Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/connect-2016-microsoft-setzt-alles-auf-die-cloud-1611-124537.html    Veröffentlicht: 17.11.2016 13:02    Kurz-URL: https://glm.io/124537

Connect 2016

Microsoft setzt alles auf die Cloud

Zur Connect, Microsofts Entwicklermesse, wird endgültig klar, dass die Zukunft des Unternehmens im Cloud-Geschäft liegt. Das zeigt sich etwa an dem längst überfälligen Beitritt zur Linux Foundation oder dem neuen SQL Server. Bei der Mobile-Entwicklung sorgt Microsoft allein für Tools und das Cloud-Backend.

Die an Entwickler gerichtete Connect-Konferenz von Microsoft nutzte das Unternehmen in den vergangenen Jahren für einige Überraschungen. Im Jahr 2014 erschien ein völlig überarbeitetes .Net-Framework, das zudem noch Open Source ist. Im vergangenen Jahr präsentierte das Unternehmen mit Visual Studio Code einen Editor für die Webentwicklung, der konsequenterweise auch Open Source ist. Und dieses Jahr tritt Microsoft als Platinum-Sponsor der Linux Foundation (LF) bei.

Beitritt zur Linux Foundation nur folgerichtig

Das kostet Microsoft 500.000 US-Dollar pro Jahr und bringt dem Unternehmen einen Platz ein im recht überschaubaren Kreis ähnlich finanzstarker Sponsoren wie zum Beispiel HPE, Intel, Samsung, Cicso, Huawei, IBM oder auch Fujitsu. Dass sich Microsoft nach Jahrzehnten der Ablehnung dem Linux-Okösystem so weit öffnet, mag manchen vielleicht immer noch überraschen. Dabei war der Schritt vorhersehbar und längst überfällig.

Und das liegt nicht an dem Linux-System selbst, sondern an dem, was sich rund um Linux entwickelt hat sowie an der Ausrichtung der Linux Foundation. So ist zum Beispiel nicht zu erwarten, dass sich Microsoft jetzt plötzlich abseits seiner Virtualisierungstechnologie Hyper-V aktiv in der Entwicklung des Linux-Kernels engagiert, wie eben HPE, IBM oder Intel.

Vielmehr nutzt Microsoft die Linux Foundation für die Vielzahl der von der Foundation betreuten Open-Source-Projekte, die zunächst auf Linux entwickelt wurden und nun auch auf Microsofts Windows oder in der Azure-Cloud laufen und von Microsoft unterstützt werden. Dazu gehört etwa Node.js, das mit der Javascript Engine des Edge-Browsers genutzt werden können soll, ebenso wie die Statistiksprache R, die Mircosoft in einer eigenen Distribution nutzt, Open Daylight für Software Defined Networking oder die Open-Container Initiative.

Letztere bemüht sich um die Standardisierung von Container-Laufzeitumgebungen sowie deren Verwaltungswerkzeugen. Microsoft unterstützt dieses Vorhaben, da es mittlerweile selbst Containertechnik in seinem Windows Server unterstützt. Dass der mit dem Sponsoring einhergehende Posten im Vorstand der LF von John Gossman aus dem Azure-Team besetzt wird, ist dabei nur konsequent.

SQL Server reif für die Cloud

Das zur Connect angekündigte Service Pack 1 von Microsofts SQL-Server 2016 zeigt zudem exemplarisch, wie Microsoft große und wichtige Teile seines Portfolios in die Cloud verschiebt. Immerhin ist MSSQL eines der wohl wichtigsten Enterprise-Produkte des Unternehmens und läuft wie im Frühjahr versprochen nun nicht mehr nur auf Windows, sondern auch auf Linux - auch wenn die Funktionsgleichheit auf beiden Plattformen noch nicht ganz erreicht ist.

Darüber hinaus soll das Datenbanksystem auch noch in einem Dockercontainer laufen können. Damit können Kunden diese vergleichsweise schnell aufsetzen, aber eben auch falls nötig relativ schnell umziehen oder Instanzen einfach beenden. Die Host-Umgebung wird damit weniger wichtig, der Fokus auf MSSQL als konkurrenzfähiges Produkt dafür umso größer.

Dieser Paradigmenwechsel zeigt sich auch an dem neuen Preismodell. Denn statt wie bisher verschieden teure Versionen mit unterschiedlichem Funktionsumfang anzubieten, haben die vier Versionen von MSSQL (Standard, Web, Express, und LocalDB) bis auf nur sehr wenige Ausnahmen denselben Funktionsumfang.

In der Vergangenheit besonders kostspielige und damit wohl wenig genutzte Fähigkeiten wie die In-Memory-Technik stehen so einem breiteren Nutzerkreis zur Verfügung und profitieren langfristig von der größeren Nutzerbasis. Abgerechnet wird die Nutzung künftig wie in Cloud-Angeboten üblich nach der Anzahl der verwendeten CPUs sowie dem verfügbaren Arbeitsspeicher. Für Kunden sind die Kosten für MSSQL selbst sowie für das Hosting leichter überschaubar, besser kalkulierbar und vor allem skalierbar.

Hilfe für die Cloud und für Mobile

Unterstützt wird Microsofts starker Fokus auf Cloud-Technik ausgerechnet von Google, das im Gegensatz zu dem scheinbar altbackenen und grauen Microsoft einigen als junges, buntes, modernes und damit besonders innovatives Unternehmen gilt. Im Enterprise-Markt geht es allerdings knallhart ums Geschäft, weshalb Google nun der von Microsoft gegründeten .Net-Foundation beigetreten ist.

