Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/dishonored-2-im-test-kampftueftler-mit-leerlauf-1611-124601.html    Veröffentlicht: 21.11.2016 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/124601

Dishonored 2 im Test

Kampftüftler mit Leerlauf

Packende Gefechte mit kombinierbaren Spezialkräften, einige tolle Umgebungen, aber auch viel kleinteilige Suche nach Bargeld und Pistolenkugeln: Dishonored 2 schickt den Spieler in eine tolle Welt - und lässt ihn dann zu oft im Müll wühlen.

Drei feindliche Wachen - kein Problem, ein paar Schwerthiebe reichen. Aber, hihi, wir können auch anders! Beispielsweise können wir ein Geist-Duplikat von uns selbst beschwören, das zwei der Gegner ausschaltet, während wir genüsslich zusehen und den übriggebliebenen Feind einfach erschießen. Oder wir verketten die Kontrahenten mit Magie, und ziehen einen über einen Abgrund - dann fallen sie alle in die Tiefe. Oder wir legen eine Splittermine und locken das Trio zu uns - bumm, und das war es auch schon! Oder, oder ...

In Dishonored 2 haben wir im Spielverlauf immer vielfältigere Möglichkeiten, den Kampf für unsere Sache nicht nur mit Schwert, Pistole oder Armbrust zu führen - sondern dank vielfältiger und sinnvoll kombinierbarer Spezialkräfte auch kreative Freiheiten beim Töten. Das ist auch nötig, denn immerhin geht es um den Thron. Den hat eine ebenso böse wie mutmaßliche Tante durch einen Putsch übernommen, aber natürlich wollen wir ihn zurück! Dabei treten wir entweder als junge Kaiserin Emily Kaldwin an, oder als ihr Vater - also als Corvo Attano, der bereits die Hauptfigur im ersten Dishonored war.

Die Wahl hat keine Auswirkungen auf die Handlung, sondern nur auf die Spezialfähigkeiten, die wir nach und nach freischalten. Kurzversion: Corvo ist robuster und kämpft besser. Emily wiederum hat ein paar Vorteile beim Schleichen und unbemerkt agieren, dafür kann sie weniger Klingen oder Kugeln einstecken - die meisten Spieler dürften mit ihr spürbar öfter sterben. Das liegt auch daran, dass Schleichen etwas schwieriger als im ersten Teil geworden ist. Statt Licht und Schatten entscheiden die Sichtlinien der Feinde über unsere Tarnung. Und wenn wir erst mal entdeckt sind, stürzen sich gleich alle Gegner in der Nähe auf uns.

Neben dem Protagonisten gibt es weitere Optionen, die neun Levels der 15 bis 20 Stunden langen Kampagne auf seine Spielweise anzupassen. Wer eine echte Herausforderung sucht, kann einen höheren der vier Schwierigkeitsgraden wählen, vor allem aber auf die Superkräfte verzichten - was eine wesentlich größere Herausforderung bedeutet. Im Dezember 2016 soll übrigens per Update ein Modus namens "New Game+" erscheinen, mit dem nach dem ersten Durchspielen bei einem weiteren Durchgang die Spezialkräfte bestehen bleiben und um Neue ergänzt werden können - gedacht ist das für Spieler, die alle Skills und Ausbaustufen freischalten wollen.

Den Kampf um die Krone führen wir kurz in unserer Heimatstadt Dunwall, vor allem aber in der neuen Hafenmetropole Karnaca und in einigen Außengebieten. Karnaca ist eigentlich ein sonniger Ort - aber dennoch stehen wir gleich nach unserer Ankunft in Blut, nämlich in dem von frisch gefangenen Walen, die offenbar gerade über die Straßen gezogen wurden.

In den engen Gassen der Stadt absolvieren wir unsere ersten paar Aufgaben, später kommen wir dann in andere Gebiete. So fahnden wir ein einem halbverfallenen Sanatorium auf einer Insel nach dem sogenannten Kronenmeuchler, einem mysteriösen Mörder. Richtig spannend wird es erst ab der Mitte der Kampagne von Dishonored 2: Dann gelangen wir in ein Maschinenhaus, das wir auf Knopfdruck verändern können, später sind dann sogar Manipulationen mit der Zeit möglich. Mehr verraten wir über diese sehr gut gemachten Abschnitte aber nicht!

