Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/20-jahre-icq-uh-oh-ich-kann-mich-nicht-trennen-1611-124532.html    Veröffentlicht: 17.11.2016 14:30    Kurz-URL: https://glm.io/124532

20 Jahre ICQ

Uh-oh, ich kann mich nicht trennen

Vor 20 Jahren erschien mit ICQ einer der erfolgreichsten Chatdienste. Es veränderte das Kommunikationsverhalten einer Generation - auch das unseres Autors.

Allein dieser Sound. Ein piepsiges Uh-oh!, als würde ein Teletubby in den Computerboxen leben und sich immer erschrecken, wenn eine neue Chatnachricht kommt. "Uh-oh!", ein Ton, der nach neunziger Jahren klingt wie die Vengaboys, nach ISDN, nach Napster und Röhrenbildschirmen. "Uh-oh!", das ist der Sound von ICQ, einem der ersten Instant-Messenger im Internet, der jetzt seinen 20. Geburtstag feiert. Ja, wirklich: ICQ gibt es noch! Ich muss es wissen, ich nutze es selbst.

Am 15. November 1996 erschien die erste Version von ICQ, das für das englische I seek you, ich suche dich, steht. Vier israelische Studenten hatten es für ihr Startup Mirabilis entwickelt und kostenlos im Internet angeboten. Die Idee: Alle Nutzer sollten eine einzigartige Nummer erhalten, dank der sie von anderen im Netz gefunden werden konnten, um miteinander zu chatten. Natürlich gab es schon lange vor ICQ Online-Chatdienste, doch sie waren vor allem erfahrenen Benutzern vorbehalten. ICQ dagegen brachte Instant-Messaging vielen neuen Internetnutzern nahe und beeinflusste damit das Kommunikationsverhalten einer ganzen Generation.

Meiner Generation.

Denn ICQ war, mit dem wenig später veröffentlichten AOL Instant Messenger (AIM), gewissermaßen das Whatsapp der neunziger Jahre. Wer wie ich und meine Freunde vom Lande zwischen 1997 und 1998 als Teenager online ging, erhielt plötzlich ungeahnte Möglichkeiten. Handys waren noch nicht sehr verbreitet, Pager schon gar nicht. Wer etwas von den anderen wollte, musste entweder über das Festnetz anrufen oder kurz "rumkommen", wie es hieß. ICQ änderte das. Plötzlich saßen wir alle vor unseren Rechnern in den Jugendzimmern und unterhielten uns. In Echtzeit, egal ob morgens vor der Schule oder abends nach dem Fußballtraining. Ohne dass uns Mutter von der Strippe im Hausflur holen wollte. Wie geil war das denn?

Hallo, Netzkultur!

Als meine Freunde und ich ICQ entdeckten, war Mirabilis bereits einer der gefragtesten Namen der Dotcom-Branche. Denn ICQ wuchs schnell. 1998, nur zwei Jahre nach dem Start, gab es alle drei Wochen etwa eine Million neue Nutzer. Im Juni des Jahres übernahm AOL das Unternehmen für einen Preis von 407 Millionen US-Dollar - damals eine wahnsinnige Summe für einen Dienst, der praktisch keinen Umsatz machte. Zum Vergleich: Als Facebook vor zwei Jahren Whatsapp für 19 Milliarden US-Dollar übernahm, war das vergleichsweise unspektakulär, obwohl Whatsapp ebenfalls kein Geld einbringt.

Mit ICQ kam nicht nur eine neue Form der Echtzeitkommunikation in unser Leben, sondern auch die Netzkultur. Meine Kumpels und ich schrieben nicht mehr "Tschüss", sondern "cu", das hatten wir irgendwo aufgeschnappt, das machten die coolen Leute im Netz so. Wo heute reihenweise tränenlachende Emojis verschickt werden, schrieben wir "lol", seltener "rofl", und wenn es wirklich überhaupt nicht witzig war, auch mal ein ironisches "atomrofl". Das Symbol mit der kleinen, grün-roten Blüte war in unseren Windows-Taskbars ebenso verankert wie der Browser oder der Musikplayer Winamp. Wer nicht "on" in ICQ war, musste wirklich gute Gründe haben.

Wir lernten, dass ICQ eine ganz neue Netiquette mit sich brachte: Wer seinen Status auf "away" setzte, war vielleicht nur mal kurz draußen im Garten und kam bestimmt gleich wieder, bei "not available" konnte eine Antwort schon mal etwas länger dauern, "do not disturb" war als wichtigtuerisch verpönt. Der Statustext wiederum bekam eine eigene Bedeutung: Wo war Julian wirklich, wenn plötzlich "Kippen kaufen" in seinem ICQ stand, obwohl er gar nicht rauchte? War René tatsächlich nicht online oder bloß für seine Kontakte "invisible", weil er keinen Bock hatte zu chatten? Ging er gar jemandem aus dem Weg? Und wie lang durfte eine Antwort durchschnittlich dauern, bevor der andere beleidigt war? Ausreden à la "habe ich nicht gelesen" galten in ICQ ebenso wenig wie heute in Whatsapp. Mit dem Instant-Messaging erfuhren wir eine neue Form sozialen Drucks.

'Kannst du mir meine Nummer schicken?'

