Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nintendo-switch-im-hands-on-die-rueckkehr-der-fuchtel-ritter-1701-125593.html    Veröffentlicht: 16.01.2017 12:08    Kurz-URL: https://glm.io/125593

Nintendo Switch im Hands on

Die Rückkehr der Fuchtel-Ritter

Handheld und Heimkonsole mit Bewegungssteuerung zugleich: Nintendos Hybridkonsole Switch soll bekannte Konzepte nicht nur verbinden, sondern auch verbessern. Beim Anspielen überzeugt sie uns aber nur in Teildisziplinen.

Hohe Auflösung! Zwei Analogsticks! Konsolenqualität! Zum Mitnehmen! Auf einem Anspiel-Event haben wir unseren Erstkontakt mit Nintendos neuer Hybridkonsole Switch. Sie ist klassische Heimkonsole wie Xbox oder Playstation mit Bewegungssteuerung wie bei der Wii und Handheld zugleich. Dafür hat Nintendo zwei neue Bewegungscontroller entwickelt: die Joy-Cons. Sie sind das auffälligste Merkmal der Konsole.

Die ersten Stunden mit der Switch wecken nostalgische Gefühle. Im Konsolenmodus sitzen Spieler klassisch vor dem TV und spielen zum Beispiel mit dem Pro-Controller. Der Pro-Controller ist ebenfalls neu, fühlt sich aber vertraut an. Beim Ausprobieren des Bewegungsbox-Spiels Arms oder der vielen Minigames von 1-2 Switch erinnern wir uns an das spaßige Herumfuchteln mit der Wii. Vor dem Fernseher mit dem neuen Pro-Controller in der Hand unterscheidet sich die Switch gar nicht von anderen klassischen Konsolen.

Ein völlig autarkes Handheld

Das Besondere an der Switch zeigt sich, wenn der Spieler die beiden Bewegungscontroller Joy-Con links und rechts vom Display einrastet und die Konsole darauf aus dem Dock hebt und mit auf die Reise nimmt - alles komplett ohne Kabelsalat. Dann wird sie zum extrem breiten Handheld. Während das Gamepad der Wii U nur in einem beschränkten Radius in Funknähe zur Basisstation genutzt werden konnte, ist die Switch autark.

Möglich wird die Hybridfähigkeit durch die Verpflanzung der zentralen Komponenten (CPU, GPU etc.) in die Displayeinheit - man kann getrost primär von einem Tablet sprechen, das Nintendo auf den Markt bringt. Und im Handheldmodus zeigt sich, was die Konsole kann: Das Spielen ist ähnlich wie auf der Playstation Vita oder dem 3DS - nur deutlich schöner und komplexer.

Joy-Cons: Wii-Fernbedienung Plus Ex Ultra

Die Joy-Cons sind winzig und optional bunt. Für die meisten Spieler werden sie den Erstkontakt mit der Switch bedeuten, da sie die meisten Spiele zwangsläufig voraussetzen. Sie machen einen hochwertigen Eindruck. Es gibt einen linken und eine rechten Joy-Con. Die beiden Controller unterscheiden sich zum einen im Layout der Knöpfe und darin, wo der Analogstick sitzt. Zum anderen hat nur der rechte Joy-Con eine Infrarot-Bewegungskamera, mit der zum Beispiel Schnick-Schnack-Schnuck gespielt werden kann, und einen NFC-Chip zum Scannen von Amiibos, interaktive Figuren und Karten, die mit Spielen interagieren.

Die Joy-Cons liegen trotz ihrer geringen Größe ausreichend gut in den Händen. Sie haben allerdings kein wulstiges Batteriefach an der Rückseite und fühlen sich dadurch nicht so griffig wie eine Wii-Fernbedienung an. Dabei stecken sie voller Sensoren und Technik, die selbst eine Wii-Remote Plus in den Schatten stellt.

