Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/freie-software-gemeinnuetzigkeit-as-a-service-gibt-es-auch-in-europa-1702-126056.html    Veröffentlicht: 08.02.2017 10:30    Kurz-URL: https://glm.io/126056

Freie Software

Gemeinnützigkeit-as-a-Service gibt es auch in Europa

Viele Open-Source-Projekte können oder wollen sich nicht selbst um rechtliche Verpflichtungen kümmern. Zum Glück gibt es dafür nun auch in Europa Menschen, die diese "langweilige" Arbeit als Dienstleistung übernehmen - im Interesse aller, auch der Nutzer.

Steuererklärungen machen, Verträge aufsetzen oder Berichte für erhaltene Fördergelder schreiben: Viele Programmierer und Entwickler in Open-Source-Projekten könnten sich wohl kaum langweiligere Beschäftigungen vorstellen. Für sie zählt nur ihr Code, weshalb sie sich oft nur sehr widerwillig oder gar nicht um solche Angelegenheiten kümmern. Um diesen Missstand zu beheben, haben sich innerhalb kurzer Zeit in Europa gleich drei Organisationen gegründet, die die Gemeinnützigkeit der vertretenen Projekte im Prinzip als Dienstleistung anbieten.

Sie übernehmen den juristischen Aufwand für Open-Source-Projekte, kümmern sich etwa um die Buchhaltung und Steuererklärungen oder die Verwaltung von Spenden sowie deren steuerliche Absetzbarkeit. Naheliegende und in der Community bekannte Vorbilder sind etwa die Apache Foundation, Software in the Public Interest (SPI) oder die Software Freedom Conservancy (SFC), deren Juristin Karen Sandler in einer Podiumsdiskussion auf der Open-Source-Entwicklerkonferenz Fosdem ihre Arbeit frei heraus als "langweilig" bezeichnet - natürlich nur in dem eingangs erwähnten Kontext.

"Man weiß nie, was in den USA passiert"

Simon Phipps, der Gründer von Public Software, sagt auf der Fosdem, dass er sich selbst nicht so richtig erklären könne, warum sich die drei Organisationen mit sehr ähnlichen Zielen in einem so kurzen Zeitabstand gegründet haben. Es handelt sich um das gemeinnützige Unternehmen Public Software aus dem Vereinigten Königreich, die niederländische Stiftung The Commons Conservancy (TCC) sowie das Center for the Cultivation of Technology (CCT), eine gGmbH nach deutschem Recht. Alle haben etwas unterschiedliche Herangehensweisen, die das Magazin LWN.net in einem Hintergrundartikel von Matija Šuklje erklärt, der als Jurist sowohl an der TCC als auch am CCT mitwirkt.

Die Protagonisten, also Phipps selbst, Michiel Leenaars von der TCC, sowie Moritz Bartl vom CCT kennen sich schon länger. Vermutlich, sagt Phipps, hätten sie einfach eine ähnliche Idee gehabt und schlicht vergessen, diese einander mitzuteilen. Die Gründungen seien aber auf jeden Fall wichtig, denn "man weiß nie, was in den USA passiert". Bisher gab es vergleichbare Organisationen in Europa noch nicht, sondern lediglich große, meist auf ein einziges Projekt bezogene, Vereine wie etwa den KDE e.V.

Letzte Rettung Dachorganisation

Die Notwendigkeit derartiger Dachorganisationen zeigt sich an einigen vergleichsweise bekannten Beispielen der vergangenen Jahre. Die X.org Foundation etwa verlor im Jahr 2013 ihren Status als gemeinnützig; die US-Steuerbehörde IRS kritisierte unzureichende Nachweise über das Einkommen und Steuererklärungen der X.org Foundation. Und auch schon zuvor hatte der Verein teils massive Schwierigkeiten gehabt, seine Finanzen zu verwalten. Gelöst werden konnte das Problem letztlich nur durch einen Beitritt der X.org Foundation zur SPI. Dadurch wurde unter anderem möglich, dass X.org wieder Spenden annimmt.

Europäische Unternehmen für europäische Community

Für Dachorganisationen, die vor allem in den USA tätig und dort registriert sind, ist die Verwaltung von Spenden aus Europa oft mit Problemen verbunden, schon allein aufgrund des schwankenden Wechselkurses. "Wenn ein Projekt die meisten Mitglieder seiner Community in Europa hat, wäre es sinnvoll, eine Organisation in Europa zu nutzen", schreibt Šuklje bei LWN.net.

Das gilt wohl insbesondere auch für Leistungen wie juristische Beratungen in unterschiedlichen Rechtssystemen. Ebenso können die Organisationen im Auftrag beziehungsweise in Vertretung einer Open-Source-Community bestimmte Vermögenswerte verwalten. Dabei gilt natürlich auch: Je kleiner die Community, desto schwieriger ist es, diese Arbeit wohl selbst durchzuführen, so dass eine Auslagerung der Arbeit sinnvoll erscheint.

Verwaltung von Domains, Urheber-, Marken- und Lizenzrechten

Die Notwendigkeit hierfür zeigen Beispiele aus der Vergangenheit. So bietet die SFC etwa die Durchsetzung der GPL im Namen einzelner Urheber an, auch, damit sich die Entwickler auf ihren Code konzentrieren können, statt sich auf rechtliche Auseinandersetzungen fokussieren zu müssen.

Ebenso zeigen einige Projektabspaltungen der vergangenen Jahre, dass etwa der Besitz der Markenrechte eines Unternehmens eine zwangsweise Umbenennung nach sich zieht. So wanderte etwa fast die vollständige Entwickler-Community von Openoffice.org zu Libreoffice. Doch obwohl sich mit Abstand die Mehrzahl der Entwickler von Openoffice.org aus Unzufriedenheit über den damaligen Besitzer Oracle neu und unabhängig formierte, mussten diese einen anderen Namen wählen - die Gemeinschaft war nicht im Besitz der Markenrechte an dem ursprünglichen Namen.

Ebenso drohte die X.org Foundation im vergangen Jahr, ihre Domain zu verlieren. Die Community hatte selbst nicht die Verwaltungshoheit über die Domain, sondern eine Einzelperson, die durch die Community zwischenzeitlich aber nicht mehr erreicht werden konnte. Der Verlust konnte nur durch ein Eingreifen des Registrars und daran anschließende Verhandlungen verhindert werden.

Die Gemeinschaft muss genau überlegen

Laut Bartl, der das CCT auf der Podiumsdiskussion auf der Fosdem vertrat, soll seine Organisation künftig auch genau solche Dienstleistungen anbieten. Eine Entwicklergemeinschaft die sich für das CCT entscheidet, kann dadurch künftig vielleicht derartige Fehler vermeiden. Allerdings, und das ist Bartl wichtig, muss dem eine "bewusste Entscheidung" vorausgehen. Das heißt, die Gemeinschaft selbst muss sich sehr genau überlegen, was und welche Dienstleistungen in Anspruch genommen werden sollen.

Es sollte offensichtlich sein, dass derartige Überlegungen in Anbetracht der geschilderten Probleme für einige Projekte künftig von großer Bedeutung sein könnten. Ob und wie sich die drei neuen europäischen Organisation zur Unterstützung von Open-Source-Projekten aber langfristig durchsetzten können, muss sich noch zeigen. Zumindest für das CCT hat die Arbeit erst begonnen, denn dieses plant einen öffentlichen Start seiner Dienste erst für das kommenden Jahr.  (sg)


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