Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nikon-key-mission-360-eine-actionkamera-mit-rundumblick-und-kleinen-schwaechen-1702-125978.html    Veröffentlicht: 03.02.2017 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/125978

Nikon Key Mission 360

Eine Actionkamera mit Rundumblick und kleinen Schwächen

Es hat eine Weile gedauert: Schon vor einem Jahr hat Nikon seine 360-Grad-Actionkamera angekündigt. Technische Schwierigkeiten verzögerten die Auslieferung. Jetzt ist sie da - und wir haben die Key Mission 360 getestet.

Schluss mit der Ego-Perspektive: Videos von Aktivitäten in der freien Natur, aufgenommen mit einer Actionkamera, lassen den Zuschauer normalerweise nur aus einer Perspektive am Geschehen teilnehmen. Die Kamera wird an der Person oder dem Sportgerät, dem Fahrrad etwa, befestigt, und filmt dann das, was der Sportler auch sieht. Eine neue Actionkamera ändert das: Sie erfasst die ganze Welt.

Die Key Mission 360 nimmt sphärische Panoramen auf. Das bedeutet, die Kamera deckt einen Bildwinkel von 360 Grad in der Horizontalen und 180 Grad in der Vertikalen ab. Sichtbar ist also alles um den Sportler herum, einschließlich ihm selbst. Die Kamera zeichnet sowohl Videos als auch Standbilder auf, die dann direkt in der Kamera montiert werden.

Nikon macht Gopro Konkurrenz

Actionkameras waren zu Anfang eher eine Domäne von Neueinsteigern wie Gopro. Doch inzwischen haben auch die großen Kamerahersteller wie etwa Sony sie im Programm. Nikon bringt gleich drei dieser Kameras heraus, wobei uns die Key Mission am interessantesten erscheint.

Angekündigt hatte Nikon die Panoramakamera Anfang vergangenen Jahres auf der CES. Doch technische Schwierigkeiten verzögerten die Auslieferung. Auf der Photokina im September konnten wir die Kamera anschauen, aber nicht testen.

Die Kamera ist überraschend schwer

Die Key Mission 360 ist etwa 6 Zentimeter hoch und 6 Zentimeter breit. Wegen der beiden Halbschalen aus Glas, die die Linsen schützen, ist sie etwa 6 Zentimeter tief. Mit Akku und Speicherkarte wiegt die Kamera knapp 200 Gramm. Das ist angesichts ihrer Größe relativ schwer - schwerer jedenfalls als erwartet.

<#youtube id="V1uDLHzPGoY"> Die Key Mission 360 besteht im Prinzip aus zwei Kameras: Jede von ihnen hat ein Objektiv und einen eigenen Chip. Das Fischaugenobjektiv hat eine Brennweite von 1,6 Millimetern, was 8,7 Millimetern Kleinbild-Äquivalent entspricht, und eine Festblende von f/2. Die Sensoren sind CMOS-Chip. Die Chips haben eine Diagonale von 1/2,3 Zoll, etwa acht Millimeter, und eine Auflösung von knapp 24 Megapixeln.

Key Mission macht Bilder und Videos

Die Kamera nimmt Bilder nur im jpg-Format auf. Sie können in zwei Größen ausgegeben werden - mit einer Auflösung von 7 Megapixeln (3.872 x 1.936) oder in der vollen Auflösung von 30 Megapixeln (7.744 x 3.872). Videos werden bei PAL mit: 2160/24 p, 1920/24 p, 960/25 p, 640/100 p, 320/200 p, bei NTSC mit: 2160/24 p, 1920/24 p, 960/30 p, 640/120 p, 320/240 p aufgezeichnet.

Gespeichert werden die Bilder auf einer Micro-SD-Karte (bis MicroSDXC). Die wird in einem Fach an der Seite eingesetzt. Darin gibt es zudem einen Schalter, um die Kamera in den Flugmodus zu versetzen, den Schacht für den Akku, einen Micro-USB-Anschluss, über den die Kamera mit dem Computer verbunden sowie der Akku geladen wird, und einen Micro-HDMI-Anschluss, um Bilder und Video auf beispielsweise einem Fernseher anzuschauen.

