Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/technik-kritiker-jaron-lanier-will-facebook-zerschlagen-1703-126450.html    Veröffentlicht: 16.03.2017 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/126450

Technik-Kritiker

Jaron Lanier will Facebook zerschlagen

Die Rastalocken sind sein Markenzeichen: Der Informatiker Jaron Lanier gilt als einer der schärfsten Kritiker des digitalen Kapitalismus und sieht große Plattformen wie Facebook äußerst kritisch. Ein Gespräch über Macht und Ohnmacht im Netz.

Der Informatiker, Musiker und Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier ist Teil dessen, was er bekämpft. Seine Biografie ist eng mit dem Silicon Valley verwoben und er arbeitet als Entwickler für Microsoft. Zugleich hat er mit seinen Büchern You are not a Gadget und Who owns the Future? eine Fundamentalkritik der großen Internetkonzerne vorgelegt und wurde dafür 2014 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Am Rande der Tagung ShareBW des Cyberforums in Karlsruhe sprach t3n mit Keynote-Speaker Lanier über die Filterung von Social-Media-Inhalten, die Besitzverhältnisse im Netz und die Macht der Algorithmen.

Florian Alexander Schmidt: Jaron, Facebook steht gerade in der Kritik, nicht nur algorithmisch, sondern auch redaktionell in die Trending Topics einzugreifen. Wer sollte deiner Ansicht nach Facebooks Nachrichtenstrom sortieren? Menschen oder Maschinen?

Lanier: Die Frage klingt so, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, dass eine einzige Firma zum Nachrichtenfilter für die ganze Welt wird. Solange wir die Frage so stellen, kann es keine richtige Antwort geben.

Schmidt: Warum nicht?

Lanier: Weil wir lieber darüber nachdenken sollten, wie wir diese extreme Monopolstellung aufbrechen können. Das Hauptproblem ist, dass Facebook dank der Netzwerkeffekte eine allumfassende Position einnimmt. Darüber hinaus herrscht bei der Firma der ideologische Irrglaube, die künstliche Intelligenz sei bereits viel weiter fortgeschritten, als dies tatsächlich der Fall ist, und Facebook sei noch dazu aus sich heraus eine Kraft, die stets das Gute schafft. Beiden Punkten würde ich widersprechen.

Schmidt: Gefiltert wird überall. Weshalb hältst du es bei Facebook für problematisch?

Lanier: Was die Filterung angeht, so sollte dies, wenn überhaupt, nicht anonym passieren. Ein Magazin wie t3n ist ja auch ein Filter, aber es gibt Redakteure, die namentlich in der Verantwortung stehen. Und wenn sie keinen guten Job machen, kann man sie einfach ignorieren. Facebook hingegen ist inzwischen zum globalen Master-Filter geworden und hat die klassischen Redaktionen auf die Rolle von Unterfiltern reduziert, die wiederum davon abhängen, dass ihre Artikel auf Facebook funktionieren.

Schmidt: Wie lässt sich diesem Filtermonopol entgegenwirken?

Lanier: Vielleicht muss man Facebook irgendwann vergesellschaften oder zumindest die Datenbanken öffentlich machen und das zentralistische Filtern unterbinden. Vielleicht ist das redaktionelle Sortieren von Inhalten etwas, das wir kleineren Drittanbietern überlassen sollten, unter denen dann ein produktiver Wettbewerb um die Rolle des besten Filters entstehen könnte. Ich glaube aber auch, dass wir hier mit Diskussionen nicht weiterkommen, die Suche nach Alternativen muss empirisch angegangen werden. Vielleicht haben wir ja Glück und irgendein Land verbietet Facebook das Filtern von Inhalten und damit auch den Newsfeed. Dann würde lokal ein Experimentierfeld für Alternativlösungen entstehen. Anstatt Geld mit Werbung zu verdienen, könnte Facebook dann den Zugang zur Datenbank an Magazine vermieten.



Einen Master-Filter braucht es nicht



Schmidt: In Deutschland wird Facebook dafür kritisiert, nicht genügend gegen rechtsradikale Inhalte vorzugehen. In den USA ist die Firma hingegen mit dem Vorwurf konfrontiert, sich durch das Kuratieren von Inhalten in den laufenden Wahlkampf einzumischen. Kann Facebook überhaupt jemals so kuratieren, dass es allen gefällt?

