Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-u-boote-astronauten-und-haruki-murakami-1702-125929.html    Veröffentlicht: 01.02.2017 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/125929

Indiegames-Rundschau

U-Boote, Astronauten und Haruki Murakami

Das gelungene Astroneer spricht Fans von No Man's Sky an, dazu postapokalyptische Steampunk-Unterwasserabenteuer in Diluvion und das wunderbar minimalistische Linelight: Golem.de stellt die interessantesten neuen Indiegames vor.

Als vor über zehn Jahren erste Entwickler dank digitaler Distribution ganz ohne bevormundende Publisher damit begannen, ihre Spiele unabhängig an die Spielerschaft zu bringen, war nicht absehbar, wie weitreichend diese Revolution sein würde. Vom Underground-Status dieser frühen Tage sind Indies 2017 weit entfernt - viel ist passiert.

Mit Minecraft hat ein äußerst bescheiden beginnender Underdog nicht nur quasi mit links das Early-Access-Modell begründet und sich selbst zum Milliardär gemacht, sondern ein beispielloses Pop-Phänomen geschaffen. Vergessen geglaubte Spielgenres kehren dank wachsendem Publikumsinteresse und Crowdfunding immer häufiger auf die Bildschirme zurück; und dank meist kostenloser Entwicklungstools sehen auch die Spiele von Einzelentwicklern heute besser aus als je zuvor.

Die Schattenseiten sind ebenso bekannt: Entwickler, die früher unter einem Publisherdach abgesichert waren, werden immer häufiger ins prekäre Indie-Dasein verstoßen, auch große Namen suchen per Crowdfunding nach Zusatzfinanzierung und Early-Access-Ruinen verärgern eben noch begeisterte Spielerinnen und Spieler.

Ab sofort monatlich

Vor allem aber: Eine kaum fassbare Schwemme an tausenden Spielen erschwert Überblick und Auswahl. Zumindest letzterem Problem ist beizukommen: Ab sofort präsentiert Golem.de monatlich einen Überblick über bemerkenswerte neue Indie-Spiele in der Indiegames-Rundschau.

Zu Beginn eine Definition, über die von Fall zu Fall auch diskutiert werden darf: Craig Sterns Universaldefinition des schwammigen Begriffs "Indiegame" besagt, dass jedes Spiel, das (a) von Anfang bis Ende ohne den Einfluss eines Publishers oder Lizenzgebers fertiggestellt und (b) von einem einzelnen Entwickler oder einem kleinen Team erstellt wurde, als "Indie" zu bezeichnen ist.

In Zeiten, in denen Publisher auf ausgelagerte selbstständige Studios zurückgreifen, einzelne Indie-Studios Millionen einnehmen und spezialisierte Indie-Publisher Klein- und Kleinststudios in PR und Vertrieb unterstützen, ist jedoch auch diese Definition wackelig.

Das Gegenüber, die großen Schlachtschiffe der AAA-Gamesbranche, hingegen ist eindeutig identifizierbar - und taugt so auch zur ungefähren Bestimmung: Alles, was nicht AAA ist und ohne millionenschwere Budgets, riesige Teams und Marketingetats auskommt, hat sich im Rahmen dieser Reihe zumindest einen zweiten Blick verdient.

Astoneer und Diluvion

Astroneer

Schon eine halbe Million Spielerinnen und Spieler haben sich seit Mitte Dezember trotz - Entwickler-O-Ton - Pre-Alpha-Status nicht davon abhalten lassen, die knallbunten Planeten der Early-Access-Sandbox Astroneer zu betreten - und finden dort etwas, was sie sich möglicherweise und vergeblich von No Man' Sky erhofft hatten: eine Art Minecraft Light im Science-Fiction-Setting.

Die Basics sind auf den ersten Blick ähnlich: Als einsamer Astronaut erforscht man einen unbekannten, zufallsgenerierten Planeten, sammelt Rohstoffe und baut seine Raumkapsel nach und nach zur Basis aus. Später konstruierbare Fahrzeuge erweitern den Aktionsradius, noch später ermöglichen Raumschiffe sogar den Flug zu anderen Planeten im selben Sonnensystem.

