Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/vom-cloud-server-zum-internet-of-things-wenn-systeme-verschmelzen-1612-125043.html    Veröffentlicht: 27.12.2016 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/125043

Vom Cloud-Server zum Internet-of-Things

Wenn Systeme verschmelzen

Windows und Linux werden sich dank Microsoft immer ähnlicher: Android läuft auf ChromeOS und vom Internet-of-Things über Telefone und Desktops bis zum Server verschmelzen die Systeme immer mehr. Das vergangene Jahr war der Start in eine neue, andere IT-Welt.

Immer mehr Dienste ziehen in die Cloud um: Das Geschäft mit selbst aufgesetzten Lösungen - oder unter Verwendung der Angebote von Google, Amazon und anderen - wächst stetig und beschert der IT-Industrie große Gewinne. Das Jahr 2016 hat aber gezeigt, dass die Innovationskraft für klassische physische Geräte und darauf abgestimmte Systeme trotzdem noch viel zu bieten hat, was wohl vor allem an der Wandlungsfähigkeit und der Dominanz von Open-Source-Software liegt.

Windows soll mehr sein als Linux

Eindrucksvoll zeigt sich die beschriebene Entwicklung an den Veränderungen der Produkte von Microsoft. Denn mit seinem Cloud-Angebot Azure hätte sich Microsoft auch darauf beschränken können, Windows-Server und Dienste anzubieten. Stattdessen wird offiziell Linux unterstützt. Das führt dazu, dass Microsoft auch sein Windows-Betriebssystem anpassen muss, um im Vergleich zu Linux nicht als das schlechtere Angebot dazustehen.

Wohl deshalb bietet Windows eine native Implementierung der Containerverwaltung Docker auf Basis einer eigens erstellten Container-Technik an. Wichtig ist das aber eben nicht nur für den Server- und Cloud-Einsatz, sondern vor allem für die Zielgruppe der Entwickler. Diese können dank der Windows-Container ihre Anwendungen nun - wie unter Linux auch - auf dem eigenen Rechner testen.

Darüber hinaus bekommt Windows endlich eine gute Standard-Shell. Denn die Powershell, die als Open Source weiterentwickelt wird und außer auf Windows auch auf Linux und Mac OS läuft, wird wohl mittelfristig die einfache Kommandozeileneingabe CMD.exe ersetzen. Die Arbeiten an der Powershell begannen vor rund zehn Jahren explizit mit dem Ziel, eine Shell zu erstellen, die ähnlich gut funktioniert wie die Unix-Pendants.

Doch gute Werkzeuge und Grundlagen in Windows allein reichen Microsoft offenbar noch nicht, um zum Funktionsumfang von Linux aufzuschließen. Deshalb läuft mit Bash on Ubuntu der Userspace von Ubuntu nativ in Windows. Dabei verzichtet Microsoft sowohl auf eine Virtualisierung als auch auf den Linux-Kernel selbst. Stattdessen wird versucht, die Systemaufrufe für den Windows-Kernel zu übersetzen. Auch das dürfte vielen Entwicklern helfen, auch wenn die ersten Versionen der Technik noch große Schwierigkeiten haben.

Microsoft expandiert auf Linux

Doch Microsoft übernimmt nicht nur Techniken und Ideen aus Linux für Windows, sondern geht auch den umgekehrten Weg und stellt eigene vormals Windows vorbehaltene Techniken für Linux bereit. Das gilt für die erwähnte Powershell, deren Umsetzung noch einige Probleme bereitet, ebenso wie für eines der wichtigsten Microsoft-Produkte überhaupt: den SQL-Server.

Auch für das schon etwas länger quelloffen entwickelte neue .Net-Core-Framework, das ebenso auf Linux läuft, hat Microsoft seine Ambitionen deutlich erweitert. Denn das Unternehmen hat Xamarin übernommen, den Sponsor der freien .Net-Implementierung Mono. Damit kann Microsoft auch Werkzeuge zur App-Entwicklung mit .Net für iOS und Android bereitstellen.

