Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/watch-dogs-2-im-test-action-in-der-hipster-hoelle-1611-124445.html    Veröffentlicht: 14.11.2016 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/124445

Watch Dogs 2 im Test

Action in der Hipster-Hölle

Ein Hacker als Held, die große Jagd nach Followern, dazu Dataminer und viel Cyber: Watch Dogs 2 kann mit seinem klischeehaften Hacker-Szenario ganz schön nerven. Zum Glück bietet das Actionspiel auch eine schöne Stadt, spannende Missionen - und viele gelungene Anspielungen auf die Netzwelt.

Wir sind schuldig! Finden jedenfalls die Computersysteme von ctOS 2.0; das ist das zentrale Überwachungsnetzwerk von San Francisco. Als leidenschaftliche Hacker lassen wir das in Watch Dogs 2 natürlich nicht auf uns sitzen, sondern schleichen uns mitten in der Nacht in das schwer bewachte Hauptquartier von ctOS ein. Mit den Wachen machen wir kurzen Prozess, die Sicherheitssysteme legen wir mit unserem Laptop lahm. Wenige Minuten später ist unser Führungszeugnis wieder sauber - und wir sind Mitglied im Hackerkollektiv Dedsec, das uns die ganze Zeit heimlich beobachtet hat.

In Watch Dogs 2 spielen wir einen junger Hipster namens Marcus "Retro" Holloway. Der will gemeinsam mit den anderen Teammitgliedern von Dedsec dem Boss von ctOS das Handwerk legen, einem diabolisch-bösen Typen namens Blume. Unsere Kumpels tauchen vor allem in den Zwischensequenzen auf, außerdem basteln sie für uns Gadgets oder helfen über Funk mit Hinweisen in den Missionen, die hier übrigens "Ops" heißen.

Ops ist nicht das einzige gewöhnungsbedürftige Wort, auch sonst wirft Watch Dogs 2 mit vermeintlichen oder tatsächlichen Trendbegriffen wie Cyber, Datamining, Follower und so weiter nur so um sich, an ein paar Stellen machen sich Marcus und seine Kumpels sogar selbst darüber lustig. Der Buzzword-Overkill sorgt zusammen mit der sehr bunten und jungen Aufmachung leider dafür, dass das Actionspiel stellenweise wie ein Teeniedrama wirkt. Uns erinnert das eher an die IT-Version von Burg Schreckenstein oder Hanni und Nanni als an echte Nerds oder Hacker.

Etwas versöhnt werden wir durch die Tatsache, dass die Entwickler viele größtenteils gelungene Anspielungen auf die echte Welt in ihr Werk eingebaut haben. Neben Verweisen auf die Kuhlevel von Diablo, auf Kitt aus Knight Rider, auf die Homeland Security, auf Skynet, den Terminator und natürlich Star Wars gibt es auch verstecktere Geschichten. So drehen sich am Anfang gleich mehrere Hauptmissionen um einen fiesen Geschäftsmann, dessen Figur kaum verschleiert auf dem echten Biotech-Ganoven Martin Shkreli basiert.

Der Einbruch von Retro bei ctOS gleich zum Start von Watch Dogs 2 ist kein selbstablaufendes Intro, sondern die erste, etwas längere und nicht ganz frustfreie Mission. Wir lernen darin unter anderem die Steuerung im Kampf, das In-Deckung-Gehen, und wie wir die Umgebung mit unserem Smartphone "hacken" können. Wie im Vorgänger hat das nichts mit der Eingabe von Code oder Befehlszeilen zu tun.

Stattdessen reicht ein Knopfdruck, und schon verwandelt sich etwa ein harmloser Sicherungskasten in eine Falle für Feinde: Sobald sich eine Wache nähert, bekommt sie einen Stromschlag. Der ist nicht tödlich, sondern legt den Gegner nur schlafen - und verschafft Marcus ein paar Minuten Zeit, um etwa das Gebiet zu verlassen. Dieses "Hacking" haben die Entwickler bei Ubisoft gegenüber dem ersten Teil spürbar erweitert.

Chaos in der ganzen Stadt

So lässt sich jetzt eine Fähigkeit freischalten, mit der wir einen Gegner als Ziel markieren und ihm die besonders schlagkräftigen Mitglieder einer Gang auf den Hals hetzen können. Wir können alle Autos in der Umgebung per Hack wild werden lassen - sie fahren dann kreuz und quer, richten viel Schaden an und blockieren Verfolger. Und das schon aus dem ersten Watch Dogs bekannte Abschalten der städtischen Einrichtungen geht nun noch etwas weiter, so dass wir noch mehr Chaos anrichten können.