Das Akkufach wird wasserdicht verriegelt

Der Deckel, mit dem das Fach verschlossen wird, hat innen eine Gummidichtung. Er wird mit zwei Verschlüssen verriegelt, damit beim Taucheinsatz kein Wasser in die Kamera läuft. Die Key Mission 360 ist laut Nikon bis zu einer Tiefe von 30 Metern wasserfest und damit auch für Taucher geeignet. Für andere Actioneinsätze ist sie staubdicht und soll auch mal einen Sturz überstehen - getestet wurde ein Fall aus 2 Metern Höhe auf eine Sperrholzplatte. Daher auch das für die Größe relativ hohe Gewicht. Nikon empfiehlt aber, für den Einsatz der Kamera die Silikonummantelung anzubringen, die die Kamera schützt.

Wie fotografiert es sich mit der Kamera?

Die Key Mission im Einsatz

Die Key Mission 360 ist als Actionkamera konzipiert. Die Bedienung soll also möglichst einfach sein. Das hat Nikon umgesetzt: Die Kamera nimmt Video und Fotos auf - also bekommt sie zwei Auslöser, für jede Funktion eine. Das klappt recht gut. Es ist auch möglich, während einer Videoaufzeichnung schnell noch ein Foto zu machen.

Mit einem Druck auf einen der beiden Auslöser wird die Kamera eingeschaltet. Das ist sicher praktisch, wenn sie aus der Tasche gezogen wird und schnell einsatzbereit sein soll. Das kann aber auch unpraktisch sein, wenn es nicht schnell gehen muss, der Nutzer aber beim Herausziehen aus der Tasche versehentlich auf den Knopf kommt und so gleich auslöst. Ein längerer Druck auf die Videoaufnahmetaste oder 30 Sekunden lang keine Bedienung schaltet die Kamera wieder aus. Ein eigener Ein- und Ausschaltknopf wäre indes praktisch.

Die Kamera piepst laut

Ausgelöst wird die Kamera über zwei Knöpfe: Der größere, rechteckige Knopf mit dem roten Punkt oben ist für Videos, der quadratische an der Seite für Fotos. Bei Druck auf den Videoaufnahmeknopf beginnt die Aufzeichnung unmittelbar. Bei Fotos gibt es eine Auslöseverzögerung von ein paar Sekunden. Ein Piepton, der in der leisesten Einstellung schon recht aufdringlich ist, zeigt die Wartezeit an.

Obwohl die Kamera sphärische Panoramen aufnimmt - also ein Kugelbild, das theoretisch in alle Richtungen gedreht werden kann -, gibt es eine Frontansicht und eine Rückansicht bei der Kamera und entsprechend auch eine Front- und eine Rückkamera. Erstere ist erkennbar am Namen des Herstellers über der Linse. Der Schriftzug ist auch auf den Schutz aus Silikon aufgedruckt - der sollte dann auch so aufgezogen werden, dass das Logo über dem Logo auf dem Kameragehäuse liegt.

Eine Linse ist vorne, die andere hinten

Denn die Frontkamera bestimmt - zumindest bei der statischen Ansicht - Ausrichtung, Perspektive und Fluchtpunkt des Bildes. Die Perspektive der Frontlinse bestimmt also den zentralen Punkt des Bildes. Auch die Ausrichtung der Kamera spielt eine Rolle.

Bei der dynamischen Betrachtung in der App oder in der Cardboard spielt das keine Rolle. Werden die Bilder oder Videos aber als ganz normales Panorama auf dem flachen Bildschirm betrachtet, ist es wichtig, auf den Bildaufbau zu achten. Denn das, was die Hauptkamera sieht, ist in der Bildmitte. Das Bild der zweiten Kamera wird links und rechts daran montiert. Das, was sich direkt hinter der Kamera befindet, wird also in der Mitte geteilt und erscheint je zur Hälfte an den Bildrändern. Wird etwa die Kamera an den Fahrradlenker montiert, ist der Radler in der Mitte durchgeschnitten.

Der Fluchtpunkt kann nicht verändert werden

Zudem sollte die Kamera richtig herum, also mit dem Logo nach oben und dem Stativgewinde nach unten gehalten werden. Denn das Panorama sieht anders aus, wenn die Kamera aufrecht gehalten oder um 90 Grad gekippt wird. Anders als etwa bei der Panono, die wir im vergangenen Jahr getestet haben, lässt sich bei den mit der Key Mission aufgenommenen Panoramen der Fluchtpunkt oder die Ausrichtung nachträglich nicht ändern.

