisten Städten eingeführt wurde, erhebliche Nachteile für den Kunden bringen kann. Zum einen mangelt es an Transparenz seitens der Verkehrsbetriebe und zum anderen haben betroffene Nutzer kaum eine Möglichkeit, zu erkennen, dass sie ohne Fahrtberechtigung unterwegs sind. Eine Eingangskontrolle in der U-Bahn oder S-Bahn findet beispielsweise nicht statt.

Um die Gültigkeit seines E-Tickets zu überprüfen, muss der Nutzer in ein Kundenzentrum gehen. Auch die Lesegeräte in den Bussen arbeiten seit Jahren unzuverlässig. Wir wurden häufig als Schwarzfahrer eingestuft, obwohl wir ein gültiges E-Ticket hatten. Da die Busfahrer das Problem kennen, ignorieren sie solche Schwarzfahrer-Meldungen. Im Berliner Umland sind die Risiken allerdings so hoch, dass die BVG dort keine E-Tickets ausgibt, sondern auf Papier setzt.

Ohne E-Ticket wäre das nicht passiert

Bei den Papiertickets gibt es diese Probleme nämlich nicht. Auch außerhalb der Öffnungszeiten können Mitarbeiter aller Verkehrsbetriebe die Gültigkeit bestätigen. Sonst braucht es spezielle Lesegeräte, die allerdings sehr langsam sind. Bei Kontrollen in der U-Bahn haben sich Mitarbeiter der BVG oder von Auftragsunternehmen deswegen vor Jahren schon das Vortäuschen von Kontrollen angewöhnt. Was wir in der Vergangenheit mehrfach verifizieren konnten, indem wir zwei E-Tickets hintereinander vorzeigten. Das gibt eigentlich eine Fehlermeldung, allerdings nur dann, wenn das Ticket auch kontrolliert wird.

Trotz der Probleme bleiben die Verkehrsunternehmen dabei. Für Abokunden in Berlin ist das E-Ticket alternativlos und das, obwohl die Probleme kaum weniger werden und die Kommunikation noch immer nicht funktioniert.

Dass es einen vorzeitigen Austausch gibt, wurde seitens der BVG beispielsweise nicht über eine Pressemitteilung kommuniziert. Auch auf der Homepage haben wir keine Hinweise auf die Problematik gefunden. Das ist typisch für die Öffentlichkeitsarbeit rund um die Fahrcard. Die Teilnehmer des Verkehrsverbundes Berlin Brandenburg kommunizieren E-Ticket-Probleme nur dann, wenn es absolut notwendig ist, wie wir in unserem ausführlichen Bericht 'VBB Fahrcard: Der Fehler steckt im System' bereits dargelegt haben.

Insgesamt zeigt sich erneut, dass das E-Ticket, wie es in Deutschland meist eingeführt wird, für Kunden keine Vorteile hat. E-Ticket-Besitzer und Interessenten sind von Öffnungszeiten abhängig, was wir auch beim Rhein-Main-Ticket erlebten. Trotz dieser bekannten Probleme soll das System aber mit Druck des Bundesverkehrsministeriums deutschlandweit durchgesetzt werden.

E-Ticket-Systeme selbst funktionieren aber an sich hervorragend. Wir kennen insgesamt 17 E-Ticket-Systeme weltweit aus der Praxis. Sie sind ausnahmslos bedienungsfreundlich, schnell und zuverlässig. Dazu bieten sie meist ein transparentes, faires Preissystem und der Erwerb ist an einem Automaten möglich. Davon ist das vor über zehn Jahren eingeführte E-Ticket Deutschland allerdings weit entfernt.

Die Hintergründe zu diversen Neuerungen und Problemen des E-Tickets haben wir in den folgenden Artikeln aufgeschrieben:

 (ase)


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