Nach der Übernahme durch AOL entwickelte sich die ICQ-Software schneller denn je. Dateitransfer, Gruppenchats, das Erstellen von Kontaktlisten, SMS- und E-Mail-Unterstützung, auch Verschlüsselung wurden nach und nach hinzugefügt und ausgebaut. 2002 folgte die erste Version für mobile Geräte: ICQ für das Betriebssystem Symbian S60, das damals vor allem der weltweite Marktführer Nokia in seinen Handys einsetzte.

Meine erste ICQ-Nummer war - glaube ich - noch eine der heute sagenumwobenen sechsstelligen. Doch irgendwann, es muss so um 2001/2002 herum gewesen sein, entschied ich mich aus mir heute unbekannten Gründen, eine neue anzulegen. Achtstellig, nicht mehr ganz so cool. Einige meiner Freunde wechselten in den Jahren die ICQ-Accounts so häufig wie ihre Lieblingsbands. "Kannst du mir mal meine ICQ-Nummer schicken?", war so ziemlich die erste Frage, nachdem man mal wieder seinen PC formatiert hatte. Merken konnte sie sich nämlich kaum einer.

ICQ verpasste den Sprung auf Smartphones

ICQ zeigte früh, wie groß und vielfältig das World Wide Web ist. Weil es möglich war, nach Profilen, Orten oder Namen zu suchen, ließ sich mit fremden Menschen in Kontakt treten. So lernte ich einen Jungen aus Norddeutschland kennen, der den gleichen Spitznamen im Internet nutzte wie ich - und bis heute noch eine Domain besitzt, die ich gerne hätte.

An einem anderen Tag schrieb jemand aus den USA und behauptete, eine junge Frau zu sein. Als ich skeptisch wurde, bekam ich drei Bilder von Frauen geschickt, die vielleicht mit zusammengekniffenen Augen eine gewisse Ähnlichkeit aufzuweisen hatten. Mein Chatpartner gab sich offenbar als jemand anderes aus; ich war erstmals Opfer eines Catfishing-Versuchs. Oder saß zumindest einem Troll auf. Die täglichen Kontaktanfragen russischer Spambots wusste ich dagegen schnell zu ignorieren.

Ich stritt mich auf ICQ mit Kumpels, versöhnte mich wieder. Ich flirtete mit Frauen, weil chatten weniger aufdringlich schien als das Schreiben von SMS. Ich überlegte mir minutenlang vermeintlich clevere und charmante Sätze, nur um eine Nanosekunde nach dem Absenden festzustellen, wie peinlich und beknackt sie doch eigentlich klangen. Noch so ein Phänomen, das sich mit Whatsapp nicht verändert hat.

Für den Dienst selbst begann ab 2005 der langsame Abstieg. Das Programm enthielt inzwischen Spiele, wollte mit bunten Bildern, mit Voice- und später Videochats neue Funktionen bieten. Es waren vor allem Verschlimmbesserungen, und der Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der Internetnutzer war längst ausgebrochen. Skype warb ab 2003 ICQ viele Nutzer ab und mit der Einführung von Facebook, aber auch von Angeboten wie Myspace und dem deutschen StudiVZ ab 2006 verschoben sich persönliche Chats zunehmend weg von Messengern in die sozialen Netzwerke.

Als die Smartphones kamen, verpasste ICQ endgültig den Anschluss. Obwohl es praktisch seit Beginn an auf mobilen Geräten verfügbar war, konnte es kaum neue Nutzer finden. 2010 übernahm die russische Mail.ru-Gruppe ICQ zum Preis von 188 Millionen US-Dollar, das ebenfalls strauchelnde AOL war wohl froh, noch einen Käufer gefunden zu haben. Damals hatte ICQ noch rund 42 Millionen aktive tägliche Nutzer. Im Jahr 2013 waren es nur noch 11 Millionen. Whatsapp nutzen zum Ende des Jahres bereits 400 Millionen Menschen.

Oh du schöne Nostalgie!

Auch in meinem Freundeskreis hat ICQ seinen Reiz längst verloren. Wenn ich zu Hause an meinem PC sitze, logge ich mich dennoch jedes Mal wieder ein. Gewohnheit lässt sich nur schwer abschütteln. Gelegentlich sind noch zwei, drei andere Bekannte online. Der Großteil meiner Kontaktliste dagegen besteht aus Menschen, die ich teilweise seit Jahren noch nicht mal im echten Leben gesehen habe. In der Datenbank meines Chatprogramms Miranda kann ich Chatverläufe lesen, die mehr als zehn Jahre zurückliegen. Es sind teils peinliche, bisweilen interessante und häufig bizarre Gespräche aus einer anderen Zeit.

Der Betreiber will den Dienst angeblich so schnell nicht einstellen. In einigen Märkten wie Südamerika hat ICQ noch eine recht stabile Nutzerbasis. Und auch ich kann mich nicht trennen, zu viele Erinnerungen verbinde ich mit ICQ. Gerade vergangene Woche hat mir wieder ein alter Freund eine Nachricht geschickt. Sie bestand aus den geistreichen Worten "Bier Bier Bier", verschickt wurde sie um zwei Uhr nachts. Geantwortet habe ich ihm erst am nächsten Morgen - auf Whatsapp. Uh-oh.  (zeit-ek)


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