Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/digital-detox-stiehlt-uns-das-internet-lebenszeit-1703-126621.html    Veröffentlicht: 09.03.2017 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/126621

Digital Detox

Stiehlt uns das Internet Lebenszeit?

Menschen technische Geräte wegnehmen und damit Geld verdienen: Um die Sehnsucht nach der guten alten internetlosen Zeit der 80er Jahre ist ein ganzer Industriezweig entstanden - den zumindest manche Mediziner ernst nehmen.

Etwa ein Dutzend Erwachsene stehen auf einer Waldlichtung, hinter sich ein Lagerfeuer. Im Gesicht haben sie bunte Streifen. Sie tragen keine Jeans, sie tragen Tierkostüme mit Kapuzen oder lange, fließende Gewänder und Federschmuck im Haar. In ihren Händen sind Pfeile und Bogen. Sie heißen nicht mehr Alexander oder Julia, sondern Bär oder Regenbogen. Was aussieht wie ein Spiel, ist ihnen bitterernst. Sie spielen nicht, sie wollen entgiften.

Niemand von ihnen darf ein digitales Gerät mit sich führen, geschweige denn benutzen. Sie sind hier, um sich von digitaler Technologie zu erholen - ein Phänomen, über das seit einigen Jahren viel diskutiert wird und das ein eigener Industriezweig bedient. Doch wer überhaupt digitale Entgiftung nötig hat und in welcher Form, ist nicht so leicht zu sagen.

Technische Geräte abgeben und wieder Mensch sein

Levi Felix war der Unternehmer, der aus der simplen Idee, Erwachsenen für ein paar Tage ihr Smartphone, Rechner und Tablet wegzunehmen, ein Geschäftsmodell machte. Er nannte seine Idee Digital Detox - digitale Entgiftung. Das Heilsversprechen: durch Verzicht auf digitale Technologie wieder lernen, was es bedeute, Mensch zu sein. Der Begriff hat mittlerweile eine Karriere vom ideologisch verbrämten Geschäftsmodell zu einem von zumindest manchen Medizinern absolut ernst genommenen Konzept gemacht.

An seinem Sommerferienlager für Erwachsene mit dem Namen Camp Grounded, ein Wortspiel aus "Hausarrest" und "geerdet", haben seit seiner Gründung 2013 mehr als 3.000 Menschen teilgenommen, darunter Bär und Regenbogen. Die Idee verbreitete sich rasant und findet immer mehr Anhänger, auch in Deutschland, wo inzwischen auch Digital-Detox-Reisen angeboten werden. Vor kurzem starb Levi Felix an einem Hirntumor. In einer Trauerrede auf Felix' Beisetzung wird ein Mann zitiert, der sagt, vor dem Aufenthalt in Camp Grounded habe er sich das Leben nehmen wollen, aber jetzt sei alles anders.

Stiehlt das Internet Lebenszeit?

Digital Detox als Mittel gegen die Depression? Der Verzicht auf digitale Technologie als Heilsbringer? Die Idee fand ihren Weg aus dem Wald hinaus in die Wissenschaft. Die US-Psychotherapeutin Nancy Colier schrieb ein Buch mit dem Titel The Power of Off, sinngemäß übersetzt mit Die Macht des Aus-Schalters. Sie sagt: "Wir verbringen zu viel Zeit mit Dingen, die eigentlich nicht wichtig sind". Colier ist überzeugt, nur analoge Beziehungen gäben uns das Gefühl, uns in der Welt zu spüren. Permanente Erreichbarkeit über digitale Technologie hingegen versetze uns in ständigen Alarmzustand, der uns auf die Dauer auslauge.

Unter Psychotherapeuten gibt es also Befürworter der digitalen Enthaltsamkeit, das Gleiche gilt paradoxerweise auch für einige, deren Beruf es ist, digitale Technologie zu entwickeln. Tristan Harris, ein ehemaliger Mitarbeiter von Google, warnt heute davor, unsere Zeit online zu verbringen. Er sagt, Unternehmen wie Google wollten uns bewusst Zeit für die Pflege von sozialen Beziehungen offline stehlen.

Wann wird Technik toxisch - und für wen?

Dagegenhält der Autor Alexis Madrigal. Er sagt, dass es statt zu verzichten richtig wäre zu fragen, welche negativen Entwicklungen wirklich von digitaler Technologie verursacht werden und nur welche zufällig dort stattfinden, wo Menschen Technologie anwenden. Er erteilt Digital Detox eine Absage: "Ich weigere mich zu akzeptieren, dass die einzige gute Antwort auf unvollkommene Technologie ist, sie komplett aufzugeben."

Madrigal bringt mit seiner Skepsis gegenüber dem Begriff des Digital Detox wichtige Fragen auf: Ab welchem Moment genau soll das Toxische am Digitalen, also eine Art Vergiftung durch digitale Technologie, beginnen? Ist es pauschal schlecht, digitale Technologie häufig und lange zu nutzen? Was ist normal und was nicht?