Guter Rumble-Effekt

Besonders positiv überrascht uns der Rumble-Effekt der Joy-Cons, der haptisches Feedback über Motoren in die Hände überträgt. Er schafft es, ein paar Nuancen mehr zu vermitteln als zum Beispiel die klassischen Motoren eines Xbox-360-Gamepads. Mit dem effektvollen Vibrieren eines iPhone 7 kann er aber nicht mithalten. Beim Anspielen sollen wir zum Beispiel im Minispiel 1-2 Switch erraten, wie viele Kügelchen der Rumble-Motor in dem Controller simuliert, und liegen in vier von fünf Versuchen falsch. Gut angefühlt hat es sich aber trotzdem.

Insgesamt hat ein einzelner Joy-Con zehn Knöpfe und einen Analogstick. Das sind fast unvorstellbar viele, wenn man sich vor Augen führt, dass ein Joy-Con in etwa so groß ist wie der Game Boy Micro - und der hatte gerade mal ein Digitalkreuz und vier Knöpfe. Allerdings nutzen die gezeigten Spiele nie alle, sondern immer nur eine Auswahl der Knöpfe. Ob zum Beispiel die L- und ZL-Tasten oder SL- und SR-Tasten aktiv sind, hängt ganz davon ab, ob der Joy-Con vertikal oder horizontal genutzt wird.

Horizontale Joy-Cons können mit einer Plastikhaube am oberen Ende erweitert werden. Das ermöglicht einen leichteren Zugriff auf die SL- und SR-Tasten und macht den Minicontroller ergonomischer für Spiele wie Snipperclips oder Street Fighter 2 Ultra. In Capcoms Prügelspiel hat uns allerdings ein echtes Digitalkreuz für das Ausführen der Spezialmanöver gefehlt. Je nachdem, ob wir mit einem linken oder rechten Joy-Con antreten, unterscheidet sich zudem die Position des Analogsticks. Beim linken Joy-Con ist er ganz am Rand, beim rechten Joy-Con fast in der Mitte.

Joy-Cons überzeugen nicht in jeder Situation

Es hängt schließlich also vom Anwendungsfeld ab, ob die Joy-Cons überzeugen. Als alleiniges Gamepad sind sie gerade noch ausreichend, fühlen sich aber zu klein an, und ein paar Knöpfe sind auch zu wabbelig. Angedockt am Tablet sind sie mit ihren echten Analogsticks dagegen eine willkommene Verbesserung gegenüber den kurzen und eingeschränkten Slidepads von PS Vita und 3DS.

Die Joy-Cons schnappen mit einem befriedigenden Klack an den Seiten des Switch-Displays ein. In diesem Handheld-Modus wirkt die Switch gigantisch. Sie wirkt durch die geringe Höhe auf den ersten Blick sogar breiter als das Wii-U-Gamepad, ist faktisch mit 23 cm aber knapp 3 cm weniger breit.

Das breiteste Handheld der Welt mit tollem Display

An die Größe der mobilen Switch-Einheit haben wir uns schnell gewöhnt. Sie ist überraschend leicht und wirkt abseits von einem auffälligen Detail sehr gut verarbeitet: Einzig die wackeligen L- und R-Tasten überzeugen uns nicht. Der Druckpunkt ist nicht spürbar, liegt aber wohl irgendwo in der Mitte der länglich um den Rand der Joy-Cons gebogenen Knöpfe.

Während bei der Playstation Vita oder dem 3DS die Finger nah am Display liegen, ist bei der Switch der Blick auf das sehr scharfe 720p-IPS-Display vollkommen frei. Der 6,2 Zoll große Bildschirm bietet eine ausreichende Helligkeit für lichtdurchflutete Räume und das Verhältnis von Größe und Pixeldichte ist Nintendo erstaunlich gut gelungen - viel besser als beim Wii-U-Gamepad.

Der kapazitive Touchscreen der Switch wird bisher von keinem Spiel unterstützt. Daher können wir dazu noch keine Aussage machen. Auch zum Betriebssystem gibt es noch keine Informationen.