Die Qualität der Bilder und Videos ist auf den ersten Blick in Ordnung. Zoomt man in die Bilder jedoch stark hinein, ist ein Rauschen zu sehen, und die Bilder wirken leicht matschig, wenn auch nicht so sehr wie etwa bei der Ricoh Theta. Das gilt vor allem für Nachtaufnahmen - die Lichtempfindlichkeit geht bis Iso 1.600 - und ist den kleinen Sensoren geschuldet. Bei einigen Bildern konnten wir zudem deutliche Farbsäume feststellen.

Es gibt kaum Montagefehler

Gut gefällt uns die Stitching-Software, also jene, die die Bilder montiert. Sie macht ihre Arbeit gut. Auch bei klein gemusterten Oberflächen, etwa Kopfsteinpflaster, sind uns keine gravierenden Montagefehler aufgefallen. Die gibt es lediglich im Nahbereich; das ist aber systembedingt und lässt sich bei einer solchen Kamera nicht vermeiden.

Hinzu kommt eine zweite Schwäche, die ebenfalls systembedingt ist: Der Fotograf ist praktisch zwangsläufig auf dem Bild mit drauf - auf jeden Fall und zwar prominent, wenn er mit der Hand auslöst, weniger prominent, wenn er die Kamera auf den Griff, den Nikon als Zubehör anbietet, oder ein Monopod schraubt.

Was hilft, ist, die Kamera auf ein Stativ zu stellen und mit dem Smartphone auszulösen. Dann kann der Fotograf sich zumindest entfernen oder verstecken. Das Stativ ist aber dennoch zu sehen. Die Fernbedienung funktioniert über die App Snapbridge 360/170.

App und Software

Die App ist kostenlos und für Android (ab Version 5) und iOS (ab Version 8.3) erhältlich. Damit ein Mobilgerät aber mit der Kamera verbunden werden kann, muss es den Standard Bluetooth Low Energy (BLE) (ab Version 4.0) unterstützen. Doch trotz BLE belastet die App den Smartphone-Akku ordentlich.

Das Smartphone verbindet sich über Bluetooth und WLAN mit der Kamera. Über die App lassen sich die Bilder von der Kamera auf das Mobilgerät übertragen sowie Einstellungen an der Kamera vornehmen. Es besteht die Option, Bilder nach der Verbindung automatisch auf das Mobilgerät zu übertragen. Wir empfehlen, die Option zu deaktivieren, da sie das Gerät erst einmal lahmlegt, vor allem wenn die Bilder in Originalgröße und nicht als 2-Megapixel-Vorschauversion geladen werden.

Die App steuert die Kamera

Zudem lässt sich die Kamera per App fernauslösen. In dem Menü werden neben dem aktuellen Bild der Frontkamera die Belichtungszeit, die Blende, die verbleibenden Fotos sowie der Akkustand angezeigt. Über ein Menü kann der Fotograf weitere Einstellungen vornehmen. Dazu gehören etwa bei den Fotos die Bildgröße oder die Dauer des Selbstauslösers: keine, 2 Sekunden oder 10 Sekunden.

Im Videomodus gibt es deutlich mehr Optionen. So können das Farbübertragungssystem, Auflösung sowie Bildrate und schließlich noch der Filmmodus eingestellt werden: Zur Auswahl stehen Standardfilm, verschiedene Zeitraffermodi sowie eine Schleifenaufnahme - dabei nimmt die Kamera die voreingestellte Zeitdauer auf und überschreibt die Aufnahme nach deren Ablauf.

Videos können nur mit der Key Mission Utility bearbeitet werden

Schließlich kann der Nutzer seine Bilder noch über verschiedene Dienste mit anderen teilen. Das geht allerdings nur mit Bildern. Für die Videos wird die Software Key Mission Utility benötigt. Damit kann der Nutzer Bilder und Videos von der Kamera auf den Rechner übertragen - schneller geht das allerdings, wenn die Speicherkarte in ein Kartenlesegerät gesteckt wird -, er kann sie betrachten und bearbeiten. Schließlich ist es möglich, wie in der App die Kameraeinstellungen zu verändern.

Werden Bilder oder das Video mit herkömmlichen Programmen auf dem Rechner betrachtet, werden sie einfach als aufgeklapptes 360-Grad-Bild dargestellt. In der Key Mission Utility hingegen besteht die Möglichkeit, mit Bild oder Video zu interagieren, das heißt sich im sphärischen Panorama zu bewegen, nach links oder rechts, oben oder unten zu schauen.

