Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/limux-die-tragische-geschichte-eines-leuchtturm-projekts-1702-126230.html    Veröffentlicht: 20.02.2017 12:07    Kurz-URL: https://glm.io/126230

Limux

Die tragische Geschichte eines Leuchtturm-Projekts

Politische Querelen, Patentstreitigkeiten, aggressiver Lobbyismus, Fehlentscheidungen und unzufriedene Mitarbeiter: Die Geschichte des Limux-Projekts gleicht einer Tragödie. Jetzt folgt der vermutlich letzte Akt: die Abwicklung.

Ruhig war es nie um Limux. Von der Open-Source-Gemeinde bejubelt, kam es zwischen Open-Source-Befürwortern und -Gegnern und politischen Kontrahenten im Münchner Rathaus schnell zu Streitigkeiten. Das mit dem Beinamen IT-Evolution betitelte Limux-Projekt offenbarte die Schwächen von Open-Source-Software. Mangelnde Interoperabilität und unzufriedene Mitarbeiter, die sich mit einem völlig neuen Betriebssystem und fehlenden Fachanwendungen konfrontiert sahen, machten immer wieder Schlagzeilen. Selbst nach dem erfolgreichen Abschluss rissen die Querschläge seiner Gegner nicht ab - und von Anfang an lieferte das Projekt bei allem Erfolg auch selbst immer wieder Gründe für negative Schlagzeilen.

Es begann verheißungsvoll - zumindest aus Sicht der Open-Source-Gemeinde. Am 16. Juli 2004 beschloss die Vollversammlung des Münchner Stadtrates die stadtweite Migration seiner Arbeitsplatz-PCs auf Open-Source-Software; damals hatte die SPD unter Oberbürgermeister Christian Ude zusammen mit den Grünen dort die Mehrheit. Eine weltweit bekannte Großstadt setzte auf Linux und freie Software statt auf kommerzielle Produkte von Microsoft - David gegen Goliath.

Linux ist reif für die Verwaltung

Zur Jahrtausendwende hatte sich Open-Source-Software soweit entwickelt, dass es als ernsthafte Alternative zum allgegenwärtigen Windows und Office von Microsoft betrachtet werden konnte. Zunächst sollte die Bürosoftware Openoffice auf den damals rund 14.000 Rechnern der Stadtverwaltung installiert werden. Dazu sollte später ein speziell angepasstes Debian samt KDE-Desktop das inzwischen veraltete und nicht mehr von Microsoft unterstützte Windows NT 4 ersetzen. Bis 2006 sollte die Migration abgeschlossen sein. Ein durchaus ehrgeiziger Plan.

Vorausgegangen war eine sogenannte Client-Studie der Firma Unilog, die zum Ende des Supports für Windows NT 4 untersuchen sollte, mit welchen Alternativen Kosten eingespart werden könnten. Der wirtschaftliche Aspekt stand zwar im Vordergrund, es gab aber auch eine ideologische Komponente: Überlegungen zur Herstellerunabhängigkeit und ein durch den Einsatz von Open-Source-Software möglicherweise gesteigerter Wettbewerb im Softwaremarkt, die in dieser ersten Studie ebenfalls untersucht wurden. Microsoft war seit dem Jahr 2000 immer wieder kartellrechtlichen Gerichtsverfahren ausgesetzt - Monopolbildung wurde dem Unternehmen sowohl in den USA als auch in Europa vorgeworfen.

Ballmer spricht bei Ude vor

Aufgeschreckt durch die Diskussion über eine mögliche Abkehr von Microsofts Produkten in München, reiste der damalige Microsoft-Chef Steve Ballmer publikumswirksam aus seinem Skiurlaub in der Schweiz in die bayerische Landeshauptstadt, um in einem Gespräch mit Bürgermeister Ude unter anderem auf den eben geschlossenen "Konzernvertrag" mit dem Bundesministerium des Innern hinzuweisen, der Rabatte zu Windows-Produkten im öffentlichen Sektor versprach.