Verfügbarkeit und Fazit

Neben diesen tollen Umgebungen und zwischen den im Spielverlauf immer vielfältigeren Kämpfen gibt es aber auch lange Abschnitte, in denen Corvo oder Emily ihre Spezialkräfte aufbauen müssen. Das tun sie, in dem sie so gut wie jedes Haus, jede Wohnung und dort jeden Schreibtisch und Schrank nach Runen, Knochenartefakten oder schlicht nach Geld durchsuchen.

Nur so lassen sich die Zauberkräfte, aber auch die sonstigen aufrüstbaren Extras verbessern - es gibt keine Erfahrungspunkte etwa für getötete Feinde oder absolvierte Aufgaben. Das durchsuchen von Dutzenden von Zimmern, finsteren Ecken und teils Müllbergen kann manchmal ganz schön nerven, außerdem kostet es sehr viel Zeit.

Die Grafik von Dishonored 2 macht einen sehr durchwachsenen Eindruck. Auf der einen Seite gibt es die künstlerische Gestaltung der Umgebungen und der Figuren, die eine der schönsten Interpretationen von Steampunk überhaupt ist. Alles wirkt stimmig, es gibt viele originelle Details wie ein lichtdurchflutetes Treppenhaus im Sanatorium oder die schöne Kutsche, mit der wir auf Schienen durch Karnaca fahren.

Technisch macht das Spiel keinen so schönen Eindruck: Texturen wirken teils sehr matschig, sodass Details in dunklen Ecken kaum zu erkennen sind. Animationen wirken oft abgehackt, und viele Zwischensequenzen mit ihrer schlechten Kameraführung und -perspektive kaum noch zeitgemäß.

Das von Arkane Studios entwickelte Dishonored 2 ist für Windows-PC (50 Euro), Playstation 4 und Xbox One (60 Euro) erhältlich. Auf die technischen Probleme der PC-Version sind wir bereits in zwei Artikel eingegangen (Technik-Test und Update). Auch Konsolenspieler können selbst Spielstände anlegen, sogar eine - leider etwas umstände - Schnellspeicherfunktion ist vorhanden. Einen Multiplayermodus gibt es nicht.

Die deutsche Version macht einen guten Eindruck, insbesondere die Stimmen der Hauptfiguren gefallen uns sogar etwas besser als die vom US-Original, die bei allen Versionen per Menü ausgewählt werden kann. Hierzulande standen übrigens - parallel zu Papa Corvo und Kind Emily - tatsächlich Vater und Tochter im Synchronstudio, nämlich Manfred Lehmann (Bruce Willis) und seine Tochter Dascha. Die USK hat dem teils sehr blutrünstigen Spiel eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Dishonored 2 bietet einige spektakuläre Umgebungen, in denen Raum und Zeit zu weiten Teilen aufgehoben wirken. Allein für diese großen Levels lohnt es sich fast schon, sich mit Corvo oder Emily ins Abenteuer zu schleichen. Dazu kommen die anfangs noch sehr eingeschränkten, später wunderbar ineinandergreifenden Spezialfähigkeiten und Zauber, die viel Kreativität beim Bewältigen von Gegnermassen und sonstigen Herausforderungen erlauben.

Leider gibt es aber auch viele längere Abschnitte, in denen wir auf der Suche nach Credits oder Artefakten leerstehende Wohnung durchsuchen oder im Müll wühlen, und dabei die immer gleich agierenden Wachen ausschalten müssen. Auch die Handlung hat uns nach dem tollen Start nicht mehr so richtig gepackt. Die Sache mit dem Kronenmeuchler etwa wird sehr früh und schlecht aufgelöst.

Wer sich auf das Experimentieren mit den Superkräften der beiden Protagonisten freut, sollte Dishonored 2 eine Chance geben. Spieler, die einfach nur eine kurzweiligere Kampagne mit etwas höherem Tempo und einer gelungenen Handlung erwarten, sollten sich den Kauf gut überlegen und als Alternative vielleicht einen Blick auf Deus Ex: Mankind Divided werfen.  (ps)


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