Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/wonder-workshop-dash-im-test-ein-roboter-riskiert-eine-kesse-lippe-1701-125317.html    Veröffentlicht: 10.01.2017 09:46    Kurz-URL: https://glm.io/125317

Wonder Workshop Dash im Test

Ein Roboter riskiert eine kesse Lippe

In den vergangenen Monaten haben wir einige Roboter ausprobiert. Doch keiner war so redselig wie der Lern- und Spielroboter Dash. Ob er mehr kann, als nur mit seiner großen Klappe aufzufallen, haben wir getestet.

"Schau mir ins Auge, Kleines" geht uns durch den Kopf, als wir den Dash-Roboter des Herstellers Wonder Workshop zum ersten Mal sehen. Doch Dash soll nicht nur niedlich und Spielkamerad sein, sondern auch Kinder ab dem Vorschulalter in die Grundlagen der Roboterprogrammierung einführen. Wir können dem Blick und den technischen Spezifikationen nicht widerstehen und fordern ein Testgerät an. Da ahnen wir noch nicht, wie sehr uns der stets brabbelnde Begleiter ans Herz wachsen wird.

Als das Paket ankommt, sind wir erst einmal überrascht. Es ist deutlich schwerer als erwartet. Das liegt nicht am Zubehör im Karton. Der Roboter selbst wiegt mit 0,8 Kilogramm deutlich mehr als die Lernroboter, die wir bisher getestet haben. Zusammen mit seinem kugeligen Design erweckt das den Eindruck eines sehr robusten, kinderzimmertauglichen Spielkameraden. Das bestätigt sich später, als Dash auch nach diversen Kollisionen mit Möbeln keinerlei Kratzer aufweist.

Eine Anleitung suchen wir vergebens

Eine Anleitung suchen wir im Karton leider vergebens, auch auf der Webseite erhalten wir kaum Hinweise zur Bedienung des Roboters, es dominieren die Verweise auf verschiedene Apps für iOS und Android. Den Einschalter finden wir aber auch ohne Anleitung. Und sofort begrüßt uns Dash mit seiner Kinderstimme. Er bewegt sich von selbst ein wenig hin und her. Durch Zufall finden wir heraus, dass er auf Geräusche reagiert, dann dreht er sich in Richtung der Geräuschquelle. Wedeln wir mit der Hand vor seinen Entfernungssensoren unterhalb des Auges, reagiert er mit Kopfnicken. Gelegentlich ertönt dabei ein schnippisches Geräusch oder "Ah".

Am Kopf befinden sich mit Punkten markierte Tasten. Wir drücken eine, und der Roboter startet sein Erkundungsprogramm. Dabei fährt er frei herum und pfeift dabei regelmäßig. Trifft er auf ein Hindernis, versucht er zuerst, es wegzuschieben und dann zu umgehen, begleitet von diversen Lautäußerungen. Dash erinnert uns in diesem Modus an ein herumkrabbelndes Baby - oder eine aufmerksamkeitheischende Katze. Schließlich sind die Apps installiert.

Mit vier Apps zum Programmierer

Wir rufen zuerst die App Go auf. Mit ihr können wir Dashs Namen und sein Verhalten beim Anschalten ändern. Dann steuern wir damit Dash und spielen ein wenig mit seinen Fähigkeiten. Außerdem enthält sie eine "Ideas" genannte Sektion. Dort erhalten wir einige Vorschläge zum Spielen und "Arbeiten" mit dem Dash. Die englischen Texte richten sich allerdings weniger an Kinder, sondern an Eltern und Lehrer.

Die App Path richtet sich direkt an Vorschulkinder und erlaubt erste Programmierexperimente. Mit ihr können wir Dash einen Weg vorgeben und dabei Geräusche machen lassen, wie auch vorprogrammierte Bewegungen auslösen. Einige Aktionen erwarten eine Interaktion mit dem Nutzer. Die Funktionsweise lernen wir mit Hilfe kleiner Tutorials. In der App wird komplett auf Text verzichtet.

Das Gegenstück dazu ist Blockly. Wie der Name schon nahelegt, handelt es sich um eine Anpassung der grafischen Programmierumgebung für den Dash. Sie ist eher für ältere Kinder und Jugendliche geeignet. Mit Hilfe von Tutorials, hier Puzzles genannt, werden wir in die Fähigkeiten von Dash eingeführt und mit den verschiedenen Programmierkonstrukten vertraut gemacht. Auch dabei müssen wir mit Dash und dessen Sensoren interagieren. Die Integration der Fähigkeiten von Dash in die Blockly-Umgebung wirkt dabei vollständig.