Zusätzlich bot Microsoft seine Hilfe bei einem sogenannten sanften Upgrade auf Windows XP an, etwa durch den Einsatz seiner Virtualisierungssoftware Virtual PC, in der veraltete Fachsoftware lauffähig bleiben sollte. Einen direkten Produktrabatt für München bot Ballmer jedoch nicht an. Ude soll ebenfalls hart geblieben sein, mehrfach soll er gefragt haben, was Microsoft noch anbieten könne.

Nicht ganz unproblematischer Umstieg

Die Stadt führte parallel dazu Gespräche mit der Novell-Tochter Suse Linux AG mit ihrer eigenen Linux-Distribution und IBM mit seiner Groupware Lotus Notes, die auch mit Schulungen bei der Umstellung helfen sollten. Während IBM später an dem Limux-Projekt beteiligt war, kam eine Zusammenarbeit mit Suse nie zustande.

Dazu wären unter Umständen Lizenzgebühren für PC-Emulatoren wie VMware und das darin laufende Windows für unverzichtbare Windows-Anwendungen, etwa CAD-Programme, für die es keine Open-Source-Alternativen gab, gekommen. Zudem hätten die Umschulungs- und Einarbeitungskosten die Einsparungen der Lizenzgebühren für Microsofts Produkte wieder zunichte gemacht.

Nicht so preiswert wie gedacht

Die Unilog-Studie kam nach den Zugeständnissen Microsofts zu dem Ergebnis, dass es kurzfristig sogar kostengünstiger sei, die IT-Infrastruktur der Stadt München weiterhin mit aktuellen Microsoft-Produkten zu betreiben. Die Studie schloss jedoch nicht aus, dass die langfristigen Kosteneinsparungen zugunsten einer Open-Source-Lösung sprächen. Der Stadtrat entschied sich also für die Open-Source-Lösung.

Keine drei Wochen nach der Entscheidung wurde das Limux-Projekt im August 2004 wieder gestoppt. Grund waren rechtliche Bedenken wegen möglicher Patentverletzungen. Neben den damals herrschenden Patentkriegen war dafür eine zuvor veröffentlichte Studie des Unternehmens Open Risk Management verantwortlich, die fast 300 mögliche Patentverletzungen im Linux-Kernel ausgemacht haben wollte. Einige der angeblich verletzten Patente gehörten Microsoft. HP hatte in einem damals veröffentlichten internen Memo schon 2002 gewarnt, dass Microsoft möglicherweise seine Patente gegen Open-Source-Software einsetzen würde. Immerhin hatte Steve Ballmer zuvor Linux und Open-Source als "Krebsgeschwür" bezeichnet.

Und schon wieder auf Eis gelegt

Limux geriet damit in die damals heftig geführte Patentdebatte zwischen der Open-Source-Gemeinde und der Bundesregierung um den Entwurf einer EU-Richtlinie über die Patentierbarkeit computerimplementierter Erfindungen - kurz Softwarepatente.

Deshalb hatte die Stadt München ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das die möglichen Gefahren durch Patentklagen erörtern sollte. Rechtsanwalt Roman Sedlmaier kam zu dem Ergebnis, dass eine Patentverletzung schlimmstenfalls dazu führen könnte, "dass eine spezifische Funktionalität eines Programms nicht mehr genutzt werden darf." Letztendlich sei aber bislang kein Fall bekannt, in dem ein Patent gegen Linux eingesetzt worden wäre, obwohl Linux seit über zehn Jahren benutzt werde. Um ihr Limux-Projekt zu verteidigen, nahm die Stadt München also so einiges auf sich, das auch der Linux-Gemeinde zugute kam. In den Folgejahren kam es auch nie zu direkten Patentquerelen zwischen dem Limux-Projekt und Microsoft, das damals seine Deutschlandzentrale nahe München in Unterschleißheim hatte. Im Juli 2005 entschieden die Abgeordnete des Europaparlaments ohnehin gegen die EU-Richtlinie.

Eine und noch eine Testphase

Nachdem die patentrechtlichen Bedenken ausgeräumt worden waren, entschied sich die Stadtverwaltung unter Limux-Projektleiter Peter Hoffmann im April 2005 für den Einsatz eines eigens entwickelten Linux-Clients auf Basis von Debian.