Lanier: Da schon die Grundannahme, es sollte einen Master-Filter geben, falsch ist, ist es auch völlig nebensächlich, wie man das Filtern besser gestalten könnte. Das ist so, als würde man sich einen perfekten Diktator wünschen. In seiner jetzigen Form sollte Facebook überhaupt nicht existieren. Das ist die einzig mögliche Antwort. In der vordigitalen Welt haben sich die Zeitungsleser auch für einen bestimmten Filter entschieden, die einzelnen Publikationen standen ganz offen für einen bestimmten Blick auf die Welt, sei es nun konservativ, liberal, christlich oder sozialistisch, und dagegen gibt es auch überhaupt nichts einzuwenden, im Gegenteil. Unser Problem ist heute ist der trügerische Anschein der Neutralität. Die Objektivität der Newsfeeds ist eine Illusion.

Schmidt: Auf Twitter findet bisher keine Filterung des Streams statt. Dennoch wächst gerade dort das Problem der Echokammer, da wir tendenziell Menschen mit ähnlichen Überzeugungen folgen und sich Positionen so gegenseitig verstärken - auch ohne den Einfluss eines Master-Filters.

Lanier: Twitter ist in mehrfacher Hinsicht in einer völlig anderen Situation. Es stimmt, dass die Leute dort immer mehr zu ihren eigenen Filtern werden. Aber egal ob Twitter, Facebook oder was auch immer - solange auf der jeweiligen Plattform offen damit umgegangen wird, dass der Plattformbetreiber eine eigene Position vertritt, können die Nutzer eine bewusste Entscheidung treffen und wollen dann hoffentlich auch verschiedene Blickwinkel kennenlernen. Ob man sich dann eine Echokammer baut, bleibt jedem selbst überlassen. Hauptsache, es läuft ehrlich ab. Aber genau das ist leider derzeit nicht der Fall.

Schmidt: In deinem letzten Buch hast du argumentiert, dass die Nutzer dauerhaft im Besitz ihrer Daten bleiben sollten, um dann mit der Vergabe eingeschränkter Nutzungsrechte Geld zu verdienen. Aber ist nicht die wesentlichere Frage, wem die Plattformen gehören?

Lanier: Ich fürchte leider, dass dies ein altmodischer Ansatz ist, der heute keine Relevanz mehr hat. Android beispielsweise ist zu weiten Teilen Open Source. Dennoch musst du, wenn du diese Plattform effektiv nutzen willst, letztlich deine Daten an Google übermitteln, denn nur dann kommst du in den Genuss des besten Services. Die daraus resultierende Konzentration der Daten ist weitaus wichtiger als die Frage, wem die Plattform gehört. Ob sie open oder genossenschaftlich ist, ist letztlich trivial.

Schmidt: Aber wenn die Nutzer im Besitz der Plattform sind, könnten sie doch auch gemeinschaftlich entscheiden, was mit ihren Daten geschieht und welche Regeln für die Interaktion gelten.

Lanier: Es tut mir wirklich leid, aber ich muss dir da widersprechen. Es gilt einfach, dass die Kraft mit den größten IT-Ressourcen immer gewinnt - weil sie mehr Rechenleistung hat, weil ihr die Netzwerkeffekte zugute kommen und weil sie die meisten Ingenieure beschäftigen kann. Aus diesen Gründen kannst du auch nicht mehr mit einer Firma wie Uber konkurrieren und etwa eine lokale, kollektive Alternative auf die Beine stellen. Solche Versuche sind schon in der Vergangenheit immer wieder gescheitert. Früher oder später kommt die Kraft mit dem größten Ressourcen immer irgendwie an die Daten der kleinen Plattform, und sei es indirekt.

Schmidt: Wir sollten es also einfach lassen, uns gegen die Netzwerke zu wehren?

