Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/civilization-das-spiel-mit-der-geschichte-1612-124673.html    Veröffentlicht: 02.12.2016 09:03    Kurz-URL: https://glm.io/124673

Civilization

Das Spiel mit der Geschichte

Wer schon immer Weltgeschichte schreiben wollte, ist bei Civilization richtig. Aber wie frei ist der Spieler dabei wirklich? Golem.de hat einen wissenschaftlichen Blick auf die Abläufe in dem Strategiespiel geworfen - und viele Ungenauigkeiten sowie einen überbordenden Eurozentrismus entdeckt.

Es ist so weit: Civilization geht in die sechste Generation. Seit 25 Jahren führen Spieler in dem Strategiespiel ihr Volk durch 6.000 Jahre, von der Steinzeit bis zum modernen Staat. Die Weltgeschichte neu zu schreiben, fasziniert nicht nur Spieler, sondern auch Historiker. Wie anders hätte die Geschichte verlaufen können, wenn die Menschen nur andere Entscheidungen getroffen hätten.

Die Serie gehört zu den Vorzeigespielen für die Vermittlung von Wissen in Computerspielen. Tatsächlich lernen Spieler in Civilization viele Details und Hintergründe über einzelne historische Konzepte. Doch es gibt auch Kritik - und das nicht nur, weil natürlich nicht alles historisch korrekt abläuft. Denn ganz so frei, wie er sich fühlt, ist der Spieler nicht. Er ist Europäer. Und dann auch noch einer, der alle anderen Völker unterjochen und beherrschen will.

Weltgeschichte wird kaum unterrichtet

Die Spielregeln geben einige Entwicklungen vor und machen andere völlig unmöglich. Und die Entscheidung, welche das sind, wurde gänzlich aus westlicher Weltsicht getroffen. Das ist kein Zufall. Auch die Programmierer kommen aus diesem Kulturkreis und dürften kaum eine andere Geschichtsschreibung kennen. An Schulen und Universitäten wird bis heute die westliche Sicht der Dinge vermittelt - wenn überhaupt. Weltgeschichte als Schul- und Studienfach ist relativ neu. Es wird zur Zeit praktisch nur in Schulen in den USA als Wahlfach unterrichtet. (Einen guten Überblick über die Inhalte vermittelt die Serie Crash Course World History mit deutschen Untertiteln.)

Es überrascht also nicht, dass die Geschichte in Civilization auf den alten Mustern aufbaut. Außerdem muss das Spiel eine schwierige Anforderung erfüllen, die mit Geschichte nichts zu tun hat: Es muss Spaß machen. Wäre der Spieler kein fast allmächtiger Herrscher über sein Volk, bliebe ihm nur das Zuschauen übrig. Ein polnischer Philosoph ging so weit, Sid Meier einen Fetisch zu unterstellen, das ultimative Weltreich mit dem Spieler als Herrscher errichten zu wollen. Das ist vollkommen korrekt, er vergisst dabei nur, dass es sich um ein Spiel handelt.

Und bei aller Kritik an dem Spiel, die jetzt folgt, sollte das nicht vergessen werden. Es ist ein Spiel, das Spaß machen soll und auch tatsächlich Spaß macht. Ein Spiel, in dem man immer nur noch eine Runde spielen will, bis es plötzlich sehr viel später ist als vermutet. Aber es ist keine Simulation der Menschheitsgeschichte. An vielen Stellen stellt das Spiel sie falsch dar, sehr oft geprägt von eurozentrischen Sichtweisen und Regeln, die es unmöglich machen, eine sehr viel andere Geschichte als die der Europäer zu durchleben.

Die Wirren des Technologiebaums

Beginnen wir am Anfang. Jede Partie Civilization startet vor etwa 6.000 Jahren. Die ersten Siedler lassen sich dauerhaft nieder. Schon das ist historisch nicht ganz korrekt. Selbst in Deutschland wurden Siedlungen gefunden, die 1.000 Jahre älter waren. Im nahen Osten, wo das trockene Klima die Spuren menschlicher Siedlungen viel besser erhält, konnten Archäologen sogar mehr als 10.000 Jahre alte Siedlungen nachweisen.