Eigentlich hätte die Testphase bereits längst laufen sollen, um den ursprünglich geplanten Starttermin für die eigentliche Migration Mitte 2006 einzuhalten. Im August 2005 kündigte Hoffmann jedoch eine weitere Testphase an. Zunächst sollte in jeder Abteilung entweder ein Windows-Rechner mit Openoffice oder einer mit Linux und Openoffice eingerichtet werden. Damit sollten die Mitarbeiter langsam an Limux gewöhnt und möglicherweise auftretende Probleme im Vorfeld beseitigt werden. Denn inzwischen wurde klar, welche Schwierigkeiten vor allem die Umstellungen der Fachanwendungen im Wollmux-System bereiteten.

Herr Oberbürgermeister, bitte vormachen!

Der Debian-basierte Desktop-Client erhielt eine angepasste KDE-Oberfläche, eine erste Version des Briefkopf- und Vorlagensystems Wollmux für Openoffice.org 2 stand bereit. Der Name Wollmux war an die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau angelehnt. Das Limux-Projekt passte die Software Fully Automatic Installation (FAI), die eine automatische Installation der Linux-Clients über das Netzwerk ermöglicht, an seine Bedürfnisse an. Die Administration der Clients wurde über eine PHP-basierte Systemverwaltung des Dienstleisters Gonicus erledigt. Fachanwendungen, die noch nicht portiert werden konnten, liefen weiterhin auf Windows-Terminal-Servern oder in Emulatoren.

Mitte 2006 wurden dann die 250 Rechner im Büro des Oberbürgermeisters für den Testbetrieb umgestellt. Der Starttermin für die gesamte Migration war inzwischen um ein Jahr auf September 2007 verschoben worden, der Abschluss war für 2008 geplant.

München geht vor, andere sollen folgen

Ab September 2006 kam das Limux-Projekt nach der erfolgreich abgeschlossenen Testphase endlich in Fahrt. "Der Basis-Client ist für München ein Schritt zu mehr Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern und freie Software zeigt sich hier als ein probates Mittel dafür. Für den normalen Anwender ändert sich dabei wenig", sagte Oberbürgermeister Ude damals. Das als Leuchtturm-Projekt gehandelte Limux sollte dann auch als Vorlage für einen Umstieg auf freie Software im Auswärtigen Amt dienen.

Ganz so schnell wie geplant, erfolgte die eigentliche Umstellung jedoch nicht. Im November 2008 meldete das Limux-Projekt, dass 1.200 der insgesamt 14.000 Rechner auf den Linux-Client umgestellt worden seien. Immerhin sei inzwischen auf 12.000 Rechnern Openoffice.org 2 samt Wollmux installiert worden. Auf allen Rechnern wurde aber Mozillas Open-Source-Software Firefox und Thunderbird installiert. Von den etwa 21.000 Formularen, Vorlagen und Textbausteinen waren bis dahin 18.000 in Wollmux übernommen worden, dessen Quellcode zwischenzeitlich unter einer Open-Source-Lizenz freigegeben worden war.

Limux lebt!

Erst Anfang Mai 2010 meldete Projektleiter Florian Schießl die komplette Umstellung auf das offene Dokumentformat ODF und die dafür notwendige Portierung der verbleibenden Vorlagen und Makros. Zusätzlich mussten zahlreiche Applikationen auf das freie Dokumentenformat umgestellt werden, allen voran die von der Firma SAP, deren Programme nach wie vor in der Stadtverwaltung verwendet werden. Diese nicht zu unterschätzende Aufgabe steht wohl zumindest teilweise wieder bevor, wenn die Stadt München sich entschließen sollte, zu Windows zurückzukehren. Es war zwischenzeitlich so ruhig um das Limux-Projekt geworden, dass Schießl in seiner Ankündigung versicherte, das Projekt sei noch nicht tot.

Auf dem Linuxtag 2011 feierte das Limux-Projekt dann öffentlich seinen eigenen Erfolg. Mehr als die Hälfte der Rechner in der Münchner Stadtverwaltung seien bereits auf Linux umgestellt worden, vermeldete Projektleiter Andreas Heinrich. Vorbildlich sei OB Christian Ude, der bereits in der Testphase mit gutem Beispiel vorangegangen sei.

