Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/gpd-win-im-test-crysis-in-der-hosentasche-1612-125080.html    Veröffentlicht: 26.12.2016 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/125080

GPD Win im Test

Crysis in der Hosentasche

Ein kompletter PC mit Windows 10 und Gamecontroller in Form einer tragbaren Spielkonsole? Das klingt zu gut, um wahr zu sein. Doch der GPD Win ist ein erstaunliches Stück Technik.

Das Projekt GPD Win hat als Crowdfunding-Kampagne auf Indiegogo begonnen. Der Hersteller Gamepad Digital hatte bereits Erfahrung mit Konsolen-Handhelds gesammelt. In unserem Test machte das Android-basierte Vorgängermodell GPD XD eine gute Figur. Aber einen Windows-PC im Hosentaschenformat zu entwickeln, erwies sich als schwieriger. Zwar konnte Gamepad Digital den Unterstützern im Verlauf der Entwicklung eine bessere CPU anbieten, dafür musste aber eine aktive Lüftung verbaut werden. Darunter litten Akku und Soundfähigkeiten des Gerätes.

Die Konsole sieht aus wie ein Nintendo 3DS XL und hat ungefähr die gleichen Maße, sie passt sogar in die Taschen des Konkurrenzmodells. Die Verarbeitungsqualität ist gut, die Außenseiten sind aber anfällig für Fingerabdrücke.

Der GPD Win ist nicht der einzige Mini-Laptop auf dem Markt, es gab auch schon zu früheren Zeiten Versuche, kleinere Windows-PCs als Netbooks anzubieten. Er ist aber der einzige Mini-PC mit eingebautem Gamepad - sieht man vom Linxvision Tablet ab, das größer ist. Damit ist die Zielgruppe eindeutig festgelegt: Spieler und Retrospieler mit genügend Budget für ein Handheld.

Wir hatten zunächst keine sehr hohen Erwartungen an die Leistungsfähigkeit. Die CPU ist ein Intel Atom X7 Z8700 mit vier Kernen. 4 GByte RAM sind fest verbaut, 64 GByte fasst der interne eMMC-Speicher. Davon belegt das vorinstallierte Windows 10 bereits fast 20 GByte. Mit einer Micro-SD-Karte können bis zu 128 GByte Speicher hinzugefügt werden, die Lesegeschwindigkeit ist jedoch mit durchschnittlich 12 MByte pro Sekunde recht niedrig. Für Retro-Gaming genug, aber für aktuelle Titel zu lahm - so dachten wir. Im Test überraschte das System jedoch mit seiner Performance. Dazu aber später mehr.

Die Spezifikationen im Überblick

Neben dem Kartenleser befinden sich auf der Rückseite eine Kopfhörerbuchse, ein USB-A-3.0-Anschluss, ein Mini- HDMI-Ausgang und ein USB-C-3.0-Anschluss, über den das Gerät auch geladen wird. Weil der Klappmechanismus des Gehäuses Platz benötigt, passen nicht alle Stecker bis zum Anschlag in ihre Buchsen. In der Praxis funktionierten bei uns trotzdem alle Kabel problemlos. Vier Schulterknöpfe mit hörbaren Microschaltern sind ebenfalls auf der Rückseite untergebracht.

Besser eine schlechte Tastatur als gar keine

Aufgeklappt fällt zuerst die Tastatur mit ihren kissenförmigen Tasten ins Auge. Sie ist mit ihrem minimalen Hub nicht zum Tippen gemacht, selbst kurze Passagen schreiben sich besser mit der Bildschirmtastatur von Windows 10. Sinnvoll ist das Hardware-Keyboard aber trotzdem. Gerade in älteren Spielen sind Eingaben per Tastatur nötig, außerdem verfügten Microcomputer wie der C64 nicht über eine GUI, so dass bei der Emulation des Öfteren Befehle getippt werden müssen. Das geht mit der virtuellen Tastatur wesentlich schlechter, da sie wichtige Teile des Bildschirmes überdeckt.

Neben den teilweise doppelt belegten Standardtasten gibt es auf der rechten Seite den Netzschalter, eine Taste für den mittleren X-Button des Xbox-Controllers, L3 und R3, Select und Start sowie Druck- und Pausetasten. Zwischen Tastatur und Display befinden sich die Controller-Elemente: ein Digitalpad und zwei analoge Sticks sowie das bekannte Kleeblatt an Actionknöpfen. Sie sind sowohl mit Xbox- als auch mit Playstation-Symbolen bedruckt. Leider liegen sie aus Platzgründen direkt parallel neben dem rechten Analogstick. Das ist ergonomisch bei manchen Spielen ungünstig.

Die Qualität der Steuerungselemente ist sehr gut. Ähnlich wie beim GPD XD ist aber das Digitalkreuz recht weich und klackt nicht spürbar, wenn man es drückt.