Vieles fehlt noch, manches wackelt und auch mancher Bug ist noch zu beklagen, aber das Grundrezept macht schon jetzt Spaß - vor allem auch, weil man sich im Unterschied zu No Man's Sky schon jetzt sogar zu viert ins Abenteuer Weltraum stürzen darf. Wer kein fertiges Spiel erwartet und die derzeit noch fehlende Langzeitmotivation verschmerzen kann, findet in Astroneer eine farbenprächtig-knuddelige Science-Fiction-Sandbox mit Charme und gewaltigem Potenzial.

Xbox One und Windows-PC im Early Access, 20 Euro

Diluvion

Eine Steampunk-Unterwasser-Postapokalypse sieht man nicht jeden Tag, eine so hübsche schon gar nicht: Der soeben erschienene, lose von Jules Verne inspirierte Genre-Mix Diluvion macht seine Spielerinnen und Spieler zu U-Boot-Kapitänen in einer charmanten Tiefsee, deren Oberfläche seit Unzeiten von Eis verschlossen wird. Die Tauchfahrt im klapprigen U-Boot macht den Hauptteil des Spiels aus.

Hierin liegt seine große Stärke und Schwäche zugleich: Die atmosphärisch stimmige Unterwasserwelt, in der von Siedlung zu Siedlung geschippert, Handlung getrieben, so mancher Pirat sturmreif geschossen und auch einiges Meeresgetier besiegt wird, ist zwar hübsch und riesengroß, aber gerade zu Beginn auch recht verwirrend verwinkelt und schwer zu navigieren. Bis ein stärkeres Schiff und vor allem weitere Aufträge und der Ausbau einer eigenen Basis erarbeitet sind, ist etwas Geduld vonnöten.

Wer dranbleibt und sich vom gemächlichen Tempo und mancher frustrierenden Desorientierung der ersten Spielstunden nicht entmutigen lässt, wird durch eine originelle Mischung aus atmosphärischer Tiefseefahrt, so noch kaum gesehener Steampunk-Welt und viel zum Entdecken belohnt.

Windows-PC, MacOS, 20 Euro

Rise & Shine und Linelight

Rise & Shine

Eine Science-Fiction-Welt im Cartoon-Look, die Gamearth heißt und auf der Meta-Spielehumor ganz groß geschrieben wird, ist der Schauplatz des 2D-Run'n'Gun-Krachers Rise and Shine, den die spanischen Entwickler lieber als "Think'n'Gun" betiteln. Die Gratwanderung zwischen schnellem, durchaus forderndem klassisch sidescrollendem Shooter à la Metal Slug und immer mal wieder eingestreuten Puzzle-Sequenzen, die hauptsächlich durch Experimentieren mit der wandlungsfähigen Superpistole bewältigt werden, ist vor allem optisch und akustisch ausnehmend gut gelungen.

Sowohl die Welt als auch die Charaktere sind ebenso charmant wie der Soundtrack. Wiederholung gibt's im Spielverlauf kaum zu beklagen, dafür ist das sympathische Spiel, dessen abgedrehte Story in um einen Tick zu langatmigen Comic-Zwischensequenzen erzählt wird, aber auch zu kurz.

Nach knapp dreieinhalb Stunden ist schon Schluss, allerdings hat man bis dahin auch schon recht originelle Oberbosse besiegt, so manche Bullet-Hell überlebt und sich auch an die anfangs gewöhnungsbedürftige Steuerung durch - wahlweise - Joypad oder Keyboard und Maus gewöhnt - PC-Spielern ist letztere sogar anzuraten. Kurz, bunt, knackig und vor allem in den späteren Levels eine würdige Herausforderung.

Windows-PC, Xbox One, 15 Euro

Linelight

Minimalismus ist etwas Schönes, vor allem, wenn er mit so großem Stilbewusstsein verbunden ist wie in Linelight. Im originellen Action-Puzzler steuern Spielerinnen und Spieler einen gleißenden Lichtpunkt eine sich gabelnde Line entlang und haben bereits nach kurzem Einiges zum Grübeln. Obwohl es ausschließlich nach vorn oder eben zurück geht, bereiten Gegner, Schalter, Abkürzungen und gut zu timende Fluchtmanöver durchaus Kopfzerbrechen - Linelight ist so gesehen ein wunderbares Beispiel dafür, wie eine eigentlich simple Idee sich durch cleveres Hinzufügen von logischen Elementen erweitern lässt.