Ob Microsoft all diese Neuerung nur externen Entwicklern bereitstellt, um weiter über Dienstleistungen wie Azure Geld zu verdienen, oder ob dies auch direkte Auswirkungen auf die Produktpalette haben wird, bleibt abzuwarten. Derzeit absehbar ist wohl aber, dass die meisten Endnutzer nie direkt in Berührung mit diesen Neuerungen kommen werden, sondern höchstens mit damit erstellten Anwendungen.

Bei einschneidenden Veränderungen, die den Umgang von Nutzern mit Technik und ihren Geräten wohl langfristig beeinflussen werden, scheint Microsoft in diesem Jahr hinterherzuhinken. So klappt das Zusammenführen von Laptop und Desktop mit Smartphones zu einer neuen Art Gerät bei anderen wesentlich besser. Denn die Grenzen von Desktop zu Smartphones und eventuell gar dem Internet-of-Things (IoT) werden von anderen Unternehmen einfach aufgelöst.

Der Desktop wird zum Telefon, das Telefon zum Desktop

Zwar gibt es einige Geräte mit Windows 10 Mobile - auch aktuelle, welche die von Microsoft Continuum genannte Technik unterstützten, um das Smartphone als Desktop-PC zu verwenden. Microsoft will das Konzept im kommenden Jahr wohl noch ausbauen. Überzeugt hat uns mit einem derartigen Konzept im vergangenen Jahr jedoch das als Hobbyprojekt gestartete ROM Maru, das im Test besser abgeschnitten hat als Continuum.

Maru kombiniert ein typisches Android-ROM für die Smartphone-Funktionalität mit der Linux-Distribution Debian für den Desktop. Das Debian läuft dabei in einem Container auf dem Android - beide Systeme teilen sich einige Ordner, um Dateien problemlos sowohl auf dem Desktop als auch auf der Smartphone-Oberfläche bereitzustellen. Besonders hilfreich: Läuft der Desktop, kann das Telefon weiter als solches genutzt werden.

Nach einer anfangs geschlossenen Testphase steht Maru für alle Interessierten zum Download bereit und wird als Open-Source-Software weiterentwickelt. Maru schnitt im Test nicht nur besser ab als Microsofts Continuum, sondern war auch ausgereifter als die konvergente Oberfläche Unity 8 von Ubuntu.

Letzteres hat vor allem auf Seiten des Desktops noch deutlich Nachholbedarf, bis dieser auch vom Smartphone aus genutzt werden kann. Immerhin ist der Unity-8-Desktop seit diesem Jahr erstmals offiziell Teil einer Ubuntu-Veröffentlichung, und die Verantwortlichen planen die Fertigstellung bis 2018. Sollte dies umgesetzt werden können, steht zwar die Software. Ob es aber auch neue Smartphones mit Ubuntu und Unity 8 geben wird, bleibt abzuwarten.

Android läuft auf ChromeOS

Auch die Google-Entwickler zwängen eines ihrer Betriebssysteme in einen Container, um es in einem anderen System auszuführen, allerdings entgegengesetzt zu dem Konzept von Maru. Bei Google läuft das Smartphone-System Android auf dem Chrome-OS-Desktop. Google verspricht sich davon vor allem eine größere App-Vielfalt für die Chromebooks.

Auf der Messe Linuxcon in Berlin erklärte der Google-Angestellte Dylan Reid, dass die ersten Schritte der Umsetzung eine einfache Aufgabe gewesen seien. Schwierig seien dagegen die vielen Kleinigkeiten gewesen, die eine nutzerfreundliche Umsetzung benötigen. Dafür nutzt das Team viele Möglichkeiten, die der Linux-Kernel ihnen bietet. Auch der Userspace wurde angepasst. Zum Einsatz kommt hier das Wayland-Protokoll, wie die Beteiligten auf der X.org Developers Conference 2015 erläuterten.

Zudem gab es in diesem Jahr mehrfach Gerüchte, dass Google Android und ChromeOS unter dem Namen Andromeda vollständig zusammenführen wolle. Bis auf einige Hinweise, die sich aus dem Code der beiden Betriebssysteme ergeben, gibt es jedoch noch keine konkreteren Hinweise zu der Zusammenführung.