Schon an dieser Stelle wird dem Spieler eine wichtige Entscheidung abgenommen: Ohne die Wahl, ein Nomadenvolk ohne Städte zu spielen, bleibt unseren tapferen Siedlern in Civilization nichts anderes übrig, als sich niederzulassen.

Schon fängt die Magie der Zivilisation an zu wirken. Gelenkt vom fast allmächtigen Spieler, fängt das Volk an, neue Technologien zu entwickeln. Keramik gehört seit der ersten Ausgabe des Spiels zu den ersten Technologien im Technologiebaum. Dabei gehört Keramik zu den ersten Funden, mit denen Siedlungen überhaupt nachgewiesen werden. Ihre Geschichte geht über 10.000 Jahre in die Vergangenheit zurück. Aber im Spiel ist ausgerechnet unsere Horde so unzivilisiert, dass sie auch Jahrtausende später noch nicht einmal Lehm zu Gefäßen formen und im Feuer härten kann.

Die ersten Metalle

Wer statt Keramik zunächst den Bergbau erforscht, der wird sich vielleicht gefragt haben, wozu das gut sein soll. Der Technologiebaum sagt es uns. Der Bergbau führt zur Bronzeverarbeitung. Dafür braucht es schon eine erstaunliche Weitsicht. Es werden Stollen in den Berg gegraben und Erze aus der Erde geholt, lange bevor dem ersten Menschen klar ist, wofür das alles gut sein soll. Mit Sicherheit war es tatsächlich umgekehrt. Zuerst kamen die Metalle aus Erzen, die zufällig an die Oberfläche gelangten, und dann der Bergbau.

In Civilization ist Bronze das erste Metall überhaupt und jeder kann es haben. Beides kann so nie gewesen sein. Vor der Bronze kam das reine Kupfer. Entdeckt wurde es wohl nur, weil seine Erze eine auffällig grünliche bis bläuliche Farbe haben. Das wird sehr dabei geholfen haben, dass irgendwann in einem Feuer Kupfererz zu Kupfer verhüttete. Denn Kupfererze sind selten. In der Liste der häufigsten Elemente in der Erdkruste steht Kupfer auf Platz 26. Im Durchschnitt sind in einer Tonne Erdkruste nur etwa 50 Gramm Kupfer enthalten.

Bronze war immer ein knappes Gut

Aber um Bronze zu erhalten, muss das ohnehin schon seltene Kupfer noch mit etwa 10 Prozent Zinn legiert werden, ein noch viel selteneres Metall. In der Liste liegt Zinn auf Platz 50. In einer Tonne Erdkruste gibt es davon im Durchschnitt knapp 2,5 Gramm. Es ist damit ungefähr so selten wie Uran. In der Antike gab es einen regen Handel, um Kupfer und Zinn zur Herstellung von Bronze an einem Ort zusammenzubringen. Auf dem Höhepunkt der Bronzezeit erstreckten sich Handelsnetzwerke über ganz Europa, bis nach Afrika und in den mittleren Osten.

Schiffswracks zeugen bis heute davon, wie knapp die Metalle waren und wie wichtig für die Kriegsführung. Wie das Wrack von Uluburun vor der türkischen Küste, in dem 10 Tonnen Kupfer und eine Tonne Zinn gefunden wurden. Es wird vermutet, dass die Schiffsladung zur Ausstattung einer Armee gedacht war. In Civilization ist Bronze dagegen ein Allerweltsmetall. Jeder kann die Bronzeverarbeitung erforschen und sofort nutzen. Kupfererze kommen in Civilization allenfalls als Bonusressource vor, im fünften Teil sogar als Luxusressource, und Zinn überhaupt nicht. Das erste strategische Metall in Civilization ist Eisen.

