Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/fire-os-5-2-4-0-im-test-amazon-vernetflixt-die-fire-tv-oberflaeche-1701-125743.html    Veröffentlicht: 24.01.2017 09:03    Kurz-URL: https://glm.io/125743

Fire OS 5.2.4.0 im Test

Amazon vernetflixt die Fire-TV-Oberfläche

Erstmals seit der Markteinführung des Fire TV hat Amazon dem Streaming-Gerät eine neue Oberfläche verpasst - die von der Netflix-App kaum noch zu unterscheiden ist. Wir haben sie uns angesehen und wünschen uns die alte Version zurück.

Amazon verteilt mittlerweile auch in Deutschland die Fire-OS-Version 5.2.4.0 an Besitzer eines Fire TV der zweiten Generation. Wir haben sie uns angesehen und sind wenig begeistert. Die neue Oberfläche wirkt moderner, aber weniger eigenständig. Die wenigen Verbesserungen wiegen die Verschlechterungen nicht auf.

Die neu gestaltete Fire-TV-Oberfläche sieht moderner aus als die bisherige Ansicht und reagiert so zügig wie die bisherige Version auf Eingaben. Die Gestaltung erinnert allerdings sehr stark an die Netflix-App, die nicht gerade für ihre Übersichtlichkeit bekannt ist.

Das Hauptmenü der Fire-TV-Startseite hat jetzt weniger Einträge, so dass auf einen Blick schneller zu sehen ist, welche Menüpunkte vorhanden sind. Die Einträge für Apps und Spiele wurden zu einem Apps-Eintrag vereint und die Einträge für Fotos und Musik sind verschwunden. Um weiterhin auf die Foto- und Musiksammlung des Amazon-Kontos zugreifen zu können, wurden diese Bereiche als eigenständige Apps ausgelagert. Dieser Schritt ist sehr löblich, denn dadurch ist der Hauptbildschirm klarer für die Videoinhalte reserviert.

Hauptmenü wandert

In der alten Version befindet sich das Hauptmenü auf der linken Seite und raubt dem Inhaltsbereich wertvollen Platz. Indem das Hauptmenü nach oben verlagert wird, erhalten die Inhalte mehr Raum. Wenn in den Inhalten nach unten geblättert wird, erscheint links oben der gewählte Bereich, so dass der Nutzer erkennt, wo er sich befindet. Wenn allerdings eine Ebene tiefer gegangen wird, gibt es diesen Hinweis nicht mehr.

Auf der Startseite gibt es weiterhin den Aktuell-Bereich, den wir sehr praktisch finden. Hier werden die zuletzt aufgerufenen Apps, Spiele, Filme und Serien gesammelt. In vielen Fällen kann demnach der zuletzt aufgerufene Inhalt bequem aufgerufen werden. Weiterhin werden hier nur Filme und Serien angezeigt, wenn sie über Amazons Videodienst angeschaut werden. Die Watchlist ist weiterhin nicht auf dem Hauptbildschirm zu finden. Das finden wir unpraktisch.

Oberhalb des Aktuell-Bereichs weist Amazon auf bestimmte Inhalte hin. Diese laufen neuerdings standardmäßig samt Ton im Hintergrund. Wir fanden das eher störend und haben es gleich deaktiviert und waren zufrieden, dass es abschaltbar ist. Bei der Darstellung der Film- und Seriencover gibt es leider eine fundamentale Verschlechterung.

Ein Icon-Format für alles

Die alte Fire-TV-Oberfläche hat einen entscheidenden Pluspunkt: Nutzer erkennen sofort, ob es sich bei einem Titel um einen Film oder eine Serie handelt, denn alle Serien haben Coverbilder im Querformat und alle Filme Cover im Hochformat. Das macht die Oberfläche übersichtlich.

Mit der neuen Oberfläche verabschiedet sich Amazon ärgerlicherweise davon. Die Cover aller Serien und Filme werden jetzt im Querformat dargestellt. Obwohl es die neue Oberfläche schon ein paar Wochen gibt, hat es Amazon bisher nicht geschafft, für alle Filme auch die passenden Cover in die Videodatenbank zu integrieren; bei vielen Filmen erscheint weiterhin ein Bild im Hochformat. Damit dieses das Querformat ausfüllt, wird links und rechts daneben ein unscharfer Hintergrund gesetzt. Das führt zu einem Durcheinander und sieht nicht schön aus.

