Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/kodak-ektra-im-test-das-smartphone-das-eine-kamera-sein-soll-1612-125222.html    Veröffentlicht: 29.12.2016 09:02    Kurz-URL: https://glm.io/125222

Kodak Ektra im Test

Das Smartphone, das eine Kamera sein soll

Bullitt bringt unter der Marke Kodak ein Android-Smartphone namens Ektra, eine in der Geschichte des ehemaligen Kameraherstellers wegweisende Messsucherkamera der 1940er Jahre. Entsprechend sollen Hobbyfotografen angesprochen werden - leider kann das Gerät die Ansprüche nicht erfüllen.

Die meisten aktuellen Smartphones verfügen ab einer bestimmten Preisklasse über gute Kameras - zumindest Schnappschüsse lassen sich mittlerweile auch gut mit Mittelklassekameras anfertigen. Dedizierte Kamera-Smartphones hat es bisher aber eher selten gegeben - also Smartphones, die nicht nur eine gute Kamera haben, sondern sich dank spezieller Technik besonders von den Konkurrenten abheben. Das Lumia 1020 war ein derartiges Smartphone, oder auch das Panasonic DMC-CM1.

Das neue Android-Smartphone Kodak Ektra wird ebenfalls als Kamera-Smartphone vermarktet. Mit der 21-Megapixel-Kamera und der vorinstallierten Software soll es besonders für Hobbyfotografen attraktiv sein, unterstützt vom Aussehen und dem Namen: Die Kodak Ektra war ursprünglich eine technisch fortgeschrittene Messsucherkamera der 1940er Jahre.


Gebaut wird das Ektra vom US-Hersteller Bullitt - mit dem Kamerahersteller Kodak hat das Unternehmen jedoch nicht mehr viel zu tun. Bullitt hat den Namen Kodak für seine Smartphone-Produktion lizenziert, versucht allerdings durchaus, an die fotografische Tradition dahinter anzuknüpfen.

Schönes Design mit Kameraanleihen

Das merken wir bereits vor dem Auspacken des Ektra schnell: Der schwarze Karton mit orangefarbenem Deckel entspricht den Verpackungen, in denen der Kamerahersteller Kodak seine Produkte auszuliefern pflegte - eine schöne Anspielung. Auch dem Ektra selbst merkt man die Positionierung als Kamera-Smartphone an: Die Rückseite ist deutlich erkennbar einer klassischen Kamera nachempfunden.

Zum einen hat das Ektra eine Wölbung an der unteren Rückseite, zum anderen ist die Oberfläche mit Kunstleder überzogen, wie es bei Kameras verwendet wird. Außerdem ist das Kameraobjektiv deutlich auffälliger als bei Smartphones üblich gestaltet - als ob ein kleines Objektiv auf der Rückseite sitzt. Vom Design her gefällt uns das sehr gut, Vorteile bei der Bedienung bringen diese Details allerdings nicht.

Griff sieht hübsch aus, bringt aber wenig

Der Griff ist beispielsweise zu klein, um wirklich eine bessere Handhabung zu ermöglichen. Auch beim Objektiv sind wir uns ziemlich sicher, dass die Größe nur ein Design-Element ist - wie sich später zeigen wird, lässt zumindest die Bildqualität keine Rückschlüsse darauf zu, dass Bullitt in dem großen Objektiv zusätzliche Technik untergebracht hat. Schade finden wir, dass der Hersteller dem Smartphone keinen Rahmen aus Metall spendiert hat; durch den silbernen Kunststoffrahmen wirkt das Gerät etwas billig, was angesichts der ansonsten guten Verarbeitung und des Kameraleders als Oberflächenmaterial nicht nötig wäre.

Kamera kann Erwartungen nicht halten

Das Display des Ektra ist 5 Zoll groß, dank des verhältnismäßig großen Gehäuses (147,8 x 73,3 x 9,9 mm, an den dickeren Stellen 14,1 mm) wirkt das Smartphone aber größer. Der LCD-Bildschirm löst mit 1.920 x 1.080 Pixeln auf, was eine Pixeldichte von 441 ppi ergibt. Entsprechend werden Inhalte scharf angezeigt.