Niemand, der bei Verstand ist, würde freiwillig Eisen herstellen

Die Eisenverarbeitung führt im Spiel sofort zu Einheiten, die denen der Bronzezeit überlegen sind. Auch in der Geschichte folgte die Eisenzeit auf die Bronzezeit. Die Verwendung von Eisen gilt schon als Zeichen der technologischen Überlegenheit. Das erscheint viel plausibler, als es tatsächlich ist. Niemand, der bei Verstand ist, würde freiwillig Eisen herstellen und benutzen, wenn er Bronze hat. Eisen konnte noch nicht geschmolzen werden, aber das gewonnene Eisen war trotzdem noch voller Verunreinigungen. Der einzige Weg, sie herauszubekommen, war, die Verunreinigung in stundenlanger Arbeit herauszuhämmern. Erst dann kam irgendwann der eigentliche Schmiedevorgang.

Bronze kann geschmolzen und in einem einfachen Schritt in jede beliebige Form gegossen werden. Verunreinigungen werden in der flüssigen Bronze durch Flussmittel zu einer Schlacke verwandelt, die auf der Bronze schwimmt und abgegossen werden kann. Es kommt noch schlimmer. Eisen ist weniger hart und weniger scharf als gute Bronze. Denn es ist reines Eisen. Das Material, das der Bronze haushoch überlegen ist, ist nicht Eisen, sondern Stahl. Stahl ist eine Legierung aus Eisen und kleinen Mengen Kohlenstoff, deren Herstellung die antiken Schmieden erst im Laufe der Zeit entwickelten.

Eisen gibt es fast überall

Wenn die Menschen freiwillig kein Eisen herstellen würden, warum taten sie es dann trotzdem? Weil sie entweder kein Kupfer oder kein Zinn hatten. Eisen ist in der Liste der häufigsten Elemente der Erdkruste auf Platz 4. Eine Tonne Erdkruste enthält im Durchschnitt etwa 50 Kilogramm Eisen. Das Zeug gibt es überall. Vor über 4.000 Jahren wurde bekannt, wie Eisen aus Eisenerz hergestellt werden kann. Danach konnte jeder - mit furchtbar viel Aufwand - immerhin Werkzeuge und Waffen aus Eisen machen, wenn er schon kein richtiges Metall hatte - also Bronze.

Wer in Civilization seine Soldaten mit Waffen aus Eisen ausrüsten will, muss erst einmal auf der Karte nach einem Eisenvorkommen suchen. Und wehe dem, der kein Eisen hat. Er muss seine Soldaten mit Bronzewaffen ausrüsten, weil das im Spiel seltene Eisen nicht verfügbar ist. Das Metall bleibt im Spiel bis ins Mittelalter eine entscheidende Ressource. In der echten Welt ist es genau umgekehrt. Eisen konnte nur deshalb zu einem Allzweckmetall werden, weil es überall verfügbar ist.

In China, wo sich die Bronzeherstellung zu einer hohen Kunst entwickelt hatte, kamen Werkzeuge und Waffen aus Eisen erst viel später als in Europa auf. Die Technik wurde dort erst etwa 800 Jahre vor unserer Zeit von den weitgehend nomadischen Steppenvölkern der Skythen übernommen. Waren die Chinesen deswegen ein primitives Volk, weil sie erst so spät zur Eisenverarbeitung kamen? Wohl kaum. In China wurden die ersten Werkzeuge aus Gusseisen während der Zhou-Dynastie im Staat Wu hergestellt, 500 Jahre vor unserer Zeit und etwa 2.000 Jahre vor der Entdeckung des Gusseisens im europäischen Spätmittelalter.

In der Steppe leben nicht nur Barbaren

Es war kein Zufall, dass ein Steppenvolk die Eisenverarbeitung nach China brachte. In Civilization treten sie in zwei Formen auf. Meistens sind es reine Barbaren, die alles in Sichtweite angreifen. Nur einige Völker, wie die Mongolen oder die Skythen, treten als vollständige Zivilisation auf. Dabei betreiben sie Ackerbau, haben die gleichen Städte und Staatsgrenzen wie alle anderen Zivilisationen auch und unterscheiden sich in fast nichts von ihnen.