Die Entwickler haben sich tüchtig Mühe gegeben, fast alles in Watch Dogs 2 irgendwie in Zusammenhang mit der Netzwelt in Verbindung zu bringen. Um bessere Fähigkeiten zu verwenden, müssen wir deshalb im Verlauf der Handlung nicht einfach Erfahrungspunkte sammeln. Stattdessen - so jedenfalls die Logik des Spiels - stellt Dedsec Videos ins Netz, mit denen wir dann immer mehr Follower finden. Die wiederum stellen uns ihre Rechnerkapazität zu Verfügung, die sogenannten Botnet-Ressourcen, deren Status wir rechts unten als kleines Ladesymbol sehen.

Zusätzlich müssen wir Forschungspunkte finden, um die Skills in einem Talentbaum freizuschalten. Das machen wir entweder in den Hauptmissionen oder in den Nebenaufgaben. So können wir bei einer Art Fotosafari in San Francisco Punkte sammeln, indem wir uns vor Sehenswürdigkeiten knipsen - darunter ist übrigens auch eine kleine Niederlassung von Ubisoft - oder als Taxifahrer antreten. Die meisten Einsätze bestehen dann nicht einfach darin, unseren Passagier zum Flughafen zu bringen. Stattdessen müssen wir entlaufene Roboter suchen und einfangen und ähnliche teils skurrile Dinge tun. Die Nebenjobs und Sammelaufgaben gefallen uns sehr gut! Wer neben der Hauptmission zumindest einen Teil dieser Ops absolviert, dürfte locker auf 50 Stunden Spielzeit kommen, eher mehr.

Die Hauptmissionen sind ebenfalls komplex in Szene gesetzt. Fast immer haben wir die Möglichkeit, uns zu fremden Gebieten den Zugang auf unterschiedliche Art zu verschaffen. Beispielsweise können wir Zugangscodes mit unserem ferngesteuerten Auto oder dem Quadcopter beschaffen. Wir sollen das Spiel zwar theoretisch ganz ohne Feuergefechte schaffen können, in der Praxis dürfte das aber schwierig werden, weil die feindlichen Wachleute sehr aufmerksam sind - meistens jedenfalls.

Die künstliche Intelligenz der Computergegner macht einen eher enttäuschenden Eindruck. Mal bemerken sie uns gar nicht, obwohl wir durch ihre Zentrale laufen. Dann wiederum schlagen wir nur irgendwo in einer ruhigen Ecke eine Wache bewusstlos und trotzdem ist die gesamte Mannschaft sofort auf Alarmstufe Rot und ruft nach Verstärkung. In den vielen offenen Gebieten agieren die Gegner sehr unvorhersehbar, sie rennen einfach irgendwie wild herum, Nachschub taucht gerne mal aus heiteren Himmel in unserem Rücken auf.

Wir haben deshalb mehrfach zu dem Trick gegriffen, uns zu verschanzen und dann einen Feind nach dem anderen auf die immer gleiche Art auszuschalten - dabei müssten die Gegner eigentlich gewarnt sein, weil um uns herum das gesamte Gebiet von Leichen übersät ist. Diese Methode lässt sich dann zumindest gelegentlich mit dem kurzzeitigen Verlassen des Einsatzgebiets kombinieren, das auf magische Weise umgehend den Alarmstatus zu senken scheint und als billiger Trick eine erstaunlich große Auswirkung auf den Schwierigkeitsgrad hat.

Natürlich gibt es wie im Vorgänger auch viele Gelegenheiten, im Auto durch San Francisco zu sausen. Die Karren können wir wieder am Straßenrand knacken oder wie in GTA 5 einfach entführen. Steuerung und Fahrgefühl wirken sehr arcadig und unkompliziert, sodass wir die Landschaft oder wahlweise die Musik aus dem Autoradio genießen können. Nett: Der Anteil von Elektroautos ist hoch, sogar ein paar Wettrennen mit den nur leise surrenden E-Flitzern gibt es.

Schöne Fahrten, Verfügbarkeit und Fazit

Die Fahrten durch San Francisco bei wechselndem Wetter sind optisch sehr schick in Szene gesetzt. Wir können sowohl durch die prächtige Innenstadt voller Hochhäuser fahren als auch die Standpromenade entlangfahren und dabei einen Blick auf Fisherman's Whorf werfen. Auch die hügelige Innenstadt haben die Entwickler erstaunlich detailgetreu eingefangen, ebenso ein paar Wald- und Wiesengebiete, etwa hinter der Golden Gate Bridge rund um Sausalito.