Über den Controller-Elementen befindet sich ein kleiner Schalter, der zwischen Maussteuerung per Analogstick und den Controllermodi Directinput und Xinput umschaltet. Dabei finden wir es im Mausmodus besonders praktisch, die linke und rechte Maustaste mit den jeweiligen Schulterknöpfen betätigen zu können.

Ein guter Bildschirm und eine manuelle Lüftersteuerung

Das Touch-Display löst bei 5,5 Zoll 1.280 x 720 Pixel auf und ist hell und blickwinkelstabil. Der Hersteller gibt an, kratzfestes Gorilla-Glas verwendet zu haben. Wir konnten mitunter Abdrücke von Steuerungselementen und Tastatur auf dem Bildschirm sehen, wenn wir ihn aufklappten. Es gibt nur eine Position, in der der Bildschirm einrastet: bei 120 Grad. Ein Beschleunigungssensor dreht bei Bedarf den Desktop oder führt Steuerungsbefehle in Spielen aus.

Eine konstruktionsbedingte Besonderheit befindet sich auf der Unterseite des GPD Win. Dort ist ein Schalter für den Lüfter untergebracht, der in drei Stufen regelbar ist. Eine Lüfterautomatik gibt es nicht. Leider geht der Lüfter auch immer dann aus, wenn das Display abgeschaltet wird. Das ist wichtig zu wissen, wenn man per HDMI arbeitet oder spielt. Dann muss das Display nämlich entweder gespiegelt oder erweitert werden, sonst kann es zu Leistungseinbußen kommen. Die Lüftung ist hörbar, aber nicht unangenehm laut. Der verbaute Monolautprecher klingt blechern und sollte nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen.

PC-Gaming für unterwegs

Einen 30-minütigen Prime-Stresstest bei voller CPU-Auslastung überstand der GPD Win problemlos und ohne herunterzutakten. Dabei erwärmte sich die Oberseite auf bis zu 45 Grad. Die verbaute Intel-HD-Graphics-405-GPU überraschte uns mit ihrer Leistung. Wir hatten erwartet, dass Spiele aus der Zeit um 2005 problemlos laufen würden, sie aber zu schwach für aktuellere Titel wäre. Nachdem wir aber The Elder Scrolls Oblivion und Bioshock mit Bildraten von bis zu 40 fps auf hohen Einstellungen getestet hatten, installierten wir kurzerhand Crysis und einen dazugehörigen Benchmark. Die Framerate lag zwischen 12 und 42 fps und nach einigen Anpassungen in der Grafikkonfiguration war der Grafikkracher durchaus spielbar.

Selbst mit Skyrim konnten wir die kleine Konsole nicht matt setzen. Natürlich sind beide Spiele nur mit den niedrigsten Einstellungen wirklich lauffähig, aber das machte uns nichts aus, da der kleine Bildschirm die Spielwelten auch ohne hohe Detailstufe ansehnlich darstellt. Aber will man seine Steam-Bibliothek auf dem Mäusekino auch wirklich durchzocken? Das kommt auf das Spiel an. Wir haben mit großem Vergnügen Portals Glados innerhalb einer Woche auf dem Heimweg in der S-Bahn geschlagen. Bei Crysis hingegen war uns die Steuerung schnell zu fummelig.

Nicht alles, was geht, geht auch gut

Hinzu kommt die bereits erwähnte ungünstige parallele Anordnung der Aktionstasten neben dem rechten Analogstick. In Tomb Raider Underworld kämpft der Spieler beispielsweise oft nicht nur gegen Schurken und die lokale Fauna, sondern es macht ihm auch die Kamerasteuerung das Leben schwer. Das ist mit dem GPD Win noch frustrierender als mit einem Xbox-Controller.

Trotzdem gibt es aktuell keine bessere Möglichkeit, die großen PC-Titel der vergangenen Jahre unterwegs zu genießen. Wir hatten Spaß mit Fallout 3, Shadowrun Returns, Mass Effect und sogar Rocket League. Letzteres erschien erst 2015 und ist dank simpler Steuerung tatsächlich wie geschaffen für ein paar Runden unterwegs. Um im Multiplayer Tore mit dem Matchbox-Auto zu schießen, ist jedoch eine Mobilfunkverbindung nötig. Der GPD Win hat zwar keinen SIM-Slot, aber dank WLAN-Hotspot auf dem Smartphone ist das kein Problem. Die Konnektivität ist mit Dualband-WLAN und Bluetooth 4.1 gut, vor allem für das Streamen von Spielen über Steam ist das 5-GHz-WLAN sehr sinnvoll.

An die Arbeit!

Zu Hause oder im Büro verwandelt sich das Handheld in einen vollwertigen PC. Wenn man es an TV oder Monitor angeschlossen und mit Tastatur und Maus versehen hat, ist ernsthaftes Arbeiten möglich. Dabei reicht die Leistung sogar für ruckelfreien Videoschnitt in Full-HD. In unserem Test benötigte Premiere Pro CC rund zwei Minuten Render-Zeit für eine Minute mit h.264 codiertem Rohmaterial in mittlerer variabler Bitrate mit einem Durchgang. Spielen sollte man auf TV oder Monitor aber besser weiterhin in der nativen Auflösung des Touchscreens, denn Full-HD packt die GPU in den wenigsten Fällen.

