Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nioh-im-test-brutal-schwierige-samurai-action-1702-125949.html    Veröffentlicht: 02.02.2017 13:19    Kurz-URL: https://glm.io/125949

Nioh im Test

Brutal schwierige Samurai-Action

Im Actionrollenspiel Nioh werden Spieler auf der Playstation 4 nicht nur zu Samurai, sondern auch zu Fingerakrobaten am Gamepad ausgebildet.

So schnell und schwer wie das hauseigene Ninja Gaiden, leben und sterben wie in Dark Souls und bunte Beute wie in Diablo: Team Ninja bedient sich für das Actionrollenspiel Nioh am Gabentisch der Spieleindustrie.

Herausgekommen ist ein fideler, süchtig machender, komplexer Genremix, der nach jahrelangem Tuning der Entwickler - die Arbeiten begannen 2004 - bereit für die Öffentlichkeit ist. Während sich Nioh in der ersten Alpha noch merkwürdig steuerte und zum Beispiel das Fokussieren auf einen Gegner kaum funktionierte, hat uns das fertige Produkt überzeugt.

Verrückt, japanisch, gut

Spieler übernehmen die Rolle von William, der im 16. Jahrhundert das feudale Japan als westlicher Samurai aufmischt. Das Ganze wird schnell fantastisch: William springt zum Beispiel zu Beginn seines Abenteuers in einer stählernen Ritterrüstung vom Tower in London in die Themse und entkommt seinem Schicksal als Gefangener. Wenig später trifft er auf Hattori Hanzo, der eine schnurrende Katze unter seiner Rüstung beherbergt. Die beiden verbünden sich im Kampf gegen die Oni.

Die Handlung ist auf eine sympathische Weise unlogisch und quer erzählt. Mal mehr und mal weniger lange Sequenzen gibt es stets zu Beginn und am Ende eines jeden Levels nach dem besiegten Bossgegner. Die Geschichte wird in Kapiteln auf einer Weltkarte vorangetrieben. Jeder Abschnitt kann dabei so oft wie gewünscht wiederholt werden. Dadurch entsteht in Nioh nicht so ein übergreifendes Gefühl einer zusammenhängenden Welt wie beispielsweise in Dark Souls. Vielmehr erinnert es an Monster Hunter oder Destiny.

Ultrakomplexes Kampfsystem

Die Abstecher in Höhlensysteme, brennende Dörfer und Tempel sind dabei stets sehr düster. Die Grafik ist zweckmäßig und bietet vor allem bei den Animationen und Effekten ein paar Hingucker. Das japanische Design der mystischen Gegenstände und Geister halten wir für gut gelungen.

Als großen Motivationsfaktor hängen die Entwickler dem Spieler in Nioh zufallsgenerierte Beute vor die Nase. Waffen, Rüstungen und Gegenstände unterscheiden sich in ihrer Seltenheit und werden per Glücksprinzip in Schatztruhen oder gefallenen Gegnern gefunden. Spieler gehen ihre Raubzüge entweder alleine oder kooperativ im Onlinemodus an.

Der Fortschritt des eigenen Charakters ist mannigfaltig: Spieler werten ihren William nicht nur in klassischen Leveln und Charaktereigenschaften wie Mut, Stärke und Geschicklichkeit auf. Gleichermaßen können massenhaft Spezialmanöver und neue Fertigkeiten trainiert werden. Spieler spezialisieren sich in den Waffengattungen (Katana, Doppel-Katana, Axt, Speer, Kusarigama), lernen wie ein Ninja mit Shurikens zu werfen oder zu zaubern.

Das eröffnet, gepaart mit den Gegenständen, dermaßen viele Aktionsmöglichkeiten in den Kämpfen, dass es schon allein mehrere Stunden dauert, die Steuerung zu lernen. Jeder Knopf des Gamepads wird genutzt, manch einer durch das Halten der Schulter-Trigger sogar doppelt.