Die vierte App mit dem ebenfalls wenig kreativen Namen Wonder kombiniert verschiedene Funktionen miteinander. Sie enthält ebenfalls eine direkte Steuerung und eine Programmieroberfläche für den Dash. Bei den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nähert sie sich Blockly an, folgt aber im Bedienkonzept eher der Path-App. Wie wir diese Programmieroberfläche nutzen, lernen wir durch die Roboter-Saga - dem Tutorial-Modus innerhalb der Wonder-App. Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Apps gibt es hier bei erfolgreichem Abschluss einer Aufgabe nicht nur stets variierende akustische Feier- und Jubelbekundungen durch Dash, sondern auch virtuelle Belohnungen, die wir erspielen können.

Wir haben Spaß, aber nicht sofort

Die drei Apps teilen die gleichen Stärken, aber auch Schwächen. Die ausführlichen Tutorials gefallen uns sehr gut, der Schwierigkeitsgrad steigt langsam, aber kontinuierlich an. Die Lektionen der Tutorials bauen sinnvoll aufeinander auf und sind in kurze, überschaubare Abschnitte aufgeteilt. Immer wieder erwischen wir uns, nur noch schnell den nächsten Abschnitt machen zu wollen, bevor wir uns anderen Sachen widmen - und plötzlich haben wir doch die Lektion am Stück durchgearbeitet.

Kleine Dinge frustrieren uns aber doch, vor allem am Anfang. Wie schon angesprochen, wissen wir zuerst kaum, was wir in den Apps konkret machen können - und warum es überhaupt mehrere Apps gibt. Auf die Tutorials stoßen wir, weil wir mit den Apps herumspielen. Die Wonder- und die Blockly-App sind vollständig ins Deutsche übersetzt, an einigen Stellen weichen Texte und Benennungen aber geringfügig voneinander ab. Prinzipbedingt sind die grafischen Editoren mit kleinen Displays schlechter zu bedienen.

Außerdem sollte für die Experimente mit Dash genug Raum zur Verfügung stehen. Auch wenn wir eine konkrete Strecke vorgeben, sobald die eingespeicherten (Tanz-)Bewegungen ins Spiel kommen, werden die Programmierexperimente zuweilen unkontrollierbar raumgreifend. Eine hindernisfreie Fläche von mindestens 2 x 2 Metern sollte zur Verfügung stehen.

Technik wirkt versteckt

Dabei spielt es keine Rolle, ob der Dash auf Teppich, Parkett oder Bodenfliesen herumfährt. Die Antriebsmotoren bringen ihre Kraft stets akkurat mit großen, gummibereiften Rädern auf den Boden. Zuweilen sogar zu viel Kraft: Das haben wir unfreiwillig gelernt, als Dash eine halbvolle Glasflasche ohne Schwierigkeiten zum Umkippen brachte. Genauso lässt er sich auch kaum von herumliegenden Kabeln beeindrucken.

Zu den technischen Details verrät der Hersteller recht wenig. Die Verbindung zu Smartphone oder Tablet wird per Bluetooth LE hergestellt. Von außen erkennbar sind jede Menge LEDs und die beiden IR-Sensoren an der Front. Während der Programmiertutorials lernen wir, dass Dash auch einen IR-Sensor am Heck besitzt, die vier Buttons am Kopf frei programmierbar sind und der Roboter offensichtlich über einen Beschleunigungssensor verfügt.

Dabei wird aber nur die Z-Achse ausgewertet, um zu erkennen, ob der Roboter angehoben wurde. Drei Mikrofone nehmen Umgebungsgeräusche wahr. Am Gehäuse sind sie nur durch drei kleine Löcher am Hals erkennbar. Neben den beiden Antriebsmotoren befinden sich im Kopf vermutlich noch zwei Servos: einer, um den Kopf zu drehen, ein zweiter, um mit dem Kopf zu nicken.