IoT und Smartphone sind fast dasselbe

Ebenso fortgeschritten beim Zusammenführen von Systemen scheinen die Arbeiten an übergreifender Technik zu sein, die künftig sowohl auf Geräten für das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) als auch auf Smartphones eingesetzt wird. Hardwareseitig unterscheiden sich diese Produktkategorien nicht sonderlich. Es handelt sich bei beiden um Embedded-Geräte, so dass sich die für die Software zu lösenden Aufgaben ähnlich sind, was übergreifende Entwicklungsansätze ermöglicht.

Mit Witz und etwas plakativ verdeutlichte diese Entwicklung die Chefin von Ubuntu-Sponsor Canonical, Jane Silber, im Gespräch mit Golem.de in diesem Jahr. Laut Silber ist die derzeit größte Konkurrenz für Ubuntu "das verrückte Bastel-Linux".

Silber meint damit die Linux-Varianten, die von der Entwicklungsabteilung eines Herstellers nur einmal für ein Gerät erstellt werden. "Die haben keine Idee, wie die aktualisiert werden können. Die haben einfach überhaupt keinen Plan", sagte Silber fest. Canonical habe diese Expertise dagegen in den vergangenen Jahren durch sein Smartphoneprojekt sammeln können.

Die damit einhergehenden Veränderungen am System könnte Ubuntu künftig in anderen Bereichen wie eben dem IoT nutzen. Dazu gehören die Aktualisierungen auf Grundlage von Image-Updates oder das Snap-Paketformat. Zwar hat Canonical damit noch keinen Marktdurchbruch erzielen können, einige fertige Produkte wie ein Kühlschrank, eine Drohne oder die Nextcloud-Box sind aber bereits verfügbar.

Google arbeitet an sicherem IoT-Android

Eine ähnliche Gelegenheit wie Silber sie für Ubuntu anspricht bietet sich auch Google mit seinem Android-System. Denn das Smartphone-Android soll als Grundlage für das IoT-System Android Things dienen, das aus dem Projekt Brillo hervorgegangen ist. Erstmals bekanntgegeben hat Google die Arbeiten an Brillo im Jahr 2015, mit Details dazu hielt sich das Unternehmen seitdem aber zurück. Eine breite Produktpalette, wie sie bei Android existiert, kann Google für Brillo auch noch nicht aufweisen.

Doch wie der an Brillo beteiligte Google-Angestellte Kees Cook auf der Linux Plumbers Conference erklärte, soll Brillo vor allem die für die Sicherheit relevanten Schwierigkeiten des Android-Ökosystems überwinden. Dazu verpflichtet Google seine Hardware-Partner zu Verwendung freier Linux-Treiber.

Anders als bei Android-Telefonen, bei denen solch eine Verpflichtung nicht existiert, soll so eine langfristige Pflege der Geräte mit Android Things gewährleistet werden können. Denn insbesondere die proprietären Treiber der Hersteller sowie eigene, ebenfalls nichtfreie Änderungen gelten als Grund für die seltene oder teils nie stattfindenden Android-Updates auf Smartphones.

Ähnlich wie von Silber für Ubuntu dargestellt könnte Android Things so zu einer starken Konkurrenz für das "Bastel-Linux" werden, da es wesentlich besser abgesichert werden kann. Noch sind sowohl Android Things als auch das IoT-Ubuntu allerdings nicht mehr als weit gereifte Konzepte. Bis diese im Markt ankommen und sich durchsetzen, wird es noch etwas dauern.

Eine ähnliche Einschätzung kann für die Verbindung von Desktop- und Smartphone-Systemen getroffen werden. Für Letzteres gibt es sogar schon verfügbare Produkte, aber auch diese sind alles andere als marktbeherrschend. Immerhin hat das vergangene Jahr gezeigt, dass diese Verschmelzung bei einer guten Umsetzung viel Potential hat.  (sg)


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