Das Büro für Technikfolgenabschätzung im Bundestag stellte in seinem Bericht zu neuen elektronischen Medien und Suchtverhalten (PDF) im April 2016 fest, dass "kein Einvernehmen darüber [herrscht], was im Zuge der fortgeschrittenen Mediatisierung der Gesellschaft als 'normales Mediennutzungsverhalten' verstanden wird".

Das Internet ist nicht an sich böse

Von Pauschalisierungen rät auch Bert te Wildt, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Leiter der Ambulanz und der Medienambulanz der LWL-Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum, ab: "Zu sagen, Internetnutzung auch im hohen Maß ist per se schlecht, greift zu kurz. Nehmen Sie Menschen mit einer speziellen Behinderung, die sich nur über das Netz mit ihrem Umfeld verständigen können. Für sie ist die exzessive Nutzung des Netzes ganz wichtig, um überhaupt soziale Beziehungen führen zu können. Wenn dann eine Abhängigkeit der Nutzung eintritt, ist das im Grunde egal."

Der Arzt, der 2012 die Medienambulanz mit einer Sprechstunde für Menschen mit Internet- und Computerspielabhängigkeit gründete, sagt aber auch: "Wir müssen eine Haltung gegenüber unserer Nutzung des Internets entwickeln. Ich empfehle, einen Tag pro Woche und einmal im Jahr eine Woche auf das Internet zu verzichten. So halten wir den Blick auf das analoge Leben offen." Also doch eine Empfehlung für Digital Detox aus medizinischer Sicht? Wer das Gefühl habe, das Internet sei für ihn vor allem privat in keinem Moment mehr verzichtbar, dem empfiehlt te Wildt, wenigstens zeitweise den Stecker zu ziehen.

Manche leben komplett offline

Dennoch gibt es kein Offline auf Rezept. Wer meint, Digital Detox zu brauchen, verschreibt ihn sich selbst, und so versteht jeder darunter etwas anderes: Manche nennen den vorübergehenden Verzicht auf das Smartphone Digital Detox und manche den Abschied aus sozialen Netzwerken. Für einige muss es wie im Camp Grounded der totale Verzicht auf jede digitale Technologie für ein paar Tage sein. Wird Digital Detox zum Dauerzustand, heißt es "Off The Grid" - frei übersetzt "Vom Netz genommen". So lebt der irische Buchautor und Aktivist Mark Boyle.

Er wohnt nach eigenen Angaben in einer Hütte, die er ohne technische Hilfe gebaut hat, ohne Elektrizität oder andere Annehmlichkeiten moderner Technologie. Im Guardian sagt er: "[Technologie] zerstört unsere Beziehung zur Natur. Sie trennt uns zuerst von der Natur, während sie gleichzeitig das Leben in das Bargeld verwandelt, das die Konsumgesellschaft ölt." Menschen würden laut Boyle zu Cyborgs, weil sie sich beispielsweise Herzschrittmacher oder Hörgeräte einsetzen. Der Autor David Bennun stellt die provokante Gegenfrage, ob die Menschen, deren Leben von Technologie in ihren Körpern abhängt, dann einfach im Sinne einer gesünderen Welt freiwillig sterben sollten.

Wie viele Menschen detoxen, ist unklar

So unterschiedlich, wie Freunde des Verzichts auf digitale Technologie ihn üben, so unklar ist auch, wie viele sie sind. In einer Studie des staatlich beauftragten Medienregulierers Ofcom gab ein Drittel der britischen Internetuser zu, schon einmal Digital Detox gemacht zu haben. Ein Viertel von ihnen sagte, es habe eine ganze Woche "frei" von digitaler Technologie genommen und ein Zehntel, der Digital Detox habe in der vergangenen Woche stattgefunden.

Nach den Selbstbekundungen in sozialen Netzwerken sind es eher jüngere Nutzer bis Mitte 30, die das zeitweilige Ausklinken aus dem Internet gutheißen. Dabei ist es eigentlich eine ältere Generation, die Generation X, die länger und intensiver im Netz unterwegs ist und daher das größere Bedürfnis haben müsste, abzuschalten. Laut einer neuen Studie des Nutzerdatenvermarkters Nielsen verbringen 35- bis 49-jährige US-Amerikaner fast sieben Stunden pro Woche in sozialen Netzwerken, die 18- bis 34-jährigen hingegen nur etwas mehr als sechs Stunden. Eine mögliche Erklärung für den Unterschied ist, dass die Älteren beim Gebrauch sozialer Netzwerke noch zulegen, während die Jüngeren auf hohem Niveau stagnieren. Das zeigen Daten des PEW Research Centers vom Januar 2017.

Ist Kommunikation offline schlechter als online?

Unabhängig von der Altersgruppe gilt: Je mehr Zeit in den Netzwerken verbracht wird, umso eher steht Kommunikation mit Freunden im Vordergrund. Laut der Nielsen-Studie verbringen Heavy User, die Social Media täglich mehr als drei Stunden nutzen, ihre Zeit am häufigsten damit, Profile von Freunden zu besuchen, ihnen Nachrichten zu schicken oder Posts zu kommentieren. Auch in Deutschland ist Kommunikation die dominante Nutzungsart des Internets. Das sagt die ARD-ZDF-Onlinestudie 2016. Wer das Netz benutzt, der will sich mit Menschen verbinden, nicht isolieren.