Die Nutzeroberfläche ähnelt der von Lightroom

Wie diverse Bildbearbeitungs- und Verwaltungsprogramme orientiert sich auch Key Mission Utility bei der Nutzeroberfläche an Lightroom von Adobe: Die Arbeitsfläche ist dunkelgrau und schwarz. Links sind eine Vorschau und der Verzeichnisbaum zu sehen, in der Mitte das aktuelle angewählte Bild oder Video und in der Spalte rechts die Werkzeuge zum Bearbeiten.

Die Möglichkeiten sind aber eingeschränkt. Die Panoramabilder können beispielsweise nur beschnitten werden. Für Videos gibt es mehr Funktionen: So kann der Film geschnitten, mit Musik unterlegt oder in schwarz-weiß konvertiert werden. Außerdem ist es möglich, aus einem Video ein Bild zu extrahieren.

Die Perspektive kann nicht variiert werden

Was hingegen nicht geht, ist den Blick des Zuschauers durch den Schnitt zu lenken: Beim Schnitt werden der erste und der letzte Frame markiert. Es ist aber nicht möglich, den Blickwinkel vorzugeben - also etwa: Der Film beginnt mit dem Blick der vorderen Kamera, und bis zum Ende wandert die Perspektive zur hinteren Kamera.

Schließlich kann der Nutzer das 360-Grad-Video für Youtube vorbereiten. Dort ist es dann als interaktives Video abrufbar, in dem der Betrachter sich bewegen kann. Allerdings bereitet die Key Mission Utility das Video nur vor, das bedeutet, das Video wird im entsprechenden Format gespeichert, damit es anschließend auf die Videoplattform hochgeladen werden kann. Ein Export aus der Nikon-Software zu Youtube geht nicht.

Wegen der eingeschränkten Möglichkeiten hat uns die Software nicht so viel Spaß gemacht - zumal wir sie auf einem Computer erst nicht zum Laufen bekamen. Im Vergleich dazu bietet etwa Panono mehr Möglichkeiten zum Bearbeiten der Bilder. Aber vielleicht integriert Nikon ja in die Software noch weitere Funktionen, wie etwa die Möglichkeit, den Fluchtpunkt zu setzen.

Fazit

Wer unterwegs andere als die üblichen Action-Bilder aufzeichnen möchte, ist mit der Key Mission 360 gut bedient. Sie bietet andere Möglichkeiten als die herkömmlichen Action-Kameras. Auch um mal eben ein Panorama aufzunehmen, ist sie gut geeignet - mit den genannten Einschränkungen.

Bleibt die Frage nach dem Preis. Mit 500 Euro ist die Kamera nicht ganz günstig und auch teurer als einige Konkurrenten: Die Ricoh Theta etwa kostet je nach Modell zwischen 200 und 430 Euro. Die 360 Cam von LG gibt es für knapp 180 Euro, die Gear 360 von Samsung für etwa 280 Euro. Letztere arbeitet aber nur mit Smartphones von Samsung zusammen. Dafür ist die Key Mission Nikon wasserdicht und stoßgeschützt - Nikon hat sie ja explizit als Action-Kamera entwickelt.

Panono ist teurer, nimmt aber keine Videos auf

Verglichen mit der Panono hingegen ist die Key Mission 360 geradezu ein Schnäppchen: Die Ballkamera kostet je nach Ausstattung rund 2.140 Euro oder 2.260 Euro. Sie hat die gleichen Schwächen wie die Nikon - der Fotograf oder das Stativ im Bild, Montagefehler im Nahbereich -, bietet aber dafür den zusätzlichen Aufnahmemodus per Wurf. Allerdings zeichnet sie nur Standbilder und keine Videos auf.

Wer hingegen hochaufgelöste Panoramen machen möchte, die anschließend als Großdruck an der Wand hängen sollen, oder wer Wert darauf legt, nicht selbst im Panorama zu erscheinen, für den ist eine 360-Grad-Kamera wie die Key Mission 360 nicht das Richtige. Der wird auch weiterhin nicht um eine DSLR oder eine gute Systemkamera, einen Panoramakopf und eine Stitching-Software herumkommen.  (wp)


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