Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nes-classic-mini-im-vergleichstest-technischer-k-o-sieg-fuer-die-original-hardware-1611-124550.html    Veröffentlicht: 18.11.2016 10:30    Kurz-URL: https://glm.io/124550

NES Classic Mini im Vergleichstest

Technischer K.o.-Sieg für die Original-Hardware

Soundeffekte im Off-Beat, höhere Eingabeverzögerung und mal mehr, mal weniger Ruckeln. Das NES Classic Mini offenbart im Vergleichstest mit der Original-Hardware von 1984 eindeutige Nachteile.

Ein Kabel zum Fernseher, eins zum Strom und das Gamepad angestöpselt - schon können wir NES-Spiele zocken. Das geht 2016 mit dem neuen Nintendo Classic Mini genau so einfach wie damals in den Achtzigern mit dem Original.

In einem eigenen Artikel haben wir die Unterschiede der Hardware zwischen dem Original und dem Classic Mini bereits aufgezeigt. Das NES Classic Mini setzt auf Software-Emulation. Nintendo verkauft die Konsole als geschlossenes System mit 30 vorinstallierten Spielen. Zur Bedienung liegt ein Controller bei, an dem ein extrem kurzes Kabel baumelt. Nintendo verlangt so von Spielern quasi, dass sie die Mini-Konsole immer in Reichweite haben. Für den Spielewechsel muss sowieso der Reset-Knopf am Gehäuse gedrückt werden. Zu den verfügbaren Titeln gehören Klassiker wie Super Mario Bros., Mega Man 2, Zelda, Castlevania, Donkey Kong und viele mehr. Spiele wie das japanische Castlevania 3 oder Metroid auf dem Famicom Disc System, die Zusatz-Hardware für die Soundausgabe oder mehr Speicher benötigen, sind nicht in der Auswahl.

Für unseren Vergleichstest nutzen wir ein europäisches Original-NES von 1985, angeschlossen über Cinch (mit und ohne Framemeister), ein Analogue NT inklusive Kevtris HDMI-Board und das neue Classic Mini. Verbunden haben wir die Konsolen mit einem OLED-Fernseher im Game-Mode und allen abgeschalteten Bildverbesserungsmodi sowie mit einem alten Röhrenmonitor über einen HDMI-auf-VGA-Adapter.

Aufnahmen werden mit einer Kamera mit 120 Bildern pro Sekunde aufgezeichnet und ausgewertet. Als Basiswert für die bestmögliche Eingabeverzögerung nehmen wir das Original-NES an einem alten Röhrenfernseher von Sony, verbunden über Cinch-Kabel und werten die Differenz als Eingabeverzögerung.

Oberflächlich gut

Auf den ersten Blick hat Nintendo beim NES Classic Mini gute Arbeit geleistet. Alle Spiele starten schnell, wenn auch nicht so direkt wie beim Original-NES, bei dem der Startbildschirm nahezu sofort nach dem Anschalten erscheint. Dafür muss beim Classic Mini kein Modul eingelegt werden.

Die Eingabeverzögerung liegt bei rund zwei bis drei Bildern pro Sekunde, für eine Ausgabe bei 60 Hertz. Abhängig von der Auslastung der Hardware bei der Emulation von Spielen mit vielen Sprites schwankt dieser Wert allerdings, ganz ähnlich wie beim Original. Dennoch werten wir das Ergebnis als noch spielbar. Die wenigsten Spieler werden einen großen Unterschied bemerken. Das Durchspielen von Punch-Out, Gradius oder Contra ist auf dem Classic Mini aber definitiv schwieriger oder zumindest gewöhnungsbedürftiger als auf der Original-Hardware.

Die kleine Konsole liefert das Bild in der maximalen Auflösung von 720p aus. Beim dreifachen Zoomen in unsere Aufnahmen erkennen wir ein minimales Bildrauschen. Insgesamt ist die Bildqualität aber nahezu auf dem Niveau des Kevtris-HDMI-Board im Analogue NT, das aktuell als Referenz bei der Bildqualität gilt.

Die Wahl der verwendeten Farben ist Nintendo sehr gut gelungen. Sie stellen einen Mix aus der von vielen Emulatoren verwendeten Farbpalette und dem, was wir von der Original-Hardware kennen, dar.