Garniert wird das komplexe Kampfsystem mit drei unterschiedlichen Kampfhaltungen (hoch, mittel, niedrig), wodurch sich unterschiedlich schnelle und ausgerichtete Hiebe ausführen lassen, sowie dem Ki-System. Ki ist die Ausdauer in Nioh, und die ist schnell verbraucht. Es ist allerdings möglich, durch einen gut getimten Knopfdruck am Ende eines Angriffs Ki wiederzuerlangen. Diese Technik stellt vor allem Anfänger vor eine große Hürde, sollte aber verinnerlicht werden, um das ansonsten nahezu unspielbar schwere Spiel zu beenden.

Nervige Menüs, Verfügbarkeit und Fazit

Statt stets auf Beutejagd zu gehen, hängen wir in Nioh häufig lange Zeit im Menü fest. Die Massen an Gegenständen müssen dort sortiert, entschmiedet oder verkauft werden. Auch das Aufleveln der Kampffähigkeiten ist in langen spröden Listen zerstückelt. Zwar gewöhnt man sich nach einiger Zeit an die Unordnung, die Zeit in den Menüs fördert aber nicht den Spielspaß. Mit andauernder Spielzeit haben wir immer mehr Gegenstände liegen gelassen, da sie den Aufwand schlicht nicht wert waren.

Nioh erscheint in Deutschland am 8. Februar 2017 für die Playstation 4. Uns stand Version 1.01 des Titels als digitaler Download zur Verfügung. Die USK hat Nioh ab 16 Jahren freigegeben. Das komplette Spiel ist teils in japanischer, teils in englischer Sprachausgabe und mäßig deutsch untertitelt. Wir haben bereits vier Rechtschreibfehler in der ersten halben Stunde entdeckt.

In den Optionen finden sich verschiedene Grafik-Modi: Der "Action-Modus" verringert Auflösung und Details, um die Bildrate bei 60 Bildern pro Sekunde zu halten. Zwei "Kino"-Modi verringern die Bildrate und steigern die Bildqualität. Wir haben die meiste Zeit im Action-Modus gespielt, da uns die konsistente Bildrate wichtiger war. Auf der PS4 Pro ist Nioh angepasst und läuft in Auflösungen bis UHD in geringer Bildrate oder skaliert dynamisch die Auflösung bei 60 Bildern pro Sekunde.

Fazit

Nioh ist ein süchtig machendes Actionrollenspiel mit einem extrem komplexen Kampfsystem für nervenstarke Spieler. Wer in der Vergangenheit viel Freude an Titeln wie Ninja Gaiden, Onimusha oder vor allem Dark Souls hatte, dürfte auch hier viel Vergnügen finden.

Ungeduldige Einsteiger dürfte das Spiel dagegen mit seiner sehr steilen Lernkurve und der komplizierten Steuerung überfordern. Das vielschichtige Kampfsystem ermöglicht derart viele Möglichkeiten, dass wir mit jedem neuen Spezialmanöver einen neuen Rhythmus finden mussten. Fehler werden direkt bestraft. Zwischenbosse und Endgegner können das Leben von William in ein bis zwei Streichen beenden. Umso befriedigender ist es aber, sobald ihre Angriffsmuster entschlüsselt sind. Dann vermöbelt man auch zuvor übermächtige Wesen mithilfe von Ki-Impulsen, mystischen und göttlichen Helfern sowie gezielten Shurikens.

Nicht so gut gefällt uns das Durchwühlen der Menüs und das stupide Managen von Gegenständen. Viel lieber wollen wir uns direkt wieder in die Kämpfe stürzen. Doch um in diesen gut gerüstet zu bestehen, führt kein Weg daran vorbei, zuvor die idealen Gegenstände einzeln anzulegen. Ein wenig enttäuscht sind wir auch von der Spielwelt. Die Levelarchitektur ist nicht kohärent, und manche Missionen sind deutlich langweiliger als andere. Dadurch zieht uns die Welt weniger in ihren Bann als zum Beispiel in Bloodborne.

Der einnehmende, hart erarbeitete Flow lässt Spieler aber dennoch immer wieder zu den schaurig-übernatürlichen Kämpfen von Nioh zurückkehren. Team Ninja liefert ein gelungenes Comeback zu alter Stärke.  (mw)


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