Ubuntu statt Debian

Mit dem ersten Linux-Client auf Basis Debian habe es Probleme gegeben, sagte Heinrich. Die ersten Versionen des Limux-Clients seien äußerst fehleranfällig gewesen. Inzwischen lief Limux 4.0 auf Basis von Ubuntu 10.04 LTS mit dem KDE-Desktop 3.5. Als Büroanwendung kam weiterhin Openoffice.org zum Einsatz.

Auffällig an Heinrichs Vortrag: Nicht die technische Umstellung stand im Vordergrund, sondern die damit konfrontierten Mitarbeiter. Freimütig gab der Limux-Projektleiter zu, bei den ersten Umstellungen habe sich gezeigt, dass an den Wünschen der Nutzer vorbei entwickelt worden sei. Es gab auch keine funktionsfähige Infrastruktur, mit der ihre Bedürfnisse umgesetzt werden konnten. Mit dem Einstieg IBMs wurden dann externe Mitarbeiter abgestellt, die ausschließlich mit der Kommunikation mit den städtischen Angestellten und Beamten beauftragt wurden. Zudem wurden die städtischen Mitarbeiter noch vor der Umstellung geschult und erhielten nach dem Wechsel eine Betreuung am Arbeitsplatz.

Die Krux mit dem Dokumentenaustausch

In München könnten einige Mitarbeiter auch in Zukunft nicht ohne Windows auskommen, sagte Heinrich. Denn vor allem im Austausch mit Bundesbehörden oder der EU sei Windows-Software nötig. Das galt damals etwa für die Kommunikation mit der Bundesdruckerei, woran sich bis heute kaum etwas geändert haben dürfte. So forderte Ude Ende 2011 die damalige EU-Kommissarin Neelie Kroes auf, sich "für eine verpflichtende Nutzung von 'Offenen Standards' in öffentlichen Einrichtungen in der Europäischen Union (EU) zu verwenden."

Noch 2012 beklagte sich Peter Hofmann vom Limux-Projekt über die mangelnde Verwendung offener Formate durch die Bundesbehörden, trotz unterstützender Beschlüsse durch die Bundesregierung. "Uns wäre schon geholfen, wenn wir Dokumente der Bundesregierung, die wir bearbeiten müssen, im ODF (Open Document Format) bekommen würden und nicht als Docx." Letztendlich sei dem Mitarbeiter egal, in welchem Format er seine Briefe schreibt. Wenn die Stadt vorgebe, dass Dokumente im ODF geschrieben werden müssen, "dann macht er das".

Eine große Ablehnung von Open-Source-Software durch die Mitarbeiter konnte Hofmann nicht bestätigen, auch wenn es anfangs Unsicherheiten gegeben habe. "Eine große Empörungswelle gab es bei uns nicht." Anders beim Auswärtigen Amt, dort hatten Mitarbeiter nach massiven Protesten eine Umstellung auf Linux und Open-Source-Software verhindert. Hauptgrund waren unter anderem ungelöste Interoperabilitätsprobleme vor allem im Dokumentenaustausch mit anderen Ressorts.

Kosten, Kosten, Kosten

Und auf einmal standen wieder die Kosten der Umstellung zur Diskussion. Die CSU hatte bereits Anfang 2012 im Stadtrat eine Anfrage dazu gestellt. In der Antwort rechnete die Stadtverwaltung vor, dass bereits 4 Millionen Euro an Lizenzkosten eingespart worden seien. Ein Wechsel zurück zu Windows zum damaligen Zeitpunkt hätte etwa 15,5 Millionen Euro gekostet, inklusive etwa 10.000 neuer und kräftigerer Rechner. Damals war Windows 7 die aktuelle Version von Microsofts Betriebssystem, Windows 8 sollte wenige Monate später erscheinen.

Die Opposition im Stadtrat gab sich mit diesen Angaben aber nicht zufrieden. Wenige Monate später veröffentlichte der IT-Ausschuss des Stadtrats München auf Anfrage der Freien Wähler eine detaillierte Berechnungsgrundlage. Dort hieß es, die Stadt München spare durch den Einsatz freier Software über 10 Millionen Euro gegenüber einem vergleichbaren Szenario mit Microsoft-Produkten ein. Damals waren noch etwa die Hälfte der städtischen Rechner mit Windows ausgestattet. Die dafür anfallenden Lizenzkosten und die Kosten für die dafür benötigte Hardware beliefen sich auf 7 Millionen Euro. Schulungskosten seien für beide Systeme gleich, rechnete die Stadt München vor.