Dabei spielten sie in der Weltgeschichte eine entscheidende Rolle, gerade wegen der Unterschiede zu den klassischen Staaten, deren Bevölkerung fest an das Land gebunden war. Völker wie die Kitan, die Uiguren und eine ganze Reihe türkischer Stämme traten zwischen den Staaten genauso oft als Händler auf, wie als schlichte Bewohner des Landes, Rivalen angrenzender Staaten oder manchmal auch als Eroberer. Das einzige, das den umherziehenden Bewohnern der Steppe ohne festes Staatsgebiet im Spiel nahe kommt, sind die Barbaren.

Sie sind tumbe aggressive Stämme, die immer wieder erscheinen und immer wieder ausgelöscht werden können. Jede Verhandlung ist unmöglich, ein Genozid ist der einzige Ausweg. Tatsächlich hat es immer wieder Verhandlungen mit sogenannten Barbaren gegeben. So lebten die Chinesen immer in direkter Nachbarschaft mit Steppenvölkern. Die Beziehungen waren selten vollkommen friedlich, oft spielten die Chinesen mehrere Steppenvölker durch Diplomatie gegeneinander aus.

Mit Barbaren konnte verhandelt werden

Nach dem Fall der Tang-Dynastie gründete das Volk der Kitan im Norden Chinas einen eigenen Staat nach dem Vorbild Chinas, die Liao-Dynastie. Die Nachfolger der Tang, die Song, führten schließlich Krieg gegen die Kitan und mussten einsehen, dass sie von ihnen nicht besiegt werden konnten. Um sie dennoch zu besiegen, sprachen sie mit den anderen Völkern in der Gegend der heutigen Mandschurei. Dort lebten die Jurchen und mit ihnen kam es zu einer verhängnisvollen Allianz.

Vereinbart wurde ein gleichzeitiger Angriff von beiden Seiten, um die Kitan zu besiegen. Die Jurchen schlugen sich besser als erhofft. Viel besser. Sie eroberten den Staat Liao, aber machten nicht halt und eroberten den gesamten Norden Chinas bis zum Yangtze und erklärten das Gebiet zum Königreich Jin. Ein Teil der Kitan floh nach Westen und gründete in der Gegend des heutigen Kasachstans einen neuen chinesischen Staat namen Qara Kithai, von dem das heutige russische Wort für China stammt.

Das Machtgefüge Asiens wurde dadurch sehr geschwächt. Etwa ein Jahrhundert später gelang es einem gewissen Temujin, mit Diplomatie und Gewalt die Steppenvölker zu vereinen und beide Staaten zu erobern - und bald den ganzen Rest Asiens. Bekannt wurde er als Dschingis Khan.



Erst die Kanone, dann die Muskete

Die Mongolen waren es auch, die das Schwarzpulver nach Europa brachten. Auch diese große Erfindung in der Kriegsführung verlief ganz anders als in Civilization. Kaum ist das Schwarzpulver erfunden, laufen dort die ersten Musketiere über die Schlachtfelder des Computerspiels. Dabei sind Musketen echte Hightech-Waffen. Von der Erfindung des Schwarzpulvers bis zu den ersten Musketen dauerte es mehr als ein halbes Jahrtausend.

Die erste Beschreibung von Schwarzpulver stammt aus China, am Ende der Tang-Dynasty im 9. Jahrhundert. Alchemistische Experimente von daoistischen Mönchen führten zu seiner Entdeckung. Die erste schriftliche Beschreibung von Schwarzpulverwaffen und deren Herstellung stammt aus dem Wujing Zungyao, einem chinesischen Militärhandbuch von 1044, während der Song-Dynastie. Es beschrieb Granaten und per Katapult geworfene Bomben. Knapp 100 Jahre später wurden die ersten Bambuskanonen gebaut, noch später auch Kanonen aus Bronze. Die älteste Kanone mit einer Jahreszahl stammt aus dem Jahr 1298, ebenso aus China, diesmal unter mongolischer Herrschaft während der Yuan-Dynastie.

Kurzum: Granaten, Bomben und Kanonen waren zuerst da. Von tragbaren Schusswaffen war die Entwicklung noch weit entfernt. Von den ersten Kanonen ausgehend gab es zwei Entwicklungsrichtungen. Einmal sollten die Kanonen größer werden, um Katapulte zu ersetzen und Mauern zerstören zu können. Wie gut sie das konnten, bewiesen die Osmanen im Jahr 1453, als sie die Stadtmauern von Konstantinopel zerstörten und die Stadt endgültig einnahmen.