Besonders bemerkenswert ist dabei allerdings das "Wie", denn neben dem eingängigen Style erfreut vor allem die zum Einsatz kommende Musik, die durch ihr Pulsieren dem Ganzen einen ganz eigenen Schwung und Rhythmus verleiht. Ein vermeintlich simples Spiel, dessen Minimalismus perfekt eingesetzt zum einzigartigen Puzzler erblüht, der vor allem zu Beginn auch bedenkenlos an nicht besonders spielaffine Zeitgenossen weitergereicht werden kann.

Playstation 4, Windows-PC, MacOS, 10 Euro

Memoranda und der ganz normale Horror

Memoranda

Es ist immer noch äußerst selten, dass sich Spielemacher ins weite Feld der Literatur wagen - das Point-&-Click-Adventure Memoranda tut's: Elemente aus über 30 Kurzgeschichten des berühmten japanischen Autors Haruki Murakami sind Vorlage für die traumhaft-surreale Geschichte um ein Mädchen, das seinen Namen verloren hat und das Spielerinnen und Spieler bei seiner traumwandlerischen Suche begleiten.

Wer die Werke des langjährigen japanischen Nobelpreis-Kandidaten kennt, sieht sich hier sofort an die Stimmung seiner Bücher erinnert: Es ist eine ganz spezielle Mischung aus Lakonik, Absurdität und sachte in die Normalität einbrechender Phantastik, die auch Memoranda prägt.

Als Spiel bewegt sich der Erstling eines iranischen Entwicklerteams auf recht soliden Pfaden: Vor etwa 40 wunderschön gestalteten, handgemalten Hintergründen sind Gespräche zu führen, Hotspots anzuklicken, Gegenstände aus dem Inventar zu kombinieren und Rätsel zu lösen. Und die haben es zum Teil in sich: Schon früh im Spiel ist oft Einiges an Um-die-Ecke-Denken gefragt - die Traumlogik Murakamis setzt sich leider oft ein bisschen zu prominent ins Rätseldesign um und verursacht auch Frust durch Puzzles, die sich rationalem Grübeln nur widerwillig erschließen.

Im Gegensatz zum ebenfalls einer Form des magischen Realismus zugewandten großartigen Kentucky Route Zero ist Memoranda abgesehen davon ein klassisches Adventure, das nicht nur Murakami-Fans unterhält - die Bereitschaft, sich auf eine ganz spezielle Form von Unlogik einzulassen, vorausgesetzt.

Windows-PC, MacOS, Linux, 15 Euro

Und sonst?

Zweimal feiner Indie-Horror für Konsolen: Mit Nevermind (Windows-PC, MacOS, Linux, HTC Vive, Oculus Rift, OSVR und Xbox One, 20 Euro) hat eines der spannendsten und ungewöhnlichsten Horror-Experimente der letzten Jahre den Weg zur Xbox One gefunden, leider ohne die Option auf Biofeedback, wie sie die PC-Version bot.

Noch gruseliger ist Sylvio (Windows-PC, MacOS, PS4, Xbox One, 13 Euro), das ebenfalls auf Konsolen gewandert ist - mit seinem starken Fokus auf wirklich unheimlichem Audiodesign ein absoluter Geheimtipp für Freunde atmosphärischen Horrors.

Wer den glorreichen Zeiten von Master of Orion 2 nachtrauert, sollte einen Blick auf Stars in Shadow (Windows-PC, 23 Euro) werfen, das das unverwüstliche Spielprinzip mit ein paar neuen Kniffen wieder in altem Glanz erstrahlen lässt. Nostalgie anderer Art bedient Merc (Windows-PC, Early Access für 20 Euro), das sich daran versucht, das globale Management der Xcom-Tradition mit Echtzeittaktik im Stil und Setting von Syndicate zu verbinden - mit der Option auf Koop-Multiplayer-Einsätze. Puzzlefreunden wiederum sei das sehr schräge She remembered Caterpillars (Windows-PC, MacOS, 12 Euro) empfohlen, in dem kleine Raupen große Logikpuzzles lösen.

Ein kleines Juwel zum Schluss: In A Normal Lost Phone (iOS, Android, Windows, Mac, Linux, 3 Euro) steht das Wühlen in einem fremden, soeben gefundenen Smartphone als Spielmechanik im Mittelpunkt. Das ist ein narrativer Trick, der ein wunderbar originelles Erzählen erlaubt.  (rs)


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