Studien über Äpfel und Birnen

Nun mischten sich auch HP und vor allem Microsoft in die Diskussion über die Kostenfrage ein. HP rechnete in einer eigenen Studie vor, dass die Stadt München insgesamt über 60 Millionen Euro ausgegeben habe. Wäre sie bei Windows geblieben, wären es nur 17 Millionen Euro gewesen. HP wollte die Studie zunächst nicht veröffentlichen. Es stellte sich später heraus, dass Microsoft Auftraggeber der HP-Studie war, die erst unter öffentlichem Druck freigegeben wurde.

Darin waren unter anderem vermeintliche Support-Kosten für Ubuntu enthalten, die München aber gar nicht zahlte. Egal welche Seite nun richtig gerechnet hatte, für die damalige Opposition war es ein willkommener Anlass, ihre Kritik an dem Limux-Projekt wieder häufiger und lauter zu äußern. Die vermeintlich hohen Kosten waren auch Gegenstand der jüngsten Debatte zum Limux-Projekt, bei der beschlossen wurde, eine Rückkehr zu Windows zu prüfen.

Hurra, geschafft!

Und dann war es doch soweit: Nach zehn Jahren teilte der Münchner Stadtrat Mitte Dezember 2013 in einer fast unscheinbaren Notiz den erfolgreichen Abschluss des Limux-Projekts mit. Bilanz: Fast 15.000 Rechner gingen mit Limux-Arbeitsplätzen in den Regelbetrieb. Auf den Rechnern läuft bis heute der Limux-Client in Version 5, der auf Ubuntu 12.04 LTS basiert. Der Desktop ist KDE SC 4.12 und die Standardbürosoftware ist Libreoffice 4.1. Firefox und Thunderbird sind in den jeweiligen aktuellen ESR-Versionen installiert.

Kuriose Randnotiz: Der Limux-Client wurde nie veröffentlicht, weil er speziell an die städtische Infrastruktur angepasst wird. Zum bevorstehenden Ende des Supports von Windows XP veröffentlichte die Stadt München im September 2013 unter dem Namen "Linux für München" aber eine Version von Ubuntu 12.04 LTS mit angepassten Logos und Desktop-Hintergrund. Die 2.000 CDs wurden in den städtischen Bibliotheken ausgelegt.

Limux, das Politikum

Auch nach dem erfolgreichen Abschluss blieb Limux in den Schlagzeilen und wurde eines der zentralen Themen im Wahlkampf für den Münchner Stadtrat 2014. Der prominenteste Limux-Befürworter Christian Ude hatte bereits im Vorfeld seinen Rückzug aus der Politik bekanntgegeben. Sein Nachfolger Dieter Reiter outete sich als Windows-Fan und hielt sich mit Lob für das Projekt seines Vorgängers zurück.

Die Grüne OB-Kandidatin Sabine Nallinger, deren Partei einst das Projekt mitgetragen hatte, kritisierte im Wahlkampf das Limux-Projekt deutlich. Die Stadt sei mit der Umstellung überfordert und viele Mitarbeiter seien verzweifelt, alles triftige Gründe, das Projekt nochmals zu überdenken. Sie forderte eine Lösung, die einfach funktioniert. Auch dieser Satz fiel mehrfach in der aktuellen Debatte.

Querschüsse aus der Politik

Die Kommunalwahlen im März 2014 bescherten dem Münchner Stadtrat eine neue Mehrheit aus SPD und CSU. Und im August 2014 verkündete der zweite Bürgermeister Josef Schmid von der CSU, er wolle eine Rückkehr zu Windows prüfen lassen. Anlass seien Beschwerden der Mitarbeiter aus fast allen Referaten. Schmid leitete damit wohl das Ende des Limux-Projekts ein.

