Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-schamanen-katzen-und-wikinger-1703-126456.html    Veröffentlicht: 06.03.2017 09:06    Kurz-URL: https://glm.io/126456

Indiegames-Rundschau

Schamanen, Katzen und Wikinger

Ein feinfühliges Coming-of-Age-Drama in einer US-amerikanischen Kleinstadt, Wikinger-Sagas, Zeitreise-Rätsel und ganz viel Renaissance-Kunst: Golem.de wirft wieder einen Blick in die bunte Welt der Indiegames.

Zum bereits 19. Mal findet Anfang März das traditionsreiche Indie Games Festival in San Francisco statt, bei dem auch die renommierten IGF Awards vergeben werden - ein Blick auf die Finalisten gibt Indie-Freunden nicht nur einen Überblick über die spannendsten Titel des vergangenen Jahres, sondern schürt auch die Vorfreude auf einige Spiele, die noch nicht erschienen sind.

Nominierte Titel wie FAR - Lone Sails, Everything oder Old Man's Journey werden in der Indiegames Rundschau noch ihren Auftritt haben - hier sind aber einmal die bemerkenswertesten Indiegames der vergangenen Wochen.

Night in the Woods

Mae Borowski ist 20 und hat die Uni geschmissen, um wieder zurück ins Kinderzimmer bei ihren Eltern zu ziehen. Die US-Kleinstadt, in die sie ohne Plan zurückkehrt, ist ebenso vertraut wie deprimierend; frühere Freunde versacken in schlechten Jobs; Arbeitslosigkeit, dumpfe Depression und Selbstzweifel nagen nicht nur an ihr.

Night in the Woods könnte furchtbar deprimierend sein, doch stattdessen ist das Spiel dreier kanadischer Entwickler einfach bezaubernd: Alle Bewohner der Stadt sind sprechende Tiere, Mae ist eine Katze, ihre Freunde sind ein hyperaktiver Fuchs, ein Goth-Alligator-Mädchen und ein Dandy-Bär, allesamt liebevollst handgemalt wie im schönsten Kinderbuch.



Was das Spiel neben dem tollen Artwork, atmosphärischer Musik und einer Vielzahl an verschrobenen Minispielen - von Guitar-Hero-artigen Bandproben über Ladendiebstahl bis hin zu einem minimalistischen Dungeon-Crawler als Spiel im Spiel - aber besonders auszeichnet, ist der realistische Ton, den es anschlägt. Wie ein beseeltes Hybrid aus Gilmore Girls, Oxenfree, Kentucky Route Zero und Life is Strange zeigt Night in the Woods eine komplexe, leicht melancholische Welt voller Menschlichkeit, die weit entfernt ist von den banalen Weltrettungsklischees anderer Spiele.

Die Plattform-Elemente und auch der im Spielverlauf leicht ins Übernatürliche driftende Plot sind eigentlich Nebensache, die Hauptrolle spielen die Dialoge, die Figuren und das gelungene Porträt einer ganz realen Gegenwart nicht nur junger Menschen. Wie das letztjährige Firewatch ist auch Night in the Woods das Äquivalent zum Programmkino-Arthouse-Film mit Herz.

Windows, Mac, Linux, PS4, 20 Euro

Induction

"A game about time travel and paradoxes", nennt der britische Entwickler Bryan Gale sein kniffliges Puzzlespiel Induction, in dem auch Rätselprofis das ein oder andere Mal ins Schwitzen geraten werden.



In stylischem Minimalismus gehalten, stellt das Spiel sich rasant zu wahren Kopfnüssen steigernde Aufgaben, bei denen im Spielverlauf immer weiter voraus oder um die Ecke gedacht werden muss. Als simpler Würfel ist die einzige Aufgabe für den Spieler dabei, in den jeweiligen Levels zum Ausgang zu gelangen und dabei diverse Schalter und Mechanismen zu betätigen.

Zentrales, dabei immer wieder verfeinertes und erweitertes Spielelement ist dabei die Fähigkeit, an jedem beliebigen Punkt die Zeit zurückdrehen zu können - wo man dann allerdings mit seinem in der Vergangenheit agierenden früheren Selbst möglichst geschickt kooperieren muss, um gemeinsam ans Ziel zu gelangen. Anspruchsvolle Rätselkost mit absolut origineller Spielmechanik.

Windows, Mac, Linux, 10 Euro

The Mooseman

Allzu selten nehmen sich Spiele der weniger bekannten Mythologien an, ein kleines russisches Entwicklerstudio taucht mit dem ungewöhnlichen The Mooseman nun tief in die Traditionen der finno-ugrischen Folklore der Komi-Permyak ein.

Als Schamane wandert der Spieler nicht nur durch die endlosen Wälder, Höhlen und Kultstätten einer mythischen Vergangenheit, sondern wechselt per Knopfdruck in die Geisterwelt der komplexen und düsteren Mythologie, die in zahlreichen Texten und anhand realer historischer Artefakte illustriert wird.