Die Entwicklung der Muskete brauchte Jahrhunderte

Zum anderen sollten die Kanonen kleiner und tragbarer werden. In den 1420er-Jahren hatten damit die Hussiten in Tschechien große Erfolge. Sie entwickelten kleine Kanonen mit einem Haken, der auf einer Mauer eingehakt wurde. Die Mauern waren in dem Fall Wände von Wagen, die im Kreis zu einer Wagenburg aufgebaut wurden. Zur gleichen Zeit gab es aber auch Handkanonen an langen Holzstangen, die in den Boden gerammt wurden, um den Rückstoß abzufangen.

Aber Musketen mit kleinem Kaliber, langen Läufen und einhändig zu bedienendem Abzug wurden erst im 16. Jahrhundert entwickelt. Auch hier ist die strategische Ressource fragwürdig. Tatsächlich war Salpeter als wichtigster Bestandteil von Schwarzpulver immer knapp. Aber spätestens am Ende des 14. Jahrhunderts wurde Salpeter in Europa auch aus Urin hergestellt, möglicherweise anderswo noch eher. Damit wurde die Herstellung von Salpeter zwar anrüchig, aber immerhin unabhängig von Mineralvorkommen.

Auch Aluminium ist keine strategische Ressource

Wer nun glaubt, diese Missverständnisse lägen an der langen Zeit seit dieser Entwicklung muss nur die strategischen Metalle in der Neuzeit anschauen. Wer Flugzeuge bauen will, braucht Aluminium. In Civilization 6 ist auch das eine strategische Ressource im späten Endspiel. Aber auf unserer Liste der häufigsten Elemente in der Erdkruste findet sich Aluminium sogar noch über dem Eisen auf Platz 3. Vielleicht sollte in der Computerära noch Silizium als strategische Ressource hinzukommen, das ist auf Platz 2. Der erste Platz ist übrigens der Sauerstoff, der die vielen Oxide bildet, aus denen unser Gestein besteht.

Aber allen Sarkasmus beiseite: Ein Korn Wahrheit steckt dennoch darin. Der Prozess zur Herstellung von Aluminium benötigte zunächst das sehr seltene Mineral Kryolith, das mit Aluminiumoxid vermischt wurde, um die Schmelztemperaturen zu verringern. Bis in den zweiten Weltkrieg hinein war Kryolith eine entscheidende Ressource. In modernen Verfahren wird das Kryolith synthetisch hergestellt.

Papier und Buchdruck stammen aus der Zeit der Han-Dynastie in China. Zur Zeit des Aufstiegs des römischen Reichs in Europa entstanden in China die ersten Bücher als Holzblockdrucke, 1.500 Jahre vor den ersten Exemplaren in Europa. Der Druck mit beweglichen Lettern aus Metall wurde dort im 12. Jahrhundert erfunden, etwa 300 Jahre vor Gutenberg. Alles das dringt nur langsam in den Geschichtsunterricht vor.

Dort dient der Buchdruck allenfalls zur Einführung der Gutenbergbibel, des Protestantismus und schließlich des 30-jährigen Krieges, der uns den Westfälischen Frieden und das Konzept des modernen Staates brachte. Weil Civilization diese Erzählung der Geschichte nachbildet, ist es unmöglich, dort das echte China nachzuspielen. Papier und Buchdruck sind dort zwangsweise Erfindungen der Renaissance, obwohl es sie schon in der klassischen Antike gab.

Hat die westliche Welt den Kultursieg geschafft?

Der Eurozentrismus der Geschichte in Civilization wird im neuen Technologiebaum für Kultur noch viel schlimmer. Ab dem Mittelalter lesen sich die kulturellen Errungenschaften jeder Zivilisation wie ein Abriss aus der europäischen Geschichte. Nur sehr wenige Konzepte, wie der öffentliche Dienst, sind wirklich allgemein gehalten. So beschert das Mittelalter jedem, Japanern genauso wie Azteken, den Feudalismus, Mittelalterliche Messen, Gilden und das Gottesgnadentum. Die Ära der Renaissance bringt Entdeckung, Humanismus, Reformierte Kirche, Merkantilismus und die Aufklärung. Kein mongolischer Spieler kann sich gegen den europäischen Lauf der Geschichte stemmen.

