Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/pokemon-sonne-und-mond-im-test-alola-anime-mit-kameraproblemen-1611-124481.html    Veröffentlicht: 15.11.2016 15:00    Kurz-URL: https://glm.io/124481

Pokémon Sonne und Mond im Test

Alola-Anime mit Kameraproblemen

Ab auf die Insel. Nintendos Taschenmonster werden in Pokémon Sonne und Mond zu Reittieren, lernen neue Super-Attacken und werden - fast wie bei Nintendogs - neuerdings auch gepflegt und geputzt.

So manches Pokémon stellt sich in Pokémon Go, Nintendos Mobile-Game, ja ganz schön an, bevor es in einem Pokéball verschwindet. In Pokémon Sonne und Mond dürfen wir endlich wieder Pokémon fangen, wie es sich gehört: mit Knöpfchen drücken, statt Finger wischen, und einem ehrenvollen Kampf, bevor das wilde Monster auf Bonbongröße zusammenschrumpft und fortan in unserem Pokéball residiert.

Pokémon Sonne und Mond stellt die siebte Generation der Pokémon-Reihe dar und hält sich im Großen und Ganzen an das klassische Spielprinzip. Reiseziel sind dieses Mal die Alola-Inseln. Es wird also sonnig und warm im Rollenspiel auf dem Nintendo 3DS.

Die Hawaii-ähnliche Atmosphäre fängt das Spiel ganz wundervoll ein. Die Region ist in vier primäre Inselabschnitte unterteilt. Die Einwohner und später auch der Spieler nutzen die Pokémon beispielsweise, um auf den Wellen zu reiten und so von Eiland zu Eiland zu kommen. Auf der Reise gilt es zudem, mit der Hilfe von Pokémon Steine zu zertrümmern.

Auf einer geheimnisvollen fünften und künstlichen Insel hat sich die Aether Foundation, eine Organisation, die sich selbstlos um Pokémon kümmert, ein Zuhause gemacht. Sie erforscht die mysteriösen Ultrabestien, vor denen man sich in der Alola-Region fürchtet. Ebenso furchteinflößend stellt sich Team Skull vor, das in Pokémon Sonne und Mond die Rolle des gegnerischen Teams à la Team Rocket übernimmt.

Fast wie ein Pokémon-Anime zum Mitspielen

Der Konflikt zwischen der Aether-Stifung, ihrer Forschung an den Ultrabestien und inwieweit Team Skull darin verwickelt ist, machen den Hauptteil der sehr linearen Handlung von Pokémon Sonne und Mond aus. Der Spieler stolpert alle Meter weit nicht nur in die bekannten Kämpfe gegen wilde Pokémon, sondern auch in selbstablaufende Storysequenzen - häufiger noch als in Pokémon X und Y. Die Handlung wird dabei sehr zäh vorangetrieben und ist in den meisten Teilen zumindest für Genre-Kenner oder Serienfans recht vorhersehbar. Ein paar Überraschungen und zahlreiche Situationen zum Schmunzeln hält sie aber parat.

Bei der Inszenierung machen Pokémon Sonne und Mond einen deutlichen Schritt nach vorne. Charaktere werden mit Schwenks in der 3D-Umgebung in Szene gesetzt, der Detailgrad der Grafikengine für Spezialeffekte und Mimik der Charaktere ist ebenfalls gestiegen. Die Erkundung der Alola-Region wirkt natürlicher als in älteren Serienteilen, da die Entwickler erstmals das Feld-basierte Steuerungssystem durch ein dynamisches ersetzt haben. Eingaben mit dem Analogstick werden direkter umgesetzt, die Figuren bewegen sich nicht sofort ein ganzes Feld weiter, sondern auf Wunsch auch nur ein paar Pixel.

Die beschriebenen Neuerungen bei der Grafik und Steuerung haben aber nicht nur positive Effekte. Die Kamera klebt meist sehr nah an den Spielfiguren, was die Übersicht erschwert. Meist sehen Spieler nur Held beziehungsweise Heldin und etwas von der Straße oder dem hohen Gras, durch das sie gerade rennen. In Gebäuden kommt die detailreiche Inneneinrichtung zwar toll zur Geltung, aber oft sieht man nicht einmal, wo der nächste Ausgang ist.

Das Übersichtsproblem wird primär duch eine neue automatische Karte auf dem unteren Bildschirm des 3DS/2DS gelöst. Selbst im Pokédex steckt in Sonne und Mond ein Pokémon: Das knuffige Rotom macht es sich im Minicomputer gemütlich und dient als Mini-GPS. Es zeichnet die Karte automatisch mit und zeigt Story-Ziele mit einem Fähnchen an.

Mehr Komfort in Kämpfen

Das Kampfsystem von Pokémon Sonne und Mond bleibt klassischer, als es müsste. Neben vielen altbekannten Pokémon kommen alte mit einem alternativen Aussehen (Rattfratz mit Schnauzer!) und noch nie gesehene Minimonster zum Einsatz. Neu sind die Z-Attacken. Das sind sehr effiziente Spezialmanöver, die einen Kampf in der Regel direkt durch dessen Einsatz beenden. Jedes Pokémon kann eine Z-Attacke mühsam erlernen, einige haben sogar eine vollkommen individuelle Variante.