Fähigkeiten machen neugierig

Zum eingebauten Mikrocontroller gibt es überhaupt keine Angaben. Acht, zum Teil kaum erreichbare, Torx-Schrauben verwehren einen Blick ins Innere. Dabei wären wir durchaus neugierig. Der Dash kann bei seiner Wahrnehmung von Umgebungsgeräuschen zwischen einem Klatschgeräusch und Sprache unterscheiden sowie die Richtung des Geräuschs ermitteln. Die über 30 vorprogrammierten Geräusche und Äußerungen von Dash sowie zehn vom Benutzer definierbaren Audiomitschnitte dürften einen ordentlich großen Flashspeicher benötigen. Sie werden verständlich und laut vom eingebauten Lautsprecher wiedergegeben.

Wir probieren, Dash per USB mit unserem Rechner zu verbinden. Leider taucht dabei keine serielle Schnittstelle auf. Entweder verwendet der Dash einen sehr exotischen USB-zu-seriell-Anschluss, für den wir keine Treiber haben, oder die USB-Buchse dient tatsächlich nur zum Aufladen des Akkus - dessen konkrete Größe wir auch nicht kennen. Die Angabe des Herstellers von circa 30 Stunden im Standby können wir bestätigen, wie auch die Laufzeit von 5 Stunden im aktiven Einsatz.

Wir finden es schade, dass der Hersteller des Dash die Technik so versteckt. Sphero gibt sich beim SPRK+ wenigstens optisch transparent, BQ animiert den Nutzer hingegen sogar, seinen Zowi aufzuschrauben und die Elektronik auch ohne Robotergehäuse zu verwenden. Als Einstieg in die Welt der Elektronik taugt der vollkommen abgeschottete Dash nicht.

Der Roboter als Musiker und Kämpfer

Erweiterbar ist der Dash allerdings mechanisch. Hinter den kreisförmigen Scheiben an den Seiten des Dash steckt ein Anstecksystem. Der Hersteller liefert zwei Anbauteile mit, um Lego-Steine am Kopf und Rumpf des Dash aufzustecken. Weitere Sets enthalten ein Xylofon oder einen Katapult. Letzterer könnte zwar gerne eine größere Reichweite haben, funktioniert aber insgesamt erstaunlich gut. Auch hier kommentiert Dash den Abschuss unbeirrbar.

Unpraktisch ist allerdings, dass der Dash von seinen Anbauten erst einmal nichts weiß und unbeeindruckt seine vorprogrammierten, teils zufällig ausgewählten Aktionen ausführt. Da kann der Katapult schon einmal ungeplant ausgelöst werden.

Preis und Verfügbarkeit

Der Dash ist bereits im Handel verfügbar und kostet um die 180 Euro. Die Erweiterungssets kosten zwischen 30 und 100 Euro. Die Apps für iOS und Android sind kostenlos in den jeweiligen Appstores verfügbar.

Fazit

Falls wir das noch nicht erwähnt haben: Dash jauchzt, seufzt, jammert, pfeift, tanzt oder jubelt bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Das ist irgendwie nervig. Trotzdem haben wir Dash nicht nach kurzer Zeit in eine Ecke gefeuert.

Der Roboter bringt jede Menge Sprachsamples mit, die situationsgerecht angespielt werden, und kombiniert sie zum Beispiel oft mit Tanzbewegungen. Dazu kommt noch die Fähigkeit, auf Geräusche zu reagieren, und so entsteht tatsächlich der Eindruck, er wäre ein lebendiges Wesen mit einem eigenen Willen. Der Vergleich mit einer Katze ist nicht ganz abwegig. Trotzdem gehorcht uns der Dash aufs Wort, wenn wir ihn programmieren. Dem Hersteller gelingt es, Dash sowohl als Spielzeug als auch als programmierbaren Roboter spannend zu machen.

Die unterschiedlichen Programmierumgebungen ermöglichen einen altersgerechten Einstieg in das Programmieren für Kinder von 4 bis 14 Jahren. Da wir dabei öfter physisch mit dem Roboter agieren, bringt uns das Lernen sogar zum Schwitzen.

Schade finden wir, dass derzeit keine Programmier- oder Experimentiermöglichkeiten darüber hinaus bestehen. Denn die verbaute Elektronik erweckt den Eindruck, leistungsfähig genug zu sein, um auch Erwachsene zum Mitspielen zu animieren. Es scheint uns durchaus denkbar, Dash in ein rollendes Amazon Echo zu verwandeln. Aber bis einem Hacker das gelingt, gefällt er uns auch als unterhaltsames und lehrreiches Spielzeug.  (am)


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