Seit der Offenlegung seines hauseigenen Frameworks .Net arbeitet Microsoft auch mit Unterstützung von Linux-Distributoren wie Red Hat daran, dieses plattformunabhängig zu gestalten. Dem aktuellen IT-Trend folgend ziehen die Anwender von .Net mit ihren oftmals riesigen firmeninternen Softwareprojekten in Cloud-Umgebungen um. Microsoft kann hier mit Azure und seiner .Net-Expertise theoretisch Rundum-sorglos-Pakete für Kunden schnüren.

Damit Google mit seiner Cloud-Plattform dabei aber nicht zu sehr an Boden verliert, unterstützt das Unternehmen wohl zwangsweise eben die Sprache C# und das damit geschriebene .Net sowie typische Microsoft-Werkzeuge wie Visual Studio, die Powershell oder eben Windows-System in der Cloud. Mit der Mitgliedschaft in der .Net Foundation will Google demnach dafür sorgen, dass die große Offenheit von .Net, die Google Ambitionen ermöglicht, gewahrt bleibt.

Samsung unterstützt .Net für Tizen

Unterstützung für .Net bekommt Microsoft auch von Samsung. Letzteres engagiert sich bereits seit Juni in der .Net Foundation und plant nun, das .Net-Framework auf sein eigenes Linux-System Tizen zu portieren. Dafür eventuell notwendige Anpassungen sollen mit der Community geteilt werden, so dass davon eventuell auch andere Linux-Entwickler profitieren.

Samsung nutzt Tizen für Smartphones und -watches, aber auch für seine eigenen Smart TVs und weitere Geräte des sogenannten Internet of Things. Das Unternehmen verspricht sich von der Verwendung von .Net eine große App-Anzahl und damit eine stärkere Verbreitung und Akzeptanz seiner Geräte. Möglich werden soll dies aber nicht nur durch die Verwendung von .Net Core, sondern auch dank der Verwendung der darauf aufbauenden Xamarin.Forms, mit denen die Oberfläche von Android und iOS-Apps erstellt werden kann. Künftig dann wohl auch für Tizen. Wie zu erwarten, betont Microsoft seine Freude über die Neuzugänge bei .Net.

Werkzeuge und Cloud-Unterstützung für Mobile-Entwickler

Xamarin.Forms ebenso wie andere .Net-Technologien für mobile Systeme erwarb Microsoft durch die Übernahme von Xamarin, des Sponsors der freien .Net-Implementierung Mono. Dazu gehört zum Beispiel die IDE Xamarin Studio, die Microsoft inzwischen zu einem Visual Studio für Mac weiterentwickelt und bereits vor der Connect-Konferenz angekündigt hat.

Doch Microsoft beschränkt sich bei der neuen Produktpalette mit Visual Studio Code, Visual Studio für Mac und einem im erwartbaren Turnus aktualisierten Visual Studio 2017 nicht mehr nur auf einfache Desktop-Anwendungen, die Programmierern ein bisschen beim Entwickeln ihrer Software helfen.

Denn die Programmierwerkzeuge bieten künftig wie zu erwarten eine noch engere Verknüpfung zu Microsofts eigenem Cloud-Dienst Azure. Visual Studio 2017, das noch den Status eines Release Candidate hat, enthält etwa die Möglichkeit, Anwendungen per Mausklick in einen Docker-Container zu packen, über einen Registry-Dienst und in der Azure Cloud als gehostete App zu verteilen.

Microsoft hat aber außerdem noch sein Angebot für Mobile-Entwickler dank der Cloud deutlich erweitert. Während das Visual Studio 2015 schon extrem gut für die App-Entwicklung gerüstet ist, bietet das Visual Studio Mobile Center den Programmierern auch umfassende Test- und Evaluationsmöglichkeiten.

Die derzeit noch kostenlose verfügbare Vorschau darauf bezeichnet Microsoft bereits als Missionskontrollsystem für die App-Entwicklung, was vor allem für die Zusammenarbeit im Team gelte. So werde neuer Code automatisch gebaut, die Apps lassen sich auf Tausenden verschiedenen Geräten testen und erfolgreich getestete Anwendungen können direkt an menschliche Tester verteilt werden.

Die App-Backends können direkt in der Cloud skaliert und um Cloud-Dienste wie Synchronisation oder einfach nur sehr viel Speicher erweitert werden. Insbesondere die schon jetzt verfügbaren Analysewerkzeuge sollen künftig noch deutlich erweitert werden.

Naheliegend ist hier eine Anbindung an die Big-Data-Plattform Azure Data Lake mit ihren Analysefähigkeiten, die nun offiziell zur Verfügung steht. Ebenso laufen die mit dem im März vorgestellten Chatbot-Framework erstellten Bots in der Azure-Cloud. Auch das sollte einigen App-Entwicklern eine wichtige Hilfestellung sein.

Bei all den Innovationen mit Hilfe der Cloud für Entwickler bleibt noch abzuwarten, was die Teams bei Microsoft selbst künftig damit anstellen werden. Das zeigt sich vielleicht schon im kommenden Frühjahr auf der nächsten Build-Konferenz von Microsoft.  (sg)


Verwandte Artikel:
Always Connected PCs: Vielversprechender Windows-RT-Nachfolger mit Fragezeichen   
(09.03.2018, https://glm.io/133094 )
iOS und Android: Google veröffentlicht Dart 2.0 und Flutter-Beta   
(28.02.2018, https://glm.io/133050 )
LLVM 6.0: Clang bekommt Maßnahme gegen Spectre-Angriff   
(09.03.2018, https://glm.io/133241 )
Microsoft: Zusatzpaket bringt wichtige Windows-Funktionen für .Net Core   
(20.09.2017, https://glm.io/130155 )
Finspy: Neuer Staatstrojaner-Exploit in RTF-Dokument gefunden   
(13.09.2017, https://glm.io/130025 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/