Sogar Abstecher nach Palo Alto und ins Silicon Valley sind möglich - diese Gegenden sind allerdings noch weniger maßstabsgetreu als San Francisco, sondern in wenigen Minuten durchquert. Besonders auffällig sind bei diesen Ausflügen die vielen Logos auf Bussen, Werbeschildern und auf einem Firmengelände für ein Unternehmen namens Nudle - was natürlich eine Anspielung auf Google sein dürfte. Wer nicht so gerne fährt, kann einen großen Teil der Touren durch einen Klick auf die Karte als Schnellreise absolvieren, was sogar direkt nach dem Spielstart funktioniert und nicht erst freigeschaltet werden muss.

Einen klassischen Multiplayermodus gibt es nicht, sondern ähnlich wie im Vorgänger "Hacker-Invasionen" von anderen Spielern, sowie eine Reihe ähnlicher Elemente. Während unseres Tests haben wir das ein paarmal erlebt, aber nicht weiter beachtet. Kurz vor Redaktionsschluss hat sich Ubisoft gemeldet und gesagt, dass es mit diesen Funktionen noch Schwierigkeiten gibt, sodass sie vorerst deaktiviert sind. Ob die Probleme bis zur Veröffentlichung behoben sind, ist unklar. Spieler können die Besuche und alle ähnlichen Multiplayerelemente in den Optionen vollständig ausschalten.

Größere Bugs sind uns beim Test der Konsolenversion nicht aufgefallen. Nur die Bildrate ist - sehr selten! - beim Fahren mit dem Auto eingebrochen, insbesondere in der Nähe des Hafens von San Francisco. Das hat gestört, aber nicht zu Problemen mit einer Mission oder ähnlichem geführt.

Watch Dogs 2 ist ab dem 15. November 2016 für Xbox One und Playstation 4 erhältlich. Die PC-Fassung folgt erst am 29. November 2016. Das Spiel kostet auf allen Plattformen rund 60 Euro. Ubisoft hat bereits Erweiterungen angekündigt, die im Season Pass rund 40 Euro kosten. Die deutsche Sprachausgabe ist recht gut gemacht, klingt wegen der vielen untergemischten IT- und Nerd-Begriffe aber sehr künstlich. Die englische Originalversion und eine Reihe weiterer Sprachen können einfach in den Optionen ausgewählt werden. Die USK hat eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Watch Dogs 2 gefällt uns deutlich besser als der gute Vorgänger, aber ganz überzeugen können uns die Abenteuer in San Francisco nicht. Das fängt schon mit der Atmosphäre an: Wer im echten Leben so spricht wie die Typen von Watch Dogs 2, ist kein cooler Hipster, sondern ein Fall für die Drogenberatung. Das multikulturelle Hackerkollektiv DedSec wirkt jedenfalls so authentisch wie ein kalifornischer Karnevalsverein - also gar nicht. Ein dickes Like gibt es immerhin für die vielen Anspielungen auf die Nerd- und Netzkultur.

Ebenfalls sehr gut gefällt uns, dass San Francisco und sein Umland beeindruckend schön aussehen. Es macht viel Spaß, die Gegend per Auto zu erkunden, sich auf der Golden Gate Bridge ein Wettrennen zu liefern oder bei Fisherman's Wharf auf Fotosafari zu gehen. Überhaupt: Wer offene Welten mag, der findet hier viel Spannendes zu entdecken und zu sammeln.

Die Handlung ist trotz der merkwürdigen Protagonisten gelungen und teils sehr gut in Szene gesetzt. Allerdings haben wir uns über den Aufbau von einigen Hauptmissionen geärgert. In denen sind die Ingame-Methoden längst nicht so effektiv wie billige Tricks und das Ausnutzen von Schwächen etwa der Gegner-KI. Das sorgt für Frust und stört beim Eintauchen in die eigentlich interessante Welt. Schade, denn das Grundprinzip von Watch Dogs 2 mit dem großen Schwerpunkt auf Hacking ist spannend, die vielen Möglichkeiten erinnern fast an Deus Ex.

Zu den richtig tollen Open-World-Abenteuern wie GTA 5 oder einige Assassin's Creed kann Watch Dogs 2 nicht aufschließen. Aber wer gerne in der Sandbox spielt, das kalifornische Szenario mag und mit den angesprochenen Problemen leben kann, findet hier für Wochen ein sehr unterhaltsames Betätigungsfeld.  (ps)


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