Amazons Kampf mit Prime-Banderolen

Bezüglich der Prime-Banderolen ändert sich mit der neuen Oberfläche nichts, sie fehlen weiterhin. Anfang September 2016 hat Amazon alle Prime-Banderolen von der Fire-TV-Oberfläche entfernt. Auf der Amazon-Webseite und in den Amazon-Video-Apps sind die Prime-Markierungen weiterhin in der linken oberen Ecke der Cover-Bilder zu sehen. Dadurch erkennt der Nutzer sofort, welche Inhalte Bestandteil des Prime-Abos sind und welche nur gegen eine erneute Bezahlung angeschaut werden können. Amazon.de erklärte Golem.de, dass noch nicht entschieden sei, ob die Prime-Banderolen dauerhaft aus der Fire-TV-Oberfläche ferngehalten werden, der Test laufe noch.

Mit dem Wegfall der Prime-Banderole hat die Übersichtlichkeit der alten Fire-TV-Oberfläche bereits erheblich gelitten, das wurde noch schlimmer, als Amazon auch anfing, Netflix-Inhalte in die Fire-TV-Oberfläche zu integrieren - ohne gesonderte Kennzeichnung. Mit der neuen Version wird das nicht besser.

In der alten Oberfläche können Anwender mit etwas Kombinationsgabe zumindest innerhalb der Rubriken trotzdem ohne weiteren Klick erkennen, welche Inhalte in Prime enthalten sind. Diese Möglichkeit ist in der neuen Oberfläche ganz verschwunden. Dafür wurden in den Rubriken Prime- und Nicht-Prime-Inhalte getrennt. Letztere sind allerdings nicht gekennzeichnet und nur durch das Fehlen des Prime-Hinweises zu erkennen. Auf der Hauptoberfläche bringt das mehr Übersicht. Allerdings macht sich das Fehlen der Prime-Banderolen dann in der Übersicht ähnlicher Filme wieder negativ bemerkbar. Das ist auch ein Problem, wenn die Filme und Serien von bestimmten Schauspielern oder Regisseuren gelistet werden.

Watchlist weiterhin ohne Prime-Filter

Nur im Aktuell-Bereich und in der Watchlist ist es weiterhin ein Problem, Prime- und Nicht-Prime-Inhalte zu unterscheiden, da sie dort bunt gemischt werden. In der Amazon-Video-App für Smartphones und Tablets und auch auf der Amazon-Webseite selbst sind verschiedene Filter ganz selbstverständlich. Dort ist die Watchlist generell in Filme und Serien unterteilt und für beide kann aktiviert werden, dass nur Prime-Inhalte angezeigt werden. Diese Sortieroptionen fehlen den Fire-TV-Geräten auch mit der neuen Oberfläche. Dabei stört die fehlende optische Unterscheidung zwischen Filmen und Serien - die Orientierung in einer entsprechend langen Watchlist wird also zusätzlich erschwert.

Glücklicherweise wird wenigstens die Netflix-Watchlist nicht mehr direkt in die Fire-TV-Watchlist integriert.

Behutsamere Netflix-Integration

Die im September 2016 eingeführte Netflix-Integration wurde in der neuen Oberfläche wieder etwas zurückgefahren. In der alten Oberfläche wird die Netflix-Watchlist komplett in die Amazon-Watchlist integriert - das gibt es in der neuen Oberfläche nicht mehr.