Optisch sind die Z-Attacken - ähnlich wie die Beschwörungen in einem Final Fantasy - stets ein absolutes Schmankerl. Auf die gesamte Spieldauer von circa 25 bis 30 Stunden sieht man sich aber auch an ihnen recht schnell satt. Zumindest während der Kampagne kommen die Z-Attacken nur selten zum Einsatz. Ihr komplettes taktisches Potential dürften sie wohl erst in Online-Duellen mit anderen Spielern entfalten.

Nach einem gewonnenen Kampf gegen ein wildes Pokémon zeigt das Spiel direkt an, welche Attacken bei einem erneuten Aufeinandertreffen mit der gleichen Spezies effektiv, sehr effektiv oder nicht effektiv sein werden. Das erspart das erneute Nachschlagen in den eigenen Notizen, im Pokédex oder im Internet, falls man sich einmal nicht sicher ist, welchen Poké-Kader man aufstellen sollte. Das in der Community umstrittene Teilen der Erfahrungspunkte von Pokémon X und Y ist auch in Sonne und Mond enthalten, allerdings ebenso wieder abschaltbar.

Insgesamt ist Pokémon Sonne und Mond kein besonders forderner Teil der Serie. Wir sind im Test nur manchmal an einem Endgegner gescheitert. Die größte Herausforderung waren sogenannte Totem Pokémon. Sie tauchen meist überraschend auf, was die Vorbereitung auf den Kampf erschwert. Allgemein haben wir in Pokémon Sonne und Mond im Test häufiger manuell gespeichert, da die eingeschränkte Sicht das Lesen der Spielwelt erschwert.

Fummelige Schnappschüsse mit Pikachu

Pokémon Sonne und Mond sind vollgestopft mit mehr oder weniger sinnvollen Mini-Spielen. Bei ihnen können sich Spieler meist mehr oder weniger nützliche Gegenstände verdienen oder ihre Pokémon in Nuancen verbessern. Um zwei neue Beispiele zu nennen: Über den Pokémon-Sucher lassen sich überall in der Alola-Region Pokémon fotografieren. Ist das Foto geknippst, kann es gepostet, kommentiert und gelikt werden. Durch die Poké-Pause dürfen Spieler nach einem Kampf ihren Schützling in Manier von Nintendo putzen und pflegen, oder ihm Bonbons zum Naschen geben. Durch die direkte Reinigung lassen sich manche Statuseffekte heilen.

Wie immer sind die Minispiele ein sekundärer Zeitvertreib und vernachlässigbar, um am Ende als Champion der Alola-Region hervorzugehen. Bei Online-Duellen oder bei der Aufzucht eines maximal starken Pokémon sind diese Aktivitäten dagegen wieder ein Zeitfresser.

Witzige Zeitumstellung und Fazit

Ein kreatives Element hat Entwickler Game Freak beim Tag-Nacht-Wechsel integriert. In Pokémon Sonne spielt man immer identisch zur Zeit der echten Welt (der auf dem 3DS eingestellten Uhrzeit). Pokémon Mond dagegen spielt man zeitversetzt 12 Stunden in der Zukunft. Wer also abends im Bett Pokémon Mond spielt, hat im Spiel bereits einen Sonnenaufgang, während bei Pokémon Sonne wie im echten Leben der Mond am Himmel steht. Das Zeit-Element ist wichtig, da sich manche Pokémon in ihrem Habitat nur zu bestimmten Tageszeiten zeigen.

Beide Versionen unterscheiden sich ansonsten wie immer im teilweise exklusiven Angebot an Pokémon. Alle sonstigen Inhalte sind identisch.

Verfügbarkeit

Pokémon Sonne und Mond erscheint in Deutschland am 23. November 2016 für Nintendo 3DS, New 3DS und 2DS. Das Spiel hat keine Altersbeschränkung von der USK und kostet knapp 45 Euro. Der stereoskopische 3D-Modus der 3DS-Hardware-Varianten wird nicht unterstützt. Ab Januar 2017 plant The Pokémon Company, die Pokémon Bank für Pokémon Sonne und Mond freizuschalten.

Fazit

Erfolgreiche Spiele-Serien wie Pokémon oder Call of Duty erfinden sich nicht ohne Grund neu. Und so bekommen Spieler auf ihrem 3DS auch mit Pokémon Sonne und Mond ein sehr klassisches Pokémon-Abenteuer, das nur in Nuancen von der bekannten Formel abweicht.

Das Highlight stellt dabei die Spielwelt an sich dar. Die Alola-Region ist farbenfroh, abwechslungsreich und durch die technischen Änderungen bei der Grafikengine schön in Szene gesetzt. Schade, dass wir bei der Erkundung so häufig auf die Minikarte auf dem unteren Bildschirm starren, denn die Kamera klebt viel zu nah am Hauptcharakter.

Für Spieler, die noch kein Pokémon zuvor gespielt haben, halten wir Sonne und Mond für das mit Abstand beste Angebot. Es hat eine langsam ansteigende Lernkurve, nimmt den Spieler fest an die Hand und erzählt dabei eine kurzweilige Anime-Geschichte. Fans der Serie warnen wir vor zu großen Erwartungen an die Kampagne. Abseits der gewohnt witzigen Situationskomik und ein paar Handlungswendungen bringt die Kampagne trotz neuer Z-Attacken in den Kämpfen und einem Dutzend sehenswerter neuer Pokémon nicht viel Neues. Veteranen warten unter Umständen besser, bis sie ihre mühsam gezüchteten Pokémon-Kader über die Pokémon Bank für Online-Duelle importieren können.  (mw)


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