Springen im Off-Beat, weitere Schwächen und Fazit

Peinlich wird es bei der Soundausgabe. Wir messen bei den Sprüngen von Mario in Super Mario Bros. 2 eine Verzögerung von 10 von 60 Bildern pro Sekunde gegenüber dem Analogue NT und 11 Bildern pro Sekunde verglichen mit der Original-Hardware am Röhrenfernseher.

Den gleichen Wert entdecken wir im Menü von Mega Man 2. Was bedeutet das spielerisch? Auf der Original-Hardware oder dem Analogue NT gelingt es uns unabhängig vom Bildschirm problemlos, im Takt mit der Musik zu hüpfen. Das Hüpfgeräusch mischt sich mit der Melodie der Hintergrundmusik auf der 1 im Vierteltakt. Auf dem NES Classic Mini erfolgt das Sprunggeräusch aber fast punktgenau auf dem "und" im Vierteltakt - also im Off-Beat. Bei Punch-Out, Gradius oder Mega-Man verwirrt es, wenn die eigenen Hiebe und Schüsse erst verzögert wahrgenommen werden. Bei Mega-Man ist das Sprungeräusch nur sehr kurz und erklingt erst, wenn der Blaue Bomber schon wieder am Boden ist.

Nicht der Slowdown, den wir kennen

Weitere Unterschiede finden wir in Metroid und Mega Man 2, wenn viele Sprites zu sehen sind. Der Slowdown auf dem NES Classic Mini ist entweder stärker (Metroid) oder schwächer (Mega Man 2) als auf der Original-Hardware ausgeprägt. Beim Vergleich von Punch-Out entdecken wir zudem, dass Nintendo das Flimmern am oberen Bildrand verhindert, das im Original vorhanden ist, aber meist im sogenannten Overscan von damals üblichen Fernsehgeräten verschwindet.

Nützliche Emulations-Boni

Ein nicht vernachlässigbarer Punkt ist die Möglichkeit, mit dem NES Classic Mini auf Knopfdruck zu speichern. Über den Reset-Knopf am Gehäuse können Spieler jederzeit bis zu vier Spielstände pro Titel laden und sichern.

Spieler dürfen bei der Bildausgabe zwischen einem mäßig gelungenen CRT-Filter (Cathode Ray Tube, englisch für Kathodenstrahlröhre), dem 4:3-Bildverhältnis und einem 1:1 Pixel-Modus wählen. Wir empfehlen primär den letztgenannten Modus, da nur so Proportionen korrekt - wenn auch nicht authentisch - dargestellt werden. Im 4:3-Modus sind Pixelabstände ungleichmäßig, wodurch häufig ein Schimmereffekt auftritt. Der CRT-Filter ist insgesamt zu verwaschen und ausgefranst. Auch wenn hier die Pixelabstände korrekt simuliert werden, wirkt das Bild insgesamt zu schlecht. Da lieferte ein echter Röhrenfernseher auch in den Achtzigern bereits ein besseres Bild.

Eine separate Option für die von Röhrenfernsehern üblichen Scanlines - jede zweite horizontale Zeile ist schwarz - gibt es leider nicht.

Fazit

Das NES Classic Mini ist genau so schnell angeschlossen wie das Original, sieht putzig aus und ist nicht teuer. Nintendo liefert die nötigen Optionen für die moderne Bildausgabe an aktuelle TV-Geräte. Wir vermissen allerdings separat zuschaltbare Scanlines. Im Betrieb gefällt vor allem die Speicherfunktion, die überaus kurzen Kabel am Controller sind dagegen ein echtes Ärgernis.

Im Direktvergleich mit der Original-Hardware des NES und dem Analogue NT, das ebenfalls die Originalteile verwendet, fallen teils deutliche Unterschiede auf. Vor allem die Verzögerung bei der Ausgabe von Soundeffekten stört und schmälert das Gefühl der Authentizität. Das fällt vor allem bei Sprunggeräuschen oder in Menüs negativ auf. Hier hätte Nintendo besser aufpassen müssen.

Die Eingabeverzögerung mit dem Gamepad fällt dagegen gering aus. Alle Titel sind gut spielbar, wenn auch nicht so gut wie mit dem Original am richtigen Bildschirm. Die Abweichungen bei den Slowdowns oder unterschiedlich flimmernde Sprites sind zu verschmerzen.

Vor allem durch den attraktiven Preis dürfte sich Nintendos Mini-Konsole insgesamt durchaus für den schnellen Trip in die Vergangenheit lohnen. Ein authentisches Spielerlebnis dürfen Sammler, Puristen und Historiker aber nicht erwarten.  (mw)


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