Traditioneller Konsolenmodus

Wer vom Handheld-Modus genug hat und auf dem TV weiterspielen möchte, steckt das Display einfach von oben in das Dock und die Switch schaltet in den Konsolenmodus um. Der Controller, auf dem als Nächstes die L- und R-Taste gleichzeitig gedrückt werden, ist fortan das primäre Eingabegerät. Das funktioniert beim Anspiel-Event jederzeit fehlerfrei.

Im Konsolenbetrieb steckt das Tablet in einer Basisstation, die das Videosignal an einen TV oder AV-Receiver in einer Auflösung von bis zu 1080p und inklusive 5.1-Sound sendet. Die Eingaben erfolgen dann entweder über ein Joy-Con im Horizontalbetrieb, zwei Joy-Cons (links und rechts) im vertikalen Modus separat in den Händen oder zusammengesteckt mit einer Gamepad-Schale. Ein Pro-Controller, der im Design an das Layout des Xbox-360-Gamepad erinnert, ist ebenfalls nutzbar. Er hat den zweiten Analogstick auf der rechten Seite nach unten versetzt. Die Knöpfe liegen auf einer Höhe mit dem linken Analogstick.

Erstklassiger Pro-Controller

Der Pro-Controller hat überraschenderweise ebenfalls einen NFC-Lese-Chip. Wir haben Zelda: Breath of the Wild und Splatoon 2 am liebsten mit dem neuen Pro-Controller gespielt. Dieser liegt hervorragend in der Hand - alles fühlt sich vertraut an. Vor allem das Digitalkreuz ist Nintendo sehr gut gelungen. Damit hat Street Fighter direkt wieder Spaß gemacht. Wir haben aber noch viele weitere Spiele ausprobiert, zum Beispiel über eine halbe Stunde mit der Demo zum neuen Zelda.

Ein Blockbuster und das lange Warten

Inhaltlich gleicht die Zelda-Demo, die wir auf der Veranstaltung spielen, der E3-Demo aus dem vergangenen Jahr, Näheres darüber ist hier nachzulesen. Hier ist uns die Frage wichtiger, wie das kommende Zelda aussieht und ob es ruckelt.

Abseits von ganz seltenen Slowdowns in Gebieten mit sehr vielen Gegnern läuft die Zelda-Demo auf der Switch mit 30 Bildern pro Sekunde stabil und damit ähnlich wie auf der Wii U. Optisch fallen keine großen Unterschiede auf. Die Switch-Version ist aber definitiv im Konsolenmodus höher aufgelöst, im Handheldmodus läuft sie stabil bei einer Auflösung von 720p.

Allgemein sehen die gezeigten Spiele nicht besser aus als Wii-U-Spiele. Mario Kart 8 Deluxe und Splatoon 2 wirken genau wie Zelda nahezu identisch mit der Wii-U-Version, einzig die Auflösung scheint meist bei nativen 1080p zu liegen. Damit ist die Switch als reiner Ersatz für die Wii U zumindest technisch keine bedeutsame Verbesserung. Aus der Sicht eines Handheldspielers, der vom 3DS mit seinen zwei 240p-Bildschirmen kommt, stellt die Switch dagegen den größten visuellen Sprung seit Nintendos Wechsel vom Gameboy Color zum Gameboy Advance dar.

Melken und gemolken werden

Von der Minispielsammlung 1-2 Switch haben wir vier Disziplinen ausprobiert. Es ist witzig, die Melkbewegungen mit einem Joy-Con nachzuahmen und zu sehen, ob man mehr Milch bekommt oder schneller einen Safe knacken kann als der Gegner. Aber nach zwei Partien jeder Disziplin hatten wir in der Regel genug.

Am interessantesten dürfte die Tischtennisdisziplin werden, bei der Spieler nur hören, aber nicht sehen können, ob der Gegner gerade einen normalen Schlag, einen Schmetterschlag oder Lob gespielt hat, und mit dem entsprechenden Timing reagieren können. Wir sind gespannt, wie viele Minispiele die 40 Euro teure Sammlung am Ende enthalten wird.