Neben der speziellen Netflix-Rubrik werden die Netflix-Inhalte aber weiterhin in das Amazon-Angebot eingebunden. Weiterhin gibt es keine spezielle Markierung, so dass eine Netflix-Verfügbarkeit erst in den Details des Films oder der Serie ersichtlich ist. Auch in der neuen Oberfläche konnten wir uns nicht darauf verlassen, dass die Netflix-Einbindung immer korrekt war. Es kam immer wieder vor, dass wir in den Details eines Films oder einer Serie in der Fire-TV-Oberfläche keinen Netflix-Hinweis fanden, obwohl der betreffende Inhalt kostenlos bei Netflix verfügbar war. Wer sich an dieser Stelle auf Amazons Angaben verlässt und dann den Inhalt bei Amazon kauft, hätte sich die Ausgabe eigentlich sparen können. Alle Netflix-Inhalte sollten mit einer Markierung im Cover auf den ersten Blick erkennbar sein. Die jetzige Umsetzung bringt nur einen geringen Nutzen. Die gesamte Netflix-Integration kann nicht abgeschaltet oder konfiguriert werden.

Aus der Fire-TV-Oberfläche können dann die Netflix-Inhalte sofort gestartet werden. Mit einem Klick auf die Fernbedienung beginnt kurz danach die Wiedergabe. Der Nutzer muss den Film oder die Serie also nicht noch einmal in der Netflix-App suchen. Generell erscheinen aber keine Netflix-Inhalte im Aktuell-Bereich des Fire-TV-Startbildschirms. Für Nutzer eines Fire TV ist es üblich, dass vom Hauptbildschirm gestartete Inhalte im Aktuell-Bereich erscheinen - irritierenderweise passiert das bei den Netflix-Inhalten nicht - es fehlt hier an Einheitlichkeit.

Verbesserter Umgang mit Apps

Auf der Startseite der Fire-TV-Oberfläche gibt es einen neuen Bereich direkt unterhalb der aktuell verwendeten Inhalte: Apps und Spiele. In diesem sind alle installierten Apps und Spiele enthalten. Diese können manuell vom Nutzer sortiert werden und sind vergleichsweise schnell erreichbar. Auf der alten Oberfläche gelangte man auch mit einem zweifachen Druck auf die Home-Taste der Fernbedienung an die installierten Apps, dieser Befehl wurde gestrichen.

Weiterhin gibt es die Möglichkeit, mit einem längeren Druck auf die Home-Taste ein Bildschirmmenü aufzurufen. Darüber können ebenfalls die installierten Apps geöffnet werden. Diese erscheinen dann in einer bildschirmfüllenden Darstellung und können auch hier umsortiert werden. Bisher wurde die Reihenfolge der Apps immer vom Betriebssystem festgelegt, was unpraktisch ist. Mit der manuellen Sortierung kann der Anwender mehr Einfluss darauf nehmen.

Außerdem können über das Bildschirmmenü die Einstellungen aufgerufen, der Modus zur Display-Duplizierung oder der Ruhemodus aktiviert werden - das geht aus jeder App heraus. Die gesamten Einstellungen für das Fire TV wurden umfangreich überarbeitet.

Die neue Barrierefreiheit ist kaum zu gebrauchen

Amazon hat die Einstellungen anders sortiert und so manche neue Rubrik eingefügt. Das erhöht etwas die Übersichtlichkeit, weil sich die betreffenden Optionen leichter finden lassen. Die Funktionen aus dem alten System-Menü sind jetzt in die Bereiche Einstellungen und Gerät aufgeteilt, so dass sich gerätespezifische Optionen leichter finden lassen. Außerdem kamen die Bereiche Netzwerk und Barrierefreiheit neu dazu.

Die Fire-TV-Oberfläche unterstützt Benachrichtigungen und in den Einstellungen lassen sich diese umfangreich anpassen. Für jede App lassen sich Benachrichtigungen bei Bedarf abschalten. Die Benachrichtigungen werden kurz eingeblendet und im Hauptmenü erscheint ein entsprechendes Glockensymbol. Die Einstellungen haben einen gesonderten Bereich erhalten, in dem alle Hinweise gesammelt werden.

Externe Tastaturen machen weiter Probleme

Die meisten Einstellungen wurden aus der alten Oberfläche übernommen. Zu den Neuerungen gehört, dass HDMI-CEC bei Bedarf abgeschaltet werden kann. Ärgerlicherweise hat das Betriebssystem noch immer Probleme mit externen Tastaturen. Eine an das Fire TV angeschlossene Tastatur verwendet immer ein englischsprachiges Layout, obwohl das Gerät auf Deutsch gestellt ist. Ein deutschsprachiges Tastenlayout kann nicht aktiviert werden.

