Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/architektur-des-internets-entwickler-wollen-protokolle-ohne-ethik-und-moral-1703-126046.html    Veröffentlicht: 14.03.2017 10:40    Kurz-URL: https://glm.io/126046

Architektur des Internets

Entwickler wollen Protokolle ohne Ethik und Moral

Entwickler neuer Internetprotokolle sollen Menschenrechte berücksichtigen, fordern Experten der Internet Engineering Task Force - und befeuern damit eine philosophische Grundsatzdebatte: Darf die Architektur des Internets auf einem Wertesystem basieren?

Es geht um nicht weniger als die Grundregeln, nach denen zukünftige global gültige Internetprotokolle entwickelt werden sollen. Eine Expertengruppe der Internet Research Task Force (IRTF) hat nach über eineinhalb Jahren Diskussion die elfte Version ihres Entwurfs zum Thema Menschenrechte veröffentlicht. Ziel des informationellen Dokuments ist es, Entwickler zukünftiger Internetprotokolle dazu anzuregen, die Verteidigung universeller Menschenrechte bereits im Protokolldesign des Internets anzulegen. Doch viele wehren sich gegen eine Politisierung der Protokolle.



Die Autoren haben für den neuen RFC-Entwurf (Request for Comments) über 80 Fragen zum Thema Menschenrechte in 18 Kategorien gesammelt, die sich Protokollentwickler schon während der Arbeit stellen sollen. Diese reichen von "Könnte dein Protokoll irgendwie die Vertraulichkeit von Metadaten beeinflussen?" bis zu "Priorisiert dein Protokoll bestimmte Inhalte oder Dienste gegenüber anderen während des Routing-Prozesses?".

Können und sollen Protokolle politisch sein?

Die IRTF ist eine Schwesterorganisation der Internet Engineering Task Force (IETF), die seit über 30 Jahren für die Standardisierung grundlegender Internetprotokolle wie IPv6 oder TCP verantwortlich ist. Zwischen den beiden Organisation gibt es viele Überschneidungen, sie arbeiten auch eng zusammen. Die Arbeit über Menschenrechte ist in der IETF aber offenbar ein heikles Unterfangen. Deren Ingenieure sehen sich selbst und die von ihnen geschaffenen Protokolle oft eher unpolitisch und vor allem wertneutral.

"Es ist doch offensichtlich, dass es keinen Zusammenhang zwischen Menschenrechten und Internetprotokollen gibt", ist die häufigste Reaktion, die sich Stéphane Bortzmeyer, der für den französischen Domainverwalter AFNIC in der IETF sitzt, anhören muss. "Es gibt eine Menge Leute in der IETF, die es vorziehen würden, unpolitisch zu bleiben", sagt auch Stephen Farrell, Security Area Director der IETF. Farrell hatte sich in der Entstehungsphase des Entwurfs immer wieder kritisch in die Diskussion eingeschaltet.

Noch deutlicher formuliert es aber Dan Harkins, Sicherheitsforscher beim Netzwerkdienstleister Aruba und langjähriger IETF-Contributor: "Eine solche Studie zu Menschenrechten wird technische Protokolle wahrscheinlich politisieren. Ich möchte nicht, dass die Technologie einen politischen Kontext bekommt. Stattdessen sollte sie so unpolitisch wie möglich sein."

Dahinter steht bei vielen die Sorge, dass die Standardisierungsprozesse des Internets, die bisher hauptsächlich von Ingenieuren und anderen Experten aus dem Westen dominiert wurden, in Zukunft allen möglichen politischen Interessen ausgeliefert sein könnten. Zu präsent ist der schwelende Konflikt mit der staatlich kontrollierten Fernmeldeunion ITU, der vorgeworfen wird, Regierungen in aller Welt zu mehr staatlicher Kontrolle über das Internet zu verhelfen.

Darf das Internet ein eingebautes Wertesystem haben?

Um einen "Rough Consensus" über das Menschenrechtspapier innerhalb der IRTF-Gremien zu ermöglichen, arbeiteten sich die beiden Autoren, Corinne Cath und Niels ten Oever tief in die philosophische Debatte ein. "Die größte Meinungsverschiedenheit liegt in der Frage, ob ein bestimmtes Wertesystem in die Architektur des Internets eingebaut werden sollte, oder ob diese verschiedene Wertesysteme berücksichtigen muss", schreiben sie in dem Papier.

Für ten Oever ist die Diskussion keinesfalls neu. Der studierte Philosoph, Journalist und Software-Entwickler ist schon seit den Anfängen 2014 in der Human Rights Group der IRTF aktiv. Als Leiter für Digitales arbeitet er hauptberuflich bei der internationalen Menschenrechtsorganisation ARTICLE 19. Mitautorin Cath stieß etwas später zu der Gruppe hinzu, bringt aber nicht weniger Erfahrung mit. Ihre Masterarbeit wurde Anfang 2016 unter dem Titel "Das Design der Internetarchitektur durch die IETF und Menschenrechte" veröffentlicht. Als Doktorandin am Oxford Internet Institute forscht sie heute zum Verhältnis globaler Regierung und Digital Governance.

Protokolle sollen die Freiheit verteidigen

Ten Oever und Cath sind davon überzeugt, dass universelle Werte, wie etwa die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, von Protokollen nicht nur respektiert, sondern sogar verteidigt werden sollten. Das Internet stehe nicht in einem luftleeren Raum, sondern "wurde mit Freiheit und Offenheit von Kommunikation als Grundwerten geschaffen", zeigen sich Cath und ten Oever im Gespräch mit Golem.de überzeugt. Diese seien mit Grundrechten wie dem Recht auf freie Meinungsäußerung oder der Versammlungsfreiheit untrennbar verbunden.

Die IETF arbeite zudem bereits seit langem an den Themen Sicherheit und Privatsphäre, betont ten Oever mit Blick auf den existierenden RFC 6973 mit dem Titel "Privacy Considerations for Internet Protocols", der bereits kurz nach den ersten Snowden-Leaks im Juli 2013 verabschiedet wurde. Allerdings bestand kein ursächlicher Zusammenhang, die Entwurfsarbeit an RFC 6973 begann bereits Ende 2011. Die Privacy Considerations standen Cath und ten Oever sozusagen als Blaupause für ihren Entwurf zum Menschenrechtsschutz zur Verfügung.

Es handelt sich bei der Forschungsarbeit allerdings nur um einen "informationellen" RFC-Entwurf. Das heißt, er wird auch nach Verabschiedung durch die Internet Research Stearing Group keine bindende Wirkung für die IETF haben. Geht es nach Cath und ten Oever, ist das aber nur der erste Schritt. Mit steigender Anerkennung der Leitlinien in der Praxis sollen Menschenrechtsüberlegungen in Zukunft direkt in neue Internetstandards einfließen und so auch für private Marktteilnehmer Wirkung entfalten.  (jaw)


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