Das zweite Bewegungsspiel, Arms, gefällt uns dagegen aufgrund seiner komplexen Steuerung deutlich besser. Hier werden die Joy-Cons vertikal, aber mit der Außenseite nach vorne gerichtet gehalten. Das Ganze erinnert dann schon fast an die Nutzung von Oculus-Touch-Controllern. Die Umsetzung von angeschnittenen Spezialschlägen, Blocken und der Bewegung ist Nintendo hier gut gelungen. Das könnte durchaus länger unterhalten.

Verfügbarkeit und Fazit

Nintendo veröffentlicht die Switch am 3. März 2017 weltweit. Hierzulande kostet die Konsole 329 Euro. Die Spiele sind ohne regionale Sperren weltweit spielbar. Für Onlinegaming will Nintendo ab der zweiten Jahreshälfte genau wie Sony und Microsoft Geld verlangen. Der interne Speicher der Konsole beträgt 32 GByte. Er wird zum Beispiel alleine durch die Installation von Zelda über den eShop (Größe 16 GByte) mit über der Hälfte belegt. Durch einen Micro-SDXD-Slot kann der interne Speicher auf bis zu 2 TByte vergrößert werden.

Nintendo will Spiele auf Speichermedien von bis zu 16 GByte ausliefern. Diese Module haben in etwa die physikalische Größe der bekannten 3DS-Spiel-Module.

Dieses Online-Abo beinhaltet auch einen Virtual-Console-Retro-Titel pro Monat, der in manchen Fällen um einen zusätzlichen Onlinemodus erweitert werden soll. Nach dem Ablauf des Monats verfällt der Zugriff auf das Spiel und ein neues wird freigeschaltet. Wie viel Nintendo für den Service verlangen will, ist noch nicht bekannt.

Social-Media-Anbindung, Voice-Chat und Freundeslisten will der Konzern von der Konsole auf Smartphones und eine eigene App auslagern. Auch hier liegen noch keine weiteren Details vor. Nintendo gibt die Akkulaufzeit im Handheldmodus abhängig vom Spiel mit 2,5 bis 6 Stunden an.

Fazit

Ein großer Schritt für Handhelds, ein kleiner Schritt für Heimkonsolen: Die Nintendo Switch hat uns beim Anspiel-Event nur in Teildisziplinen überzeugt.

Die beiden neuen Bewegungscontroller namens Joy-Cons sind abseits der wackeligen L- und R-Tasten hervorragend verarbeitet, auch die eigentliche Konsole oder besser gesagt das Tablet überzeugt mit einem großen scharfen Display. Die gesamte Einheit wirkt zwar auf den ersten Blick gigantisch. Durch das geringe Gewicht gewöhnt man sich daran aber sehr schnell.

Mario Kart, Zelda und Splatoon im Handheldmodus zu spielen, ist sehr beeindruckend und löst einen "Das will ich haben"-Reflex aus. Ganz anders der Konsolenmodus. Der erzeugt eher den "Das habe ich doch schon"-Reflex.

Optisch unterscheiden sich die gezeigten Titel kaum von Spielen auf der Wii U. Nintendos neuerlicher Versuch, mit Bewegungssteuerung und Partyspielen zu punkten, lässt uns ebenfalls eher kalt. Damit ist die Switch zum Start primär für Spieler interessant, die keine Wii U besitzen oder trotz der kurzen Akkulaufzeit so früh wie möglich die neue Generation von mobilen Spielen ausprobieren möchten.

Letztgenannte werden auch die Joy-Cons am ehesten zu schätzen wissen. Wir haben, sofern möglich, die meisten Spiele lieber mit dem optionalen Pro-Controller gespielt, der sich deutlich vertrauter und angenehmer anfühlt. Er bringt den Einstiegspreis für die Switch auf über 400 Euro ohne Spiel. Günstig wird Nintendos Wechsel auf eine einheitliche Plattform damit auf keinen Fall.

 (mw)


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