Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/autonomes-fahren-26-sekunden-bis-der-fahrer-uebernimmt-1702-125983.html    Veröffentlicht: 03.02.2017 09:55    Kurz-URL: https://glm.io/125983

Autonomes Fahren

26 Sekunden, bis der Fahrer übernimmt

Weiß das selbstfahrende Auto nicht mehr weiter, ruft es nach dem Menschen. Doch der reagiert womöglich erheblich langsamer, als Experten erwarten. Das zeigt ein Test.

Auch wenn schon viel vom autonomen Fahren die Rede ist: Was derzeit auf dem Markt ist - selbst das von Tesla als Autopilot hochgejazzte System - benötigt immer noch einen Fahrer, der im Notfall das Steuer übernehmen kann. Die automatisierte Funktion müsse jederzeit "durch den Fahrzeugführer manuell übersteuerbar oder deaktivierbar" sein, heißt es im jüngsten Gesetzentwurf des Bundesverkehrsministeriums.

Der Mensch am Lenkrad trägt also stets die Verantwortung. Doch wie lange braucht er, bis er wirklich das Kommando über das Fahrzeug übernehmen kann, wenn ihn das System dazu auffordert? Womöglich ziemlich viel Zeit, wie eine neue Untersuchung aus England zeigt. Im Extremfall fast eine halbe Minute.

In dem Experiment ging es den Forschern der Universität Southampton nicht um Notfälle - da müsse es extrem schnell gehen, um unmittelbare Gefahr für Leib und Leben zu verhindern, schreiben sie in ihrer Studie. Eine suboptimale Übernahme sei also akzeptabel. In solch kritischen Situationen reicht eine Vorlaufzeit von sieben bis acht Sekunden aus, wie frühere Tests gezeigt haben.

Läuft aber alles normal, dann sollte der Mensch das Kommando so gut wie möglich übernehmen, um den Straßenverkehr nicht unnötig zu gefährden, argumentieren die Wissenschaftler. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn der Autopilot nur auf Autobahnen zu nutzen ist und an einer Ausfahrt die Fahrzeugsteuerung an den Fahrer zurückgibt.

Wer liest, braucht länger

Nur: Welche Reaktionszeit wäre angemessen? Eine möglichst flexible, wie der Test im Labor der Universität Southampton ergeben hat.

In einem Fahrsimulator sollten 26 Probanden, zwischen 20 und 52 Jahren alt, etwa 30 Kilometer Autobahn mit rund 113 km/h zurücklegen. Während der Fahrt forderte der Autopilot nach dem Zufallsprinzip immer wieder, der Proband solle über den Touchscreen in der Mittelkonsole des Autos die Kontrolle übernehmen. Bald darauf durfte er sie aber wieder an die Technik abgeben. Sowohl eine Stimme aus dem Lautsprecher als auch ein entsprechendes Symbol in der Anzeigentafel des Armaturenbretts wiesen den Fahrer darauf hin.

In einer ersten Versuchsreihe sollten die Testpersonen die ganze Fahrt über den Verkehr im Auge behalten, in der zweiten mussten sie bei laufendem Autopiloten ein Magazin lesen. Wenig überraschend: Waren sie mit der Zeitschrift abgelenkt, brauchten die Probanden mehr Zeit, bis sie den Wagen wieder selbst steuerten - im Schnitt 1,5 Sekunden länger. Darum sollten Systeme idealerweise mit Kameras prüfen, ob der Fahrer abgelenkt ist, und ihm dann ein paar Sekunden mehr Vorlaufzeit geben.

Bei zu kurzer Vorwarnzeit könnte mancher zum Verkehrsrisiko werden

Ein viel entscheidenderes Ergebnis der Untersuchung: Die Zeit zwischen Aufforderung und Übernahme des Steuers schwankte erheblich. Der beste Teilnehmer schaffte es ohne Zeitschrift in knapp zwei Sekunden und beim Lesen in 3,2 Sekunden - der langsamste benötigte jedoch bis zu 25,8 Sekunden. Bei Tempo 100 legt ein Auto in dieser Zeit fast 720 Meter zurück.

Darum sprechen sich die Forscher gegen starre und zu kurze Zeitlimits aus. Sich bei der Entwicklung von Autopiloten und in den gesetzlichen Vorgaben für das autonome Fahren einfach am Mittelwert zu orientieren, sei ungenügend, warnt Neville Stanton, der Leiter der Studie und Professor am Lehrstuhl "Menschliche Faktoren im Verkehr". Beim Design von Technik sei es gängige Praxis, den Einfluss des Menschen so zu berücksichtigen, dass 90 Prozent der Bevölkerung abgedeckt sind. "Die Herausforderung für die Entwickler liegt darin, der gesamten Spanne der Reaktionszeiten Rechnung zu tragen."

Bei zu kurzen Vorwarnzeiten könnten manche Fahrer zum Verkehrsrisiko werden, erläutert Alexander Eriksson, einer der Autoren der Studie. Sie könnten dann so gestresst sein, "dass sie aus Versehen ausbrechen, unvermittelt die Spur wechseln oder scharf bremsen".

In einer großzügigen Übergabezeit vom System zum Menschen sehen die Forscher deshalb auch ein entscheidendes Kriterium dafür, dass das autonomen Fahren wirklich angenommen wird. Selbst die 26 Sekunden des langsamsten Probanden sei nämlich eigentlich kein Problem, findet Eriksson: "Ein Grund für eine lange Zeitspanne könnte beispielsweise sein, dass die Technik in einer Kurve um Übernahme bittet und der Fahrer wartet, bis der Wagen wieder auf gerader Strecke ist. Das ist in einer unkritischen Situation vollkommen akzeptabel." Immer vorausgesetzt, dass nicht gerade die Technik ausfällt und der Mensch sofort handeln muss.  (zeit-mbr)


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