Besonders über einen Mangel einer einheitlichen Anwendung für E-Mail, Kontakte und Termine beschwerten sich Reiter und Schmid. Reiter hatte wochenlang auf sein Diensthandy warten müssen, weil die Anbindung zum Mailserver nicht gleich klappte. Der Druck auf die städtischen IT-Mitarbeiter wuchs, einige beklagten, die neue Münchner Regierung arbeite an einer gezielten Demontage des Projekts. Die Opposition ihrerseits bescheinigte Schmid und Reiter mangelnde Fachkenntnis und warf ihnen sogar vor, mit Microsoft paktiert zu haben. So wurde Limux wieder zu einem politischen Streitpunkt, ohne dass die eigentlichen Probleme, etwa der Mangel an IT-Fachkräften, erörtert oder gar gelöst worden wären - bis heute.

Marode IT

Einer der letzten Sargnägel für das Limux-Projekt war wohl der massive Ausfall der städtischen Server im Dezember 2014, über den sich OB Dieter Reiter publikumswirksam beschwerte. Der Ausfall offenbarte aber tatsächlich nicht Probleme mit Limux, sondern katastrophale Zustände in der IT-Verwaltung. Die Vorsitzende des Gesamtpersonalrats der Verwaltung, Ursula Hofmann, beklagte öffentlich, dass 20 Prozent der Stellen in der zuständigen Abteilung IT@M nicht besetzt gewesen seien. Immerhin sieht der jüngste Beschluss des Stadtrats eine Auslagerung von IT@M in eine externe GmbH vor, um Mitarbeiter mit deutlich höheren Gehältern anzulocken.

Und dann sprachen noch die beiden Münchner CSU-Stadträte Sabine Pfeiler und Otto Seidl vor, die sich Mitte 2015 über ihre Notebooks mit Limux beschwerten. Ihnen fehlte die Möglichkeit, Anwendungen wie Skype oder andere Programme zur Textverarbeitung selbst zu installieren. Sie wünschten sich Windows. Die von der Stadt gestellten Notebooks verwendeten sie gar nicht und nutzten stattdessen ihre privaten Rechner.

Und noch eine Studie

Indes beauftragte die Stadt München 2016 die Unternehmensberatung Accenture mit einer weiteren Studie zur Münchner IT-Landschaft. In dieser heißt es, nur etwas mehr als die Hälfte der Mitarbeiter sei mit dem "Stand der Technik auf dem eigenen Schreibtisch" zufrieden, denn: "Ein Großteil des Inventars weist nur noch einen Restwert von null Euro auf". Zudem sei die Software veraltet. Das Ubuntu 12.04 noch bis April 2017 offiziell mit Patches versorgt wird, unterschlug die Studie. Zudem wurde schon mit einem Upgrade auf Ubuntu 14.04 LTS begonnen. Libreoffice 4.1 ist allerdings tatsächlich veraltet, der Support dafür endete bereits Ende Mai 2014. Da die Dokumentvorlagen mittlerweile komplett vom Libreoffice-Code losgelöst sind und die vom Limux-Projekt eingepflegten Patches Upstream gelandet sind, ist auch hier ein Upgrade ohne großen Aufwand möglich.

Veraltete Hardware und Software führten immer wieder zu Computerausfällen, sehr zum Leidwesen der Mitarbeiter und nicht zuletzt der Einwohner Münchens. Damit dürfte die Stadt aber nicht allein sein, ähnliche Berichte gibt es aus vielen Gemeinden deutschlandweit, die lieber an der IT sparen. Immerhin gibt es in der Studie keine Fundamentalkritik an Limux und sie empfiehlt auch nicht den Umstieg auf Windows, obwohl Accenture eine Nähe zu Microsoft und dessen Produkten nachgesagt wird.

Dennoch wird im Stadtrat mit rot-schwarzer Mehrheit jetzt eine komplette Abkehr von Limux ganz konkret erwogen.

Abgesang (Fazit)

In der jüngsten Debatte war von unzufriedenen Mitarbeitern die Rede. Angesichts der Historie des Limux-Projekts ist das aber kaum verwunderlich. Ihnen ist deshalb kein Vorwurf zu machen. Im Gegenteil, die IT-Abteilung und nicht der Nutzer hat dafür zu sorgen, dass Hardware und Software ordentlich funktionieren, auch bei einem Projekt, das Neues wagt. Viel schwerwiegender ist wohl der Mangel an Fachkräften in der IT-Abteilung, die nicht genügend Ressourcen haben, um diesen Problemen beizukommen.