Bezüglich der Sprachsuche ist uns keine Veränderung aufgefallen. Weiterhin ist Alexa nicht für die deutschen Fire-TV-Geräte freigeschaltet. Laut einem Hilfevideo von Amazon soll die Wiedergabe von Filmen oder Serien mit der Sprache gestartet werden können. Dazu soll es genügen, "Spiele 'Filmtitel'" in das Mikrofon der Fernbedienung zu sprechen. Uns gelang es allerdings nicht, so eine Wiedergabe zu beginnen. Weiterhin werden Inhalte zwar gefunden, der Start der Wiedergabe erfordert dann aber die Fernbedienung.

Voice View ist eine Zumutung

In der Rubrik Barrierefreiheit ist eine Option namens Voice View dazugekommen, die Bildschirminhalte vorliest. Diese ist in der deutschen Version allerdings so schlecht, dass der Hersteller diese Möglichkeit besser erstmal weggelassen hätte. Der Zustand entspricht maximal einer Alphaversion. Wenn deutsche Texte vorgelesen werden, ist das einigermaßen verständlich, aber sehr abgehackt und alles klingt sehr blechern nach Computerstimme. Englische Begriffe werden meist so falsch vorgelesen, so dass der Zuhörer sie kaum verstehen kann. Selbst groß geschriebene Buchstaben bringen die Funktion durcheinander.

So liest Voice View das in der Oberfläche zu findende Wort "AN" als A und N, weil es zwei Großbuchstaben sind und das System nicht erkennt, dass es ein Wort ist. Wenn das oft verwendete Wort Prime auftaucht, wird es als Prie-me gelesen und das Wort Display liest Voice View als Dischplay vor. Voice View selbst wird als Woitschewiew vorgelesen. Der Dienst kann also nicht einmal die von Amazon erdachten Begrifflichkeiten einwandfrei vorlesen.

Verfügbarkeit und Fazit

Vorerst gibt es das Update auf Fire OS 5.2.4.0 nur für die Fire-TV-Boxen der zweiten Generation. Es wird über das Internet eingespielt. Zu einem späteren Zeitpunkt soll es für das Fire TV der ersten Generation und für den Fire TV Stick folgen. Wie üblich nennt Amazon dafür keine Termine.

Fazit

Fire-TV-Besitzer müssen seit einiger Zeit einiges aushalten: Mit dem Wegfall der Prime-Banderolen war die gute Übersicht der alten Oberfläche dahin. Mit der neuen Oberfläche wird das wieder minimal besser. Die Rubriken enthalten nur noch Prime- oder Nicht-Prime-Inhalte, die Kennzeichnung ist aber nicht immer eindeutig genug. Die Verwendung der Watchlist bleibt durch die fehlenden Prime-Banderolen eine Zumutung - ebenfalls in den Verweisen zu anderen Filmen.

Die neue Oberfläche wirkt moderner, aber auch weniger speziell. War die alte Fire-TV-Oberfläche ein typisches Erkennungsmerkmal der Fire-TV-Geräte, ist die neue von einer Netflix-App kaum mehr zu unterscheiden. Sehr ärgerlich ist, dass Amazon die gelungene optische Unterscheidung zwischen Filmen und Serien aufgegeben hat.

Auch in der neuen Oberfläche werden Netflix-Inhalte nicht immer korrekt erkannt und die nicht vorhandene Kennzeichnung bleibt ein Ärgernis. Hier ist der Anwender besser dran, wenn er immer direkt die Netflix-App nutzt. Dabei könnte bei gelungener Umsetzung die Netflix-Integration durchaus ein Vorteil sein. Die neu hinzugekommene Barrierefreiheit ist kaum zu gebrauchen und liest vor allem englischsprachige Begriffe vollkommen falsch vor.

Wir hätten uns von der ersten Umgestaltung der Fire-TV-Oberfläche überhaupt mehr Selbstständigkeit von Amazon gewünscht. Aber der Hersteller hat die Chance verpasst, hier neue Akzente bei der Gestaltung zu setzen, kopiert lieber die Konkurrenz und lässt dabei gelungene Eigenheiten weg.  (ip)


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