Trotzdem werben auch in Deutschland Unternehmen damit, dass digitale Pausen die bessere Beziehungspflege sind. Eines davon gehört Ulrike Stöckle. Die Betriebswirtin und Journalistin bietet seit 2014 Digital-Detox-Camps in Deutschland an. Rund 100 Menschen haben bisher teilgenommen. Die Veranstaltungsorte heißen nicht wie beim Camp Grounded Mendocino, sondern Schweigen-Rechtenbach, und auch sonst gibt es Unterschiede. "Wir bringen den Leuten nicht bei, Bäume zu umarmen", sagt Stöckle. Statt zu campen sollen die Teilnehmer lernen, ihre Arbeitszeit besser zu strukturieren, Zeitfresser zu erkennen und zu entspannen. "Du kannst dich nur erholen, wenn du das Handy ausschaltest", sagt Stöckle.

Im Internet über das Internet klagen

Dass die Coaching-, Selbstoptimierungs- und Ferienindustrie ausgerechnet im Internet für Digital Detox wirbt, ist eine Ironie für sich. Diejenigen, die daran verdienen, ihren Kunden beim Verzichten aufs Internet zu helfen, haben Facebook-Seiten, Websites, Online-Buchungsformulare und Kontakt-E-Mails, weil die Kunden es so erwarten und weil sie nur so im Geschäft bleiben können. So gebiert das Heilsversprechen des digitalen Verzichts neue digitale Aufmerksamkeitszwänge und offenbart immer wieder seinen Geburtsort, die Reiseindustrie. Die erhebt ausgerechnet den Verzicht zum Luxus. Das Hotel Westin Vendome in Paris verdient über 400 Euro pro Nacht damit, Gästen das Telefon wegzuschließen.

Genauso ein Widerspruch in sich ist es, dass sich viele Anhänger der Digital-Detox-Idee ausgerechnet im Internet austauschen, in Blogposts oder auf Twitter. Ein Widerspruch, den Nicole Herrmann nicht mehr hinnehmen wollte. Die Berliner Yoga-Lehrerin mit eigenem Unternehmen sagt, dass sie ihre Auszeiten von sozialen Netzwerken oder Messengern bewusst nicht mehr auf Facebook ankündigt. Sie lese ihre Mails, antworte aber manchmal erst nach Tagen.

Zurück in die 80er

Verpasst sie dadurch nicht wichtige geschäftliche Gelegenheiten? "Nein, noch nie", sagt Herrmann. "Ich glaube, es ist okay, auch erst nach ein paar Tagen zu antworten, so war das ja früher auch." Für sie hat digitale Abstinenz nur Vorteile: "Nicht in den Netzwerken zu sein, ist toll. Es ist so ein 80er-Jahre-Gefühl: Mehr Zeit für die Dinge zu haben, die gerade im Moment vor der eigenen Nase passieren, mag ich. Es tut gut und gibt einem ein bisschen Freiheit zurück."

Was Herrmann an Freiheit in ihrer Berliner Wohnung findet, dafür reisen auch dieses Jahr wieder Hunderte Camp-Grounded-Teilnehmer in den US-amerikanischen Wald. Levi Felix hatte die Idee zu den Offline-Ferienreisen, nachdem er 2008 aufgrund großer Überarbeitung in einem Startup massive gesundheitliche Probleme bekam. In dieser Hinsicht ist Digital Detox bis heute eine Flucht vor den Anforderungen der modernen Arbeitswelt. Wer sich Federschmuck ins Haar steckt und Regenbogen nennt oder das Handy für 24 Stunden nicht ansieht, flieht in eine Zeit, in der er nicht verfügbar sein musste. Das 80er-Jahre-Gefühl, von dem Herrmann spricht, ist für die Digital-Detox-Freunde die Rückkehr in die Kindheit. Allerdings in eine Kindheit ohne Whatsapp-Hausaufgabengruppen oder Cartoon-Playlists auf Youtube.

In welcher Form auch immer Digital Detox passiert, seine Befürworter preisen die soziale Folge, sich aus dem Netz auszuklinken: "In Situationen, die man nicht digitalisieren kann, beweist sich Mitmenschlichkeit", sagt der Mediziner und nennt beispielhaft die Pflege von Kranken oder die Begleitung von Sterbenden. Dennoch bleibt festzuhalten: Digital Detox ist nicht das Patentrezept zum Lebensglück. Nicht allen bringt es etwas, sich selbst vom Netz zu nehmen und nicht alle brauchen es.

"Es gibt auch Menschen, die beim Essen nie eine Diät brauchen", sagt te Wildt. Am sinnvollsten ist es wahrscheinlich, einfach selbst auszutesten, was der bewusste Verzicht auf digitale Technologie bringt. Dafür muss niemand nach Mendocino reisen. Ein Wochenende ohne Computer oder Smartphone dürfte genügen.  (jule)


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