In der Grundeinstellung ist uns der Bildschirm von der Farbwiedergabe her zu kalt eingestellt; in den Display-Einstellungen können wir allerdings über den Punkt Miravision im Nutzermodus die Wiedergabe detailliert beeinflussen. Nicht nur die Farbtemperatur, auch der Kontrast, die Sättigung, die Schärfe und den Anteil an blauem Licht können wir hier einstellen. Am Helligkeitsabfall bei schräger Betrachtung des Bildschirms können wir aber natürlich nichts ändern.

21-Megapixel-Kamera mit optischer Stabilisierung

Bei einem als Smartphone für Fotografie beworbenen Gerät ist die Kamera mit der wichtigste Ausstattungspunkt. Bullitt verwendet im Ektra einen 21-Megapixel-Sensor, die Anfangsblende ist mit f/2.0 recht weit offen. Die Kamera hat eine optische Bildstabilisierung und einen Phasenvergleichs-Autofokus. Dieser reagiert flott, aber nicht so schnell wie der im Galaxy S7 von Samsung. Videos können wir mit dem Ektra in 4K-Qualität aufnehmen. Die Frontkamera hat 13 Megapixel und einen Autofokus - auch bei vielen Smartphones im Topbereich keine alltäglichen Merkmale.

Die Bildqualität der Hauptkamera bleibt hinter unseren Erwartungen zurück: Verglichen mit den Kameras konkurrierender - und teilweise günstigerer - Smartphones macht das Ektra insbesondere in den Details merklich schlechtere Bilder. In der Vergrößerung fallen uns schnell schwammige Details auf, die beispielsweise bei feinen Strukturen schnell zu starkem Gematsche führen. Die Schärfe ist nicht so gut wie etwa beim Galaxy S7, dem Oneplus 3T oder dem Mate 9.

Noch schlechter wird unser Eindruck, sobald wir Aufnahmen in weniger gut ausgeleuchteten Situationen machen. Selbst in hellen Innenräumen erkennen wir in leicht dunkleren Bereichen sofort starke Artefakte und ein übles Farbrauschen. Dieses wird umso auffälliger, je dunkler die Umgebung ist.

Fotografie-Software ist besser als die Kamera

Für ein Kamera-Smartphone liefert die Hauptkamera schlicht zu wenig Leistung. Das ist schade, da Bullitt durchaus interessante Software installiert hat, wie etwa verschiedene umfangreiche Bildbearbeitungsprogramme und Foto- sowie Videofilter. Mit diesen lassen sich Videoclips im Stil klassischer Kodak-Filme aufnehmen. Die Kamera-App ist übersichtlich, die unterschiedlichen Modi lassen sich über ein virtuelles Drehrad einstellen, wie es bei einer modernen Spiegelreflexkamera zu finden ist. Praktisch ist auch der separate Auslöseknopf am rechten Rand des Smartphones, der dank zweier Stufen auch den Fokus auslösen kann.

All dies nützt uns aber nicht viel, solange die grundlegende Bildqualität bestenfalls mittelmäßig ist und auch keine Aufnahmen im RAW-Format möglich sind. Dass die Frontkamera sehr gute Bilder macht, ist keine Entschädigung für die Hauptkamera. Insgesamt betrachtet kommt die Hauptkamera des Ektra dem Anspruch, sich explizit für Fotografie-Interessierte zu eignen, nicht nach.

Mediatek-Prozessor mit schwacher Grafikleistung

Im Inneren des Ektra arbeitet Mediateks Helio-X20-Prozessor, ein SoC mit zehn Kernen (2 x A72, 8 x A53) und einer maximalen Taktrate von 2,5 GHz. Im Geräte-Benchmark Geekbench 4 schneidet das Ektra gut ab: Mit 1.669 Punkten im Single-Test erreicht es über 100 Zähler mehr als das Pixel XL von Google, liegt aber deutlich hinter dem Oneplus 3T, das mit seinem Snapdragon 821 auf 1.915 Punkte kommt.


Die Schwächen des Helio X20 liegen im Grafikbereich: Im Icestorm-Unlimited-Test des 3DMarks kommt das Ektra nur auf 14.536 Punkte - zum Vergleich: Das Mate 9 schafft 27.140 Punkte, das Oneplus 3T sogar 32.164 Zähler. Auch im GFX-Benchmark sind die Ergebnisse nicht besonders gut: Hier erreicht das Ektra im Car-Chase-Test nur 6 fps, das Oneplus 3T kommt auf 20 fps. In der alltäglichen Nutzung läuft das Ektra flüssig in der Bedienung, auch dank der 3 GByte Arbeitsspeicher. Apps starten ohne nennenswerte Ladezeiten. Bei grafisch intensiveren Spielen kommt es hingegen eher zu Rucklern.