Wenn die Reformation der christlichen Kirche und das europäische Gottesgnadentum verewigt werden, dann muss die Frage gestellt werden, wo die nicht weniger spezifische islamische Umma oder der Konfuzianismus bleiben. Wo genau verortet sich darin der Zusammenschluss der Konföderation der Irokesen? Gehört Voodoo zum antiken Mystizismus oder sollte afrikanischen Völkern zugestanden werden, dass sich auch ihr Mystizimus weiterentwickelt hat?

Der Zustand ist so kaum akzeptabel. Von wenigen sehr allgemeinen Kategorien abgesehen sind die kulturellen Konzepte vollständig aus der europäischen Geschichte entnommen. Der Spieler ist in kultureller Hinsicht gezwungen, die europäische Geschichte nachzuvollziehen und keine andere. Das wirft ein ganz anderes Licht auf den Sieg durch kulturelle Dominanz. Im Spiel selbst kann immer nur eine Kultur dominieren: unsere eigene. Das Spiel zu gewinnen, wenn die eigene Kultur alle anderen Kulturen dominiert, ist fraglos eine gute alternative Spielmechanik, um dem Spiel mehr Abwechslung zu verschaffen. Aber sie hat einen bitteren Beigeschmack, freilich nicht so bitter wie der Sieg durch militärische Dominanz.

Dabei hat Civilization in den vergangenen 25 Jahren schon große Fortschritte gemacht. Die Auswahl der Völker, die der Spieler kontrollieren kann, ist immer größer geworden, und immer mehr Teile der Welt werden repräsentiert. Auch die Weltwunder, die im Spiel gebaut werden können, stammen zu größeren Teilen nicht mehr nur aus der europäischen Geschichte. Zu den im fünften Teil eingeführten Stadtstaaten gehören auch relativ unbekannte afrikanische Kulturen wie Ife oder Kumasi. Trotzdem ist das Spiel noch immer tief mit der eurozentrischen Sicht der Geschichte verwoben.

Der Griff nach den Sternen

Was bleibt, ist der Sieg durch Technologie. Zum ersten Mal rückt das Ziel in greifbare Nähe. Statt ein Raumschiff nach Alpha Centauri zu schicken, genügt diesmal der Flug zum Mars. Das ist anders als alle anderen Siegbedingungen. Der Flug zum Mars ist ein Projekt, das um seiner selbst willen durchgeführt wird. Alle anderen Siegbedingungen laufen auf Dominanz und Unterwerfung aller anderen Völker der Welt hinaus, ein Sieg, der in der echten Welt so niemals geschehen wird und auch nicht im Ansatz geschehen darf.

Der Flug zum Mars ist nicht das Ende der Geschichte. Die Menschheit existiert weiter in genau der Vielfalt, in der sie bis dahin existierte. Mit der gegenwärtigen politischen Entwicklung in der EU, den USA und Russland erscheint es manchmal so, als wäre die Menschheit vielleicht doch in einer viel zu langen Partie Civilization gefangen. Es bliebe dann nur zu hoffen, dass keine der beteiligten Regierungen demnächst einen der anderen Siege anstrebt und sich auch weiterhin alle Spieler darin einig sind, noch eine weitere Runde zu spielen.

Mitarbeit: Stefan Doneker (Akademie der Wissenschaften Wien) und Richard Bulliet (Columbia University, New York).

Stefan Doneker hat sich wissenschaftlich mit Civilization auseinandergesetzt, ihm fiel insbesondere der Eurozentrismus des Spiels auf. Richard Bulliet betonte vor allem die Rolle der Steppenvölker. Er ist einer der Koautoren des Buchs The Earth and its Peoples, ein Lehrbuch zur Weltgeschichte in den USA. In seiner Vorlesungsreihe zur Weltgeschichte spricht er ausführlich darüber.  (fwp)


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