Lanier: Nein, das heißt nicht, dass man es nicht probieren sollte - schon allein weil es großen Spaß macht, eine eigene Plattform zu entwickeln. Aber eine Lösung für das größere politische Problem ist das nicht. Ähnliches gilt, wenn du ein genossenschaftliches Wohnprojekt gründest, weil dir nicht gefällt, wie der Staat wirtschaftet. Das geht eine Weile gut, aber irgendwann kriegen die Leute Kinder, werden älter oder krank und das Projekt fällt in sich zusammen, weil der Staat durch seine Größe sehr viel umfassender für das Wohl der Menschen sorgen kann. Ich wünschte, ich wäre da optimistischer.



Daten sind viel wichtiger als Algorithmen



Schmidt: Dein Argument ist also, dass es keine Alternative zur fortschreitenden Machtkonzentration im Netz geben kann?

Lanier: Auf jeden Fall müssen wir nach Lösungsansätzen auf einer sehr hohen Ordnungsebene suchen. Ich glaube eine Von-unten-nach-oben-Lösung kann nicht zum Ziel führen. Ich bekomme täglich mehrere E-Mails von Leuten mit Ideen für Startups oder Kollektive, die alle meinen, einen Weg gefunden zu haben, um das Problem der zunehmenden Machtkonzentration im Netz zu umgehen. Aber ich glaube nicht, dass dies möglich ist. Wir müssen diesen Strukturen auf der überstaatlichen Ebene begegnen, auf der sie existieren.

Schmidt: Bleiben also nur internationale Regulierungsabkommen, so wie man es beim Klimawandel versucht?

Lanier: Es sind verschiedene Wege denkbar. Ein völkerrechtlicher Ansatz ist einer davon. Das Problem hat eine solche Dimension, dass wir eine Lösung nicht über Nacht finden werden. Aber allerspätestens dann, wenn die Maschinen so gut geworden sind, dass sie zu massiver, technologiegetriebener Arbeitslosigkeit führen, müssen wir eine Lösung gefunden haben, bei der nicht nur einige wenige Konzerne profitieren. Das ist unser zeitlicher Rahmen.

Schmidt: Wir hören häufiger die Forderung nach externen Auditing-Verfahren für Algorithmen. Auf diese Weise soll nachvollziehbar werden, welche Prozesse im Hintergrund ablaufen. Nutzer könnten auf dieser Basis mündige Entscheidungen treffen. Hältst du dies technisch für möglich?

Lanier: Ich hoffe, dass wir irgendwann dahin kommen werden. Noch sind wir aber weit davon entfernt. Im Moment verstehen wir nicht wirklich, was unsere Algorithmen eigentlich machen.

Schmidt: Wird das angesichts der steigenden Komplexität der Software denn jemals besser werden?

Lanier: Über die angenommene Komplexität lässt sich streiten. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch eine Marketing-Fantasie. Wenn einem die Leute erzählen, wie smart ihre Algorithmen angeblich sind, ist viel Bullshit im Spiel.

Schmidt: Die Algorithmen müssen ja nicht smart sein, um komplex zu sein.

Lanier: Die Daten sind viel wichtiger als die Algorithmen, zumindest für die meisten Cloud-Services. Aber weil selbst diejenigen, die die Algorithmen schreiben, sie nicht ganz verstehen, fällt es so schwer, sich gegen Hackerangriffe zu schützen. Wenn man nur lange genug auf den Code starrt, findet man irgendwann eine Sicherheitslücke. Softwareentwicklung ist eine Ingenieurskunst, die wir noch längst nicht so gut beherrschen wie beispielsweise die Metallverarbeitung. Es gibt immer unvorhergesehene Nebenwirkungen. Wir organisieren unsere Leben also gerade um etwas herum, das wir nicht wirklich durchdrungen haben. Aber hier bin ich tatsächlich guter Hoffnung, dass wir noch große Fortschritte bei der Beherrschung des Mediums machen werden und es dann vielleicht auch verlässliche Prüfverfahren geben wird.

Dieser Text erschien zuerst im T3N, dem Magazin der digitalen Wirtschaft. In der Ausgabe 45 geht es unter anderem um den Erfolg von Snapchat, um Dubsmash und Musical.ly sowie die Stars der sozialen Netzwerke.  (fas)


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