Bullitt hat im Ektra 32 GByte Flash-Speicher verbaut, ein Steckplatz für Micro-SD-Karten ist eingebaut. Das Smartphone unterstützt LTE und Dual-Band-WLAN, Nutzer können nur eine SIM-Karte verwenden. Ein GPS-Empfänger ist eingebaut, ebenso ein NFC-Chip.

Android mit nativer Benutzeroberfläche

Ausgeliefert wird das Smartphone mit Android in der Version 6.0, der Sicherheitspatch stammt vom 5. Oktober 2016. Die Benutzeroberfläche hat Bullitt unangetastet gelassen, allerdings einige zusätzliche Apps installiert. Diese beziehen sich hauptsächlich auf Fotografie: Neben einer eigenen Galerie-App gibt es etwa eine Anwendung, um Abzüge von digitalen Fotos anfertigen zu lassen oder die Super-8-App, mit der Videoaufnahmen mit klassischen Filtern verändert werden können.

Die Galerie enthält neben zahlreichen Filtern gleich zwei Bildbearbeitungsfunktionen. Eine bietet einige grundlegende Bearbeitungsoptionen. Die andere, Googles Snapseed, ermöglicht detaillierte Anpassungen verschiedener Parameter für das Gesamtbild, aber auch selektiv an ausgewählten Stellen des Bildes. Auch hier gibt es verschiedene Filter, die aber eher automatisierte Voreinstellungen sind. Damit lassen sich Bilder schnell und effektiv bearbeiten.

Akkulaufzeit enttäuscht

Der nicht ohne weiteres wechselbare Akku hat eine Nennladung von 3.000 mAh. Geladen wird er über einen USB-Typ-C-Anschluss. Einen Full-HD-Film können wir bei voller Helligkeit nicht einmal fünf Stunden lang abspielen - ein schlechter Wert, insbesondere für ein Smartphone in dieser Preisklasse.

Verfügbarkeit und Fazit

Das Kodak Ektra ist im Onlineshop des Herstellers für 500 Euro erhältlich. Aktuell gibt es im Rahmen eines Online-Angebotes zum Smartphone noch 150 kostenlose Abzüge für Fotos im Format 10x15 dazu. Bei anderen Onlinehändlern kostet das Smartphone ebenfalls um die 500 Euro.

Fazit

Das Kodak Ektra ist zweifellos ein Smartphone, mit dem man auffällt - dank des von Kameras abgeschauten Designs sieht das Gerät durchaus edel aus. Allerdings hält das Smartphone nicht ganz das, was es verspricht: Wer mit seinem Smartphone ernsthaft Fotos machen will - und das ist zweifellos möglich -, dürfte mit anderen Geräten eher glücklich werden.

Die Bildqualität ist schlicht nicht gut genug. Katastrophal schlechte Fotos macht das Ektra nicht; die Details sind aber viel zu verwaschen, und in dunkleren Bereichen kommt es zu schnell zu einem zu starken Rauschen. Die Kameras anderer Smartphones liefern hier weitaus bessere Resultate.

Hinter dem Kameradesign steckt zudem wenig Produktives: Das große Objektiv ist offenbar nur Show, der kleine Handgriff bringt keine Vorteile beim Handling des Gerätes. Das Ektra sieht aus wie eine kleine, schicke Kamera, ist aber einfach keine. Daran ändern auch die guten Bearbeitungsfunktionen nicht viel.

Die Idee, den Namen Kodak für auf Fotografie ausgerichtete Smartphones und ein entsprechendes Retro-Design zu verwenden, finden wir reizvoll und durchaus nicht verkehrt. Bei einem Preis von 500 Euro leistet unserer Meinung nach das Kodak Ektra aber zu wenig. Wer ernsthaft Fotografie mit einem Smartphone betreiben will, findet in dieser Preisklasse bessere Alternativen, die zudem noch über leistungsfähigere Hardware verfügen. Zu nennen wären hier Samsungs Galaxy S7, das Oneplus 3T, das HTC 10 oder auch das Huawei P9.  (tk)


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