Die fehlerhafte Interoperabilität mit externen Abteilungen dürfte ebenfalls viel Frust unter den Mitarbeitern verursachen, allein schon beim E-Mail-Austausch zwischen verschiedenen Anwendungen können Encoding-Fehler oder vollkommen vergeigte Formatierungen passieren. Dazu kommen die unterschiedlichen Dokumentenformate, die aufwendig gestaltete Präsentationen oder Tabellen einfach zerhauen, wenn sie sich überhaupt ordentlich öffnen lassen. Da hilft auch das universale PDF-Format nicht immer weiter.

Zentraler Kritikpunkt ist auch die Kostenfrage. Keine der präsentierten Aufstellungen spiegelt vermutlich die realen Kosten des Limux-Projekts wider. Dazu ist es zu einmalig, jeder Vergleich mit einer gleichwertigen Windows-Umgebung ist letztendlich ein Vergleich zwischen Äpfel und Birnen. Die Mitarbeiter seien überwiegend mit Limux frustriert, sagte OB Reiter in der aktuellen Debatte. Über diesen Frust ließe sich hinwegsehen, "wenn wir wenigstens preisgünstig wären", was laut Reiter aber nicht der Fall ist.

Offensichtlich ist also die Unzufriedenheit der Mitarbeiter, zu denen nun mal auch Reiter oder Schmid gehören, auch wenn sie vermutlich nicht für alle Mitarbeiter sprechen, der Hauptgrund für Münchens Abkehr vom Limux-Projekt. Diese Unzufriedenheit resultiert wohl auch aus der recht schleppenden Umsetzung des Projekts und den immer wieder auftauchenden Kompatibilitätsproblemen, sei es der Dokumentenaustausch oder die fehlende Anbindung zu mobilen Geräten. Bis zur Wahl 2014 kann aber von mangelndem politischen Willen kaum die Rede sein. Vielmehr dürfte die Technik des Limux-Projekts auch immer wieder von den Neuerungen in der IT-Welt überholt worden sein, die aufgrund des Mangels an Fachkräften und einer chaotischen IT nicht zeitnah umgesetzt werden können. Diese Unzulänglichkeiten haben den politischen Gegnern immer wieder Vorlagen geliefert.

Ob Reiter sich bereits Gedanken über die Folgekosten einer Umstellung auf Windows gemacht hat, geht nicht aus der Debatte und auch nicht aus den verabschiedeten Prüfaufträgen hervor. Bei einer Rückmigration zu Windows müssten neben den Lizenzkosten wohl auch viele neue Rechner angeschafft werden, auf denen aber auch Limux wohl deutlich besser laufen würde. Geldverschwendung wäre das Limux-Projekt nur, wenn es jetzt wie geplant komplett gestrichen wird.

Laut OB Reiter sieht der aktuelle Entschluss zunächst lediglich die Prüfung einer Rückmigration vor. Es soll untersucht werden, ob und wo eine Rückkehr zu Windows sinnvoll ist. Es bleibt also ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass der Stadtrat nach der Prüfung Limux nicht gleich komplett beerdigt. Vielmehr sollten Prioritäten gesetzt werden, vor allem die Umstrukturierung der städtischen IT, um sie zu verbessern. Neue Hardware wäre auch sinnvoll, auf ihr kann später immer noch Windows installiert werden. Und viele Unternehmen arbeiten erfolgreich in heterogenen Umgebungen. Und Libreoffice darf getrost als "handelsübliche Software" bezeichnet werden, einer der Kriterien, nach der im aktuellen Prüfungsverfahren entschieden werden soll.

Angesichts der vielfach geäußerten Frage, warum es weiterhin zwei unterschiedliche Systeme geben müsse, bleibt der Hoffnungsschimmer für Limux nicht mehr als ein noch schwach glimmender Kerzendocht. Es wird wohl jetzt das tragische Ende eines durchaus auch erfolgreichen Leuchtturm-Projekts eingeläutet.  (jt)


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