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Linux sollte auf dem Gerät lauffähig sein, erste Videos von Steam unter Xubuntu zeigen aber, dass viele Treiber nicht funktionieren. Zumindest WLAN, Controller, Tastatur und Touchscreen sind aber nutzbar. Wir rechnen damit, dass die Community in den kommenden Monaten viele der jetzt existierenden Probleme lösen kann. Andererseits soll im kommenden Jahr mit der Linux-Konsole Pyra ein Handheld auf den Markt kommen, das mit einem nativen System speziell Linux-Nutzer ansprechen soll.



Manuelle Konfiguration ist Pflicht



Der GPD Win ist eindeutig eine Konsole für Spielenerds, die sich von Soft- und Hardwarebasteleien nicht abschrecken lassen. Auch wenn die meisten Spiele bei uns auf Anhieb starteten, ist meist noch Optimierungsbedarf vorhanden. Um das zu nutzen, sollte man Spaß am Editieren von Grafikparametern und Konfigurationsdateien haben. Wer mutig ist, betreibt Over- und Underclocking. Es gibt inzwischen eine aktive Community, die Tipps, Tricks und Listen lauffähiger Spiele bietet. Wir fühlten uns an die Zeit in den frühen 1990er-Jahren erinnert, als man den PC noch für jedes Spiel einzeln konfigurieren musste.

Die Hürden dieser Zeit lassen sich natürlich auch per DOS-Box emulieren, so wie auch andere Systeme bis hin zur Playstation 2 und dem Gamecube wiederbelebt werden können. Letztere erreichen aber nur mit Mühe stabile Bildraten auf dem GPD Win - und das auch nicht in allen Spielen. Für Heimcomputer wie den C64 ist das Handheld hingegen wie geschaffen. Um ein paar Kommandos einzugeben oder ein Textadventure zu spielen, ist die Tastatur allemal ausreichend.

In unserem Test funktionierte der GPD Win tadellos. Im Netz fanden wir aber einige Kommentare von Käufern, die mit Hardwareprobleme zu kämpfen hatten. Anscheinend gab es gerade bei den zuerst an Indiegogo-Backer ausgelieferten Geräten eine Streuung bei der Qualität der verbauten CPUs. Das resultierte unter anderem in Fehler bei der 3D-Darstellung, was zu regelmäßigen Abstürzen führte. Daher raten wir dazu, beim Kauf auf Garantieleistungen zu achten und privat verkaufte gebrauchte Geräte eher zu meiden.

Der fest verbaute Akku ist mit 6.700 mAh recht stark und reicht, um etwa 6 Stunden zu surfen und Videos anzusehen. Bei leistungshungrigen Spielen sinkt diese Zeit auf 2 Stunden, was wir immer noch beachtlich finden. Die Ladezeit betrug bei fast leerem Akku mit dem beigelegten Ladegerät rund 3 Stunden.

Verfügbarkeit und Fazit

Der GPD Win kostet mit 435 Euro mehr als aktuelle Netbooks. Diese haben aber meist schwächere Prozessoren und sind nur bedingt zum Spielen geeignet. Wir haben unser Testmuster vom Dragonbox-Shop erhalten, der offizieller Distributor für GPD-Geräte in Deutschland ist. Wahlweise lässt sich das Gerät auch selbst importieren.

Fazit

Unsere anfängliche Skepsis verwandelte sich schnell in regelrechte Begeisterung. Bioshock in der S-Bahn, Skyrim, und, ja, auch Crysis! Der GPD Win ist der erste richtige PC-Handheld und überzeugte uns mit seiner Leistung selbst bei aktuellen Titeln. Dass er auch bei Emulatoren ein gutes Bild abgab, geriet darüber fast zur Nebensache. Der Taschen-PC ist ein erstaunliches Stück Technik und bietet nur wenig Anlass zur Kritik. So sind der Lautsprecher und die winzige Tastatur wirklich nur in Ausnahmefällen nutzbar, und der Lüfter muss per Hand aktiviert werden. Die Anordnung der Aktionstasten ist gewöhnungsbedürftig und nicht jedermanns Sache.

Trotzdem hat GPD mit dem Win nach dem XD bereits die zweite Spielkonsole auf den Markt gebracht, die die von Sony und Nintendo auf dem Handheld-Markt gelassene Lücke füllt. Wer den Mikrolaptop kauft, sollte Lust daran haben, seine Spiele per Hand zu optimieren, und keine Konsole erwarten, auf der alles flüssig läuft. Das ist PC-Spielern aber unserer Ansicht nach zuzumuten.  (mwo)


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