Spielmechanisch holt The Mooseman aus seinem Minimalismus viel heraus: Zwar führt der Weg stets von links nach rechts, und die Interaktion mit der Umwelt beschränkt sich auf wenige Knopfdrücke, doch reicht das sowohl für mal mehr, mal weniger simple Rätsel wie auch für originelle Spielereien mit Licht- und Physikelementen.

Das Hauptaugenmerk liegt allerdings auf der Atmosphäre: Die trügerisch simple Grafik überrascht immer wieder durch effektvolle Details und die sparsame, aber eindrucksvolle Musik lässt das Abenteuer zum traumwandlerischen Trip werden. Näher kommt man einer Schamanenreise ohne die Einnahme diverser halluzinogener Pilze kaum.

Windows, Mac, Linux, 7 Euro



Northgard, Four Last Things und anderes

Freunde von Aufbaustrategiespielen, aufgepasst: Mit Northgard bietet das französische Entwicklerstudio Shiro Games einen interessanten Mix aus Aufbauklassikern wie Die Siedler und einem Strategiekonzept, das sich stark vereinfacht auch am 4X-Globalstrategiegenre der Marke Civilization orientiert.



Um eine Wikingersiedlung zum Blühen und Gedeihen zu bringen, müssen nicht nur Gebäude errichtet, Vorräte und knuddelige Dorfbewohner verwaltet werden, sondern auch benachbarte Gebiete erforscht, Ressourcen abgebaut sowie feindliche Tiere und andere Stämme bekämpft werden. Ein Jahreszeitenwechsel, Zufallsereignisse, drei spielbare Clans und freischaltbare "Technologien" machen den Aufbau der kleinen Kolonie abwechslungsreich und herausfordernd.

Für einen Early-Access-Titel bietet das überaus hübsche Northgard schon jetzt erfreulich viel Komplexität und Spieltiefe, bleibt dabei aber in seinen Konzepten und auch in Sachen Bedienung angenehm geradlinig. Weitere Clans, eine vollständige Kampagne und vor allem ein Multiplayerpart sollen bis zum finalen Release noch in diesem Jahr dazukommen; schon jetzt ist Northgard aber nicht nur für Genrefreunde einen Blick wert.

Windows, Early Access, 20 Euro

Four Last Things

Dass die Kombination von Kunstgeschichte und schrägem Humor Kultpotenzial hat, wissen die Fans der bizarren Animationen des Monty-Python-Stars Terry Gilliam schon lange. So gesehen ist es eigentlich höchst überraschend, dass es ein Spiel wie Four Last Things erst jetzt gibt.



Vor dem Hintergrund klassischer Gemälde alter Meister aus Renaissance und Spätmittelalter entfaltet das in seiner Spielmechanik klassische Point'n'Click-Abenteuer eine humorvolle Geschichte um einen Pechvogel, der alle Todsünden nachholen muss, weil die örtlichen Kirchenfürsten nur jene Sünden vergeben wollen, die in ihrem Einzugsgebiet begangen wurden.

Auf Kickstarter finanziert und von einem einzelnen Londoner Entwickler gestaltet, kommt Four Last Things in seinen Rätseln und in seiner altmodischen Bedienung zwar nicht über solides Mittelmaß hinaus, dafür entschädigt aber die umwerfend faszinierende Collagewelt aus großartigen Kunstwerken von Hieronymus Bosch, Brueghel und anderer Klassiker, die man garantiert noch niemals in diesem Licht gesehen hat.

"Als wäre Monkey Island im Flandern des 16. Jahrhunderts von einem Monty-Python-Fan entwickelt worden", beschreibt sein Macher Joe Richardson die Prämisse. Kurz, aber lustig - und mit der besten Grafik seit Jahrhunderten.

Windows, 8 Euro

Und sonst?

Das ausnehmend hübsche Puzzle-Abenteuer The Frostrune (Windows, Mac, Linux 10 Euro; iOS, Android ca. 5 Euro), in dem in klassischer Myst-Manier eine umwerfend atmosphärische Wikingerinsel erforscht wird, ist mit beiden Beinen sowohl in der Indie- wie auch der Mobile-Games-Welt zu Hause. Neben herausfordernden, meist logischen Rätseln wissen dabei vor allem grafische Präsentation und Soundtrack zu begeistern.



Retro-Freunde sollten sich mit Alwa's Awakening (Windows, Mac, Linux, 10 Euro) einen nostalgischen Trip in die Ära großer NES-Action-Adventures gönnen, an dem aber nicht nur Pixel-Art-Fanatiker ihre Freude haben werden.

Ein Ausnahmeplattformer zum Schluss: Wer statt eines Ausflugs in die 8-Bit-Nostalgie seine Lust auf klassisches Jump'n'Run-Gameplay mit zeitgenössischer Grafik stillen will, findet in der stylisch monochromen Insekten-Fantasywelt von Hollow Knight (Windows, Mac, Linux, 15 Euro; Nintendo Switch) ein hinreißend gezeichnetes und ziemlich großes Metroidvania eines australischen Entwickler-Trios, das mit vielen Geheimnissen, tollen Bosskämpfen und melancholischer Atmosphäre überzeugt.  (rs)


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